SGBF-SGL-Jahreskongress 2026
17.-19. Juni 2026
Pädagogische Hochschule St.Gallen
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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SES_40: Governance und Organisation im Bildungssystem
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8:30 - 9:00
Prädiktoren von Wechselabsichten bei Lehrpersonen: Eine Mehrebenenanalyse zu organisatio-naler Identifikation, Führungsverhalten und prozeduraler Gerechtigkeit Pädagogische Hochschule FHNW Theoretischer Hintergrund Lehrpersonenfluktuation steht mit tieferer Leistung von Schüler:innen und negativen Konsequenzen für die Schule als Organisation im Zusammenhang (Gibbons et al., 2021). Der Verbleib von geeigneten Lehrpersonen kann daher als zentrales Anliegen einer Schule bezeichnet werden. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Wechselabsichten ein bedeutsamer Prädiktor tatsächlicher Fluktuation sind (Sun & Wang, 2017), weshalb die Untersuchung ihrer Einflussfaktoren als zentraler Ansatzpunkt zur Reduktion von Lehrpersonenabwanderung gilt. Meta-analytische Befunde belegen, dass insbesondere professionelle Identifikation, Vertrauen sowie organisationales Commitment zu den stärksten protektiven Faktoren gegenüber einem Verlassen der Profession oder der Schule zählen (Li & Yao, 2022). Auch Befunde aus der Schweiz weisen darauf hin, dass das Gefühl der organisationalen Eingebundenheit in die Schule negativ mit Kündigungsabsichten zusammenhängt (Sandmeier & Mühlhausen, 2020). Organisationale Identifikation scheint also in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu spielen. Weitere wichtige Faktoren, welche sich negativ auf Kündigungsabsichten von Lehrpersonen auswirken sind verschiedene Dimensionen der Gerechtigkeitswahrnehmungen in Kombination mit organisationaler Identifikation (Başar & Sığrı, 2015), sowie die wahrgenommene Unterstützung durch die Schulleitung und das Kollegium (Conley & You, 2009). Sandmeier und Mülhausen (2020) kommen zum Schluss, dass die wahrgenommene Unterstützung insbesondere die Absicht, die Schule zu wechseln, negativ beeinflusst. Eine integrative Betrachtung identifikationsbezogener Führungs- und Unterstützungsfaktoren im Hinblick auf die Kündigungsabsichten von Lehrpersonen, welche sowohl die Individual-, als auch die Schulebene berücksichtigt, fehlt bisher allerdings; insbesondere für den Schweizer Kontext. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag der Fragestellung nach, inwieweit organisationale Identifikation, wahrgenommene Unterstützung durch die Schulleitung, prozedurale Gerechtigkeit, Identifikation fördernder Führungsstil der Schulleitung sowie die erhaltene Unterstützung durch das Kollegium zu Beginn des Schuljahres die individuellen Wechselabsichten, sowohl bezüglich der Schule als auch der Profession, zum Ende des Schuljahres vorhersagen können. Dabei soll der hierarchischen Datenstruktur Rechnung getragen werden. Forschungsdesign und -methode Im Rahmen der Studie wurden rund 3500Lehrpersonen aus 195 Schulen im Schuljahr 24/25 zu drei Zeitpunkten mittels eines Onlinefragebogens befragt. Für die hier vorgestellte Analysen wurde untersucht, inwieweit die organisationale Identifikation, die wahrgenommene Unterstützung durch die Schulleitung, die prozedurale Gerechtigkeit, Identifikation fördernder Führungsstil der Schulleitung und die erhaltene Unterstützung seitens des Kollegiums zu Beginn des Schuljahres (t1) die individuellen Wechselabsichten zum Ende des Schuljahres (t3) vorhersagen können. Die Fragestellung wurde mittels Multilevel Pfadanalysen auf die beiden Wechselabsichten (Schule vs. Profession) als Outcomes untersucht. Fehlende Werte wurden über multiple Imputation (m = 20, mice) behandelt. Level-1-Prädiktoren wurden within-cluster zentriert. Auf Level 1 flossen die zentrierten Prädiktoren organisationale Identifikation, Identity Leadership, wahrgenommene Unterstützung durch die Schulleitung, prozedurale Gerechtigkeit sowie erhaltene Unterstützung durch das Kollegium ein; auf Level 2 wurden die Cluster-Mittelwerte der Prädiktoren genutzt. Schätzungen erfolgten mittels robustem Maximum-Likelihood (MLR), Ergebnisse wurden über die 20 Imputationsdatensätze gepoolt. Resultate und ihre Bedeutung Es zeigen sich auf Lehrpersonenebene (Level 1) für beide Arten von individuellen Wechselabsichten (t3) dieselben Prädiktoren, erhoben zum ersten Messzeitpunkt, als signifikant, nämlich die organisationale Identifikation, die wahrgenommene Unterstützung seitens der Schulleitung und die prozedurale Gerechtigkeit. Die Effekte sind für die individuellen Wechselabsichten bezüglich der Profession kleiner. Auf Schulebene (Level 2) zeigt sich zudem für beide Arten von individuellen Wechselabsichten die organisationale Identifikation als wichtigster Prädiktor. Für die individuellen Wechselabsicht bezüglich der Schule werden auf Schulebene zusätzlich noch Identifikation fördernder Führungsstil der Schulleitung und in geringerem Masse die prozedurale Gerechtigkeit signifikant. Die Ergebnisse legen nahe, dass Massnahmen zur Stärkung der organisationalen Identifikation sowie eine als unterstützend, fair und identitätsfördernd wahrgenommene Schulleitung zentrale Ansatzpunkte darstellen, um Wechselabsichten von Lehrpersonen wirksam zu reduzieren. 9:00 - 9:30
BlackBox Bildungsadministration. Mapping bildungsadministrativer Formal- und Realstrukturen Universität Konstanz, Deutschland International gelten die Makrostrukturen des Bildungssystems als relevant für dessen Effektivität mit Blick auf die Sicherung hochwertiger Bildung künftiger Generationen (OECD, 2024). Dabei spielt die Bildungsadministration als Gelenkstelle zwischen der Bildungspolitik und den Bildungsinstitutionen gerade in föderalen Systemen wie Deutschland oder der Schweiz eine Schlüsselrolle für erfolgreiche Bildung – auch im Umgang mit globalen Krisen. Forschungsseitig ist im deutschsprachigen Raum allerdings wenig über administrative Strukturen bekannt. Zwar sind im hierarchisch aufgebauten Mehrebenensystem schulischer Bildung – vom Bildungsministerium über Organe der Bildungsverwaltung (z.B. Schulämter) bis hin zu Orten der Bildungspraxis (z.B. Schulen) – die Zuständigkeiten der Teilbereiche und deren Verhältnisse formal-rechtlich in Gesetzen, Verordnungen und ‚Organisationsplänen‘ geregelt. Doch entgegen dieser formal-strukturellen Transparenz wird vermehrt die Dysfunktionalität des Bildungssystems moniert: So zeigt sich auf Ebene der ausführenden Akteur:innengruppen (Schulinspektion: Füssel, 2008; Schulaufsicht: Klein & Bremm, 2020; Schulleitung: Forsa, 2023) sowie innerhalb der einzelnen Teilbereiche (z.B. Fort- und Weiterbildungssystem von Lehrpersonen: Cramer et al., 2019) Unsicherheit und Widersprüchlichkeit bzgl. des Zuständigkeitsprofils; steuerungstheoretisch wird die fehlende Kohärenz zwischen den jeweiligen Ebenen angemerkt (z.B. Maag Merki, 2021). Die hierin zum Ausdruck kommende Intransparenz ist anhand der organisationstheoretischen Differenzierung in formal-institutionelle und informell-organisationale Strukturen fassbar (nachfolgend: Esser, 2000): Während besagte Gesetze, Verordnungen und Organisationspläne als Ausdruck formal-institutioneller Regeln das „Kernstück“ von Bildungsorganisationen darstellen, bestehen parallel dazu – in allen Einrichtungen – informelle Strukturen (bspw. Absprachen im Gang). Entsprechend verfügen Organisationen über eine nach aussen definierte und formalisierte Umwelt, sowie eine innere, sich der Einsicht von aussen entziehende Umwelt. Aufgrund des verfassungsrechtlichen Bildungsauftrags von Schulen und dem damit einhergehenden Gleichbehandlungserfordernis ist dieser Dualismus für Bildungsorganisationen, so die These, um eine dritte Strukturebene zu erweitern: Realstrukturen (z.B. routinisierte interne Abstimmungsprozesse, interne Leitlinien, formalisierte Zuständigkeitszuweisungen). Bei diesen handelt es sich insofern um informell-organisationale Strukturen, als sie für Personen ausserhalb der jeweiligen Institution nicht einsehbar sind. Gleichzeitig sind sie formalisiert, da sie Bindungswirkung für die Akteur:innen innerhalb der jeweiligen Einrichtung entfalten, um vergleichbare Fälle vergleichbar zu behandeln. Diese Realstrukturen sind bis dato kein Gegenstand empirischer Bildungsforschung. Dabei braucht es ein Wissen über ebendiese Strukturen, um besser zu verstehen, wie die Bildungsadministration das Bildungssystem gerade in komplexen föderalen Strukturen wie in Deutschland und der Schweiz steuert, um globale Herausforderungen zu adressieren. Nur so lassen sich Aussagen zur (Dys-)Funktionalität der Bildungsverwaltung ableiten. Das Referat präsentiert Fragestellung, Design, Methode und erwarteten Output eines Projekts, das sich dieser Problemstellung im Rahmen eines explorativen Grundlagendesigns widmet. Das von der Robert Bosch Stiftung geförderte und an der Universität Konstanz verortete Forschungsprojekt REFORM – Mapping von Formal- und Realstrukturen der Bildungsadministration fragt: Wie sind die realen organisationalen Strukturen von an Bildungsentscheidungen beteiligten Teilinstitutionen im Vergleich zur Formalstruktur? Die sich über drei Jahre erstreckende Projektanlage besteht entsprechend aus zwei Modulen: Modul I zielt im Rahmen von Dokumentenanalysen (Bowen, 2009) und Expert:inneninterviews (Gläser & Laudel, 2010) auf die Erfassung des formal-institutionellen Aufbaus. Modul II analysiert darauf aufbauend die organisationalen Realstrukturen unter Adaption von in der Kognitionspsychologie etablierten Verfahren des System-Mappings (Kinchin et al., 2010). Aufgrund der in Deutschland existierenden Länderhoheit in Bildungsfragen, werden exemplarisch zwei Bundesländer untersucht. Angesichts der bundeslandspezifischen Strukturen der Bildungsverwaltung ist die Entwicklung des Erhebungsinstrumentariums für Modul II per se Gegenstand des Projekts. Das Forschungsprojekt hat im Dezember 2025 gestartet; es liegen noch keine vollständigen Ergebnisse vor. Vorgestellt werden erste Organigramme der Formalstruktur in beiden deutschen Bundesländern. Im weiteren Projektverlauf wird ausserdem als methodischer Output eine Mapping-Technik zur Ermittlung der Realstruktur erarbeitet, um diese in beiden Bundesländern zu erfassen. Im Abgleich von Formal- und Realstruktur werden Erkenntnisse zu nachhaltigen Transformationsvorhaben im föderalen Bildungsbereich im Umgang mit globalen Herausforderungen erwartet, die angesichts der vergleichbaren föderalen Struktur auch vor dem Hintergrund der gesamtschweizerischen Situation diskutiert werden. | ||
