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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_NormierteInt: Ad-hoc-Gruppe - Normierte Intimität? Perspektiven einer Soziologie der Sexualität – Theorien, Konzepte, Empirie
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Paula-Irene Villa Braslavsky, LMU München
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 406 / ad_NormierteInt: 2
Ad-hoc-Gruppe - Normierte Intimität? Perspektiven einer Soziologie der Sexualität – Theorien, Konzepte, Empirie

Normale Sexualität(-en) und ihre Menschen. Sexuelle Humandifferenzierung und die Grenzen des 'Normalen'

Tobias Boll

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Was ist ‚normaler‘ Sex? Und wer hat das? Die Frage nach der Normalität von Sexualität treibt vor allem westliche Gesellschaften lange um. Bei aller Liberalisierung und Pluralisierung des Sexuellen wird sie auch für Gegenwartsgesellschaften immer wieder virulent. Historisch äußerte sie sich eher indirekt, ging es doch gerade darum, sexuelle Abweichungen zu entdecken, zu sammeln und zu spezifizieren. Dabei entstanden, wie Foucault in seiner Genealogie der Sexualität (1977) zeigt, neben und mit „Perversionen“ und immer neuen Formen ‚devianter‘ Sexualität auch Kategorien von Menschen als sexuelle „Spezies“.

Der Beitrag greift diesen Gedanken auf und verknüpft ihn mit der Soziologie der Humandifferenzierung (Hirschauer 2017). Er fragt konzeptuell orientiert nach Zusammenhängen der Unterscheidung von Sexualitäten, der Sortierung von Menschen in Kategorien und der Ausdifferenzierung des ‚Normalen‘. Er schlägt ein Konzept ‚sexueller Humandifferenzierung‘ vor, das die kulturelle Ko-Produktion von Sexualitäten und ‚ihren‘ Menschen als Verschränkung verschiedener Differenzierungsprozesse begreift.

Sexuelle Humandifferenzierung geht über die von Foucault beschriebene Taxonomie von Pathologien des Sexuellen hinaus: sie bedient sich zahlreicher anderer Differenzierungen des gesellschaftlichen Personals (etwa nach Geschlecht, Alter oder Ethnizität, aber auch Attraktivität oder Dis/Ability) für ihre Ordnungsbildung. Daneben entstehen spezifisch sexualitätsbezogene Kategorien (wie z. B. ‚sexuelle Identitäten‘ oder ‚Orientierungen‘). Schließlich wird Sexualität qualitativ (z. B. in ‚gute‘ oder ‚unmoralische‘) wie auch quantitativ (z. B. nach Häufigkeit) unterschieden. Quer zu diesen Differenzierungen verläuft schließlich die unscharfe Kontur des ‚Normalen‘ (Link 2009). An ihren Schnittstellen entstehen mehr oder weniger deutlich konturierte Humankategorien.

Der Beitrag versucht, etwas konzeptuelle Ordnung in die sexuelle Ordnungswut und die Vielfalt sexueller Humandifferenzierungen zu bringen. Dafür wird das Konzept ‚sexueller Humandifferenzierung‘ skizziert und in Bezug auf Normalität diskutiert. An Beispielen wird nachgezeichnet, wie Bedeutungen und Umdeutungen von ‚Sexualität‘ mit verschiedenen Konzepten des ‚Normalen‘ einhergehen. Schließlich wird gefragt, welche Funktion Normalisierung und Normierung für die Konstruktion von Sexualitäten und ihren Menschen haben.



ID: 325 / ad_NormierteInt: 3
Ad-hoc-Gruppe - Normierte Intimität? Perspektiven einer Soziologie der Sexualität – Theorien, Konzepte, Empirie

Gefährdet oder gefährlich? ‚Behinderte‘ Sexualität zwischen Pathologisierung, Liberalisierung und Normalisierung

Sarah Karim, Anne Waldschmidt

Universität zu Köln, Deutschland

Die Diskursgeschichte der ‚behinderten Sexualität‘ lässt sich durchaus als erfolgreiche Liberalisierung und Befreiung von repressiver Unterdrückung beschreiben. Zugleich machen die Disability Studies darauf aufmerksam, dass nach wie vor Frauen und Männer mit Behinderungen als asexuelle Wesen wahrgenommen werden oder häufig Sexualität in gewaltsamer Form erleben. Auch zeigt ein Blick in die Geschichte, dass bis in das späte 20. Jahrhundert hinein Sexualität und Generativität behinderter Menschen vornehmlich als eine Gefahr für den ‚gesunden Volkskörper‘ betrachtet werden. In der aktuellen ‚Corona-Gesellschaft‘ erweist sich erneut die Aktualität und Brisanz von ‚Biopolitik‘, in der und für die der behinderte Körper eine zentrale Bedeutung hat.

Um die Ambiguität ‚behinderter Sexualität‘ zu erfassen, schlagen wir das Begriffspaar ‚Gefährdung‘ und ‚Gefährlichkeit‘ vor. Insbesondere der sexuelle Körper behinderter Frauen gilt als gefährdet, denn vor allem in institutionalisierten Wohn- und Arbeitssituationen ist diese Personengruppe besonders vulnerabel, was sexualisierte Gewalt angeht. Die Sexualität behinderter Männer wird dagegen eher als gefährlich eingestuft, da angenommen wird, dass sie ihre ‚Triebe‘ nicht regulieren können und sie deshalb potenziell übergriffig werden.

In unserem Vortrag möchten wir Vorüberlegungen für ein Forschungsprojekt vorstellen, dass mittels einer dispositiv- und diskursanalytischen Herangehensweise nach den Problematisierungs- und Thematisierungsweisen ‚behinderter Sexualität‘ ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart fragt. Dabei geht es um die Frage nach Wandel und Kontinuität des gesellschaftlichen Umgangs mit dem sexuellen Körper behinderter Menschen. Als vorläufige Heuristik gehen wir davon aus, dass sich ein Spektrum von wechselseitig ineinander verwobener gewaltsamer Unterdrückung, Pathologisierung und Disziplinierung sowie Liberalisierung, Emanzipierung und regulativer Normalisierung finden lässt. Außerdem schlagen wir vor, die Diskursgeschichte ‚behinderter Sexualität‘ auf drei Ebenen zu untersuchen, indem sowohl der Spezialdiskurs (am Beispiel der Inklusions- und Sonderpädagogik) als auch der Interdiskurs (am Beispiel von Print- und Online-Medien) und nicht zuletzt der Alltagsdiskurs (mithilfe von Ego-Dokumenten) in den Blick genommen werden.



ID: 510 / ad_NormierteInt: 4
Ad-hoc-Gruppe - Normierte Intimität? Perspektiven einer Soziologie der Sexualität – Theorien, Konzepte, Empirie

Amateurpornographische Praxen und die empirische Erforschung des Sexuellen

Sven Lewandowski

Universität Bielefeld, Deutschland

Der Vortrag geht von der Annahme aus, dass sich die Post-Corona-Sexualität nicht wesentlich von der Prä-Corona-Sexualität unterscheiden wird und auch die Schwierigkeiten der empirischen Sexualforschung die gleichen bleiben werden.

Sexualität realisiert sich in erster Linie als körperliche Praxis, die überwiegend in privaten Räumen und, soweit es sich um sexuelle Interaktionen handelt, meist im Rahmen fester Beziehungen stattfindet. Die Erforschung des Sexuellen konzentriert sich jedoch – gerade in der Soziologie – eher auf sexuelle Diskurse, sexuelle Identitäten und/oder auf Theorien über ‚Sexualität und Gesellschaft‘, während die Erforschung des realen Sexualverhalten sich größtenteils Befragungs- und Interviewmethoden bedient, die die Körperlichkeit sexueller Praxis zwangsläufig verfehlen. Die Erforschung sexueller Praxis bleibt somit ebenso ein Forschungsdesiderat wie die Rede von einer ‚Normierung‘ formelhaft, solange sich ihre (mutmaßlichen) Effekte nicht in der sexuellen Praxis bzw. in sexuellen Interaktionen aufzeigen lassen.

Vor diesem Hintergrund plädiert der Vortrag für eine stärkere Ausrichtung der empirischen Sexualforschung auf sexuelle Praxis und stellt anhand des Forschungsprojekts Die Praxen der Amateurpornographie vor, wie sich ein solcher Zugriff auf sexuelle Praxis methodisch bewerkstelligen lässt. Dabei werden nicht zuletzt die Probleme deutlich, die bei Versuchen entstehen, von Diskursen auf Praxen zu schließen oder in Praxen vornehmlich Effekte von Diskursen zu sehen. Annahmen eines nachhaltigen Einflusses der Corona-Pandemie auf das Sexuelle und vor allem sexuellen Praxen ist folglich mit Skepsis zu begegnen.



ID: 617 / ad_NormierteInt: 5
Ad-hoc-Gruppe - Normierte Intimität? Perspektiven einer Soziologie der Sexualität – Theorien, Konzepte, Empirie

Sexuelle Autonomie in der Pandemie: eine rechtsphilosophische Skizze

Elisabeth Holzleithner

Universität Wien, Österreich

Die Neujustierung von sexuellen Nähe- und Distanzverhältnissen im Zuge der Corona-Pandemie ist juristischen Vorgaben geschuldet, die erhebliche Einschränkungen verfügt haben. Diese Einschränkungen müssen sich an jenem Prinzip messen lassen, das seit geraumer Zeit die juristische Ordnung des Sexuellen anleiten soll: die sexuelle Autonomie und Selbstbestimmung. Der Vortrag skizziert zunächst der Konturen dieses Prinzips entlang der Differenzierung von negativer und positiver Autonomie: der Freiheit von sexuellen Übergriffen auf der einen, der Freiheit zu sexuellen Handlungen auf der anderen Seite. Diese beiden Elemente kommunizieren insofern miteinander, als positive Autonomie ihren Ausdruck immer nur in den Grenzen der negativen Autonomie finden darf. Derart sollen Verletzungen infolge sexueller Übergriffe oder gefährdender sexueller Handlungen verhindert werden – dazu gehört auch die Ansteckung mit übertragbaren Krankheiten. In Zeiten der Pandemie erhöhen sich die einschlägigen Risiken. Wie ist damit im Lichte des Prinzips sexueller Autonomie umzugehen, und was bedeutet das für etwaige rechtliche Regularien? Und wie werden diese Themen in den verschiedenen Sphären und Disziplinen diskutiert?



 
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