SGBF-SGL-Jahreskongress 2026
17.-19. Juni 2026
Pädagogische Hochschule St.Gallen
Veranstaltungsprogramm
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SES_30: Bildungswege, Berufsaspirationen und Quereinstiege im Bildungswesen
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8:00 - 8:30
Quereinstieg von Lehrpersonen: Anstellungsgründe und Vorstellungen von Schulleitungen 1Universität Zürich, Schweiz; 2Universität Fribourg, Schweiz Theoretischer Hintergrund Zahlreiche europäische Länder berichten von einem Lehrpersonenmangel (European Commission/EACEA/Eurydice, 2021). Österreich hat auf diese Situation im Jahr 2023/24 mit einem Quereinstiegsprogramm für das Lehramt Sekundarstufe Allgemeinbildung reagiert. Personen können nach der Zertifizierung für das Programm an einer Schule und parallel an einer Pädagogischen Hochschule für ein Unterrichtsfach ausgebildet werden (Flick-Holtsch et al., 2024). In dem Zusammenhang können Schulleitungen entscheiden, inwieweit sie Lehrpersonen im Quereinstieg engagieren oder nicht. Ohne Anstellung an einer Schule können Quereinsteigende das Programm allerdings nicht beginnen. Die Vorstellungen von Schulleitungen über Quereinsteigende dürften daher eine grosse Rolle für die erfolgreiche Implementierung des Programms spielen. In Metaanalysen wird beispielsweise berichtet, dass Quereinsteigende mit ihren ausserhalb des Schulfelds erworbenen Kompetenzen die Kollegien bereichern können (Ruitenburg & Tigchelaar, 2021). An anderer Stelle wird allerdings die Deprofessionalisierung des Lehrberufs durch Quereinstiege diskutiert (siehe Diskussionslinien bei Porsch, 2021). Bisher liegen keine Daten vor, aus welchen Gründen Schulleitungen Quereinsteigende (nicht) anstellen und welche Vorstellungen sie von Quereinsteigenden haben. Ein vertieftes Verständnis über die Vorstellungen von Schulleitungen, die (keine) Quereinsteigende(n) beschäftigen, dürfte Aufschluss über gezielte Massnahmen zur Förderung und zu Beschäftigungsmöglichkeiten von Quereinsteigenden geben. Fragestellung Im Beitrag sollen empirische Ergebnisse zu folgenden Forschungsfragen vorgestellt werden: (1) Welche Gründe geben Schulleitungen für die Anstellung von Quereinsteigenden an? (2) Wie systematisch unterscheiden sich die Vorstellungen über Quereinsteigende zwischen Schulleitungen, die Quereinsteigende angestellt haben, von denen, die keine Quereinsteigenden angestellt haben? Forschungsdesign und -methode Im Frühjahr 2024 baten die Bildungsdirektionen aller Bundesländer Österreichs sämtliche Schulleitungen der Sekundarstufe per E-Mail, an einer Onlinebefragung teilzunehmen. Von den 590 beteiligten Schulleitungen waren etwas mehr als die Hälfte weiblich (50.4%), im Durchschnitt 52.9 Jahre alt (SD = 8.3) und seit durchschnittlich 7.1 Jahren (SD = 5.8, min=0, max=40) in dieser Funktion. 65.4% der Befragten leiteten eine Mittelschule; weitere 22.6 Prozent eine allgemeinbildende höhere Schule (Unterstufe und Oberstufe). 64.7% der Schulleitungen gaben an, dass an ihrer Schule Lehrpersonen im Quereinstieg arbeiten. An der Hälfte der Schulen war das jeweils eine Person, weitere 25% der Schulleitungen beschäftigten zwei Quereinsteigende. Den Schulleitungen wurden fünf potenzielle Gründe für die Anstellung von Quereinsteigenden vorgelegt, denen sie zustimmen konnten oder nicht (Mehrfachantworten möglich). Die Vorstellungen von Schulleitungen mit und ohne Personen im Quereinstieg wurden mit 20 Items entlang einer sechsstufigen Likert-Skala erfasst. Mittelwertunterschiede zwischen den Schulleitungen mit und ohne Quereinsteigende wurden in SPSS mittels T-Tests für unabhängige Stichproben berechnet. Resultate und deren Bedeutung FF1: Die 345 Schulleitungen mit Quereinsteigenden stellten diese aus unterschiedlichen Gründen an. Am häufigsten gaben sie an, keine Lehrperson mit passender Ausbildung gefunden (68.4%) oder einen dringenden Bedarf an Lehrpersonen zu haben (74.8%). Nur 8.1% der Schulleitungen setzten Quereinsteigende ein, weil sie vom Quereinstiegsprogramm überzeugt waren. FF2: Die Vorstellungen von Schulleitungen mit und ohne Quereinsteigende unterschieden sich teilweise signifikant. Positiver schätzen Schulleitungen mit Quereinsteigenden beispielsweise ein, dass sich Quereinsteigende flexibel an neue Situationen anpassen (Mm=4.15, SD=1.14, Mk=3.56, SD=0.97; p<0.001), und bei Eltern genauso akzeptiert seien wie grundständig ausgebildete Lehrpersonen (Mm=4.19, SD=1.27, Mk=3.28, SD=1.21; p<0.001). Demgegenüber befürchteten Schulleitungen ohne Quereinsteigende beispielsweise stärker, dass durch Quereinsteigende eine Deprofessionalisierung des Lehrberufs stattfindet (Mm=3.73, SD=1.40, Mk=4.27, SD=1.17; p<0.001), und dass der hohe Anteil an Quereinsteigenden dem gesellschaftlichen Ansehen des Berufs als Lehrperson schadet (Mm=4.04, SD=1.44, Mk=4.36, SD=1.30; p<0.01). Obwohl die empirischen Ergebnisse in Österreich ermittelt wurden, ist es für das erfolgreiche Absolvieren des Quereinstiegs und den Verbleib im Beruf als Lehrperson in jedem europäischen Programm bedeutsam, dass in den Schulen mit dem Quereinstieg realistische und positive Erwartungen verbunden werden. Es wäre zu prüfen, inwieweit die Vorstellungen von Schulleitungen ohne Quereinsteigende durch differenzierte Rückmeldungen und Erfahrungsberichte aus dem Quereinstiegsprogramm zugunsten der Einsatzmöglichkeiten verändert werden können, da Schulleitungen massgeblich zum Gelingen von Quereinstiegen beitragen. 8:30 - 9:00
Quereinstieg in die Schulleitung: Motivation, Chancen und Bedeutung für die Zukunft der Schule Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz Theoretischer Hintergrund Eine nachhaltige Bildungsqualität setzt gut qualifizierte, motivierte und resilient handelnde Schulleitungen voraus (Cansoy, 2018; Meidelina et al., 2023; Schoch et al., 2021, 2023). Im Verständnis von Leadership for Learning (Townsend & MacBeath, 2011) gestalten Schulleitungen die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lehren und Lernen (Schratz et al., 2019). Gleichzeitig verstärken Fachkräftemangel, der demografische Wandel und die steigende Komplexität schulischer Transformationsprozesse den Bedarf an qualifizierten Schulleitungen (Tulowitzki et al., 2019). Quereinsteigende mit Führungserfahrung aus anderen Berufsfeldern gelten dabei zunehmend als potenzielle Ressource. Bisher ist jedoch wenig bekannt über die motivationalen Gründe, die sie in eine Schulleitungsfunktion führen. Für die Analyse werden drei komplementäre Motivationsmodelle herangezogen: Die Selbstbestimmungstheorie (Deci et al., 2017) fokussiert auf die Bedeutung von Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit für Motivation und Wohlbefinden. Das Erwartungs-Wert-Modell (Eccles & Wigfield, 2002) erklärt berufliche Entscheidungen durch Wertzuschreibung und Erfolgserwartung. Die Job Demands–Resources Theorie (Bakker & Demerouti, 2007) beschreibt Motivation im Zusammenspiel von Anforderungen und Ressourcen und betont, dass Ressourcen Engagement fördern und Belastungen mildern. Zusammen ermöglichen diese Ansätze eine strukturierte Betrachtung individueller Motivlagen und ihrer Passung zu den Bedingungen schulischer Führung. Fragestellung Die Studie untersucht:
Die Untersuchung dieser Fragen ist zentral, da Motivation eine wichtige Grundlage für gelingende Führung, Belastbarkeit und Innovationsfähigkeit bildet. Forschungsdesign und Methode Die Studie basiert auf einer quantitativen Querschnittserhebung mittels standardisierter Online-Befragung. Befragt wurden Absolvent:innen des CAS Schulleitung Quereinstieg der Pädagogischen Hochschule Zürich der Jahre 2021-2025 (N = 66, Stand Ende 2024). Die motivationalen Beweggründe wurden mit der deutschsprachigen Version des Work Values Inventory (Deci et al., 2017) erhoben. Das Instrument umfasst 13 Skalen, darunter Kreativität, Altruismus, Autonomie, Sicherheit und Prestige. Die Daten wurden mittels SPSS deskriptiv analysiert. Resultate und ihre Bedeutung Die Ergebnisse zeigen, dass Quereinsteigende vor allem eine sinnvolle und gestaltbare Aufgabe suchen. Besonders hoch bewertet werden Abwechslung, Altruismus, Kreativität und Leistung. Etwas weniger wichtig, aber weiterhin relevant, sind Autonomie, Beziehung zu Vorgesetzten und Mitarbeitenden, Sicherheit und Arbeitsbedingungen. Deutlich niedriger bewertet werden Managementaufgaben, Prestige, Verdienst und Ästhetik, was verdeutlicht, dass extrinsische Motive wie Status, Gehalt oder repräsentative Aspekte weniger im Vordergrund stehen. Die Befunde verdeutlichen, dass Quereinsteigende vor allem dann eine Schulleitungsfunktion anstreben, wenn sie pädagogische Sinnhaftigkeit, Gestaltungsspielräume und verlässliche Rahmenbedingungen vorfinden. Diese intrinsisch geprägte Motivation kann für Schulen eine wichtige Ressource darstellen, da sie mit Engagement und Verantwortungsbereitschaft verbunden ist. Für die Praxis ergibt sich, dass Rekrutierungs- und Unterstützungsangebote stärker auf Sinnvermittlung, klare Rollen und stabile Arbeitsbedingungen ausgerichtet werden sollten. Im Kontext des Tagungsthemas Bildung für eine lebenswerte Zukunft wird deutlich, dass motivierte und gut unterstützte Führungspersonen eine zentrale Voraussetzung für Schulqualität und nachhaltige Entwicklung sind. Quereinsteigende bringen hierfür relevante Potenziale mit, sofern ihre Motivlagen erkannt und gezielt gefördert werden. 9:00 - 9:30
Tiefseetaucher/-in, Astronaut/-in oder Zerspanungsmechaniker/-in? Zu Studienintentionen und beruflichen Aspirationen von Jugendlichen im regionalen Kontext. Universität Augsburg, Deutschland Der Übergang Schule-Beruf stellt ein inzwischen intensiv, wenn auch nicht vollständig, beforschtes Feld dar (Scharrer, Schneider & Stein, 2012). Studien- und Ausbildungsintentionen und damit verbunden berufliche Aspirationen und Interessen von Jugendlichen in einem regionalen Kontext und die Bedingungsfaktoren dafür bilden eine Thematik innerhalb dieses Forschungsfelds und befinden sich im Fokus dieses Beitrags. Studienintentionen wurden bisher in verschiedenen Untersuchungen überwiegend aus der Perspektive sozialer Ungleichheit im Zugang zu Hochschulbildung in den Blick genommen (Watermann & Maaz, 2006, 2007: TOSCA-Studie), insbesondere auf Grundlage der theoretischen Annahmen zum Zusammenspiel primärer und sekundärer Herkunftseffekte an Bildungsübergängen nach Boudon (1974) oder der Wert-Erwartungstheorie von Ajzen (1991) u.a. zur Erklärung sekundärer Herkunftseffekte mit personalen und psychologischen Merkmalen (Vermittlungsmodell). In Zusammenhang damit wurden u.a. die Einflüsse auf sozialschichtabhängige Bildungsaspirationen und die ungleichheitsreduzierenden Effekte der Öffnung des Berufsschulwesens für Schullaufbahnen zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife als institutionelle Rahmung analysiert (Watermann & Maaz, 2006, 2007). Zu sozialisatorischen Einflüssen und Effekten von Charakteristika, die die Entwicklungsphase der Adoleszenz kennzeichnen, auf Studienintentionen und berufliche Aspirationen von Jugendlichen gibt es bislang nur wenige Erkenntnisse. Vor diesem Hintergrund werden in diesem Beitrag neben den Annahmen des soziologisch orientierten Theorieansatzes von Boudon (1974) auch Sozialisationstheorien und entwicklungspsychologische Erklärungsansätze aufgegriffen, wie das Modell zur Ich-Identität im Jugendalter von Marcia (1966), das Konzept der Entwicklungsaufgaben nach Fend (2005) in Anschluss an Havighurst (1972), das Bindungsverhalten während der Adoleszenz (Armsden & Greenberg, 1987), das Modell des „Emerging Adulthood“ von Arnett (2004), die Implikationen der Aspirationsentwicklungstheorien zur Berufswahl (Stufenmodelle) von Ginzberg (1952), Super (1952, 1955) und Gottfredsen (2002, Eingrenzungs- und Kompromisstheorie) und die „Happenstance Learning Theory“ von Krumboltz (2009). In Bezug darauf wird angenommen, dass Merkmale dieser Theorien oder Modelle differentielle Effekte auf die Studienintentionen und beruflichen Aspirationen der Jugendlichen zeigen und Herkunftseffekte darauf erklären (Forschungsfrage). Im Gegensatz zu älteren Studien (Watermann & Maaz, 2006, 2007) werden in der vorliegenden primäranalytischen Studie die Studienintentionen und beruflichen Aspirationen von Schülerinnen und Schülern an einem früheren Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn untersucht, nämlich in der neunten Jahrgangsstufe, d.h. gegen Ende der Sekundarstufe I und vor dem Übergang in die Sekundstufe II, an dem für Jugendliche Bildungsentscheidungen und Fragen zur beruflichen Ausbildung oder zum Studium, in Abhängigkeit von der jeweiligen besuchten Schulform, an Bedeutung gewinnen. Des Weiteren wurden Jugendliche von allen Schulformen der Sekundarstufe I in einem regionalen Kontext in Baden-Württemberg im Hinblick auf eine vergleichende Analyse in die Stichprobe miteinbezogen. Insgesamt wurden 1.385 Neuntklässler/-innen im Rahmen einer einmaligen Messung mit einem Paper-Pencil-Untersuchungsinstrument in der Schule zu jugendtypischen Themen schriftlich befragt (Querschnittstudie). Damit handelt es sich hier um ein Survey- bzw. Ex-Post-Facto-Forschungsdesign mit einer Klumpenstichprobe (nicht-randomisierte Auswahl von Schulen als Klumpen) und Selbstselektion der Studienteilnehmenden. Die Studienintentionen und beruflichen Aspirationen in Form von Ausbildungswege (Studium, duale Ausbildung oder Berufsfachschule u.a.) wurden auf Basis der Angaben der Jugendlichen zu ihren Berufswünschen in einer Frage mit offenem Antwortformat codiert (Kriterien), womit authentische Angaben erwartet werden können. In den Analysen wurden folgende Struktur- und Prozessmerkmale als Prädiktor- oder Moderatorvariablen berücksichtigt: Höchste EPG-Klasse und höchstes Bildungsniveau der Eltern, Migrationshintergrund, Gender, besuchte Schulform, angestrebter Schulabschluss, Alter der Jugendlichen, Peerbindung, Identitätsstile, Dimensionen des „Emerging Adulthood“ (angepasst an die Adoleszenz), Zuversicht, soziale Selbstwirksamkeit, Lernmotivation, Schuleinstellungen, Partizipationsgrad der Schule und die Nutzung von Angeboten zur Berufsorientierung. Die Ergebnisse aus multinominalen logistischen Regressionsanalysen verdeutlichen, dass die Studienintentionen vor allem von Herkunftsmerkmalen und der besuchten Schulform determiniert sind. Schüler sind in ihrer Berufswahl entschiedener als Schülerinnen und Angebote zur Berufsorientierungen üben differentielle Einflüsse vor allem darauf aus, ob eine duale Ausbildung oder eine Berufsfachschule als Ausbildungsweg beabsichtigt wird, und die Dimension „Verantwortung und Freiheit“ der Adoleszenz und auch die Zuversicht der Jugendlichen desgleichen einen wesentlichen Beitrag zur Studien- und Berufswahl leisten. | ||
