Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_DigiNachhaltigkeit: Ad-hoc-Gruppe - Digitalisierung/Nachhaltigkeit – vor und nach Corona. Sozial- und gesellschaftstheoretische Perspektiven auf das Verhältnis von Digitalisierung und Nachhaltigkeit
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Sarah Lenz, Universität Hamburg
Chair der Sitzung: Anna Henkel, Universität Passau
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Digitale Reparabilität

Ronja Trischler

Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

Im Vortrag entwickle ich einen praxeologisch-analytischen Begriff von Reparatur. Der Begriff ist ein Baustein im soziologischen Verständnis digitaler Gesellschaft. Er adressiert die Materialität digitaler Technologien aus Sicht ihrer praktischen (Wieder-)Verwendung.

Ende 2020 hat das EU-Parlament die Arbeit an einem Gesetz für ein „Recht auf Reparatur“ gestartet. Damit sollen die User*innen gegenüber den Tech-Konzernen gestärkt werden, etwa mit Blick auf eine klimabezogene Nachhaltigkeit oder der digitalen gesellschaftlichen Teilhabe. Digitale Technologien werden dabei zusehends kritisch als reparaturanfällig und -resistent beobachtet. Reparatur scheitert an Intransparenz und Monopolbildung. Demgegenüber gelten Praktiken, Kulturen und Werkzeuge digitaler Reparatur (wie Open Source oder Do-It-Yourself) als wichtige Korrektive. Sie lassen sich als zeitgenössische Gegenkultur und -praxis sozial-, medien- und kulturwissenschaftlich einordnen und untersuchen. Doch auch jenseits der Gegenkulturen à la Wikipedia und Repair-Café spielt Reparierbarkeit eine gewichtige Rolle in der digitalen Vergesellschaftung: Digitalisierung selbst beruht auf beständigen Instandhaltungs- und Anpassungsarbeiten an Hardware und „broken data“ (Pink et al. 2018).

Der hier vorgeschlagene praxeologische Begriff von Reparatur baut auf die ethnomethodologischen Konzepte „repairability“ und „repair work“ auf, die sich in der Konversationsanalyse auf sprachliche Reparaturen im situierten Vollzug beziehen. In den Studies of Work wurden diese Überlegungen auf körperliche Skills ausgeweitet, als essentieller Teil von Arbeitsvollzügen. Eine systematische Anwendung dieser mikro- wie strukturanalytischen Konzepte auf die digitalen Technologien steht allerdings noch aus. Dabei erscheint die ethnomethodologische Konzipierung von Reparabilität als besonders anschlussfähig, um der Produktion und (Weiter-)Verwendung digitaler Technologien – und damit ihren soziotechnischen Wirkweisen – theoretisch gerecht zu werden. Sie bringt deren verflüssigte Materialität und situierte Performativität analytisch zusammen. Damit bietet Reparabilität eine vielversprechende theoretische Perspektive auf das Verhältnis von Digitalisierung und Nachhaltigkeit.



Handel 4.0, Nachhaltigkeit und der Doppelcharakter lebendiger Waren

Linda Hering

Technische Universität Berlin, Deutschland

Der Handel erlebt einen Wandel, der von zwei Trends geprägt ist: Einerseits verändert sich im Zuge der Digitalisierung die Organisation der Warenketten, von der Produktion bis zum Konsum. Gerade die Corona-Pandemie eröffnete für den eCommerce neue Möglichkeitsfenster, um bestehende Angebote auszubauen. Andererseits erhöhen sich die externen Ansprüche und Erwartungen an Handelsunternehmen nachhaltig zu Wirtschaften und entsprechende Produkte anzubieten.

Anhand des Beispiels des Handels mit Obst und Gemüse soll erläutert werden, wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zusammengebracht werden, obwohl sich die Bewertungslogiken teilweise widersprechen. Insbesondere die Materialität der Waren kann als Repräsentant vielfältiger Erwartungen und Ansprüche der beteiligten Akteure interpretiert werden. Die theoretische Fassung von Obst und Gemüse als Biofakte – die einen lebendigen und einen soziotechnisch gestalteten Anteil innehaben – ermöglicht es, die Waren als Kompromissobjekte zu denken, über die es möglich wird, Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu harmonisieren.

Empirischen Daten aus dem LEH zeigen, dass bspw. unterschiedliche Kommunikationsmuster geformt werden, die jeweils unterschiedliche Referenzen nutzen und sichtbar herausstellen, während andere im Verborgenen bleiben. Obst- und Gemüseerzeugnisse werden von der Kundschaft i.d.R. mit Frische, Natürlichkeit und Unberührtheit assoziiert. Im Falle einer regionalen Herkunft zudem nicht selten mit sozial und ökologisch nachhaltigen Produktionsbedingungen zusammen gedacht, wenngleich dies nicht zwangsläufig der Fall ist. Dass die Produkte in irgendeiner Art und Weise nachhaltig sein sollen, wird gern hervorgehoben, hat für den Umgang mit den lebendigen Waren meist nur marginale Auswirkungen.

Dass die Akteure des Handels vermehrt digitale Tools nutzen, um u.a. Bestellprozesse zu vereinfachen oder die Bewertung der Waren vorzunehmen, wird der Kundschaft nur selten präsentiert. Diese technische Seite der Ware, die zunehmend in die Strukturen der Handelsunternehmen integriert ist und so die alltägliche Praxis der Akteure formt und dabei Angebote rahmt, tritt bisher allerdings nur selten in den Vordergrund. In Biofakten sind sozusagen nachhaltige und digitale Spuren zu finden, die vom Handel für die Kundschaft strategisch (un)sichtbar gemacht werden.



„Gläserne“ Kuriere und Paketbotinnen: Dialektik zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit in Kurier-, Express- und Paketdiensten

Klaus Schmierl

Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V., ISF München, Deutschland

Einer der gesellschaftlichen Haupttrends der Digitalisierung und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit des Internetzugangs ist der exorbitant angewachsene Onlinehandel und die Tendenz, sich bequem jegliche Konsumgüter ins eigene Heim liefern zu lassen. Dieser in Europa vor etwa 30 Jahren (anfangs primär durch Amazon) begonnene Trend hat sich durch die Coronapandemie der Jahre 2020 und 2021 zu einer regelrechten, auf nahezu alle Konsumgüterbereiche sowie auf bisher internetferne Bevölkerungsgruppen übergreifenden, Epidemie entwickelt. Neben kaum mehr zu übersehenden umweltschädlichen Folgen in Form des Verkehrskollaps´ in den Innenstädten und an Verkehrsknotenpunkten setzt diese ständige, 24 Stunden am Tag gegebene, Bestell- und Konsummöglichkeit die Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit eines besonderen Arbeitskrafttypus voraus: die Paketbotin/den Kurier. Auf deren buchstäblich (sic!) Rücken werden die sich in Umsatzwachstum und gestiegener Tonnage bzw. individuell zu transportierenden Kilogramm andeutenden, Bestellzuwächse ausgetragen.

Digitalisierung ist – dialektisch betrachtet - einerseits gerade in Pandemiezeiten ein Beschleuniger des Booms im Onlinehandel und andererseits ein Impuls zur Veränderung von Arbeitsstrukturen und -bedingungen, in deren Zuge sich entweder Kontrollpotentiale oder auch ganz im Gegenteil humanorientierte, nachhaltige Entlastungsmomente in der Branche der Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) entfalten können.

In einer arbeits- und industriesoziologischen Forschungsperspektive stellen sich hierbei Fragen nach den Arbeitsbedingungen, den Auswirkungen des Einsatzes digitaler Technik und den Mitbestimmungsstrukturen sowie -folgen in KEP-Diensten sowie für Kurierfahrer*innen. Im vorgeschlagenen Bei-trag soll über Ergebnisse eines von der Hans-Böckler-Stiftung derzeit geförderten Forschungsprojekts mit dem Titel „Digitale Logistik, Arbeitsstrukturen und Mitbestimmung“ berichtet werden, in dem empirische Untersuchungen und qualitative Interviews in der KEP-Branche durchgeführt wurden.

Es werden theoretische Fragestellungen von Mitbestimmungsstrukturen und Machtfragen, gesellschaftliche Ungleichheits- und Klassenkonstellationen, Trends von Kontrolle versus Autonomie sowie Zusammenhänge zur Migration thematisiert.



Sustainable industrialisation, digitalisation and digital rebound – Asking the right questions

Stefanie Kunkel

IASS Potsdam, Deutschland

Digitalisation is likely to change established economic development processes. This raises questions about the distribution of the potential welfare gains from industrialization highlighted by, among others, the UN Sustainable Development Goal (SDG) 9 “sustainable industrialization”. In parallel, industrialization and digitalisation must be made environmentally sustainable if other pressing sustainability goals, such as climate change mitigation (SDG 13), are to be met. Yet, under current economic circumstances, efficiency gains in material resources and energy associated with digitalisation are prone to aggregate to macro-level growth (‘digital rebound’) that may exacerbate ecological harm of industrialisation, rather than alleviating it. In this presentation, we present a perspective on the digital rebound applying the heuristic theorization of the CPERI/CSPK approach (cultural political economy of research & innovation/complex systems of power-knowledge approach). We argue that digital rebound should be a central research parameter in research on digitalisation and sustainability. Thinking strategically about different models of digitalization, which we call the “human-machine associational model” and the “machinic micro-efficiency model”, may enable not only change in the trajectory of digitalisation itself. Yet, it simultaneously but indirectly addresses the dominant regime of political economy at system-level, which will either propel or contain digital rebound. We conclude our presentation by opening up lines of enquiry, for both research and practice to approach a “system-questioning” model of digitalisation.



Nachhaltigkeit bei der Digitalisierung kommunaler Daseinsvorsorge

Annika Meier, Matthias Berg, Jens Henningsen, Pascal Guckenbiehl

Fraunhofer IESE Kaiserslautern, Deutschland

Der digitale Wandel hat mit der Corona-Pandemie eine Beschleunigung erfahren. Zum aktuellen Zeitpunkt ist einerseits offen, wie nachhaltig solche Entwicklungen über Corona hinaus sein werden. Andererseits ist noch nicht absehbar, wie integrativ die durch Corona beschleunigte Digitalisierung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene tatsächlich verläuft. Auf der Makroebene ist zum einen deutlich die intensivere Nutzung von digitalen Medien erkennbar (Nguyen et al. 2020). Erste Forschungsarbeiten aus dem Bereich des Medienwandels beschreiben dabei vor allem die Intensivierung der bestehenden Nutzung, weniger eine Ausbreitung auf neue Nutzergruppen (Röser 2021). Dies birgt die Gefahr einer Zunahme von Ungleichheit, etwa in Form einer wachsenden „Digital Divide“. Vor diesem Hintergrund setzt sich unser Beitrag mit den Zusammenhängen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit auseinander. Dies erfolgt am Beispiel der Digitalisierung kommunaler Daseinsvorsorge mithilfe digitaler Dienste für den ländlichen Raum. Wir betrachten dabei die Verbreitung von Diensten der “Digitale-Dörfer-Plattform” während der Corona-Pandemie hinsichtlich ökologischer, ökonomischer wie auch sozialer Nachhaltigkeitsaspekte. Dazu nehmen wir die theoretische Perspektive der „digitalen Ökosysteme“ ein (Trapp et al. 2020). Aus dem Blickwinkel der Softwareentwicklung umfasst ein digitales Ökosystem sowohl technische als auch soziowissenschaftliche Aspekte. Die damit verbundene digitale Transformation von Prozessen beinhaltet neben Markt- und Industrieveränderungen insbesondere auch Auswirkungen auf die Gesellschaft sowie die Beziehung verschiedener Akteure zueinander. Abschließend zeigen wir auf, dass bei zunehmender Digitalisierung verstärkt auch Aspekte der sozialen Nachhaltigkeit digitaler Ökosysteme in den Fokus gerückt werden müssen. Dabei spielt u.a. das Konzept der „sozialen Innovation“ (Howaldt 2019), also die Neukonfiguration gesellschaftlicher Praktiken zur besseren Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen (z. B. einer Pandemie), eine zentrale Rolle. Solche Veränderungen in unserem Zusammenleben können wiederum maßgeblich von der Digitalisierung profitieren. Das gelungene Zusammenspiel beider Faktoren bietet demnach großes Potenzial für eine nachhaltige Zukunft, wie am Beispiel „Digitaler Dörfer“ zu sehen ist.



 
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