Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_MethQual: Sektionsveranstaltung - Sozialwissenschaftliche Forschung auf Distanz? Zu den methodologischen, methodischen und epistemologischen Herausforderungen während und nach der Corona-Pandemie
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Dimitri Prandner, Johannes Kepler Universität Linz
Chair der Sitzung: Daniela Schiek, Universität Hamburg
Chair der Sitzung: Larissa Schindler, Universität Bayreuth
Chair der Sitzung: Heike Greschke, Technische Universität Dresden
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Soziologische Methoden und Forschungsdesigns (ÖGS), Methoden der qualitativen Sozialforschung (DGS)


Externe Ressource:
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Präsentationen

„Video meetings are basically modern seances.“ – Zur technologischen Herstellung virtueller Kopräsenz.

Sebastian Dahm

Universität Bielefeld, Deutschland

Dieser Beitrag greift den im Call gesetzten Fokus auf physische Kopräsenz als wenig hinterfragte Voraussetzung qualitativer Forschung auf. Dabei sollen im Anschluss an ethnomethodologisch orientierte Stränge der Techniksoziologie (i.e. Suchman 2008) die an der Herstellung virtueller Kopräsenz beteiligten technischen Artefakte in den Blick genommen werden. Gegenstand der Analyse ist insbesondere die Videokonferenzsoftware „Zoom“, die im Laufe des letzten Jahres zu einer Art Standard avanciert ist und die damit Alltagshandeln in organisationalen und informellen Kontexten maßgeblich prägt.

Die zentrale These ist, dass der Virtualisierung von Kopräsenz eine krisenhafte Komponente innewohnt. In diesem Beitrag soll das mithilfe eines an der ethnomethodologischen Dokumentenanalyse orientierten Vorgehens gezeigt werden. Die Technologie stellt gewissermaßen Lösungen für interaktionale Probleme bereit, die sie selbst überhaupt erst erzeugt und die sich etwa als „Panik-Buttons“, der Option für „Break-Out-Sessions“ oder der Möglichkeit zum „Stummschalten“ von Personen materialisieren.

Analysegegenstand sollen dabei zum einen die Benutzeroberflächen selbst sein, zum anderen aber auch Schriftdokumente zu ihrer Handhabung. So soll im Besonderen die Eigenlogik der an der Herstellung virtueller Kopräsenz beteiligten Technologien demonstriert werden. Die virtuelle Situation wird gewissermaßen „bürokratisiert“ und die Bedingungen ihrer Aufrechterhaltung für die Beteiligten selbst teilweise opak.

In methodologischer Hinsicht kann dann gezeigt werden, dass Technologien zur Erzeugung von Kopräsenz wesentlich stärker an der Situationsherstellung beteiligt sind, als beispielsweise Aufzeichnungsgeräte – die Situation könnte in dieser Weise ohne sie gar nicht stattfinden, sie findet maßgeblich zu ihren Bedingungen statt. Es ist daher eine weitergehende Untersuchung der Eigenlogik von Kommunikationstechnologien notwendig, die vor allem den Aspekt der situativen Opazität in den Blick nimmt. Die Reflexion der (Mit-)Formung von Face-to-Face-Situationen durch Alltagstechnologien kann so fruchtbare Impulse für die soziologische Methodendiskussion liefern.



Die zunehmende Bedeutung von visuellen Formen in den qualitativen Methoden.

Alexander Schmidl

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Qualitativ zu forschen heißt, nahe an das soziale Phänomen heranzutreten. In Pandemiezeiten ist diese Nähe aber meistens problematisch, teilweise verschwinden aufgrund der allgemeinen Einschränkungen sogar die zu beobachtenden Phänomene. Dieser Beitrag strukturiert sich entlang einer empirischen Forschung, die ebensolchen Herausforderungen gestellt war und will zeigen, dass durch die sozialen Veränderungen und methodischen Anpassungen sogar mehr sichtbar werden kann.

Diabetiker:innen, die sich ansonsten im Rahmen von Selbsthilfegruppen austauschen, müssen ihre Informations- und Kommunikationsbedürfnisse neu organisieren. Ebenso wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen gewinnen hier Online-Angebote an Bedeutung, darunter auch Video-Tutorials. Diese bieten nicht nur Informationen, sondern einen eindrucksvollen Einblick in die Lebenswelt der Betroffenen und machen Behandlungsmethoden anschaulich, die in Selbsthilfegruppen nicht gezeigt werden dürften. In dieser Hinsicht werden die zu behandelnden Körper und Therapiemaßnahmen online besser sichtbar als in Kopräsenz. Die Akteure machen damit nicht nur ihr Handeln zugänglich, sondern bestimmen auch die Darstellungsform auf Datenebene. Um dies allgemein methodologisch und speziell in der Datenauswertung zu berücksichtigen, wird hier eine Darstellungs- und Vermittlungsanalyse vorgeschlagen, mit der auch dieser spezifisch neuen Form der Selbstdokumentation Rechnung getragen werden soll.

Ziel des Beitrages ist eine Reflexion über die in Pandemiezeiten veränderten Forschungsprozesse- und daten. Durch die vermehrte Produktion von Videos, die potenzielles Datenmaterial darstellen, spielen die Akteure in der Datenerhebung eine zusätzliche Rolle. Deutlich wird zudem, dass mit der Zunahme an visuellem Material eine Verschiebung von kommunikativen Fähigkeiten in Richtung visueller Kompetenzen verbunden ist, die auch für die Präsentation von Ergebnissen qualitativer Forschungen relevant werden könnte.



"Qualitative Research on the Fly" - Kreative Kollaboration auf Distanz am Beispiel des COVID-19-Projekts „ELISA“

Elisabeth Brachem, Dennis Krämer, Isabella D'Angelo, Lydia Schneider- Reuter, Joschka Haltaufderheide

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Als explorative Erhebungs- und Analyseverfahren sind qualitative Methoden auf Multiperspektivität und ein kreatives Teamwork angewiesen. Erst die gemeinsame Arbeit am ‚Material‘ macht es möglich, dass ‚Lesen in Fakten‘ von einer selbstzentrierten Perspektivverengung zu lösen und kooperativ durch Deutungen anderer anzureichern. Vor diesem Hintergrund hat es der gesundheitspolitisch forcierte ‚Alltag auf Distanz‘ erforderlich gemacht, binnen kürzester Zeit neue Routinen zu entwickeln, um im akademischen Alltag eine methodisch fundierte Kollaboration sicherzustellen. Diese setzen nicht nur auf neue Arrangements, die sich in einer starken Mediatisierung von Intersubjektivität zeigen, sondern beruhen zugleich auf neuen Bereitschaften im Umgang mit dem Körper, der im Rahmen unzähliger Teammeetings, Adhoc-Gruppen, Online-Sprechstunden und bildzentrierten Präsentationen zunehmend in den Hintergrund rückt. Dies führt im kollaborativen Forschungsprozess zu vielfältigen Herausforderungen. Denn insbesondere der qualitative Forschungsprozess gestaltet sich von der Konzeption des Studiendesigns über die Erhebung und Auswertung der Daten traditionell als höchst intersubjektiver Vorgang, der sich gewissermaßen von der Authentizität des Raums, des Feldes oder der Person einen Mehrwert an empirischer Erkenntnis verspricht und in der aktuellen Situation nach neuen Formen der Dokumentation verlangt.

Der Vortrag „Qualitative Research on the Fly“ will zeigen, dass es für ein produktives Teamwork bei qualitativer Forschung vor allem auf drei Aspekte ankommt, die es in einer ‚Situation auf Distanz‘ zu kompensieren bzw. zu transformieren gilt: Kommunikation, Kreativität und Kontakt. Um zu verdeutlichen, wie ein Umgang mit diesen Herausforderungen unter Pandemiebedingungen aussehen kann, greift der Vortrag den Forschungsprozess des interdisziplinären BMBF-Projekts „ELISA“ auf (The Ethics of Livetracking-Applications in Connection with SARS-COV-2), das sich mit sozialen und ethischen Fragen hinsichtlich des Einsatzes von Contact-Tracing-Apps beschäftigt. Als ein Projekt, dass sich in der Pandemie mit der Pandemie beschäftigt, sollen an diesem beispielhaft die methodologischen und methodischen Herausforderungen aufgezeigt und Lösungsvorschläge vorgestellt werden, wie ein qualitativer Forschungsprozess sichergestellt werden kann.



Wo Licht ist, ist auch Schatten – Charakteristik der Messung und Kodierung online erfragter qualitativer Daten

Daniela Wetzelhütter

University of Applied Sciences Upper Austria, Österreich

Mit den (Weiter)Entwicklungen der Informationstechnologie (IT) verändert sich das Forschungsfeld der qualitativen Sozialforschung. Die Möglichkeit eine große Anzahl an Datensätzen schnell und kostengünstig mittels Onlinesurvey zu generieren wird zunehmend dazu genutzt qualitative Aspekte vermeintlich „simpel“ schriftlich zu erfragen. Vermutlich nicht zuletzt (siehe z.B. Weisberg 2005: 110ff, Woike, 2007: 292ff) weil, der Einsatz offener Fragen vielseitige Vorteile bietet - wenngleich der Zugang in seiner Anwendung limitiert ist (Weisberg, 2005: 111f). Eine Google-Scholar Suche anhand der Wortkombination "qualitative online survey" ermittelt beispielsweise bis zum Jahr 2003 keine Treffer, von 2004 bis 2010 34 Suchergebnisse, von 2011 bis 2015 115 und von 2016 bis 2019 287 Resultate. Im Jahr 2020 sind 111 Eintragungen zu verzeichnen.

D.h. Befragte sehen sich verstärkt mit der Aufgabe konfrontiert Antworten selbst zu formulieren und zu verschriftlichen. Diese „Aufgabe“ resultiert nicht selten in größeren Mengen paraphrasierter Aussagen – also teils knappe, verkürzte Antworten („SMS-Stil“), während ausformulierte Sätze bzw. Absätze vergleichsweise selten auftreten.

Die Charakteristik dieser Antworten ist, der Logik des Survey Prozesse folgend – vorangegangene Schritte beeinflussen die nachfolgenden (Grooves, 2009) – für die Schulung von Kodierer*innen und schließlich für die Qualität der Kodierung ausschlaggebend. Hierfür den „ausführlicheren“ Antworten ad hoc eine einfachere Handhabbarkeit zuzuschreiben und kürzere als eher schwierig einzuordnen, greift allerdings zu kurz. Denn: kurze Aussagen mögen prägnant und somit eindeutig und umgekehrt ausschweifend formulierte unpräzise und somit schwierig zu kodieren sein. Dennoch lässt die Anzahl von Buchstaben bzw. Wörtern nicht automatisch auf die Antwortqualität schließen. Im Mittelpunkt des Interesses des vorgeschlagenen Beitrags steht daher – um die Schulung von Kodierer*innen entsprechend der Charakteristik online erfragter qualitativer Daten vorbereiten zu können – die Antwort auf die Frage „Wie sind „einfach“ von „schwierig“ zu codierenden Angaben zu unterscheiden?“.

Die für die Beantwortung durchgeführten Analysen basieren auf Daten, die zum Thema „Partizipation von Studierenden an der Universität“ online erhoben wurden. Genauer gesagt auf 667 offene Antworten (von insgesamt 1916 Befragten) auf die Frage: “Wie würdest du deine Mitbestimmungsmöglichkeiten an der JKU beschreiben?“. Die Antworten umfassen im Durchschnitt 14 Wörter mit einer Spannweite von 236 Wörtern. Die Heterogenität im Antwortverhalten spiegelt sich in den Kodier-Ergebnissen von 13 Kodierer*innen wieder, welche zwischen rund 800 bis 1400 Kodierungen generierten. Auf Basis der Charakteristik der online gewonnenen offenen Angaben und ihren Kodierungen, wird diskutiert inwiefern im Zuge von Schulungen von Kodierer*innen darauf reagiert werden könnte.



Qualitative Interviews auf Distanz – Manifestierung, Reproduktion oder Reduzierung sozial ungleicher Beteiligung?

Manuel Nicklich, Silke Röbenack, Stefan Sauer, Jasmin Schreyer, Amelie Tihlarik

FAU Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die Ausrufung des globalen Pandemiezustandes und die damit einhergehenden weitreichenden Kontaktbeschränkungen haben in vielen sozialen Feldern zu einer Beschleunigung der Digitalisierung geführt, die auch die empirische Sozialforschung betrifft. Dennoch ist die Diskussion über Interviews auf Distanz keineswegs neu, sondern lässt sich mit bekannten Debatten zu Telefoninterviews und Interviews mit Videotools in Verbindung bringen. Es handelt sich alles in allem um eine ambivalent geführte Diskussion, in deren Zuge die empirische Gegenstandsbezogenheit ein wenig verloren zu gehen droht. Denn betrachtet man die inhaltlichen Gegenstände ist ein Thema dabei, der Aspekt sozialer Ungleichheit, welcher sich potentiell auch in und über Methoden empirischer Sozialforschung manifestiert bzw. reproduziert. Daher muss ebenso der methodische Umgang mit denen neuen (digitalen) Herausforderungen aus einer Ungleichheitsperspektive reflektiert werden. Mit dem Anspruch weder eine affirmative Haltung noch uneingeschränkte Ablehnung zu Interviews auf Distanz zu formulieren, müssen zentrale Fragen nach den epistemologischen Konsequenzen der Pandemie für die empirische Sozialforschung sowie zu den Potentialen und Grenzen Interviews auf Distanz gestellt und beantwortet werden. Dementsprechend stellt sich die Frage, ob und inwiefern sich bisherige Methoden ins Virtuelle übertragen lassen. Ganz konkret geht es gleichermaßen um die veränderte Kommunikation auf Basis veränderter Medialität sowie die Repräsentanz und Bearbeitung von Phänomenen sozialer Ungleichheit in einer derart gelagerten qualitativen Interviewforschung. Dabei spielen empirische Gegenstände, Fallauswahl, konkrete Interviewsituation und das technische Setting eine Rolle. In allen Bereichen ist zudem der Aspekt der sozialen Ungleichheit unbedingt zu reflektieren. Ziel des Beitrags ist es, vor dem Hintergrund konzeptioneller Auseinandersetzung sowie eigener praktischer Erfahrungen aus mehreren aktuellen empirischen Forschungsprojekten (Drittmittel- und Lehrstuhlforschung) Vor- und Nachteile in Bezug auf Fallauswahl, Interviewsituation und technisches Setting zu eruieren, in Bezug auf soziale Ungleichheit zu reflektieren und zu überlegen, was als ‚neue Normalität‘ auch jenseits von Covid-19 erhaltenswert erscheint.



 
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