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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_Gesch: Sektionsveranstaltung - Krisen und ihre Spuren in der Soziologiegeschichte
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Christian Dayé, TU Graz
Chair der Sitzung: Claudius Härpfer, RWTH Aachen University
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziologiegeschichte (DGS), Sektion Geschichte der Soziologie (ÖGS)


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Präsentationen
ID: 281 / Sek_Gesch: 1
Sektionsveranstaltung - Krisen und ihre Spuren in der Soziologiegeschichte

"Fang das Licht" -- Sozialwissenschaft in Wien zwischen Grundlegung und Abgrund

Christopher Schlembach, Tilo Grenz

Universität Wien, Österreich

Hegel hatte in der Rechtsphilosophie bemerkt, dass „eine Gestalt des Lebens“ erst von ihrem Ende her erkannt werden kann. Für die neu entstandene Soziologie hat Max Weber im sog. Objektivitätsaufsatz ein Jahrhundert später die Zeitperspektive der Erkenntnis umgedreht und zugleich eine Krise der Erkenntnis zum Ausgangspunkt der denkenden Bewältigung der Gegenwart gemacht: „ Das Licht der großen Kulturprobleme ist weitergezogen. So rüstet sich auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln und aus der Höhe des Gedankens auf den Strom des Geschehens zu blicken.“ Eine Generation später wird das Verhältnis von Wissenschaft und Wirklichkeit in den Arbeiten junger Sozialwissenschaftler*innen aus Wien aufgegriffen und zusammen mit einer neuen Erfahrung von Gesellschaft zum Ausgangspunkt des Sozialdenkens gemacht. In dieser Situation konstatiert Ingeborg Helling ein Bedürfnis nach Grundlegung, aus dem sich die sozialwissenschaftlichen Arbeiten dieser Zeit verstehen lassen. Paradigmatisch dafür stehen Hans Kelsen Konzeption einer Grundnorm und Othmar Spanns spekulative Gesellschaftslehre im Ausgang von ‚Gezweiung‘. Beide lehnten Webers Ansatz ab. In dieser Situation lassen sich die Arbeiten von Sozialwissenschaftlern wie Alfred Schütz oder Erich Voegelin verorten, die durch die Kreise und Privatseminare der 1920er und 1930er Jahre verbunden waren. Insbesondere Alfred Schütz arbeitet gegenüber Kelsen in Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt die Tragfähigkeit des Weberschen Ansatzes heraus. Und Voegelin legt die „unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte“ (Weber) Kelsens Mitte der 1930er Jahre in Der autoritäre Staat frei.

Vor diesem Hintergrund soll der Vortrag zeigen, wie eine Grundlegung der Soziologie gegenüber der sich verändernden Wirklichkeit der 1930er Jahre aussah und welche Voraussetzungen objektive und wertfreie Wissenschaft ermöglichten. Dazu gehört auch die Organisationsform wissenschaftlicher Kreise. Auf der Basis der ‚Neuen Historischen Soziologie‘ soll herausgearbeitet werden, wie sich Spuren des gemeinsamen Arbeitens und Diskutierens in diesen Kreisen in verschiedenen Textsorten (Büchern, Aufsätzen, Vortragsmanuskripten, Notizen oder Tagebucheinträgen) niederschlagen.



ID: 457 / Sek_Gesch: 2
Sektionsveranstaltung - Krisen und ihre Spuren in der Soziologiegeschichte

Leben und Gesellschaft: Reaktualisierung anti-soziologischer Impulse im Kontext der Post-Corona-Gesellschaft

Raffael Hiden

Universität Salzburg, Österreich

Die anti-positivistische Wende im wissenschaftstheoretischen Diskurs des 20.Jahrhundert postuliert gerade bei Thomas Kuhn ein holistisches Gefüge aus Praxen, symbolischen Codes, Sprechweisen und Lebensformen, deren wirklichkeitskonstituierendes Ineinandergreifen seitdem mit dem Begriff des Paradigmas umschrieben wird. Folgt man dieser Argumentation und will diese in der Folge auf die disziplinäre Matrix der Soziologie übertragen, wird schnell klar, dass dieser Transfer mit Problemen zu kämpfen hat. Allerdings scheint es so, als hätte der soziologische Diskurs diese Übersetzungsherausforderungen in einen Vorzug umgewandelt: die vielproklamierte Selbstvergewisserung über einen multi-paradigmatischen Grundcharakter sichert der Soziologie sozusagen eine Sonderrolle im Konzert der Disziplinen zu. Doch begriffliche Unschärferelationen und sich immer weiter zu verhärten scheinende Methodendebatten zeigen auf, dass der Verweis auf theoretische Diversität und vielschichtige Bindestrichsoziologien die Ambitionen der soziologischen Denkweise nicht wirklich auf den Punkt zu bringen imstande sind.

Ein historisch informierter Rückblick auf die von Helmut Schelsky und Friedrich Tenbruck diskursivierte Debatte um eine Anti-Soziologie lohnt sich dabei aus zumindest zwei Gründen: 1.) Schlichtweg deshalb, weil diese zumeist aus der Genealogie der Kontroversen über den Gegenstandsbereich der Soziologie ausgeklammert wird und 2.) - viel entscheidender - weil darin Metaperspektiven auf die soziologische Praxis möglich werden, die den Paradigmenbegriff nicht gänzlich aufgeben. Wenn bei Schelsky von der 'Bewußtseinsführungswissenschaft' die Rede ist, deren VetreterInnen geradezu paradigmatisch diejenige 'Reflexionselite' formieren, die den Diskurs von und über Gesellschaft maßgeblich prägen, dann plädiert der Beitrag für eine Rekontextualisierung der zentralen These im Kontext der Post-Corona-Gesellschaft. DIE ZEIT stattete Andreas Reckwitz unlängst mit dem Etikett des 'Soziologen der Stunde' aus und auch generell ist sich der öffentlich-mediale Diskurs wohl darin einig, dass Virologie und Soziologie die Disziplinen der Stunde sind. Was aber geschieht, wenn man in diesem Spannungsverhältnis die Soziologie mit ihren anti-soziologischen Spuren konfrontiert? Ein neues Leben, eine neue Gesellschaft, jenseits der 'Soziologisierung des Menschen'?



ID: 448 / Sek_Gesch: 3
Sektionsveranstaltung - Krisen und ihre Spuren in der Soziologiegeschichte

Krise und Selbstkritik. Zwischen Verberuflichung und Fragmentierung. Die westdeutsche Soziologie in den 1970er Jahren

Oliver Römer

Universität Göttingen, Deutschland

Die 70er Jahre gelten – wenigstens bei oberflächlicher Betrachtung – als das Jahrzehnt der westdeutschen Soziologie: Das Fach kann sich in dieser Zeit zurecht als große Gewinnerin sozialdemokratischer Hochschul- und Bildungsreformen rühmen. Der Ausbau und die Neugründungen westdeutscher Universitäten lassen sozialwissenschaftliche Fakultäten und Professuren wie Pilze aus dem Boden schießen. Soziologische Expertise wird fester Bestandteil sozialliberaler Regierungspolitiken. Allerdings ist diese vermeintliche Idylle bereits Mitte des Jahrzehnts Geschichte: Wohlfahrtsstaatliche Wachstumskrisen (z.B. Ölkrise 1973) und schrumpfende ökonomische Ressourcen, massenhafter Seminar- und Vorlesungsbetrieb, Akademikerarbeitslosigkeit und nicht erfüllte gesellschaftliche Erwartungen an das Fach können als Ausdruck einer Vielfachkriese gelesen werden, die auf mindestens vier Krisendimensionen zugespitzt werden kann:

Generationenkrise: Im Fahrwasser der Studentenbewegung gerät die westdeutsche Soziologie in einen Generationenkonflikt, der als eine Krise der wissenschaftlichen Kooperation und Arbeitsteilung zu deuten ist.

Theorienkrise: Mit der Habermas-Luhmann-Debatte (1971) kommt die westdeutsche Soziologie auf ihrem wissenschaftlich-theoretischen Zenit an und hat ihn – provokativ formuliert – dann auch rasch überschritten.

Professionalisierungskrise: Das in der Mitte der 70er Jahre erreichte Ende der Ausbauphase der Soziologie wird zu einem Motor von feldspezifischer Inklusion und Exklusion (Professionalisierung, Kanonisierung des Faches) mit den entsprechenden Schließungs- und Ausschließungsmechanismen (Berufsverbote).

Identitätskrise: Die „verbandsoffizielle“ Soziologie (DGS) gerät in ein Spannungsfeld mit vielfältigen, miteinander konkurrierenden „Quasi-Soziologien“ (auf wissenschaftspolitischer Verbandsebene: z.B. „Bund demokratischer Wissenschaftler*innen“, „Bund Freiheit der Wissenschaft“).

Ziel des Beitrages ist es, diese Krisendimensionen der 70er Jahre zu entfalten. Ob wir es mit einer Wiederholung dieser geschichtlichen Krisen in unserer Zeit (und sei es nur als Farce) zu tun haben, darüber möge die anschließende Diskussion entscheiden.



ID: 519 / Sek_Gesch: 4
Sektionsveranstaltung - Krisen und ihre Spuren in der Soziologiegeschichte

Krisen als Schlüsselthema für die Entwicklung der Soziologie – Über die Relevanz einer besonderen Interdependenz

Joris Steg

Bergische Universität Wuppertal, Deutschland

Krisen haben nicht nur ihre Spuren in der Geschichte der Soziologie hinterlassen, die Soziologie selbst hat sich historisch als Krisenwissenschaft konstituiert und etabliert. Seither gibt es eine Kontinuität in der Geschichte der Soziologie: Die Soziologie hat sich stets auf Krisen und Krisendiagnosen in modernen Gesellschaften bezogen. Bereits die soziologischen Klassiker von Karl Marx über Émile Durkheim und Georg Simmel bis hin zu Max Weber haben aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen theoretischen Ansätzen die Krisen und Krisenhaftigkeit der sich entwickelnden modernen Gesellschaft untersucht. Im Vortrag werden der historische und aktuelle Beitrag der Soziologie in der Analyse und Bewältigung von Krisen betrachtet. Es erfolgt eine Einschätzung, was soziologische Krisenanalysen im Allgemeinen leisten können und welche Diagnose- und Prognosefähigkeit sie besitzen. Darüber hinaus werden die Rolle sowie der Beitrag der Soziologie in der gegenwärtigen Corona-Krise betrachtet.

Zwar kann die Zukunft niemals mit absoluter Sicherheit vorhergesagt werden. Was soziologische Krisenanalysen aber zu leisten vermögen, sind die kritische Analyse der Krisenursachen, Krisenfolgen und der möglichen Entwicklungspfade nach der Krise, sind die Diagnose, Analyse und Kritik derjenigen Strukturen, Mechanismen, Handlungen und Bedingungen, die Krisen überhaupt erst erzeugen und die in Krisenprozessen die konkrete Entwicklungsdynamik beeinflussen, bestimmen und beherrschen. Vor allem aber können soziologische Krisenanalysen kollektive Lernprozesse befördern, die für die Arbeit an gesellschaftlichen und politisch-ökonomischen Alternativen unverzichtbar sind und gleichermaßen vor – in Krisenzeiten weit verbreitetem – Fatalismus, Defätismus, Possibilismus und purem Voluntarismus schützen. Damit einher geht auch die Einsicht, dass die soziologische Krisenanalyse – wie jede Art der soziologischen Wissensproduktion – bereits einen Eingriff in die gesellschaftlichen Macht-, Herrschafts- und Kräfteverhältnisse darstellt. Die jüngeren Krisenereignisse, insbesondere die noch nicht bewältigte Corona-Krise und die Klimakrise, haben zu einem enormen Bedarf an der soziologischen Analyse und Kritik gesellschaftlicher Entwicklungen und Perspektiven geführt. Für die Soziologie als kritische Krisenwissenschaft ist dies eine gute Perspektive.



 
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