Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_DSexFeld: Ad-hoc-Gruppe - Das sexuelle Feld nach der Corona-Krise
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Rüdiger Lautmann, Universität Bremen
Chair der Sitzung: Stefanie Duttweiler, Berner Fachhochschule Soziale Arbeit (Schweiz)
Chair der Sitzung: Daniela Klimke, Polizeiakademie Niedersachsen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Sexualitäten im Ausnahmezustand. Zwischen Entzugsangst und Exzess fürs Gemeinwohl

Tino Heim

TU Dresden, Deutschland

Auf den Sex, die Lust und sexualisierte soziale Praxen und Beziehungsformen, richteten sich im Coronadiskurs zahlreiche Erwartungen und Anreizungen. Ob als Self-, Toy- und Cybersex oder in Interaktionen unter physisch Anwesenden in diversen Konstellationen: Sex galt in den Massenmedien als wichtiger Eingriffspunkt individueller und kollektiver Krisenbearbeitung. So wurden die ‚Massen‘ zur ‚Selbstbefriedigung gegen Corona‘ aufgerufen, da dies die Immunabwehr stärke, soziale Bindungen ersetzen helfe oder als kostenloses Antidepressivum, effiziente Selbsthilfe bei psychosozialen Lockdown-Belastungen erlaube. Paare waren angehalten, die häusliche Seuchengemeinschaft mit möglichst häufigem und variationsreichem Sex zum ‚Garten der Lüste‘ zu machen, was das beste Mittel der Bindungspflege gegen beziehungsgefährdende Stressfaktoren der Isolation sei und auch sonstige sozio-ökonomische Deprivationen kompensieren helfe. Gesundheitsämter versorgten die Bevölkerung zudem mit Richtlinien und Handreichungen, um sexuelle Möglichkeitsräume und Gelegenheitsstrukturen auch jenseits von Selbst- und Pärchensex offen zu halten – von Tipps zur Suche nach festen Fuckbudys im Nahumfeld bis zu Hygienekonzepten für Gruppenpraktiken und Sexarbeit. Dass der Lockdown die realen Vollzugsquoten deutlich einbrechen ließ und Beziehungen statt in den Lustexzess oft eher an und über die Belastungsgrenzen führte, veranlasste nur zu stärkeren diskursiven Anreizungen.

Was zunächst eher als skurrile Fußnote zu Krisen- und Notstandsdiskursen in Pandemiezeiten erscheint, erweist sich genauer betrachtet als aufschlussreich für ein weiterführendes Verständnis der Konstruktionsprinzipien, Stellungen und Funktionen des Sex unter den Bedingungen moderner (kapitalistischer und normalistischer) Vergesellschaftung. Der Beitrag ordnet entsprechende Auffälligkeiten im Coronadiskurs in langfristige Genealogien und Verschiebungen innerhalb des modernen Sexualdispositivs ein und fragt nach diesbezüglichen Widersprüchen, Paradoxien und Entwicklungsdynamiken. Zugleich wird die Frage sondiert, ob und wie sich das Feld moderner Sexualitäten nochmals verschoben hat und welche Bruchstellen im Coronadiskurs sichtbar werden, die auf ganz andere Möglichkeiten der Gestaltung von Praktiken und Beziehungsweisen der Lust und des Begehrens hindeuten.



Die Wiederkehr des Verruchten. Sex und Berührung in Zeiten von Corona

Gesa Lindemann

Carl von Ossietzky Universität, Deutschland

Der Duden unterscheidet unter dem Eintrag verrucht zwei Bedeutungen:

1. gemein, schändlich; ruchlos

2. lasterhaft, sündig, verworfen

und erklärt die Herkunft des Wortes so:

mittelhochdeutsch verruochet, eigentlich = acht-, sorglos, adjektivisches 2. Partizip von: verruochen = sich nicht kümmern, vergessen, zu: ruochen = sich kümmern, Sorge tragen

Verrucht ist also jemand, der sich nicht sorgt, sich nicht um seine Mitmenschen und um sich selbst kümmert. Dies kennzeichnet gut eine Veränderung, die wir gerade alle erleben. Der Kontakt und vor allem die enge Berührung mit Fremden wird wieder unter moralische Beobachtung gestellt. Die Aufforderung zum „social distancing“ ist eine Aufforderung zu einer neuen staatlich geforderten und moralisch von der Mehrheit getragenen Vornehmheit. Wir haben uns über viele Jahrzehnte daran gewöhnt hatten, dass der Kontakt zu Fremden – einschließlich flüchtiger sexueller Kontakte – zunehmend von moralischer Kontrolle freigestellt wurde. Die körperlichen Konsequenzen – auch die Diagnose HIV-positiv – wurden von moralischen Konsequenzen getrennt. Die Norm war, dass über die Konsequenzen aufgeklärten werden sollte, es sollte aber keine moralische Verurteilung erfolgen. Nun lernen wir eine neue Lektion: Die Vernunft gebietet, von Fremden Abstand zu wahren. Wer davon abweicht oder sich auch nur darüber lustig macht, wird moralisch verurteilt. In viralen Zeiten entsteht eine neue moralisierende Berührungsordnung, in der wir alle als vornehm abgezirkelte Körper existieren sollen mit 1,5m Sicherheitsabstand. Der Vortrag skizziert die neue Berührungsordnung, ihre Moralität und die neuen Möglichkeiten, erneut verrucht und lasterhaft zu sein, wie wir es seit den 1950er Jahren und vielleicht sogar seit dem Ende des 19. Jahrhundert nicht mehr kannten.



Die Liebe in Zeiten von Corona. Soziale Nähe als Gefährdung

Thorsten Benkel

Universität Passau, Deutschland

Es dürfte nicht übertrieben sein, zu behaupten, dass u.a. frisches Verliebtsein, aber auch innige Empfindungen innerhalb einer länger bestehenden Partnerschaft und ebenso flüchtige Begegnungen, die sich in eine erotisch aufgeladene Interaktion verdichten, ohne gegenseitige Berührungen kaum vorstellbar sind. Berührungen aber implizieren körperliche Nähe; sie sind vom Eindringen in das „Territorium des Selbst“ (Goffman) eines anderen Menschen geprägt.

Unter Konsensbedingungen ist diesem anderen die Invasion des fremden Leibes in die eigene Privatsphäre recht, und wie anders sollte sich ein zärtliches Miteinander auch initiieren lassen? Explizit auf Abstand gehen Körper hingegen dann, wenn förmliche Umgangsregeln es verlangen, wenn die Nähe ausdrücklich reguliert wird, um das soziale Verhältnis zu markieren, wenn bestehende Entfernungen es anders nicht zulassen und auch dann, wenn es um „nicht-zentrierte Interaktionen“ (nochmals Goffman) geht – wenn also Menschen einander begegnen, ohne dies zu beabsichtigen.

Seit den Iden des März 2020 ist eine weitere Kategorie der körperlichen Distanzierung hinzugetreten, die weder auf den Wunsch nach Abstand, noch auf der Fremdheit der betroffenen Akteure zurückgeht. In den Zeiten der Pandemie evoziert soziale Nähe gemäß virologisch-epidemiologischer Expertise das Risiko einer erheblichen gesundheitlichen Gefährdung. Folglich soll der Körper zur Festung werden, die sich gegen Berührungen abschottet. Ausnahme gelten für diejenigen, die sich zueinander unabdingbar und unentknotbar in gefährlicher Nähe bewegen – Familie, Partner*innen, Mitbewohner*innen. Anvisiert ist die Ausschaltung des Faktors Zufall in der zwischenmenschlichen Begegnung: Wer mit wem zu tun hat, soll einer nachvollziehbaren Kontrolle unterliegen.

In diesem Vortrag werden die Implikationen dieser Entwicklung für Partnerschaft und Sexualität gemäß einer mikrosoziologischen Betrachtungsweise erörtert. Es wird zu zeigen versucht, dass die Logik des körperlichen Abstands einerseits immer schon funktional gewesen ist, was aber nichts an dem Problemgehalt verändert, den entsprechende Top-down-Vorgaben evozieren.



Covid als Katalysator punitiver Logiken im Feld des Sexuellen – das Beispiel Sexarbeit

Jenny Künkel

CNRS Bordeaux, Frankreich

Sexarbeit ist nicht nur eines jener Felder der Vergnügungsbrache, das ähnlich wie z.B. die Club- und Partykultur bis heute besonders stark von Maßnahmen zur Eindämmung des Covid19-Virus betroffen ist. Die konsequenten und andauernden Schließungen der Branche haben in Deutschland auch den Sexarbeitsdiskurs intensiviert. Eröffnete Covid zunächst eine Gelegenheitsstrukur, um ordnungspolitisch verwaltete Marginalitätsphänomene sozialpolitisch zu adressieren (z.B. mittels Hotelübernachtung für Obdachlose, Drogensubstitution ohne Krankenversicherung, erleichtertem Zugang zu Sozialleistungen, auch für EU-Bürger*innen), gewann bald ein Verbotsdiskurs an Stärke. Der Beitrag analysiert auf der Basis einer Sekundär- und Medienanalyse, warum sich Forderungen nach einem „Schwedischen Modell“, die im Namen des Abolitionismus bereits seit gut 20 Jahren vorgebracht werden, gerade in der Pandemie artikulieren konnten. Er verortet den Wandel aber zugleich in einer längeren Tradition von Verschiebungen im Feld des Sexuellen, in dem aufbauend auf neoliberalen Verantwortungs- und Konsenslogiken punitive Lösungen an Bedeutung gewinnen.



Das sexuelle Feld nach der Corona-Krise

Rüdiger Lautmann1, Stefanie Duttweiler2, Daniela Klimke3

1Universität Bremen, Deutschland; 2Berner Fachhochschule Soziale Arbeit; 3Polizeiakademie Niedersachsen

Selbst wenn das öffentliche und private Leben seit über einem Jahr sich großen und ungewohnten Herausforderungen gegenübersah, wenn schmerzliche Einschnitte in die Handlungsroutinen hinzunehmen waren, wenn junge Menschen – in deren Entwicklung ein, zwei Jahre einen vielleicht uneinholbaren Zeitabschnitt bilden – von prägenden Erfahrungen ausgeschlossen waren, selbst dann bleibt die Frage, ob die aktuelle Pandemie dauerhafte Effekte entfalten wird. In der allenthalben großen Aufgeregtheit kann eine Haltung der Gelassenheit zu überraschenden Antworten führen. Denn die Wunden in der sozialen Ordnung könnten sich auch wieder schließen. So gilt ein doppelter Suchrahmen: Zum einen wird nach der Krise nichts mehr so sein wie vorher; zum anderen wird sich Vieles restabilisieren.

Verändern die Virenattacken die Sexualkultur? Als die körperliche Nähe zu infizierten Personen als Hauptübertragungsweg des Virus erkannt wurde, geriet jede intime Kommunikation unter Verdacht. In einer sexuellen Interaktion besteht die denkbar geringste Distanz zwischen den Beteiligten, es ist also die gefährlichste Situation. Neu war das insofern nicht, als hier die Infektionsrisiken durch HIV und die STDIs wie Syphilis & Cons. längst bekannt ist. Corona setzte wegen seines schweren Verlaufs einen besonders bedrohlichen Akzent. Zu untersuchen haben wir, ob sich im sexuellen Feld nur die Randbedingungen des Praktizierens verändern oder darüber hinaus auch die Struktur und der Kern des Erlebens.

In der Einleitung der Moderator:innen und in den Vorträgen der Ad-hoc-Gruppe wird das Postcorona-Sexualgeschehen einmal unter sozialstrukturellen, zum anderen unter handlungstheoretischen Gesichtspunkten betrachtet. Dabei kommen spezielle Szenen (wie die Prostitution) und Situationsanalysen (wie berührungsfreier Sex) zur Sprache.



 
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