SSRE-SSFE-congrès annuel 2026
17-19 Juin 2026
Haute école pédagogique de Saint-Gall
Programme de la conférence
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SYMP 38: Sur la dialectique de la modernité numérique. En quoi la numérisation accentue-t-elle les tensions liées à la construction du sujet ?
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Zur Dialektik der digitalen Moderne. Wie verschärft die Digitalisierung die Spannungsfelder der Subjektbildung? Theoretischer Hintergrund Die moderne Bildungstheorie seit Herbart und Humboldt befasst sich mit der Frage, wie Menschen durch Bildung zu selbstbestimmten und urteilsfähigen Subjekten heranreifen können (Herbart 1984, Humboldt 2002, Klafki 2007). Heute wird Subjektbildung zunehmend von der Digitalisierung mitbestimmt (Carstensen et al. 2013). Sie verändert unsere Selbst- und Weltverhältnisse und damit die Art, wie wir Subjekte werden. Unser Forschungsprojekt verortet Digitalisierung im Kontext der Moderne. Digitale Technologien, so unsere Hypothese, verschärfen Dynamiken der Subjektwerdung, die bereits in der Moderne angelegt sind. Wer das digitale Selbst erfassen will, muss die Ideale und die Genealogien des modernen Subjekts verstehen und nachvollziehen. Ein Tiefenverständnis der Digitalität soll angehenden Lehrpersonen dabei helfen, sowohl mit den Möglichkeiten als auch mit den Gefahren der Digitalisierung professioneller umzugehen. Unser Projekt betrachtet das moderne Bildungsideal einer werdenden Subjektivität vor dem Hintergrund verschiedener Spannungsfelder: (1) Klassisch ist der Gegensatz zwischen aufklärerischer Rationalität (Objektivität) und romantischer Innerlichkeit (Subjektivität). Problematisch wird dies immer dann, wenn sich das Subjekt einer instrumentellen Vernunft unterordnet (Effizienzdenken, Bürokratie) oder sich im Individualismus verliert (Horkheimer/Adorno 2022, Habermas 1985). (2) Das moralische Subjekt steht zwischen strenger Rationalität (Kant 2011) und ästhetischer Erfahrung (Schiller 2004). Problematisch wird dies sowohl in einem realitätsfernen moralischen Rigorismus als auch in einem moralischen Pluralismus und Orientierungsverlust. (3) Auch die produktive Dialektik von Integration (Anpassung) und Autonomie wird dann prekär, wenn sich das Ich entweder in übergeordneten Strukturen verliert oder in Hyperindividualität vereinzelt (Reckwitz 2019). Wie verschärft die Digitalisierung diese Dichotomien? (1) Im Spannungsfeld von Subjektivität und Objektivität schaffen Datentechnologien einerseits neue Formen objektiver Vernunft (datenbasierte Analysen, z.B. SPSS), eröffnen andererseits kreative Freiräume für ästhetische Selbstentfaltung (KI-Bildgeneratoren wie Midjourney). Eine problematische Entwicklung besteht in der Objektivierung und Quantifizierung des Subjekts, beispielsweise bei der Selbstvermessung durch Fitness-Apps (Ruckenstein/Schüll 2017). (2) Im digitalen Raum spiegelt sich die Dialektik ethischer Subjektivität zwischen Rationalität und ästhetischer Erfahrung in algorithmisch gesteuerten Entscheidungen (KI-Systeme in der medizinischen Ethik) und digital-immersiven, ästhetisch vermittelten moralischen Erfahrungen (Virtual Realität, Augmented Reality). Gleichzeitig wird die moralische Urteilskraft in digitalen Medien durch Filterblasen, algorithmische Vorauswahl und die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie spürbar untergraben. Zum Beispiel steuert der TikTok-Algorithmus Inhalte nach Likes und Verweildauer, wodurch NutzerInnen oft nur noch einseitige Sichtweisen präsentiert bekommen (Floridi 2013). (3) Auch das Verhältnis von Integration und Autonomie verschärft sich. Globale Plattformen binden Subjekte einerseits in datenbasierte Strukturen ein (Online-Shopping, Google-/Apple-Maps), während andererseits personalisierte Feeds und digitale Identitäten zumindest potenziell Einzigartigkeit erzeugen (Online-Profile in Social Media). Gleichzeitig entstehen prekäre digitale Fremdbestimmungen und neue Abhängigkeiten durch algorithmisch erzeugten Anpassungszwang (Zuboff 2019). Beispielsweise besteht der Druck auf Instagram, populären Inhalt zu posten, um für den Algorithmus sichtbar zu bleiben (Pariser 2011). Forschungsfrage Wie verschärft die Digitalisierung die in der Moderne angelegten dialektischen Spannungsverhältnisse und was bedeutet dies für den modernen Bildungsbegriff? Forschung/Design/Methode Methodisch verfolgt das Projekt dialektische (Spannungsverhältnisse der Subjektbildung), bildungstheoretische (Klärung moderner Bildungskategorien) und genealogische (digitale Phänomene werden als Weiterführung moderner Selbst- und Weltverhältnisse begriffen) Ansätze. Zusätzlich werden exemplarische empirische Fallstudien zu KI-gestützten Lernumgebungen (adaptive Lernplattformen, automatisiertes Feedback), ästhetisch-medialen Lernsettings (VR/AR, digitale Kunsttools oder kreative Medien-Apps) und sozialen Medien im schulischen Lernen (Instagram-, TikTok- oder YouTube-basierte Lernprojekte, z.B. Vlogs, Erklärvideos, ästhetische Selbstinszenierungen) durchgeführt. Resultate/Bedeutung Die Resultate sollen der Professionalisierung angehender Lehrpersonen unter den Bedingungen der Digitalisierung dienen. Anvisiert ist eine Lehrveranstaltung als Teil des Moduls ‚Professionswissen Digitalisierung‘ im Rahmen berufsethischer Reflexion. Angehende Lehrpersonen sollen die Digitalisierung vor dem Hintergrund des modernen Bildungsbegriffs und der Mechanismen moderner Subjektwerdung vertieft verstehen und kritisch reflektieren. Sie sollen etwa die Transformation zur ethischen Subjektivität fördern, indem sie sowohl Urteilskraft gegenüber algorithmischen Systemen stärken als auch ästhetische, erfahrungsbasierte moralische Bildung im digitalen Raum nutzen. Présentation du symposium Selbstwerdung in Autonomie und Authentizität. Potenziale des modernen Bildungsbegriffs Über Nutzen und Gefahren der Digitalisierung zu streiten, bleibt ohne ideengeschichtliche Tiefendimension, wenn wir nicht die substanziellen Potenziale (die 'Versprechen' und tatsächlichen Möglichkeiten) der Moderne und insbesondere des modernen Bildungsbegriffs (Herbart 1984, Humboldt 2002) uns vergegenwärtigen: Dass wir selbstbestimmt und authentisch uns selbst entdecken und wir selbst werden dürfen. Wie verändert die Digitalisierung diese positiven Möglichkeiten, die hier eröffnet wurden? (Carstensen u.a. 2013) Literaturverzeichnis (auch für den Manteltext des gesamten Beitrags) Adorno, T. W. (2007). Vorlesung über negative Dialektik. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Biesta, G. (2010). Good education in an age of measurement. Boulder, CO: Paradigm Publishers. Butler, J. (1997). The psychic life of power. Stanford, CA: Stanford University Press. Carstensen, T., Schachtner, Ch., Heidi Schelhowe, H., Beer, R. (Hrsg.) (2013). Digitale Subjekte: Praktiken der Subjektivierung im Medienumbruch der Gegenwart. Bielefeld: transcript. Cassirer, E. (2000). Die Philosophie der Aufklärung. Hamburg: Meiner. Floridi, L. (2013). The Ethics of Information. Oxford: Oxford University Press. Graf, U., Iwers, T., Altner, N., & Staudinger, K. (2024). Persönlichkeitsbildung in Zeiten von Digitalisierung (p. 218). Verlag Julius Klinkhardt. Habermas, J. (1985). Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Herbart, J. F. (1984). Umriß pädagogischer Vorlesungen. Paderborn: Schöningh. Horkheimer, M., & Adorno, T. W. (2022). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer. Humboldt, W. von (2002). Theorie der Bildung des Menschen (Hrsg. H. G. Gadamer). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Jörissen, B., & Marotzki, W. (2008). Neue Bildungskulturen im „Web 2.0“: Artikulation, Partizipation, Syndikation. In F. von Gross, W. Marotzki, & U. Sander (Eds.), Internet –Bildung – Gemeinschaft (203–225). Wiesbaden: Springer VS. Kant, I. (2011). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Hrsg. W. Weischedel). Frankfurt am Main: Suhrkamp. Klafki, W. (2007). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Weinheim u.a.: Beltz. Marotzki, W., & Jörissen, B. (2020). Bildungstheorie und Medienbildung. In Handbuch Medienpädagogik (1–15). Wiesbaden: Springer VS. Pariser, E. (2011). The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You. New York: Penguin Press. Reckwitz, A. (2019). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ruckenstein, M./Dow Schüll, N. (2017). The Datafication of Health. Annual Review of Anthropology Volume 46. Schiller, F. (2004). Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Stuttgart: Reclam. Taylor, C. (2009). Ein säkulares Zeitalter. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Zuboff, S. (2019). The age of surveillance capitalism. London: Profile Books. Dialektiken der Subjektbildung im Zeitalter der Digitalisierung In diesem Beitrag werden die Spannungsverhältnisse der modernen Selbstwerdung und deren Verschärfung durch die Digitalisierung erläutert. (1) Im Spannungsfeld von Subjektivität und Objektivität schaffen Datentechnologien einerseits neue Formen objektiver Vernunft (datenbasierte Analysen, z.B. SPSS), eröffnen andererseits kreative Freiräume für ästhetische Selbstentfaltung (KI-Bildgeneratoren wie Midjourney). Eine problematische Entwicklung besteht in der Objektivierung und Quantifizierung des Subjekts, beispielsweise bei der Selbstvermessung durch Fitness-Apps (Ruckenstein/Schüll 2017). (2) Im digitalen Raum spiegelt sich die Dialektik ethischer Subjektivität zwischen Rationalität und ästhetischer Erfahrung in algorithmisch gesteuerten Entscheidungen (KI-Systeme in der medizinischen Ethik) und digital-immersiven, ästhetisch vermittelten moralischen Erfahrungen (Virtual Realität, Augmented Reality). Gleichzeitig wird die moralische Urteilskraft in digitalen Medien durch Filterblasen, algorithmische Vorauswahl und die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie spürbar untergraben. Zum Beispiel steuert der TikTok-Algorithmus Inhalte nach Likes und Verweildauer, wodurch NutzerInnen oft nur noch einseitige Sichtweisen präsentiert bekommen (Floridi 2013). (3) Auch das Verhältnis von Integration und Autonomie verschärft sich. Globale Plattformen binden Subjekte einerseits in datenbasierte Strukturen ein (Online-Shopping, Google-/Apple-Maps), während andererseits personalisierte Feeds und digitale Identitäten zumindest potenziell Einzigartigkeit erzeugen (Online-Profile in Social Media). Gleichzeitig entstehen prekäre digitale Fremdbestimmungen und neue Abhängigkeiten durch algorithmisch erzeugten Anpassungszwang (Zuboff 2019). Beispielsweise besteht der Druck auf Instagram, populären Inhalt zu posten, um für den Algorithmus sichtbar zu bleiben (Pariser 2011). Floridi, L. (2013). The Ethics of Information. Oxford: Oxford University Press. Habermas, J. (1985). Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Horkheimer, M., & Adorno, T. W. (2022). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer. Kant, I. (2011). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Hrsg. W. Weischedel). Frankfurt am Main: Suhrkamp. Pariser, E. (2011). The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You. New York: Penguin Press. Reckwitz, A. (2019). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ruckenstein, M./Dow Schüll, N. (2017). The Datafication of Health. Annual Review of Anthropology Volume 46. Schiller, F. (2004). Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Stuttgart: Reclam. Zuboff, S. (2019). The age of surveillance capitalism. London: Profile Books. Prekäre Subjekte: Sinnhaftigkeit und Subjektivität in digitalisierten Bildungsprozessen Subjektivierungs- und bildungstheoretisch (Ricken 2019) ist die Erfahrung von Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns als Erfahrung einer möglichen Einheit von Sinnlichkeit und Verstand zentral für die Herausbildung von Subjektivität. Die reale Basis solcher Erfahrung ist angesichts widersprüchlicher Erwartungen und komplexer Situationen, mit denen jedes Individuum konfrontiert wird, prekär und muss durch Vorstellungskraft, Deutungs- und Ausdrucksweisen ergänzt und geformt werden. Wenn durch die fortschreitende Digitalisierung die Lebenswelten mehr und mehr zu Medien- Bilder- Zahlenwelten werden, muss bildungstheoretisch der Einfluss und die Folgen dieser Transformation der Erfahrungsgrundlagen für die Subjektivierung unter dem Aspekt der Sinnhaftigkeit verstärkt bedacht, erforscht und in die Lehre integriert werden. (Fuchs 2025) Fuchs, M. (2025). Subjekt-Subjektivierung-Bildung. Zur pädagogischen Relevanz der Debatte über die Dezentrierung des Subjekts. Ricken, N. u. a. (2019): Subjektivierung. Weinheim/Basel: Beltz-Juventa. | ||
