SSRE-SGL-annual conference 2026
June 17-19, 2026
St.Gallen University of Teacher Education
Conference Agenda
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SES_42: Political education and professional identities in the European context
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10:00am - 10:30am
Politische Bildung im europäischen Vergleich: Modelle, Governance und curriculare Verankerung 1Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (SUPSI), Switzerland; 2Zentrum für die Demokratie Aarau Tiefgreifende soziale Veränderungen – darunter Umweltkrisen, Digitalisierung, gesellschaftliche Pluralisierung, geopolitische Spannungen sowie ein schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen – rücken die politische Bildung vermehrt in den Fokus bildungspolitischer Debatten in vielen Ländern. Auf internationaler Ebene ist dieses Feld jedoch durch eine ausgeprägte konzeptionelle und normative Heterogenität gekennzeichnet: In zentralen Referenzrahmen der UNESCO (2018), des Council of Europe (2018) und der OECD (n.d.) finden sich unterschiedliche Definitionen, Zielsetzungen und pädagogische Zugänge. Diese Heterogenität zeigt sich nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch in der curricularen Umsetzung, die von eigenständigen Fächern bis hin zu fächerübergreifenden oder in andere Fächer integrierten Modellen reicht. Diese bewegen sich auf einem Kontinuum zwischen überwiegend transmissiven Ansätzen (Bohran, 2025) und ganzheitlichen, transformativen Perspektiven, die auf die Förderung individueller und kollektiver Handlungsfähigkeit abzielen (UNESCO, 2018). Die Konsequenzen dieser Vielfalt betreffen sowohl die von Lernenden erworbenen Kompetenzen als auch den formalen Status der Politischen Bildung in den Lehrplänen, insbesondere im Hinblick auf Sichtbarkeit, Kontinuität und institutionelle Anerkennung (Eurydice, 2017; Schulz et al., 2018). Vor diesem Hintergrund analysiert dieser Beitrag vergleichend die in fünf europäischen Ländern – Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz – etablierten Modelle Politischer Bildung. Ziel ist es, deren zentrale Merkmale in Bezug auf Bildungsgovernance, Formen curricularer Institutionalisierung und pädagogische Ansätze herauszuarbeiten. Der Vergleich dient dazu, den Schweizer Fall kritisch im europäischen Kontext zu verorten und dabei spezifische Besonderheiten, Stärken sowie strukturelle Schwächen sichtbar zu machen. Zugleich ermöglicht die Analyse die Identifikation von Elementen und Strategien, die in anderen nationalen Kontexten zur Stärkung von Qualität, Kohärenz und Sichtbarkeit der politischen Bildung beitragen. Gerade in der Schweiz handelt es sich hierbei um einen Bereich, der häufig quer zu anderen Fächern verläuft, begrenzte institutionelle Anerkennung erfährt und stark von lokalen sowie individuellen Initiativen abhängt. Methodisch folgt die Studie einem vergleichend-qualitativen Ansatz, der auf der Analyse von Primärquellen (Ministerialdokumente, Lehrpläne und rechtliche Grundlagen) sowie Sekundärquellen (internationale Berichte und wissenschaftliche Literatur) beruht. Die Analyse orientiert sich an sechs analytischen Indikatoren, die auf der Grundlage zentraler internationaler Referenzrahmen (Europarat, 2018; OECD, 2018; UNESCO, 2018) sowie empirischer Vergleichsstudien zur politischen Bildung (Eurydice, 2017; Schulz et al., 2018; Torney-Purta et al., 2001) entwickelt wurden. Berücksichtigt werden: (1) der Zentralisierungsgrad des Curriculums, (2) die Form der Institutionalisierung der Politischen Bildung, (3) der pädagogische Ansatz, (4) die thematischen Inhalte, (5) die Bewertungsverfahren und (6) die Lehrkräftebildung. Die Ergebnisse zeigen, dass stärker zentralisierte Systeme (insbesondere Frankreich und teilweise Italien) eine hohe curriculare Sichtbarkeit, Kontinuität sowie formalisierte Bewertungsverfahren gewährleisten, dabei jedoch tendenziell weiterhin ein teilweise transmissives Verständnis der politischen Bildung privilegieren (Eurydice, 2017). Föderal organisierte Systeme wie Deutschland und die Schweiz fördern demgegenüber Flexibilität, Pluralismus und lokale Anpassungen; im deutschen Fall zudem eine ausgeprägt transformative Ausrichtung, die auf den Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses beruht und Kontroversität und Pluralität in den Mittelpunkt stellt (Frech & Richter, 2017; Reinhardt, 2018). Gleichzeitig weisen diese Modelle Defizite hinsichtlich systemischer Kohärenz und territorialer Ungleichheiten auf. Österreich nimmt eine intermediäre Position ein, indem es curriculare Integration, einen kompetenzorientierten Ansatz und eine explizite Orientierung am Referenzrahmen für Kompetenzen für eine demokratische Kultur (Council of Europe, 2018) miteinander verbindet. Aus politikorientierter Perspektive verdeutlicht der Beitrag, dass kein einzelnes Modell als umfassend oder abschliessend gelten kann, dass jedoch bestimmte Strategien als besonders vielversprechend erscheinen: (1) die stärkere Förderung politischer Kompetenzen in nicht-formalen Bildungssettings; (2) die Verbindung institutioneller Verankerung mit pädagogischer Flexibilität; sowie (3) gezielte Investitionen in eine spezifische Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Für die Schweiz ergibt sich daraus die Möglichkeit, Kohärenz und Systematik der politischen Bildung zu stärken, indem bestehende transformative Praktiken aufgewertet werden und die Abhängigkeit von überwiegend wissensbasierten und fragmentierten Ansätzen reduziert wird – ohne dabei die durch den Bildungsföderalismus gewährleistete Flexibilität einzuschränken. 10:30am - 11:00am
La profession dirigeante dans l’espace BEJUNE : identités professionnelles, tensions et besoins de formation pour penser l’avenir. HEP-BEJUNE, Suisse Contexte théorique Problématique Nous adoptons une perspective socio-constructiviste de l’activité et considérons que les compétences se construisent dans l’action, au croisement de prescriptions, de normes et de situations concrètes de travail. On dispose toutefois de peu de connaissances situées sur la manière dont les directions BEJUNE négocient ces tensions et sur les besoins de formation continue qui en découlent. Le projet s’organise autour des questions suivantes :
Conception et méthode de recherche Résultats attendus et signification Théoriquement, le projet contribue aux travaux sur le leadership éducatif et la professionnalisation des cadres scolaires, en articulant participation, confiance et collaboration avec les enjeux de durabilité, de démocratie et de bien commun. En renforçant les capacités de pilotage et la réflexion sur la professionnalité des directions, la recherche ambitionne de soutenir la qualité des environnements d’apprentissage et la résilience des établissements. 11:00am - 11:30am
Regionale Identität der Lehrpersonen im internationalen Vergleich Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland Der Beitrag setzt sich mit dem Konzept der regionalen Identität von Lehrpersonen auseinander aus einer international vergleichenden Perspektive auf die regionale Mobilität in föderal organisierten Staaten. 11:30am - 12:00pm
“Life-Stories of (Yu)-Migration”: Biografische Narrative als digitale Bildungsressource zur Diversifizierung der historisch-politischen Bildung in der Schweiz Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Department Soziale Arbeit, Switzerland Die Schweiz ist durch Migration geprägt: Mehr als 40 % der Bevölkerung haben laut Bundesamt für Statistik (2016) einen Migrationshintergrund, darunter auch Angehörige der zweiten und dritten Generation. Dennoch hat die Migrationsgeschichte das Selbstbild der Schweiz bislang nur wenig geprägt. Anders als beispielsweise in Deutschland, wo 2001 öffentlich anerkannt wurde, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist (Foroutan, 2018), bleibt Migrationsgeschichte im Schweizer öffentlichen Selbstverständnis häufig unsichtbar. Vielfalt gilt zwar als Teil des Schweizer Selbstbilds, wird jedoch vielfach auf vier offiziell anerkannte Sprachen und Sprachregionen reduziert. Lüthi und Skenderovic (2019, 11) halten fest, dass die Schweizer Geschichtsschreibung Migration noch nicht in ihr «master narrative» aufgenommen hat, obwohl die Schweiz gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Arbeits- und Fluchtmigration zu einem Land der Zuwanderung wurde und Migration wesentlich zum Wohlstand beigetragen hat und weiterhin beiträgt. Während zahlreiche europäische Länder Initiativen gestartet haben, um Geschichts- und Erinnerungskulturen zu diversifizieren und Wissen über Migration einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hängt die Schweiz hinterher. Zugleich wächst das Interesse daran, die vielfältige historische Erfahrungen der Schweizer Bevölkerung stärker im öffentlichen Diskurs und in Bildungsinhalten sichtbar zu machen (Jain, 2020; Marti, 2021; Schär, 2016). Parallel dazu rücken die Verflechtungen der Schweiz mit kolonialen Geschichten verstärkt ins Zentrum wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit (Schär, 2016; Kuhn et al., 2021). Forschende weisen zudem darauf hin, dass Migration alle europäischen Gesellschaften in postkoloniale Gesellschaften verwandelt, «da sie globale Vielfalt ins Innere europäischer Territorien projiziert» (Römhild, 2014, S. 263). Diese Erfahrungen spiegeln sich bislang jedoch kaum in Bildungsinhalten der Schweiz wider (Kuhn et al., 2021; Schär, 2016). Die öffentliche Bildung steht damit vor der Aufgabe, historisch-politische Bildung zu diversifizieren und andere Geschichten und Narrative einzubringen, wie jene der Migration (Müller-Suleymanova 2024; Georgi & Ohliger, 2009). Georgi (2009, 106) argumentiert, dass der «nationalgeschichtlich geprägte Geschichtsunterricht sowie die Gedenk- und Erinnerungsarbeit gleicher Prägung sich interkulturell öffnen müssen». Vor diesem Hintergrund befasst sich das Projekt “Life-Stories of (Yu)-Migration” mit einem für die Schweiz besonders relevanten Thema, das im Unterricht jedoch kaum berücksichtigt wird: die Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Anhand der Lebensgeschichten junger Menschen der sogenannten «zweiten Generation» erzählt das Projekt die Geschichte der Migration aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawiens und setzt sich mit Themen wie den Jugoslawienkriegen, dem Genozid von Srebrenica, Flucht, Arbeitsmigration, Integrationsprozessen, Diskriminierung, Popkultur und weiteren Aspekten auseinander. Migration erscheint damit nicht als eindimensionale «Herkunfts-/Ankunftsgeschichte», sondern als vielschichtiges Geflecht aus Krieg, Flucht, Familien- und Bildungsgeschichten, Aushandlungen von Zugehörigkeit sowie Erfahrungen gesellschaftlicher Vielfalt. Dabei werden die biographisch-narrative Interviews, die im Rahmen eines abgeschlossenen Forschungsprojektes (Müller-Suleymanova, 2023; 2024) erhoben wurden, multimedial und zielgruppengerecht aufbereitet. Die Life-stories der ausgewählten Protagonistinnen werden durch kurze Hintergrundinformationen historisch kontextualisiert, mit Fotos, Video- und Audiomaterialen sowie Archiv- und historischen Dokumenten angereichert. Ziel ist es, eine frei zugängliche digitale Bildungsressource für die Sekundarstufe I und II zu entwickeln und diese im Rahmen von begleitenden Workshops an ausgewählten Schulen zu erproben. Theoretisch knüpft der Beitrag an Michael Rothberg’s (2009) Konzept multidirektionaler Erinnerung an, das kollektive Erinnerungen nicht im Konkurrenzverhältnis, sondern als dynamischen, dialogischen und relationalen Prozess versteht, in dem unterschiedliche historische Erfahrungen miteinander in Beziehung treten und neue Bedeutungen hervorbringen. Im Beitrag wird darüber hinaus aufgezeigt, wie digitale Biografiearbeit transversale Kompetenzen von Schüler:innen fördern kann, darunter Multiperspektivität, Kontroversität, historisches Kontextualisieren, Analyse gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge sowie Arbeit mit Quellen wie biographisch-narrative Interviews. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Beitrag des Projekts zur Demokratiebildung, indem es historisches Lernen mit Fragen des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft verknüpft. | ||
