SGBF-SGL-Jahreskongress 2026
17.-19. Juni 2026
Pädagogische Hochschule St.Gallen
Veranstaltungsprogramm
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SYMP 42: Kompetenzen sichtbar machen: Innovative Zugänge zu Kreativität, Sprache und Sozial-emotionalen Kompetenzen bei LEAPS
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Kompetenzen sichtbar machen: Innovative Zugänge zu Kreativität, Sprache und Sozial-emotionalen Kompetenzen bei LEAPS Die valide und differenzierte Erfassung kindlicher Kompetenzen im Kindergartenalter bildet das Fundament, um individuelle Entwicklungsverläufe zu verstehen und frühe Bildungschancen gerecht zu gestalten. Klassische Verfahren, wie Fragebögen oder sprachbasierte Leistungstests setzen hierfür einen wichtigen Standard. Gleichzeitig können sie durch innovative Ansätze sinnvoll erweitert werden, um Herausforderungen wie sprachliche Hürden oder die Erfassung von Verhalten in natürlichen Kontexten noch differenzierter zu adressieren. Vor diesem Hintergrund widmet sich das Symposium der zentralen Fragestellung, wie innovative diagnostische Zugänge ein ganzheitliches und faires Kompetenzprofil von Kindern abbilden können. Basierend auf aktuellen Befunden der Zurich Learning Progress Study (LEAPS) werden neue methodische Ansätze präsentiert, die über traditionelle Leistungstests hinausgehen und zentrale Entwicklungsdomänen, sozial-emotionale, sprachliche und kreative Kompetenzen, durch innovative methodische Zugänge beleuchten. Der erste Beitrag stellt das verhaltensbasierte Beobachtungsinstrument BASES vor, das sozial-emotionale Kompetenzen in ökologisch validen, für Kinder vertrauten Kontexten erfasst. Der Beitrag zeigt, inwiefern sich die Erfassung der sozial-emotionalen Kompetenzen zwischen Klassenraum- und bewegungsintensiven Sporthallen Situationen unterscheidet und welchen potenziellen Mehrwert eine kontextübergreifende Betrachtung für die diagnostische Genauigkeit bietet. Der zweite Beitrag fokussiert auf die Chancengerechtigkeit bei der Erfassung von Vorläuferfähigkeiten des Schriftspracherwerbs. Durch den systematischen Vergleich von Kindern mit Deutsch als Erst- oder Zweitsprache wird der Einfluss sprachlastiger Standardverfahren analysiert. Darauf aufbauend wird die Notwendigkeit und Entwicklung von Instrumenten diskutiert, die unabhängig von der Erstsprache des Kindes sind, um systematische Benachteiligungen in der Diagnostik zu reduzieren und das tatsächliche sprachliche Potential mehrsprachiger Kinder valider abzubilden. Der dritte Beitrag stellt Validierungsbefunde des tabletbasierten Verfahrens crealyx vor. Dieser Ansatz erweitert die Erfassung divergenten Denkens durch eine ökonomische, digitale Testung, die nicht nur Ergebnis-, sondern auch Prozessdaten (z. B. Explorationsverhalten) integriert. Zudem wird demonstriert, wie automatisierte Scorings mittels Maschinellen Lernens (AuDrA) eine objektive und effiziente Messung von Originalität ermöglichen und somit neue Standards in der Kreativitätsdiagnostik setzen. Der Ablauf des Symposiums sieht vor, dass die Implikationen der empirischen Befunde jeweils im direkten Anschluss an die Präsentation der drei Beiträge diskutiert werden. Dies ermöglicht einen fokussierten Austausch über die spezifischen methodischen Herausforderungen und Innovationen. In der Gesamtschau verdeutlicht das Symposium, wie die Nutzung von digitaler Erfassung, kontextnaher Beobachtung und fairer Testgestaltung dazu beitragen kann, die Qualität und Chancengerechtigkeit der pädagogischen Diagnostik in der frühen Kindheit nachhaltig zu verbessern. Beiträge des Symposiums BASES - Ein Instrument zur Verhaltensbeobachtung sozial-emotionaler Kompetenzen im Klassenzimmer und der Turnhalle Sozial-emotionale Kompetenzen entwickeln sich in der frühen Kindheit durch soziale Interaktionen, die untrennbar mit körperlicher Aktivität verknüpft sind. Diese Interdependenz zeigt sich besonders darin, dass motorische Kompetenzen die Art und Qualität sozialer Interaktionen prägen. Ein Kind mit hoher motorischer Kompetenz macht im freien Spiel oft grundlegend andere soziale Erfahrungen als ein Kind mit geringerer motorischer Kompetenz. Bisherige diagnostische Zugänge betrachten diese Domänen jedoch meist isoliert und stützen sich überwiegend auf indirekte Beurteilungen durch Lehrpersonen. Die vorliegende Studie adressiert dieses Desiderat durch zwei neue Testinstrumente BASES (Behavioral Assessment of Social-Emotional Skills) und BASES – Sport. Das strukturierte Verhaltensbeobachtungsverfahren operationalisiert sozial-emotionale Kompetenzen vergleichend in zwei ökologisch relevanten Situationen: im Klassenzimmer und in der Turnhalle. Die Datenerhebung erfolgte sowohl im Rahmen der MOSAIK-Studie, die als Fokusmodul in die Zurich Learning Progress Study (LEAPS) integriert ist, als auch in der Kernerhebung von LEAPS. Die Stichprobe umfasst N = 270 Kindern im zweiten Kindergartenjahr im Kanton Zürich. Zur direkten Verhaltensbeobachtung wurden die Kinder in standardisierten Situationen videografiert, die Kooperation, Durchsetzungsfähigkeit und Soziabilität (Standard: Bildbeschreibung & Gruppenpuzzle; Sport: Bewegungspuzzle) sowie Selbstregulation und Durchhaltevermögen (Standard: Kartensortieraufgabe; Sport: Koordinationsleiter) erfordern. Die Kodierung der Videoaufzeichnungen erfolgt anhand eines standardisierten Ratingsystems. Auf Basis definierter Verhaltensmarker bewerten geschulte Rater:innen die Ausprägung der Konstrukte auf einer 7-stufigen Likert-Skala. Zur Sicherung der Datenqualität absolvierten alle Rater:innen vorab eine Reliabilitätsprüfung (Übereinstimmung ≥80% innerhalb einer Punktedifferenz). Zur Bestimmung der Interrater-Reliabilität wurden 10 % der Stichprobe durch unabhängige Doppelratings kodiert. Zur Überprüfung der konvergenten Validität von BASES – Sport wurden die motorischen Basiskompetenzen mittels des MOBAK-KG erhoben. Zum Zeitpunkt der Einreichung befinden sich die Daten in der Auswertung. Der Beitrag wird Ergebnisse zur Validität von BASES-Sport präsentieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Analyse der kross-kontextuellen Stabilität der sozial-emotionalen Kompetenzen durch die Berechnung von Zusammenhängen zwischen dem Verhalten im Klassenzimmer und in der sportmotorischen Situation. Die Studie zielt darauf ab, die psychometrische Güte von BASES-Sport als objektives, beobachtungsbasiertes Instrument zu prüfen. Damit soll die gängige Fragebogendiagnostik um eine direkte Verhaltensmessung erweitert werden. Die Befunde liefern Implikationen für die Kontextspezifität sozial-emotionaler Kompetenzen und bieten eine empirische Grundlage für eine differenzierte Diagnostik und Förderung an der Schnittstelle von Entwicklungs- und Sportpsychologie. Stichworte: Sozial-emotionale Kompetenzen, Motorische Kompetenzen, Verhaltensbeobachtung, Kindergarten Literatur: Herrmann, C., Ferrari, I., Wälti, M., Wacker, S. & Kühnis, J. (2020). MOBAK-KG: Basic motor competencies in kindergarten. Test manual (3rd ed.). https://doi.org/10.5281/zenodo.3774438. Lieb, J., Steinhäusler, S., Raif, M., Maute, M., & Perren, S. (2023). Verhaltensbasierte Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen (Behavioral Assessment of Social-Emotional Skills—BASES). Auswertungsmanual (Scoring Manual). Pädagogische Hochschule Thurgau / Universität Konstanz. Lieb, J., Perren, S., & Maute, M. (2025). Behavioral Assessment of Social-emotional Skills in Children (BASES): Validation of a Comprehensive Performance-based Observation Tool. Manuscript submitted for publication. Erfassung von Vorläuferfertigkeiten der Schriftsprachentwicklung: Vergleich von Kindern mit Deutsch als Erst- und Zweitsprache Frühe sprachliche Kompetenzen sowie phonologische Fähigkeiten gelten als zentrale Prädiktoren für die spätere Schriftsprachentwicklung von Kindern (Chilla,2020). Zu den wichtigsten Vorläuferfertigkeiten zählen unter anderem die phonologische Bewusstheit, die Benennungsgeschwindigkeit, und der Wortschatz (Juska-Bacher et al., 2021). Viele standardisierte Verfahren zur Erfassung dieser Vorläuferfertigkeiten sind jedoch stark sprachbasiert (Schulz et al., 2017). Dies kann insbesondere für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache (L2) erwerben, zu systematischen Nachteilen führen. Der vorliegende Beitrag präsentiert erste Ergebnisse aus der Zurich Learning and Progress Study (LEAPS) und untersucht, den Einfluss des Sprachhintergrund − Deutsch als Erstsprache (L1) und Deutsch als L2 – auf die Leistungen in einem umfassenden Vorschulerhebungsinstrument. Insgesamt nahmen n = 722 Kinder im ersten und zweiten Kindergartenjahr im Kanton Zürich teil. Die Erhebung umfasste deutschsprachige Aufgaben zu Reimfähigkeit, eine Aufgabe zum schnellen automatisierten Benennen (RAN) sowie eine angepasste Version des PPVT (Dunn et al., 2015) zur Bewertung des Wortschatzes. Die Reimaufgaben und die modifizierte PPVT-Version wurden tabletbasiert im Gruppensetting durchgeführt, während die RAN-Aufgabe im Einzelsetting und im paper-pencil-Format erfolgte. Die Leistungen von Kindern mit Deutsch als Erstsprache wurden systematisch mit jenen von L2-Kindern verglichen. Die bisherigen Analysen deuten darauf hin, dass L2-Kinder bei den stärker sprachbasierten Aufgaben signifikant niedrigere Werte erzielen. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit sprachneutraler Testverfahren für L2-Kinder im Kindergarten. Als zentrale Implikation dieser Befunde arbeiten wir derzeit an der Weiterentwicklung sprachneutraler Aufgaben für den Einsatz im Längsschnitt und diskutieren deren Implementierung. Eine geplante longitudinale Weiterverfolgung der Stichprobe wird untersuchen, ob diese Verfahren zuverlässige Prädiktoren für den späteren Schriftspracherwerb darstellen. Stichworte: Schriftsprachentwicklung, Sprachhintergrund, Phonologische Fähigkeiten, Reimfähigkeit, Wortschatz, Kindergarten Literatur: Chilla, S. (2020). Mehrsprachige Entwicklung. In S. Sachse, A.-K. Bockmann, & A. Buschmann (Eds.), Sprachentwicklung: Entwicklung – Diagnostik – Förderung im Kleinkind- und Vorschulalter (pp. 109–130). Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-60498-4_5 Dunn, L. M., Dunn, D. M., Lenhard, A., Lenhard, W., Segerer, R., & Suggate, S. (2015). PPVT 4: Peabody picture vocabulary test—4. Ausgabe. Pearson Assessment & Information GmbH Juska-Bacher, B., Röthlisberger, M., Brugger, L., & Zangger, C. (2021). Lesen im 1. Schuljahr: Die Bedeutung von phonologischer Bewusstheit, Benennungsgeschwindigkeit und Wortschatz. In S. Gailberger & C. Sappok (Eds.), Weiterführende Grundlagenforschung in Lesedidaktik und Leseförderung: Theorie, Empirie, Anwendung (pp. 11–26). https://doi.org/10.46586/SLLD.189 Schulz, P., Grimm, A., Schwarze, R., & Wojtecka, M. (2017). Spracherwerb bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache: Chancen und Herausforderungen. Entwicklungsverläufe Verstehen, 190–207. Stichworte: Schriftsprachentwicklung, Sprachhintergrund, Phonologische Fähigkeiten, Reimfähigkeit, Wortschatz, Kindergarten Creativity in Early Childhood: Erste Befunde zur Validierung des tabletbasierten CREAlyx-Verfahrens im Kindergarten Kreativität gilt als zentrale überfachliche Kompetenz (OECD, 2018) und steht mit Problemlösefähigkeiten, Ambiguitätstoleranz und selbstreguliertem Lernen in Zusammenhang (Barbot & Heuser, 2017) – Fähigkeiten, die in unserer sich rasant verändernden Welt immer bedeutsamer werden. Für die Untersuchung der Entwicklung kreativer Kompetenzen im schulischen Kontext braucht es Messinstrumente, die ab dem Eintritt in die Volksschule einsetzbar sind. Zur Kreativitätsmessung dominieren Testverfahren, die verbal oder zeichnerisch operationalisiert primär das divergente Denken erfassen und vorwiegend bei älteren Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden (Reiter-Palmon et al., 2019; OECD, 2024). Für das Kindergartenalter erscheinen aufgrund der heterogenen sprachlichen und kognitiven Voraussetzungen Testverfahren mit einem zeichnerischen Zugang sinnvoll, die zudem über das divergente Denken hinausgehen und Einblicke in den kreativen Prozess erlauben. Daher wurde in der Zurich Learning and Progress Study (LEAPS) der für diese Altersstufe neuartige tabletbasierte crealxy zur Erfassung der kindlichen Kreativität eingesetzt. Neben dem divergenten Denken werden auch verschiedene Prozessmerkmale der Aufgabenbearbeitung (Barbot, 2018) erfasst. Darauf zugeschnittene maschinelle Lernansätze ermöglichen darüber hinaus eine automatisierte Auswertung der produzierten Zeichnungen (AuDrA; Patterson et al., 2022), was das effiziente Auswerten grosser Datenmengen begünstigt. Fragestellung: Der Beitrag beleuchtet die Frage, inwiefern die Kreativität von Kindergartenkindern mit dem crealyx reliabel und valide erfasst werden kann, und präsentiert erste Befunde zur Validierung des crealyx für Kindergartenkinder. Methode: Der Test wurde in Gruppensettings von bis zu sechs Kindern eingesetzt. Die Kinder bearbeiteten auf einem Tablet eine Zeichenaufgabe mit 18 Stimuli aus abstrakten, unvollständigen Formen (Barbot, 2018), die in zufälliger Reihenfolge präsentiert wurden. Standardisierte Instruktionen durch geschulte Testleitungen forderten auf, die Formen möglichst originell und zügig weiterzuzeichnen. Die Testzeit betrug sieben Minuten. Für die ersten sieben Zeichnungen wurden zudem Titel durch Testleitungen eingetragen. Insgesamt wurden 1094 Kinder getestet (49.2 % weiblich; 65 % mit Deutsch als Erstsprache). Die Stichprobe umfasst 790 Kinder im 1. Kindergartenjahr (Kohorte B; M = 5.06 Jahre, SD = 0.32) und 304 Kinder im 2. Kindergartenjahr (Kohorte A; M = 6.05 Jahre, SD = 0.33). Insgesamt wurden 11'761 Zeichnungen produziert. Ergebnisse: Für Anhaltspunkte zum divergenten Denken wurden die Zeichnungen pro Kind hinsichtlich Flüssigkeit und Originalität ausgewertet. Während die Flüssigkeit der Anzahl der produzierten Zeichnungen entspricht, wurde die Originalität mithilfe des ML-basierten Ansatzes AuDrA (Patterson et al., 2022) ermittelt. Die geloggten Zeitstempel und Zeichenbewegungen erlauben die Segmentierung der Aufgabenbearbeitung in die Prozessmerkmale Exploration, Produktion und Evaluation (Barbot, 2018). Zur ersten Validierung des eingesetzten Verfahrens wurden die verschiedenen ermittelten Kreativitätsindikatoren im Hinblick auf Kohortenunterschiede und Korrelationsmuster analysiert. Erste Ergebnisse weisen auf Kohortenunterschiede bezüglich der Flüssigkeit und Exploration hin: Kinder im zweiten Kindergartenjahr produzierten mehr weitergezeichnete Formen und benötigten weniger Explorationszeit als Kinder im ersten Kindergartenjahr. Hingegen ist die ML-eingeschätzte Originalität bei den jüngeren Kindern höher als bei den älteren Kindern (MB = 0.33, MA = 0.31; t(578.16) = -4.57, p < .001). Der Zusammenhang zwischen Kohorte und Originalität bleibt auch unter Kontrolle der Flüssigkeit bestehen (b = 0.011, SE = 0.004, t(935) = 2.62, p = .009). Dieses Verhältnis von Originalität und Flüssigkeit (Said-Metwaly et al., 2022) bestätigt sich auch in den Korrelationsmustern: Je höher die ML-eingeschätzte Originalität, desto weniger Formen wurden gezeichnet (rB = –.43; rA = –.44, p <.01). Gleichzeitig zeigt sich ein positiver Zusammenhang mit der Explorationszeit (rB = .26; rA = .27, p <.01), was bestätigt, dass originellere Lösungen mehr Exploration benötigen (Barbot, 2018). Die Ähnlichkeit der Korrelationsstrukturen in beiden Kohorten spricht für die Stabilität des Testverfahrens. Weitere Validierungsanalysen mit Expertenratings und Aussenkriterien sind ausstehend und werden bis zum Kongress vorliegen. Bedeutung: Erste Befunde zeigen, dass der cealyx im Kindergartenalter einsetzbar ist und gleichzeitig eine vielversprechend differenzierte Kreativitätserfassung über die Kombination aus klassischen Indikatoren, Prozessmerkmalen und ML-generierten Indikatoren ermöglicht. Stichworte: Kreativität, Kindergarten, Machine Learning, Entwicklung, Diagnostik | ||
