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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_PolSoz: Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Insa Pruisken, Universität Bamberg
Chair der Sitzung: Thomas Kern, Universität Bamberg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Politische Soziologie (DGS)


Externe Ressource:
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Präsentationen
ID: 395 / Sek_PolSoz: 1
Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Protest und Expertise. Zur Erklärung der Produktion von Expertisen durch soziale Bewegungen und ihrer Folgen

Thomas Laux

TU Chemnitz, Deutschland

Soziale Bewegungen werden als „soziale Gebilde“ bestimmt, die „mit gemeinsamen Aktionen Protest ausdrücken, um soziale bzw. politische Verhältnisse zu verändern oder um sich vollziehenden Veränderungen entgegenzuwirken“ (Rucht and Neidhardt 2007, S. 634). Ausgehend davon ist es bemerkenswert, dass sich soziale Bewegungen zunehmend an politischen Debatten mittels Expertisen beteiligen. Damit nehmen soziale Bewegungen am rationalen Diskurs über gesellschaftliche und politische Fragen teil und bringen in Form von Expertisen wissenschaftliche Fakten und Einschätzungen in politische und öffentliche Debatten ein. Vor allem die Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung ist hierbei von besonderer Bedeutung, denn daraus entstanden in Deutschland seit Ende der 1970er-Jahre eine Vielzahl wissenschaftlicher Institute zu umwelt- und energiepolitischen Fragen.

Mittels wissenschaftlicher Expertise legitimieren soziale Bewegungen ihre Anliegen und verleihen ihren Forderungen Nachdruck. Dies ist jedoch nicht bloß als eine Erweiterung des Aktionsrepertoires sozialer Bewegungen im Rahmen ihrer Professionalisierung zu verstehen, sondern, so die These des Beitrags, stellt einen neuen Weg zur Beeinflussung politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Debatten dar. Der Beitrag untersucht die Entwicklung dieses Weges der Einflussnahme durch soziale Bewegungen mittels des Gelegenheitsstrukturenansatzes.

War die Produktion von Expertisen zunächst nur ein Mittel im Kampf gegen bestehende Deutungshoheiten und für die Öffnung politischer Entscheidungsprozesse, so lassen sich weitreichende Konsequenzen für die Rolle von Expertisen in Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit feststellen. Ausschlaggebend ist die gestiegene Zahl der verfügbaren Expertisen, die mit ihrer „Pluralisierung“ (Beck et al. 2004, S. 33) einhergeht. Zugleich lässt sich eine „Entgrenzung von Expertendiskursen“ (Rucht 1988, S. 305) über bis dahin institutionalisierten Akteure und Bereiche hinaus beobachten. Expertisen werden dabei selbst zunehmend zum Thema und auch zum Konfliktgegenstand in der Öffentlichkeit, was auf Unsicherheiten in Bezug auf die angebotenen bzw. nachgefragten Qualitäten verweist. Vor allem die Pluralisierung der Expertisen in den letzten Jahrzehnten bildet eine der Grundlagen der zu beobachtenden „Politisierung“ von Expertisen in Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit.



ID: 421 / Sek_PolSoz: 2
Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Navigieren in unsicheren Umwelten: Das Zusammenwirken von Expertise und Politik bei der Entstehung unabhängiger Regulierungsbehörden in den USA

Evelyn Moser1, Julia Schubert2

1Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn; 2Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer

Unabhängige Regulierungsbehörden gelten oft als Ausdruck der Dominanz von (wissenschaftlicher) Expertise und des Zurückdrängens (demokratischer) Politik. Der institutionalisierte Expertisebezug kollektiv bindenden Entscheidens wird dabei pauschal mit Entpolitisierung gleichgesetzt, wobei es meist die involvierten Akteure sind, die analytisch im Fokus stehen. Unser Beitrag fordert diese konfrontative Dichotomie mit einem prozessualen Politikverständnis heraus. In Anlehnung an Hannah Arendt schlagen wir vor, das Politische als einen Modus der Thematisierung kollektiv relevanter Fragen zu verstehen, der Perspektivenvielfalt und Öffentlichkeit zentral stellt. Aus diesem Blickwinkel rekonstruieren wir die Genese von zwei Regulierungsbehörden in der US-amerikanischen Demokratie: Die Interstate Commerce Commission (ICC) als Prototyp dieser institutionalisierten Form des Expertisebezugs und die Environmental Protection Agency (EPA), die jüngst unter der Trump-Administration als Ausdruck wissenschaftlicher Dominanz galt und massiv unter Druck geriet.

Für beide Behörden zeigen wir erstens, dass und wie sich ihre Entstehung als zweistufiger Politisierungsprozess vollzieht: Problemlagen und Regulierungsbedarfe – Eisenbahnregulierung und Umweltschutz – werden nicht schlicht aus der gesellschaftlichen Umwelt übernommen, sondern politisch internalisiert und neudefiniert. In ähnlicher Weise diffundiert die jeweils relevante externe Expertise nicht ungebrochen in die Politik hinein, sondern sie wird politisch selegiert und politikintern institutionalisiert. Zweitens arbeiten wir heraus, wie sich das Verhältnis von Expertise und Politik in der Operationsweise beider Behörden in kontrastierender Weise entfaltet: Im Wirken des ICC beschränkt sich das Politische letztlich gegenüber der problemrelevanten Expertise, wohingegen im Entscheiden der EPA das Politische die problemrelevante Expertise dominiert.



ID: 567 / Sek_PolSoz: 3
Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

“Hört auf die Wissenschaft!” – Zur Rolle von Wissen und Wissenschaft in den Zukunftsnarrativen von Fridays for Future und Extinction Rebellion

Christopher Pavenstädt, Simone Rödder

Universität Hamburg, Deutschland

Das Jahr 2019 verzeichnete einen markanten Anstieg in der Relevanz zivilgesellschaftlicher Stimmen im klimapolitischen Diskurs – angeführt von Klima-Bewegungen wie „Fridays for Future“ (FFF) und „Extinction Rebellion“ (XR). Dabei ist jedoch die Frage offen, inwiefern das Protesthandeln und daran anschließende medienöffentliche Aufmerksamkeit politische Möglichkeitsräume für alternative sozial-ökologische Zukünfte schaffen. An FFF und XR fällt auf, dass sie sich in ihren Kampagnen mit Parolen wie „Unite behind the Science“ und „Tell the Truth“ demonstrativ auf Wissenschaft beziehen. Zwar ging man in der Bewegungsforschung stillschweigend davon aus, dass es eine „Wahlverwandtschaft“ zwischen Umweltbewegungen und Wissenschaft gibt, jedoch ist bislang die Frage unbeantwortet geblieben, unter welchen Umständen Umweltbewegungen wissenschaftlich-technisches Wissen als Ressource für Zukunftsimaginationen nutzen, statt es selbst zum Gegenstand von Protest (etwa gegen Risikotechnologie) zu machen. Weiterhin ist ungeklärt, welche Verständnisse von und Bezüge auf ‚Wissenschaft‘, ‚Wahrheit‘, welche Politik-Wissenschaft-Verhältnisse und welche eigene Rollenzuschreibungen (‚Broker‘ oder ‚politischer Ak-teur‘) sich in den Bewegungsnarrativen wiederfinden. Diese narrative Kontextualisierung ist für die Beantwortung der Frage nach einer (Re-)Politisierung der Klimadebatte zentral – so verbinden sich Wissenschaftsbilder mit sozial-ökologischen Perspektiven und erzeugen Sichtweisen auf den Klimawandel, die bestimmte Lösungsverschläge diskursiv ermöglichen oder ausschließen.

Im Vortrag präsentieren wir erste Ergebnisse einer qualitativen Narrativanalyse der Kommunikation der deutschen Sektionen der Klimabewegungen FFF und XR in Massenmedien sowie Bewegungsdokumenten wie Webseiten und Pressemitteilungen. Konkret haben wir untersucht, wie die Bewegungen Wissenschaft als Ressource nutzen, um kausale Plots, Visionen, Rollen und Legitimität aufzubauen. Der Vortrag hinterfragt die dabei identifizierten Politik-Wissenschafts-Verhältnisse vor dem Hintergrund einer ‚Hegemonie‘ bestimmter Diskurs- und Wissenschaftslinien. Schlussendlich soll die Frage beantwortet werden, ob diese zu einer Politisierung der Klimadebatte beitragen oder etablierte Diskurslinien reproduzieren.



ID: 577 / Sek_PolSoz: 4
Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Popularisierung von Wissenschaft zwischen Gemeinwohlorientierung und Wettbewerb

Cornelia Schendzielorz

Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland

Das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit unterliegt gewissen Konjunkturen und äußert sich darin, in welchem Maße von Politik und Regierung erwartet, gefordert und gewünscht wird wissenschaftliche Expertise zu Rate zu ziehen. Folglich unterliegt auch das Expertentum Konjunkturen und ist mal mehr, mal weniger populär. Die gesellschaftliche Stellung von Wissenschaft ist somit nie stabil (gewesen), sondern in stetiger Bewegung. In akuten Krisen (Klima-, Finanz-, Coronakrise) oder ideellen Konflikten (Systemkonflikte) wird jener Wandel im Verhältnis von Wissenschaft, gesellschaftlicher Verfasstheit und Öffentlichkeit beobachtbar und soziologisch analysierbar. Angesichts dessen untersuchen wir das Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Demokratie ausgehend von der These, dass der Umgang der Wissenschaft mit solchen Krisen von zwei dialektisch verwobenen Dynamiken gekennzeichnet ist: a) Krisen lösen eine Suche nach alternativen Referenzen aus. Der Bedarf an Information, Bestandsaufnahmen, Prüfungen und Einschätzungen ruft die Wissenschaft als Bereitsteller von Expertise im Dienst des Gemeinwohls auf den Plan; b) jene Krisen veranlassen innerhalb der Wissenschaft eine Wettlaufs-Dynamik, um die Bearbeitung relevanter, aktueller Forschungsfragen; die wissenschaftliche Community wittert das Geschäft. Beide Dynamiken konvergieren im Ansinnen, sich als Teil einer republikanisch-demokratisch verfassten Gesellschaft zu positionieren, deren Regierungsformen sich auch in ihrer Referenz auf Wissenschaft gegenüber einer Öffentlichkeit rechtfertigen müssen.

In unserem Beitrag argumentieren wir, dass die Popularisierung von Wissenschaft als eine Form begriffen werden kann, wie diese Spannungen ausagiert werden. Wir erörtern, inwiefern eine wechselseitige Verstärkung der Dynamiken der Popularisierung inklusive einer allgemein zugänglichen und verständlichen Kommunikation von Wissenschaft einerseits und andererseits der aufgeheizten Wettbewerbslogik in der Wissenschaft besteht, die nicht zuletzt der Legitimation von Wissenschaft in Gesellschaft als einer res publica dient.



ID: 660 / Sek_PolSoz: 5
Sektionsveranstaltung - Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Resilienz des Autoritären? Mechanismen selektiver Wissenschaftswahrnehmung, Protestformation und ambivalentes Demokratieverständnis der Querdenken-Bewegung

Susann Worschech

Europa-Universität Viadrina, Deutschland

Die „Querdenken“-Bewegung bildet nicht nur eine Gegenöffentlichkeit, wie dies für Soziale Bewegungen charakteristisch ist, sondern produziert ein spezifisches „Gegenwissen“ (Pantenburg et al. 2021) sowie einen eigenen Raum selektiver und zugleich hermetisch geschlossener Wissensdiskurse. Ersten Analysen zur Sozialstruktur der Protestteilnehmer:innen zufolge stammen diese überwiegend aus der Mittelschicht, verfügen häufig über akademische Bildung und gehen teilweise sehr bewussten Lebensstilen nach. In ihren Einstellungsmustern weisen „Querdenker:innen“ zwar nicht übermäßig fremdenfeindliche oder autoritäre Einstellungen auf, sehr wohl aber eine starke Entfremdung von demokratischen Institutionen, Parteien, Medien und Verfahren. Die deutliche Neigung zu Verschwörungsideologien und deren Anschlussfähigkeit an autoritäres und rechtsextremes Gedankengut sind offensichtlich (Nachtwey et al. 2020).

Grundsätzlich handelt es sich also um eine wissensorientierte Bewegung, deren Einzelakteure teilweise Ärzt:innen oder Wissenschaftler:innen sind, welche die Gefahr des Virus negieren, oder autodidaktisch engagierte Laien, die sich zum Teil intensiv wissenschaftliche Erkenntnisse aneignen, welche ihre Argumentation stützen. Der so aufgebaute Raum des Gegenwissens ist jedoch hoch selektiv, da er sich der Methode des dialogischen Widerspruches bzw. Hinterfragens von bestehendem Wissen grundsätzlich entzieht.

Es stellt sich daher die Frage, wie dieses Gegenwissen durch selektive Wissenschaftswahrnehmung produziert und für die Mobilisierung eingesetzt wird. Der Beitrag fokussiert nicht nur die naturwissenschaftlich-medizinische Perspektive, sondern auch sozialwissenschaftliches Wissen zu Strukturen und Verfahren komplexer demokratischer Systeme. Die Entfremdung großer Teile der Querdenken-Bewegung vom demokratischen politischen System deutet auf jenen „demokratischen Analphabetismus“ hin, den Margret Canovan (1999) als Stimulus des autoritären Populismus bezeichnet hat. Inwiefern bewirkt also die Konstruktion medizinisch-naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Gegenwissens eine Verstärkung autoritärer Einstellungen? Die zentrale These des Beitrages ist, dass das selektive Framing wissenschaftlicher Erkenntnisse als Teil der Mobilisierung zur Radikalisierung und damit zur Resilienz autoritärer und anti-pluralistischer Denkmuster der Bewegung beiträgt.



 
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