Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_KörperSport: Sektionsveranstaltung - Verkörperte Sozialität im Ausnahmezustand: Körper- und emotionssoziologische Perspektiven auf Vollzug, Darstellung und Bewältigung von ‚Nähe auf Distanz‘
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Stefan Laube, Johannes Kepler Universität Linz
Chair der Sitzung: Antonia Schirgi, Universität Graz
Chair der Sitzung: Tobias Boll, Johannes Gutenberg-Universität (JGU) Mainz
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziologie des Körpers und des Sports (DGS), Sektion Körper- und Emotionssoziologie (ÖGS)


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Präsentationen

Interkorporalität neu denken? Distant Socializing und die Neuordnung von Berührung

Katharina Liebsch1, Gabriele Klein2

1Helmut Schmidt Universität/ Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland; 2Universität Hamburg

Die Covid-19-Pandemie hat alltägliche Nähe- und Distanzverhältnisse auf vielen Ebenen verändert und neue Formen körperlicher Begegnungen etabliert. Die sukzessive Gewöhnung an verhüllte Gesichter, das Einhalten von Abstandsregelungen und die Zunahme digitaler Begegnungen bringen ein neues soziales Miteinander hervor, das darauf angewiesen ist, dass die veränderten Körperexpressionen sowohl erkannt, verstanden und gedeutet als auch aktiv praktiziert werden.

Diese grundlegende Voraussetzung wird in der Körpersoziologie mit dem Konzept der Interkorporalität gefasst, verstanden als ein interkorporales Selbst- und Weltverhältnis von leibhaftiger Wahrnehmung samt sozial erworbenem Körperwissen. Interkorporalität bezeichnet sowohl Verhältnisse zwischen verschiedenen Körper-Entitäten als auch das Verwoben-Sein von Körpern, mit dem was ihnen als äußerlich erscheint. Dabei ist das „Inter“ nicht im Sinne eines räumlichen Dazwischen zu verstehen. Vielmehr verweist es auf ein reziprok-relationales Moment von Korporalität, das konstitutiv für den Zugang zur sozialen Welt ist. Diese elementare Relationalität von Interkorporalität ist ein Fundament von Interaktion wie auch Bestandteil jeder Nähe- und Distanzbeziehungen.

In unserem Vortrag gehen wir der Frage nach, welche Herausforderungen und Konsequenzen die pandemische Realität des Distant Socializing für das Arbeiten und Denken mit dem Konzept der Interkorporalität mit sich bringt. Die pandemischen Distanz-Verhältnisse sind mit neuen Relationalitäten verbunden – zwischen Gesicht und Stoff, zwischen Körpern und Bildschirmen – und sie bringen neue physische, technische und symbolische Formen von Ko-Korporalität und Ko-Präsenz hervor. Gleichermaßen konzeptuell offen ist, wie die im Zuge von Abstandsregelungen und Mund-Nasen-Bedeckungen etablierten neuen Praktiken und symbolvermittelten Gesten in konstitutiver Wechselseitigkeit eine neue soziale Ordnung des Miteinanders verschiedener Körper hervorbringen und ob bzw. wie dies mittels des Konzepts der „Interkorporalität“ gefasst werden kann.

Es ist deshalb das Anliegen unseres Beitrags, die neue Formen von ‚mediatisierter Interkorporalität‘ entlang der drei Aspekte Zeit, Raum und Relation daraufhin zu reflektieren, ob und welche Verschiebungen und Veränderungen sie für das Konzept/den Begriff von Interkorporalität erforderlich machen.



Virtual Reality Nightlife: Koextensive Intimität in VRChat

Felix Krell1, Nico Wettmann2

1Zeppelin Universität Friedrichshafen, Deutschland; 2Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Die Bewältigung der COVID-19-Pandemie geht mit zahlreichen Beschränkungen des sozialen Zusammenlebens einher. Lockdowns und Kontaktbeschränkungen bedeuten aber nicht zwingend soziale Distanzierung: Digitale Medientechnologien ermöglichen weiterhin sozialen Austausch und soziale Beziehungen. So gewinnt Social VR in Zeiten globaler Lockdowns an Popularität. Da in Virtual Reality digitale Umgebungen räumlich aus erster Person wahrgenommen werden, erhalten digitale soziale Zusammenkünfte Aspekte der physischen Ko-Präsenz. So finden auf der Social-VR Plattform VRChat auch während der COVID-19 Pandemie Trinkabende, Partys und sexuelle Kontakte statt. Erotic Roleplay lässt sich unter regelmäßigen Social VR Nutzern zunehmend als alltägliche Praktik bezeichnen. Die Performanz intimer Akte in VR als Form mediatisierter Nähe wird mitunter durch die Integration von Haptik-Hardware und teilweise mithilfe von synchronisierten Sex-Spielzeugen (Teledildonics) ergänzt. Zudem werden für intime Kontakte in VR spezielle Avatare und digitale Räume mit Privatsphäre designt. Nähe und Intimität werden in VR medial verkörpert erfahren. Durch VR erzeugte zwischenmenschliche Ko-Präsenz ist sowohl digital als auch physisch, findet also in einem sensorischen Hybridzustand statt. Saker und Frith bezeichnen diesen Zwiespalt als „coextensive space“. Dort führt das Aufeinandertreffen zweier parallel empfundener Realitäten zu einzigartigen sozialen Phänomenen und sensorischen Anomalien wie Schwindelgefühlen oder dem Erspüren immaterieller Berührungen am eigenen Körper (Phantom Touches). Solche medial verkörperten sozialen Settings ermöglichen sowohl die theoretische Anknüpfung an traditionelle, präsenzbasierte interaktionistische (Goffmann, Schütz) als auch an gegenwärtige medientheoretische Ansätze (Meyrowitz, Krotz, Knorr-Cetina). Unsere Annäherung an den virtuellen Intimitätsbegriff wird von empirischen Beobachtungen von Interviews, Discord-Kanalbeschreibungen und VRChat Subreddit Posts im Kontext von Partys, Alkohol und ERP unterstützt. Die Aneignung des digital-physischen Daseins fordert die Re-Evaluation bisheriger sozialwissenschaftlicher Verständnisse von Körperlichkeit, Präsenz und Intimität. In unserem Beitrag bieten wir am Beispiel des virtuellen Nightlifes aus interaktions-, körper- und mediensoziologischer Perspektive Einblicke in die durch Social VR generierte Nähe auf Distanz.



Lieben auf Distanz?

Marie-Kristin Döbler

Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Was bedeutet Kopräsenz? Ist diese auch digital vermittelt möglich? Wie lange sind die für persönliche Beziehungen konstitutiven Face-to-Face-Interaktionen medial zu vermitteln? Wie kann trotz räumlich-körperlicher Distanz Nähe erlebt werden? Wie erhält man, wenn man dann am gleichen Ort zusammen ist, einen gewissen persönlichen Freiraum? – Diese und ähnliche Fragen, haben sich Fern- und Wochenendbeziehungen schon vor Corona gestellt. Sie waren (mind. präreflexiv) vertraut mit verschiedenen Formen des Zusammenseins (physisch/mediatisiert) und versiert, unter unterschiedlichen Bedingungen soziale Situationen zu erzeugen und beziehungskonstitutives Doing Couple/Family zu praktizieren. Die Analyse narrativer Interviews mit 18 solcher Paare hat gezeigt: Kopräsenzen sind das Ergebnis situativ variierende Mischungen verschiedener teils binär (da/nicht-da), vielfach jedoch eher graduell variierender Formen von Präsenz. Daher sind soziale Situationen auch fern der sinnlichen Reichweite möglich, die für Schütz und Goffman zentral waren, während mehr als physische Anwesenheit für Interaktionen und ‚erfolgreiches‘ Doing Couple/Family nötig sind.

Der Beitrag wird zunächst den empirischen Hintergrund (rekonstruktiv ausgewertete Paarinterviews) skizzieren. Dann werden das im Anschluss an wissens- und interaktionssoziologische Theorien entwickelte Präsenz- und Situationskonzept erörtert. Vor diesem Hintergrund wird der dritte Teil des Vortrags Antworten auf die skizzierten Fragen vorgeschlagen, die unter Pandemiebedingungen für nahezu alle Menschen relevant geworden sind, und deutlich machen: Körperliche Kopräsenz allein ist nicht hinreichend, um soziale Situationen zu kreieren und Paarsein oder Sozialität erleb- und reproduzierbar zu machen. Gleichsam ist sie nicht zwangsläufig nötig, um emotionale Nähe herzustellen, die Lebendigkeit einer Beziehung zu spüren und zu erhalten. Stattdessen eigenen sich – zumindest für eine gewisse Zeit – verschiedene Medienformen und Praktiken, um geographische Entfernungen zu überbrücken oder selbst in körperlicher Dauerpräsenz persönliche Freiräume zu erzeugen. Denn es gibt nicht nur eine entfremdende Form der Distanz, sondern auch der Nähe – beides kann beziehungsgefährdend sein, wie uns spätestens die Pandemie vor Augen geführt hat.



Wiedersehen im Ausnahmezustand. Beziehungszeichen am Flughafen

Clara Terjung

Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

In der viral irritierten Gesellschaft stehen körperliche Begegnungen unter verschärfter Beobachtung, gepflegte Kontakte schrumpfen auf den sozialen Nahbereich. Die Interaktionsordnung fordert aber weiterhin, über ‚Beziehungszeichen‘ (Goffman), vor allem in Grußritualen, den Beziehungsstatus zu indizieren und zu aktualisieren. Die Pandemie beschert den Grüßenden einen Zielkonflikt zwischen körperlichen Beziehungszeichen und gesundheitspolitischen Abstandsgeboten, d.h. zwischen konkurrierenden Formen der lebensweltlichen und bürokratischen Humandifferenzierung. Der Vortrag verfolgt die praktische Lösung dieses Zielkonflikts an einem Ort, der für Wiederbegegnungen nach längerer Trennung sorgt, an dem schon immer strenge Kontrollregime für Sicherheitsrisiken bestehen, der aber nun auch Viren wie ‚nationale Eindringlinge‘ imaginiert und visualisiert.

Dabei wird die Analyse ethnografischer Beobachtungen von Abholszenen mit der Analyse symbolischer Repräsentationen des Virus als prägender Situationsrahmung verbunden. Er zeigt, dass eine triadische Unterscheidung die gesundheitspolitischen Abstandsgebote unterläuft: Akteure unterscheiden performativ zwischen Unbekannten, Bekannten und ihrer Infektionsgemeinschaft. Diese mikrosoziologischen Unterschiede im körperlichen Vollzug des Abholens lassen sich aus den Begrüßungsszenen von Paaren, Familien und Freunden erkennen. Wer hier wen für gefährdet oder gefährlich hält, ist ein ständiger Gegenstand verbaler, vor allem aber pantomimischer Aushandlungen, in denen Selbst- oder Fremdschutz betrieben wird, Beziehungszeichen verlangt und verweigert werden oder auch scheitern: Kann dem Kleinkind die liebevolle Umarmung durch den abholenden Vater verwehrt werden oder der abholende Enkel seinen Opa aus körperlicher Distanz begrüßen? Der Vortrag expliziert, wie das Virus über Beziehungszeichen in situ ex- und inkludiert wird.



 
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