Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_DVerwDesNotf: Ad-hoc-Gruppe - Die Verwaltung des Notfalls: Wissensregime, Rationalitäten, Regulationstechniken
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Nils Ellebrecht, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Chair der Sitzung: Stefan Kaufmann, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Chair der Sitzung: Sven Opitz, Philipps-Universität Marburg
Chair der Sitzung: Frank Welz, Universität Innsbruck
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Die Verwaltung der Pandemie: Das Gesundheitsamt im Fokus durch die Covid-19 Pandemie

Hanna Grauert

Freie Universität Berlin, Deutschland

Seit dem Ausbruch des Covid-19 Virus im Frühjahr 2020 sind Gesundheitsämter in den Landkreisen, Städten und Bezirken mit einer enormen Kommunikation-, Verwaltungs- und Organisationsaufgabe konfrontiert, um das sich schnell verbreitende Virus einzudämmen und dafür konkrete und sichere Handlungsanweisungen an Bürgerinnen und Bürger zu kommunizieren. Sie sind nicht nur die „Verwaltung der Pandemie“ geworden sondern das Bindeglied und die Schnittstelle in der Kommunikation zwischen politischen Autoritäten und Entscheidungsträgern und betroffenen oder besorgten Bürger:innen: Durch die Pandemie haben Gesundheitsämter einen neuen gesellschaftlichen Stellenwert in unsere Gesellschaft zugewiesen bekommen.

Durch eine mehrmonatige ethnographische Forschung in einem Berliner Gesundheitsamt kann gezeigt werden, wie sich die Organisations- und Kommunikationsstrukturen durch den pandemischen Verlauf ständig ändern und transformieren müssen. Dies tritt in einen Widerspruch zum gesellschaftlichen Bild eines starren Amtes der öffentlichen Verwaltung, das von Staatswegen als klar abgegrenzte, funktionierende und rationale Bürokratie fungiert und vor allem auf Ordnungen der „Sicherheit“ basiert (Weber 1980). „Wir bekämpfen hier eine Pandemie. Keine Bürokratie“, heißt es im Gespräch mit dem stellvertretenden Amtsarzt. Das Forschungsprojekt kann mithilfe der erhoben qualitativen Daten aufzeigen, wie ein Gesundheitsamt - gerade durch die Krise – „alte“ bürokratische Strukturen auflöst und sich neue, innovative Eigenlogiken etablieren.

Von Excel Tabellen zu digitalen Softwareprogrammen, Teststationen und Hotlines: Es stellt sich heraus, dass das Gesundheitsamt durch die Krise ein Ort der Organisation und Aushandlung geworden ist, an den täglich neuen Entscheidungen getroffen werden müssen. Dabei reagiert jedes Gesundheitsamt lokal anders auf die täglich neuen Herausforderungen der Verwaltung der Pandemie. Es ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse aufzuzeigen, wie sich erst durch den „Moment der Krise“ neue organisationale Eigenlogiken (1. Diversität an Personal und Professionen & deren Vernetzung; 2. Auflösung bürokratischer Wissensregime & Konstitution von flachen Hierarchien; 3. Software, neue digitale Technologien & Wege des Wissenstransfers) etablieren und einen ständigen Innovations- und Anpassungsprozess durch die lokale Pandemiebekämpfung fordern.



Außerordentliche Routinen: Die Verwaltung der epidemischen Notlage durch die Gesundheitsämter

Kevin Hall, Klaus Scheuermann, Sven Opitz

Philipps-Universität Marburg, Deutschland

In unserem Beitrag untersuchen wir die Verwaltung der COVID-19-Pandemie. Die Erklärung der epidemischen Notlage nach § 5 des Infektionsschutzgesetzes gibt Anhaltspunkte für die Reklamation von Ausnahmebefugnissen und steigert damit potenziell die exekutiven Machtmittel. Unsere Feldforschung (teilnehmende Beobachtungen und 34 Experteninterviews) zwischen September 2020 und April 2021 auf 17 Gesundheitsämtern verweist auf eine komplexere Realität biopolitischen Verwaltens. Wie wir darlegen wollen übersetzt sich die außerordentliche Notlage nicht bruchlos in die Eröffnung politischer Ausnahmezustände. Vielmehr zeigt sich auf den Ämtern eine Assemblage unterschiedlicher Handlungslogiken, welche die Logik der Ausnahme sowohl ergänzen als auch durchkreuzen. Dabei kommt es nicht nur zu einer Stärkung souveräner Macht, sondern auch zu einem stärkeren Bewusstsein ihrer Grenzen.

Um diese Hypothese empirisch zu entfalten, stellen wir eine Reihe widerstreitender Dynamiken vor, welche den administrativen Betrieb der Gesundheitsämter kennzeichnen. Innerhalb der Pandemie beobachten wir erstens eine Entgrenzung der Gesundheitsverwaltung. Der Infektionsschutz scheint heute alle Bereiche unseres Lebens zu bestimmen. Experimentelle Praktiken organisatorischer Umgestaltung begleiten und ermöglichen dieses Ausgreifen in die Gesellschaft an den Ämtern. Im Zentrum steht die Kontaktpersonennachverfolgung, für welche die Ämter Auskünfte der Betroffenen über sämtliche Begegnungen verlangen. Auf der Grundlage der Auskünfte wird über Quarantäne und Isolation entschieden – der „dezisionistische“ Charakter dieser Entscheidung wird zweitens jedoch durch detaillierte Verfahrensregeln und Beratungen im Team eingehegt. Drittens relativiert die Notwendigkeit eines Auskunftswillens der Bürger*innen den hoheitlichen Anspruch des Amts. Verhängte Maßnahmen sind zwar prinzipiell sanktionsbewehrt. Aber die Ämter sind sich viertens bewusst, dass sie sich nur begrenzt auf eine Durchsetzung mittels Zwang stützen können. Dabei tritt fünftens eine Spannung im Rollenverständnis zutage: zwischen einem eher individuell-sorgenden Verhältnis und dem eher kollektiven, bevölkerungspolitischen Fokus der Gesundheitsverwaltung. Die Krisengouvernementalität ist durch eine generative Erzeugung und laufende Modifikation außerordentlicher Routinen gekennzeichnet.



Ausgewählte Aspekte einer feldtheoretischen Perspektive auf ein Katastrophenparadoxon

Sandra Pfister

Universität Linz, Österreich

In funktional differenzierten Gegenwartsgesellschaften nehmen gesellschaftliche „Katastrophenlösungen“ (W. Jäger) weitestgehend organisierte Formen an und sind häufig an den staatlichen Verwaltungsapparat angegliedert. Katastrophen erscheinen dabei als deren „Scheitern“ (L. Clausen) oder gar „Real-Falsifikation“ (W. Dombrowsky) - die spezialisierten Akteure und Praxis der Sicherheitsherstellung geraten unter Druck. Daran schließt die prominente These an, Katastrophen führten zu Wandel im Umgang mit Katastrophen, die sich allerdings angesichts der empirischen Beharrlichkeit einmal etablierter Ordnungen nicht erhärten konnte: „while researchers looked for change, they found countinuity“ (J. Henry). Eine feldanalytische Perspektive auf gesellschaftliche Katastrophenlösungen kann diesen vermeintlichen Widerspruch auflösen, indem sie den Gegensatz von Wandel und Konstanz überwindet und Transformationspotenzial nicht als Eigenschaften von Katastrophen versteht, sondern als Resultat von Übersetzungsprozessen feldexterner Dynamiken in das Feld der Katastrophenlösungen und den daraus resultierenden Missklängen zwischen den Feldkomponenten.

Eine dieser potenziellen Bruchstellen liegt nun an der Schnittstelle zur feldexternen Nachfrage: Gerade Katastrophen sind situative Verdichtungen, in denen es zu einer Ausweitung der Ansprüche an das Feld und „strukturellen Lücken“ kommt, wodurch das Feld an den Rande seiner Leistungsgrenzen gerät. Zwar entstammen „seine“ Bezugsprobleme der Feldumwelt, sein Anspruch besteht aber gerade darin, die „Sicherheit der Bevölkerung“ zu gewährleisten, wodurch es auf das Feld und die Akteure selbst durchschlagen kann und die feldinterne Ordnung unter Druck setzt. Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Fehlpassung zwischen dem Praxis-Feld und der Nachfrage in Katastrophen als Schauplatz des Aufeinandertreffens transformativen Drucks und re-stabilisierender Kräfte, und analysiert ausgewählte Strategien von Feldakteuren, die in Missklang geratenen Strukturen wieder einzupassen – z.B. über die gewaltsame Durchsetzung selbstdefinierter Bezugsprobleme, die Kompensation eigener (Leistungs-)Grenzen durch das Einziehen von (Wirkungs-)Grenzen, oder die Abwehr, Formung oder punktuelle Aufnahme der Perspektive der nachfragenden Bevölkerung.



Coronaverwaltung zwischen Kontrollgesellschaft und Gewurschtel

Andrea zur Nieden

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

Mitte März 2020 ging eine Youtube-Doku durch die sozialen Netzwerke, die eine Materialisierung von Deleuze‘ „Postscriptum über Kontrollgesellschaften“ zu zeigen schien: Die Stadt Nanjing in der Region um Wuhan hatte demnach eine Nullinzidenz von Coronainfektionen erreicht - durch ein umfassendes digitales Kontrollsystem, das an die Vision einer Stadt erinnert, „in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen (dividuellen) Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet“ (Deleuze 1990, 351). Zonen in der Stadt, Restaurants, Geschäfte hatten flexible digital unterstützte Schranken und gewährten nur Personen ohne Fieber und per ID-Nummer-Registrierung Einlass. Eine solche partikulare, modulare Abschließung/Öffnung von Territorien erschien aus deutscher Sicht des ersten Lockdown, der eher den Pest- oder Lepraregimen der Aus- und Einschließung folgte, fast wie eine positive Utopie: es konnte wieder ein soziales Leben stattfinden, wenn auch um den Preis ständiger Kontrolle.

Seither versucht Deutschland scheinbar, ein ähnlich modulares biopolitisches Regime umzusetzen, wenn auch demokratischer: Orte dürfen mit Registrierung, Masken, oder negativen Coronatests wieder betreten werden, es wird ein Impfausweis diskutiert. Die Durchsetzung erscheint aber träge, inkonsequent, und im Resultat ist Deutschland im April 2021 von einer Nullinzidenz weit entfernt. Zudem verfolgte Deutschland von Anfang an im Gegensatz zu Staaten wie China, Südkorea, Australien, etc. keine Zero-Covid-Strategie, sondern wollte lediglich im Dienste einer Homöostase verhindern, dass „das Gesundheitssystem überlastet“. Um jeden Preis sollte das Horrorszenario einer Triage verhindert werden, denn aktiv über Leben oder Tod zu entscheiden, widerspricht dem biopolitischen Versprechen „Leben zu machen“.

Im Vortrag sollen auf der Grundlage von Richtlinien, epidemiologischen Daten, explorativen Interviews u.a. in der Altenpflege die sich verändernden Verwaltungsregime in den Blick genommen werden. Gefragt wird unter anderem, welchen Anteil hier biopolitische Strategien haben und wie sie im föderalen Gewurschtel an den Schnittstellen von Behörden, Organisationen und Bevölkerung verwässern. Zudem soll im Sinne des weiten Foucaultschen Rassismusbegriffs beleuchtet werden, welche hierarchisch ordnenden Zäsuren innerhalb der Bevölkerung dabei stattfinden.



Unentscheidbarkeit. Die Triage als Programm zur Herstellung tragischer Entscheidungen in der Medizin

Nils Ellebrecht

Institut für Soziologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

Dass nur prinzipiell unentscheidbare Fragen überhaupt entschieden werden können, ist eine oft zitierte Einsicht. Die paradoxe Fassung erlaubt es, die Praxis des Entscheidens dahingehend zu betrachten, wie Entscheidungen entparadoxiert werden. Der Blick fällt dann auf das soziale Arrangement und gute Argument, die die Wahl einer Alternative begründen und die Unentscheidbarkeit abdunkeln. Kennzeichnend für tragische Entscheidungen ist nun, dass es ihnen nicht gelingt, die prinzipielle Unentscheidbarkeit ihres Gegenstandes mittels vernünftiger Argumente oder anderer Hilfsmittel zufriedenstellend in den Griff zu bekommen. Ein gewähltes geringeres Übel verdient diesen Namen nicht. Auch nach der Entscheidung bleibt die Unentscheidbarkeit als eine offene Wunde bestehen, selbst dann, wenn nach geltenden Regeln „richtig“ entschieden wurde.Diese Tragik löst bei potentiellen Entscheidern, möglichen Betroffenen und Beobachtern Furcht und Mitleid aus.

In meinem Vortrag wende ich mich der Triage zu, die ich als ein Organisationsprogramm zur Herstellung tragischer Entscheidungen in der Medizin begreife. In der modernen Gesellschaft übernimmt sie die Funktion, das Gleichheitspostulat/Inklusionsgebot auch unter widrigsten Umständen möglichst umfassend gelten zu lassen. In der Organisation regelt sie die Priorisierung normalerweise nicht abstufungsbedürftiger Leistungsansprüche. Die professionelle Arbeit entlastet sie wiederum von Entscheidungen, die in letzter Konsequenz rein medizinisch gar nicht richtig entschieden werden können. Während die Triage genau aus diesen Gründen eingerichtet wurde, gehört es zugleich zur bitteren Eigenart der Triage die genannte Funktion, Regelungsleistung und Entlastung niemals in Gänze erbringen zu können. Ihre Entscheidungen benachteiligen durch Exklusion, ihre Regelungsschärfe bleibt ergänzungsbedürftig, ihr praktischer Vollzug moralisch verletzend.

Die vorgestellten Thesen entfalte u. illustriere ich an einer Reihe von (historischen) Beispielen aus der Notfall- und Katastrophenmedizin und der aktuellen Diskussion zur Anwendung und Regelung der Triage im Rahmen der Covid-19-Pandemie. Dabei geht es nicht darum, unterschiedliche ethische Gesichtspunkte und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile vorzustellen und zu bewerten. Dagegen wird aufgezeigt, wie Triage-Entscheidungen verhindert, verlagert, eingegrenzt, vorbereitet und prozessiert werden.



 
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