Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_SelbstSorg: Ad-hoc-Gruppe - (Selbst-)Sorge jenseits der romantischen Liebe vor, während und nach Corona
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Christine Wimbauer, Humboldt-Universität zu Berlin
Chair der Sitzung: Leoni Linek, Humboldt-Universität
Chair der Sitzung: Mona Motakef, TU Dortmund
Chair der Sitzung: Almut Peukert, Universitaet Hamburg
Chair der Sitzung: Julia Teschlade, Humboldt-Universität zu Berlin
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse und Politiken der Ent_Prekarisierung in pandemischen Zeiten

Christine Wimbauer1, Mona Motakef2

1HU Berlin, Deutschland; 2TU Dortmund, Deutschland

Die COVID-19-Pandemie führt uns die grundlegende Verletzbarkeit und Unsicherheit allen Lebens deutlich vor Augen. Wie ein Brennglas vergrößert sie Ungleichheiten und schafft neue. Je nach Alter, körperlicher Verfassung, sozialem Status, Erwerbstätigkeit und Geschlecht betrifft uns COVID-19 aber sehr unterschiedlich. Durch die Pandemie weiten sich Prekarisierung und prekäre Lebenslagen weiter aus. Aber schon vorher kam es mit dem sozialpolitischen Wandel seit den 2000er Jahren zu einem Anstieg prekärer Beschäftigung. Durch die COVID-19-Pandemie wird die Spaltung zwischen prekärer und sicherer Beschäftigung vergrößert. In unserem Vortrag zeigen wir zunächst theoretisch informiert anhand einer abgeschlossenen Studie mit prekär Beschäftigten, wie Paar- und Nahbeziehungen, Sorge und das gesamte Leben mit Ungleichheiten, Prekarität und Nicht/Anerkennung zusammenhängen (Wimbauer/Motakef 2020). Unsere Studie zeigte, was auch die COVID-19-Pandemie offenbart: die enge Verbindung von Nahbeziehungen, Geschlecht und Ungleichheiten. Wir möchten diesen Ungleichheiten mit umfassenden Politiken der Ent_Prekarisierung begegnen (Wimbauer/Motakef 2020). Sie nehmen in der Verletzbarkeit des Lebens ihren Ausgangspunkt, dezentrieren Erwerbsarbeit und stellen – so eine ungebrochen aktuelle feministische Forderung – Sorge und den gesamten Lebenszusammenhang ins Zentrum. Wir plädieren u.a. für eine Entprekarisierung von Beschäftigung und eine Orientierung an Guter Arbeit. Prekär Beschäftigte sollten besser bezahlt und abgesichert werden, so dass die bisher nur symbolische Anerkennung der „Systemrelevanz“ ihrer Arbeit auch materiell eingelöst wird. Weiter bedarf es einer Prekarisierung von Geschlechternormen, die Geschlechterungleichheiten verfestigen und Lebensentwürfe einengen. Auch ist zu fragen, wie Lebensformen, Verantwortungs- und Solidargemeinschaften abgesichert werden können, die vom Paar und der Kernfamilie abweichen. Solidarität ist in Zeiten ausgeweiteter Verletzbarkeit wichtiger denn je. Wenn auch körperlich auf Abstand, so können wir es doch nur gemeinsam durch diese prekären Zeiten schaffen – und durch die Zeit danach.

Wimbauer, C.; M. Motakef (2020): Prekäre Arbeit – prekäre Liebe? Über Anerkennung und unsichere Lebensverhältnisse. Campus (open access) https://www.campus.de/e-books/wissenschaft/soziologie/prekaere_arbeit_prekaere_liebe-16170.html



Selbst/Sorge und Gerechtigkeit – eine geschlechtertheoretische Skizze

Elisabeth Holzleithner

Universität Wien, Österreich

Die Sorge um sich selbst und für andere ist ein Thema, das in konventionellen Gerechtigkeitstheorien ausgeblendet wird. Ihr Gerechtigkeitsbegriff fokussiert auf Fragen des Ausgleichs widerstreitender Interessen von erwachsenen Menschen, die einfach „da“ sind und weitgehend unabhängig funktionieren. Sie sind daher von ihrem Ansatz her geschlechterblind, ist doch jene Sorgetätigkeit, die notwendig ist, damit Menschen erwachsen werden und halbwegs unabhängig leben bzw. in ihrer Sorgebedürftigkeit unterstützt werden, immer noch genuin weiblich konnotiert und wird vorrangig von Frauen erbracht. In ihrer Kritik an solchen defizienten Ansätzen bringen Care Ethiken vor, Care müsse vorrangig berücksichtigt, Gerechtigkeit hingegen als zweitrangig betrachtet werden. Der vorliegende Beitrag versucht eine konzeptionelle Verbindung von Gerechtigkeit und Selbst/Sorge vor dem Hintergrund einer Skizze der Dimensionen von Selbst/Sorge. Auf diesem Weg soll auch versucht werden, aus dem Paradigma der Paarnormativität auszubrechen und Selbst/Sorge als gesamtgesellschaftliche, solidarische Herausforderung zu sehen.



Freundschaften im Alter: Sorge-Verantwortung in einer paarzentrierten Welt

Julia Hahmann

Universität Vechta, Deutschland

Sorge-Beziehungen können sehr vielfältig sein, sowohl im Rahmen der innerhalb der Beziehungen realisierten Praktiken, bzgl. der an den Praktiken beteiligten Personen, aber auch bezüglich der strukturellen wie diskursiven Bedingungen, die die jeweiligen Care-Arrangements rahmen. Dabei kommt Freundschaften insofern eine besondere Bedeutung zu, als dass diese gewählten Beziehungen oftmals primär für emotionale Unterstützung oder Freizeitgestaltung gedacht werden. Im Zuge einer Pluralisierung von Lebensformen, die für das höhere Erwachsenenalter nun alleinlebende Personen nicht nur aufgrund von Verwitwung, sondern auch aufgrund Trennung und/oder Scheidung bzw. gewähltes Alleinleben als Lebensform hervorbringen, werden Freund*innen sowohl individuell als auch (sozial)politisch als Care-Verantwortliche adressiert, die jene ohne traditionelle Care-Arrangements der romantischen Liebe unterstützen können. Im Beitrag wird anhand empirischer Untersuchungen aus Deutschland und den USA einerseits analysiert, inwiefern Care-Arrangements unter Freund*innen existieren, wie sie aber insofern bestimmten Personengruppen und Milieus vorbehalten bleiben, als dass sie spezifischen Bedingungen unterliegen, die die Etablierung und Aufrechterhaltung freundschaftlicher Sorge-Beziehungen ermöglichen oder verhindern. Andererseits wird anhand von Fein-Analysen verdeutlicht, dass in den untersuchten Gruppen Freund*innen vor allem als Ersatz einer fehlenden oder bzgl. der Sorge-Bedürfnisse nicht ausreichenden Partnerschaft eingebunden und benannt werden. Die freundschaftlichen Sorge-Beziehungen existieren daher jenseits romantischer Liebe, richten sich aber dennoch an der normativen Rahmung einer paarzentrierten Gesellschaft aus.



Was ist Familie heute? Forschung zu Familie und Nahbeziehungen in der (Post-)Corona-Gesellschaft

Julia Teschlade2, Almut Peukert1

1Universitaet Hamburg, Deutschland; 2Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland

Sowohl der Familienbegriff als auch das Familienleben und die familialen Alltagspraxen diversifizieren sich. Dazu gehört, dass Familienmitglieder dauerhaft oder wechselnd in verschiedenen Haushalten leben und nicht der hegemonialen Norm einer heterosexuellen Zweielternfamilie mit leiblichen Kindern in einem gemeinsamen Haushalt entsprechen. In unserem Beitrag erörtern wir zunächst die Engführung des Begriffs „Haushalt“, wie er im Rahmen der Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie benutzt wurde. Darüber hinaus hinterfragen wir kritisch, welche Ausschlüsse für jene Familien produziert werden, die ein Familien- und Wohnarrangement jenseits des Einfamilienhaushalts leben. Anhand empirischer Interviews aus 2018 und 2019 mit Co-Parenting- und Mehrelternfamilien sowie polyamourösen Beziehungen arbeiten wir Ungleichheiten heraus, die sich bei Lebens- und Familienformen mit mehreren Haushalten zeigen. Wir diskutieren, dass diese Familien auch unabhängig von der Pandemie eine geringere gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung erfahren, einen finanziellen Mehraufwand haben und darüber hinaus emotionale Ressourcen in Planung und Vereinbarkeit einbringen (müssen).



Co-Parenting jenseits des ‚Liebesglücks‘: Selbst/Sorge zwischen Egalität, Emanzipation und altbekannten Ungleichheiten

Christine Wimbauer

Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland

Zwei oder mehr Menschen gründen eine Familie, sind aber kein Liebespaar. Was bedeutet die Fami-lienform ‚Co-Parenting‘ für (romantische) Liebe? Präsentiert werden Ergebnisse des von der VW-Stiftung geförderten Projektes „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe“. Bedeutet Co-Parenting das verfallsgeschichtliche Ende der Liebe, ausgehend vom Leitbild der romantischen Liebe, das im Golden Age of Marriage das geschlechterungleiche bürgerliche Familien- bzw. männliche Ernährermodell fun-dierte. Transformiert sich die Liebe und öffnet sich für Familien- und Beziehungsformen jenseits der Hetero- und Paarnorm? Entfaltet sich in der post-romantischen Elternschaft gar ein utopisch-emanzipatives Potential, das Frauen und LGBTIQ*s aus patriarchalen, hetero- und paarnormativen Herrschaftsverhältnissen befreit? Und wie beeinflusst die COVID-19 Pandemie dies?

Der Beitrag durchleuchtet diesbezügliche Zukunftsszenarien und gesellschaftspolitische Herausforde-rungen (Wimbauer 2021). Nach einer Begriffsbestimmung von Co-Parenting (1) werden theoretische Überlegungen zu Vor- und Nachteilen paarförmiger, romantischer Liebesbeziehungen und ihres Glücksversprechens (2) wie zur paar-, liebes- und heteronormativen bürgerlichen Kleinfamilie (3) vor-gestellt. Es folgen Ausführungen zur Methode, die auf Primär- und Sekundäranalysen von Interviews mit (Ko-)Eltern, Blogs und Büchern sowie Dokumentarfilmen u.a. beruht.

Empirische Ergebnisse werden präsentiert zu Wünschen und Vorstellungen von Ko-Eltern vor der Fa-miliengründung (5), zu Chancen, Versprechungen und emanzipatorische Aspekte von Ko-Elternschaft (6) sowie Herausforderungen und strukturellen Erschwernissen (7). Diese sind etwa weiter bestehende soziale Benachteiligungen, rechtliche Diskriminierungen und weitere Hürden für Ko-Eltern-Familien. Zentral sind auch fortbestehende geschlechterdifferenzierende Ungleichheiten: „Also nur, weil wir schwul und lesbisch sind, heißt das nicht, dass wir mit der Genderthematik umgehen können“, so eine Befragte. Zuletzt wird die Frage nach den Szenarien – Untergang, Emanzipation und Utopie – aufgegrif-fen. „Same, same – but different“, so bis hier die erste Antwort. Die Pandemie scheint all diese Tenden-zen wie in einem Brennglas zu verstärken.

Wimbauer, Christine (2021): Co-Parenting und Future love. Elternschaft jenseits des 'Liebesglücks' und die Zukunft der paarförmigen Liebe.



 
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