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Sitzungsübersicht
Sitzung
Plenum_Expertise: Plenum - Expertise in der Coronakrise
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Ulrike Zartler, Universität Wien
Chair der Sitzung: Wolfgang Menz, Universität Hamburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Pathologien spätmodernen Wissens. Expertenkritik, Gegenexpertise und das gekränkte Subjekt der Corona-Proteste

Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey

Universität Basel, Schweiz

Das Corona Virus ist eine Gefährdung, wie Ulrich Beck sie in "Die Risikogesellschaft" beschrieben hat: es ist nicht sichtbar, doch allgegenwärtig. Das Virus war in dem bisherigen Muster der Realität nicht enthalten, es brach in sie ein und stellte systematisch bisheriges Wissen auf die Probe.

Unser Beitrag möchte die Skepsis der Corona-Proteste an epistemischen Expert:innen, die das unbekannte Virus mithilfe wissenschaftlicher Verfahren in die Realität überführten, anhand folgender Aspekte sozialtheoretisch näher bestimmen:

1. Die epistemische Kritik: Bei den Corona-Protesten ist eine Form der Krisenbewältigung zu beobachten, welche die Realität der Realität infrage stellt. Mit dem Einbruch des Virus wird die Fragilität der sozialen Realität, die auf Prüfungen, Konventionen und Ritualen beruht, sichtbar. Es kann zu einem „Generalverdacht“ (Boltanski 2010: 169) kommen, der der Realität die unbezweifelbare Evidenz einer Verschwörung von Expertentum, Politik und Medien gegenüberstellt.

2. Der Synkretismus der Gegenexpertise: Auffällig ist außerdem, dass in ihrer Formatierung von Gegen-Wissen eine strukturelle Inkohärenz dominiert – es wird in einer rhapsodischen Weise alles mit allem kombiniert. Dies unterscheidet es von den pseudo-wissenschaftlichen Verfahren klassischer Verschwörungstheorien, die ihre Glaubwürdigkeit aus einer geschlossenen Kohärenz beziehen.

3. Das gekränkte Subjekt: Aus unserer Sicht gründet der Protest gegenüber institutionellen Expertisen in einer subjektiv gefühlten Verletzung eigener Ansprüche und deren Recht auf Verwirklichung (Reckwitz 2019: 204). Mit den Reglementierungen des privaten Lebens in der Corona-Pandemie tritt der illusionäre Charakter dieses subjektiven Anspruchs offen zutage. Sie befördern eine affektive Resouveränisierung, die auf Feindseligkeit, Frustrationen und Enttäuschungen beruht. Im Kern ist dies der Triebimpuls, der institutionellen Expertise keinen Glauben mehr zu schenken.

4. Die projektive Attribution: Da man sich in der Pandemie nicht auf das eigene, sondern auf das Wissen von Expert:innen verlassen muss, das die eigene Lebensführung grundlegend beschneidet, richtet sich der Unmut der Corona-Proteste gegen diese. Beck spricht von einer Tendenz zur „Sündenbock-Gesellschaft“ (Beck 1986: 100), die nicht die Gefährdungen, sondern die Expert:innen, die sie evaluieren, skandalisieren.



Demokratische Zumutungen in Zeiten der Pandemie

Silke Beck

UFZ Leipzig, Deutschland

Der Beitrag fragt, welche Rollen Expert*innen, die die Deutungshoheit über den Stand der Forschung zu Krisen wie dem Klimawandel oder Covid-19 verteidigen, im Zusammenspiel mit demokratischen Institutionen spielen können und sollen?

Die Pandemie führt – ähnlich wie der Klimawandel – die Verletzlichkeit der Demokratie vor Augen. Die politischen Interventionen in Reaktion auf COVID-19 zeigen exemplarisch Kernkonflikte und demokratische Zumutungen in Zeiten der Pandemie: Mit wissenschaftlichen Warnungen – „Es ist fünf vor zwölf“ – begründen einige, warum es weder hinreichend Zeit gebe, diese Probleme demokratisch zu entscheiden, noch Alternativen zum Durchregieren durch Verordnungen. Von manchen als drakonisch wahrgenommene Regelungen und Verordnungen werden von anderen als alternativlos präsentiert. Die Dringlichkeit rechtfertige – so das Muster der Argumentation – beides, rigide Maßnahmen und die zeitweilige Suspendierung demokratischer Verfahren. Der Beitrag rekonstruiert am Beispiel der Stellungsnahmen von führenden deutschen Expertenkommissionen, ob und in welcher Weise in diesen politische Sachzwänge geschaffen und der Möglichkeitshorizont und Handlungskorridor von Politik in zeitlicher, sachlicher und sozialer Dimension in beträchtlichem Maße eingeschränkt wird.



Von alternativloser Politik zu alternativen Fakten: Expertise, Demokratie und Protest in der Coronakrise

Alexander Bogner

Österreichische Gesellschaft für Soziologie, Österreich

Grundthese ist, dass sich in Wissenskonflikten immer dann die Möglichkeit zu einer Politik der Alternativlosigkeit eröffnet, wenn sich demonstrativer Expertenkonsens zu Stellungnahmen mit politischem Appellcharakter verdichtet. Unter dem Druck der hohen Rationalitätsansprüche in diesen Konflikten artikuliert sich politischer Protest daher oft als anti-rationalistisches Ressentiment. Alternative Fakten stehen dann einer alternativlosen Politik gegenüber. Dies macht beispielhaft die Coronakrise deutlich.

Ausgangspunkt der Argumentation ist eine Typisierung verschiedener Konfliktformen ent¬lang ihrer Rahmungen. Mit Blick auf politische Konflikte können distributive, epistemische oder normative Aspekte stark gemacht werden. Im zweiten Schritt wird auf das Verhältnis von wissenschaftlicher Expertise und Politik im Rahmen verschiedener Konflikttypen näher eingegangen. In empirischer Hinsicht erfolgt dabei der Rekurs auf vergangene und gegenwärtige Umwelt- und Technikkonflikte. Dabei wird deutlich, dass Konflikte, die sich auf epistemische Aspekte konzentrieren, die Gefahr des Szientismus steigern; sobald Werteaspekte in den Vordergrund treten, erhöht sich die Autonomie der Politik. Im dritten Schritt wird eruiert, welche Optionen die gegenwärtige Krise für die Artikulation von Widerspruch und Dissens bietet. Dabei wird von der Beobachtung ausgegangen, dass viele Bemühungen der Politik darauf gerichtet sind, politische Maßnahmen und Entscheidungen über den Rekurs auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen zu legitimieren. Das Phänomen des Science Denial ist vor diesem Hintergrund als (ideologischer) Feldzug gegen jene Festlegungen und Sachzwänge zu verstehen, die sich aus dieser Form der Wissenspolitik ergeben. Die Schlussfolgerung lautet, dass Krisensituationen ganz offensichtlich problematische Rollen(kon)fusionen fördern, auf Seiten der Politik wie auch der Wissenschaft. Während die Expertenschaft durch die Konstruktion von Konsens Politik betreibt, legitimiert sich die Politik durch Verweis auf die wissenschaftliche Wahrheit. Es scheint also grundsätzlich erforderlich, auf den normativen Charakter politischer Konflikte und Entscheidungen zu verweisen.



Pandemie-Expertise als Medienereignis: zur Transformation und Legitimation der Expertenrolle in digitalen und nationalen Medien

Caspar Hirschi

Universität St.Gallen, Schweiz

Die Coronakrise wurde, anders etwa als die Eurokrise oder die Klimakrise, zur Stunde der nationalstaatlichen Exekutiven. Sie trugen weltweit die pandemiepolitische Hauptverantwortung und erlebten einen Machtzuwachs, oft verbunden mit einem Popularitätsschub. Dennoch entstand schon früh in der Pandemie der Eindruck, sie habe eine neue Expertokratie der Virologen und Epidemiologen hervorgebracht. Er wurde nicht nur von Kritikern der Pandemiepolitik geäußert, sondern auch von wissenschaftlichen Beobachterinnen aus Jura und Ökonomie, Philosophie und Pädagogik, Soziologie und Geschichte.

Die Diagnose einer Expertenherrschaft hatte wenig mit den institutionellen Machtkonstellationen, umso mehr aber mit der medialen Darstellung der Coronakrise zu tun. Die starke Präsenz der Virologie und Epidemiologie in den Medien verdankte sich u.a. einem Mechanismus, der in Finanzkrisen schon ökonomischen Experten zugute gekommen war: der Bereitstellung von Daten, die das Krisengeschehen in Echtzeit abzubilden versprachen.

Eine treibende Kraft der medialen Darstellung und Gestaltung der Krisenpolitik war Twitter. Zu einem Zeitpunkt, als der Erkenntnisstand noch tief, der Handlungsdruck aber bereits gross war, bot sich Twitter wegen seiner eigenen «viralen» Eigenschaften als Plattform für Forschende an. Der Vorteil der kommunikativen Geschwindigkeit und globalen Vernetzung überwog den Nachteil der fehlenden Trennung von Spezialistinnen und Laien. Dadurch entstand eine spezialisierte Massenkommunikation, für die es vor Twitter an technologischen Voraussetzungen gefehlt hatte. Sie ermöglichte die digitale Selbstzeugung wissenschaftlicher Experten, die nicht mehr auf Anfragen herkömmlicher Medien angewiesen waren, diese aber für die Steigerung ihres Einflusses nutzten.

Für Journalistinnen in nationalen Medien bot sich die Beobachtung der Forschungskommunikation auf Twitter an, um aus dem globalen Fachdiskurs einheimische Stimmen herauszufiltern, die man zu nationalen Experten aufbauen konnte. Mit dieser Rekrutierungsform veränderten sich aber auch die Kriterien für wissenschaftliche Expertise, und das wiederum hatte Auswirkungen auf die Legitimation der Krisenpolitik durch Regierungen selbst.



 
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