Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_SocialDistan: Ad-hoc-Gruppe - Social Distancing und neue Raumformen der Interaktion
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: René Tuma, TU Berlin
Chair der Sitzung: Paul Eisewicht, Technische Universität Dortmund
Chair der Sitzung: Ajit Singh, TU Berlin
Chair der Sitzung: Hubert Knoblauch, TU Berlin
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Videographien des Social Distancing

René Tuma, Lynn Sibert

TU Berlin, Deutschland

Gefördert durch die Berlin University Alliance haben Videograph*innen des Netzwerkes Videoanalyse.net im Jahr 2020 Aufzeichnungen von alltäglichen Situationen, in denen das 'Social Distancing' thematisch wurde erstellt.

Der Beitrag stellt die Konzeption des Projektes vor und zeigt erste Ergebnisse der gemeinsamen Auswertungen mit Bezug auf die Frage wie das 'Social Distancing' als Interaktionales Phänomen von den Beteiligten ausgehandelt um umgesetzt wird.

An Sequenzen die in der Frühphase der Pandemie im Jahr 2020 u.a. in Shopping Malls erhoben wurden, wird gezeigt, wie Routinen und Interaktionsformen problematisch werden (z.B. Warteschlangen), wie diese von den Beteiligten situativ neu ausgehandelt werden und welche Reparaturen und neue Formen und Rollen (z.B. das Ermahnen, Konflikte und damit verbunden neue 'Aufpasser') hier auftauchen.

Der Beitrag hebt die Ergänzungen hervor, die eine soziologisch-interaktionsanalytische Perspektivenverschiebung zu einer individualistisch-atomistischen Konzentration auf "Compliance" einzelner Akteure, bzw. die reine statische Betrachtung von Räumen, wie sie im öffentlichen Diskurs vorherrscht, beitragen kann.



Schwellen und Passagen oder wie betritt man eine Bäckerei? Doing space in der Covid-19-Pandemie

Ajit Singh1, Paul Eisewicht2

1TU Berlin, Deutschland; 2TU Dortmund, Deutschland

Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie die Pandemie das Handeln im Alltag beeinflusst und welche (neuen) Handlungsformen und räumlichen Transformationen im Zuge der praktischen und situierten Bewältigung sozialer und epidemiologischer Regeln entstehen. Hierzu wird auf den empirischen Fall von Kunden, die während der Covid-19-Pandemie eine Bäckerei betreten, zurückgegriffen. Der analytische Fokus auf „Alltagshandeln“ erweist sich als fruchtbar, weil die handlungsförmigen Veralltäglichungen der Corona-Pandemie die Art und Weise der identitätsgerichteten Selbstinszenierungen (Verwendung von Masken, räumlich-körperliche Distanzierung), die habitualisierten Formen institutionalisierter Kommunikationen und damit die unhinterfragte Gegebenheit unserer sozialen Lebenswelt (Schütz/Luckmann) grundlegend modifizieren.

Basis für unsere Analysen sind videographische (Tuma et al.) Daten, die im Kontext eines deutschlandweit durchgeführten Forschungsprojekts erhoben wurden. Im vorliegenden Untersuchungsfall wurde der Außenbereich einer Bäckerei in einer deutschen Großstadt über mehrere Monate hinweg zwischen der ersten und zweiten Welle der Pandemie im Jahr 2020 gefilmt. Ausgewertet wurden die aufgezeichneten Interaktionen mittels ethnomethodologischer Videoanalyse. An prototypischen Fällen räumlicher Ordnungs-herstellung wollen wir schließlich zeigen, wie sich die Pandemie in kleinen alltäglichen Körperformationen des Wartens, Schlangestehens oder des Betretens einer Bäckerei manifestieren und wie im Zuge dessen unterschiedliche Passagen und Schwellen (Benjamin) nicht nur ‚passiert‘, sondern durch interaktive Aushandlungen konstruiert werden. Analytisch bildet der sogenannte ‚normale Alltag‘ vor der Pandemie die methodische Kontrastfolie zur reflexiven Entfaltung der Befunde. Auf diese Weise wollen wir zu einem tieferen Verständnis der gesellschaftlichen Transformationskräfte der Pandemie beitragen und plädieren daher für eine Wiederbelebung der Alltagssoziologie (Goffman, Garfinkel), um eine Perspektive auf den Alltag und die Relevanz von Alltagsphänomenen für die Kulturanalyse zu stärken.



Maskenfragen

Paul Goerigk

Universität Bielefeld, Deutschland

In diesem Vortrag untersuche ich, wie Interagierende Fragen formulieren, die im Zusammenhang mit Mund-Nase-Masken stehen. Dabei stelle ich zwei verschiedene Fragearten vor: die Frage durch die Maske, die eine Wiederholung des zuvor Gesagten evoziert, und eine Frage nach der Maske, die die adressierte Person dazu animiert, die Maske aufzusetzen. Dies zeige ich an Beispielen von Verkaufsgesprächen auf einem Wochenmarkt. Anders als in Supermärkten gilt an Marktständen nicht das Prinzip der Selbstbedienung, sondern die Kund*innen benennen, was sie kaufen möchten. Die Maßnahmen zum Infektionsschutz wie Maske-tragen und Plexiglas als Aerosolbarriere sowie der empfohlene oder vorgeschriebene Abstand von 1,5m zwischen Menschen an Verkaufsstätten beugen einerseits Ansteckungen vor, erschweren jedoch auch die Kommunikation. Die Verständigung ist in einigen Situationen so stark beeinträchtigt, dass den Interaktionsbeteiligten nichts anderes übrig bleibt, als wenigstens eine der Maßnahmen etwas großzügiger auszulegen, um sich verständigen zu können. Die dabei häufig durch die Maske gestellte Wiederholungsanfrage zieht einerseits lauteres Sprechen nach sich, andererseits wird der Abstand von beiden gleichermaßen temporär vermindert. Hierbei wird deutlich, dass nicht nur die sprechende Partei aktiv wird, um verstanden zu werden, sondern auch die adressierte Partei beim Ermöglichen von Verständigung aktiv ist. Weiterhin zeige ich, dass das Thematisieren eines Verstoßes gegen die Maskenpflicht nicht unproblematisch ist, denn das Fragen nach der Maske wird in der Interaktion als dispräferiert markiert. An der Form der Bitte der Verkäuferin an einen Kunden, die Mund-Nasen-Maske aufzusetzen, wird deutlich, dass es ein heikles Unterfangen ist, bei dem nicht unbedingt intendierte Konnotationen schlecht vermieden werden können und das Stellen der Frage schnell als Moralisierungsaktivität angesehen werden kann.



„Cornern am Tana“ in Bochum im ersten Pandemiesommer: Konzertierung eines geduldeten urbanen Treffpunkts

Anna-Eva Nebowsky

TU Berlin, Deutschland

Medialer Fokus fiel im letzten Sommer auf sog. „Corona-Hot-Spots“, zu denen vor allem öffentliche Plätze zählten wie etwa der Opernplatz in Frankfurt. Diese waren bereits vor der Pandemie beliebte Treffpunkte für den feierabendlichen Ausklang, werden allerdings nun weniger frequentiert. Die Besucher*innenzahlen auf den Plätzen vor dem Schauspielhaus in Bochum im beliebten Stadtteil Ehrenfeld jedoch sind im letzten Jahr enorm gestiegen: Die Lokalität ist zum beliebtesten Treffpunkt der Stadt geworden, was neben Hygiene- und Lärmaspekten sowohl die Besucher*innen als auch die Stadt vor Herausforderungen hinsichtlich des ‚Social Distancing‘ stellt. Aus einem dynamischen Interaktionsgeschehen zwischen vielfältigen Akteur*innen(-konstellationen) wie etwa Sitz- und Stehgruppen, WC-Aufsuchenden, Pfandsammelnden sowie Mitarbeitenden des Ordnungsamts und der Polizei bildet sich eine nach außen hin stark geöffnete und doch recht spezielle neue soziale Raumform heraus. Diese ist gekennzeichnet durch eine gewisse Selbstverständlichkeit innerhalb der Interaktion, welche die Teilnehmenden vor Ort gemeinsam konstruieren, in welche sie sich laufend einfügen, und die ein übersituatives (pandemiespezifisches) Rahmenwissen in ihr Kollektivhandeln einbezieht.

Dieser Beitrag veranschaulicht die räumlich-situativen Praktiken eines ‚doing (being) normal‘ junger Menschen unter den ungewöhnlichen Umständen einer Pandemie hinsichtlich ihrer kollektiv koordinierten Bewegungen in einem öffentlichen Raum. Dargestellt wird dies anhand des videographierten Eintreffens der Polizei, welches das Ende der Versammlung(en) bzw. die Räumung der Plätze einläutet.



Institutionelle Ordnungspraktiken am Rande einer 'Querdenken-demostration'. Ein Krisenexperiment in der Krise

Felix Albrecht, Josua Sequenz

Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland

Gegenstand unserer Untersuchung ist eine videografische Erhebung einer Demonstration der Initiative Querdenken 721 in Karlsruhe mit geschätzt 1000 Teilnehmer*innen (Pol-Ka). Für die Einhaltung der zu diesem Zeitpunkt geltenden Corona-Maßnahmen kommen Ordner*innen zum Einsatz, deren Praktiken der Zugehörigkeitszuschreibung wir untersuchen.

In Ergänzung zum videografischen Vorgehen (Tuma et. al. 2013) kommt hierzu die ethnomethodologische Membership Categorization Analysis (Fritzgerald & Housley 2015) zum Einsatz.

In der Zusammenschau der Analyseergebnisse wollen wir beleuchten, wie die gesetzlich vorgeschriebene funktionale Rolle des ‚Ordners‘ bzw. der ‚Ordnerin‘ konkret durch die handelnden Personen realisiert wird. Vor dem Hintergrund der mutmaßlich heterogenen Einstellungen der versammelten Personen (Nachtwey 2020), ist die Herstellung rechtskonformen Verhaltens trotz des Demonstrierens gegen eben jene Verhaltensvorschriften (und z.T. gegen den Staat als rechtsgültiges Gebilde) als potentielles (und durch erste Untersuchungen plausibilisiertes) Handlungsproblem. Es stellt sich die Frage, ob anhand der Analyseergebnisse durch die Membership Categorization Analysis diese ambivalenten Einstellungen sichtbar werden, ob sie sich gewissermaßen auf ethnomethodischer Ebene in bestimmten Praktiken niederschlagen.



Streit um den Gemeinsinn: Interaktionen zwischen Protestierenden und anderen Anwesenden bei den Corona-Protesten in Konstanz

Christian Meier zu Verl, Sebastian Koch, Christian Meyer

Universität Konstanz, Deutschland

Mit diesem videoethnografischen Beitrag werden die Corona-Proteste in Konstanz (3. und 4. Oktober 2020) aus einer interaktions-, kommunikations- und körpersoziologischen Perspektive betrachtet. Damit wird der Streit um den Gemeinsinn zu einem interaktionalen Phänomen, mit dem die Akteure wechselseitig ihre Subjektpositionen hervorbringen (unter den Protestierenden selbst, aber auch zwischen Protestierenden und Gegendemonstrant:innen und der Polizei). Aber nicht nur wechselseitige Subjektpositionierungen, sondern auch der Protest selbst kann als ein interaktionales Phänomen beobachtet werden. Ein Teil unserer Analysen thematisiert daher auch die interaktionale Infrastruktur des Protests. Damit richten wir unseren Blick weniger auf eine Beschreibung von materiellen Infrastrukturen und Nutzungsweisen materieller Objekte, als auf situierte Praktiken, mit denen die Akteure im Hier und Jetzt ihren Interaktionen eine Infrastruktur verleihen. Mit diesem Begriff bezeichnen wir die Invisibilisiertheit der sozio-praktischen Ressourcen, die die Akteure nutzen, um ihre Protest-Handlungen auszuüben. Er richtet unseren Blick darauf, wie der Corona-Protest durch die Akteure praktisch verfertigt, weitergeführt und stabilisiert wird, ohne dass die Ressourcen, die dabei zum Einsatz kommen, für die Teilnehmer:innen selbst sichtbar würden. Dies ist für unalltägliche und kontingente soziale Phänomene wie dem Corona-Protest der Querdenker:innen und dessen Stabilisierung besonders interessant. Die physische Kopräsenz am Ort des Protestes, an dem der Streit um den Gemeinsinn nicht nur thematisch, sondern auch praktisch verkörpert wird, kann also als Teil einer Protestinfrastruktur betrachtet werden. Diese Infrastruktur wird mit unserer empirischen Untersuchung als eine sich fortlaufend selbst invisibilisierende Infrastruktur sichtbar gemacht. Auf der empirischen Grundlage von Videoaufzeichnungen durchgeführten Interaktionsanalysen werden dann unterschiedliche Dimensionen des politischen Streitens um den Gemeinsinn in Zeiten der Corona-Pandemie sichtbar: wie Praktiken des Protestierens, des Subjektpositionierens und auch des interaktionalen Konstruierens von Verschwörungen.



 
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