Conference Agenda
Overview and details of the sessions of this conference. Please select a date or location to show only sessions at that day or location. Please select a single session for detailed view (with abstracts and downloads if available).
|
Daily Overview |
| Session | ||
SYMP 30
| ||
| Presentations | ||
Zugehörigkeiten und Sprachenlernen bei geflüchteten ukrainischen Schüler:innen in Deutschschweizer Schulen. Einblicke in drei qualitative Langzeitstudien Als im Februar 2022 der Angriffskrieg auf die Ukraine Millionen von Menschen in die Flucht trieb, kamen auch viele Ukrainer:innen in die Schweiz, darunter viele schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Diese wurden ins Schweizer Schulsystem aufgenommen, mit getrennten Sprachkursen, einer Kombination aus Sprachkursen und Regelunterricht oder der Direktintegration in eine Regelklasse (Ruedin 2025, 52). Bislang gibt es nur vereinzelte Studien über diese Thematik (ebd., 51ff.). Im geplanten Symposium wird die (langfristige) Situation dieser Schüler:innen in Bezug auf ihre Beschulung, das Thema Zugehörigkeit und ihr Sprachenlernen beleuchtet. Die drei Beiträge haben gemeinsam, dass sie auf längsschnittlichen qualitativen Daten basieren. Die Kinder und Jugendlichen besuchen unterschiedliche Schulstufen: von der Unterstufe der Primarschule bis zum Gymnasium. Die Projekte liefern Erkenntnisse in einem fast unerforschten Bereich, der für Fragen der Bildungsgerechtigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Alle Beiträge werden vom Konzept der Zugehörigkeit gerahmt. Yuval-Davis (2006, 197) beschreibt Zugehörigkeit als emotionale Bindung, bei welcher es darum geht, sich ‚zu Hause‘ und sich ‚sicher‘ zu fühlen. Yuval-Davis weist darauf hin, dass Zugehörigkeit durch Selbstidentifikation oder durch Fremdidentifikation entstehen kann (ebd., 199). Der Grad der Zugehörigkeit kann stabil, umstritten oder vorübergehend sein. Selbst in ihren stabilsten Formen ist Zugehörigkeit jedoch immer ein dynamischer Prozess und basiert auf Machtverhältnissen (ebd., 199). Zugehörigkeit beinhaltet eine Dimension, die mit sozialen Bindungen und Beziehungen zusammenhängt (Anthias 2006, 21). Durch die Flucht aus ihrer Heimat stellen Geflüchtete fest, dass ihre bisherigen Zugehörigkeiten nicht mehr gelten. Geflüchtete müssen ein neues Zugehörigkeitsgefühl (sense of belonging) entwickeln. Dies gilt auch für geflüchtete Schulkinder, die mit wenig Kenntnissen der Schulsprache neue Zugehörigkeiten mit Peers und Lehrpersonen entwickeln müssen. Die übergeordneten Fragen lauten: Welche Bedeutung hat Zugehörigkeit für die Inklusion am neuen Schulort? Wie werden die ukrainischen Kinder durch Unterrichtspraktiken und -umgebungen gegenüber ihren Peers als (nicht) zugehörig positioniert und wie sprechen sie (und ihre Eltern) über ihre Erfahrungen damit? Wie erleben ukrainische Geflüchtete das Sprachenlernen in der Diglossie? Können Chancengerechtigkeit und Bildungsteilhabe durch Zugehörigkeit verbessert werden? Im ersten Vortrag wird eine Fallstudie zu den Fragen vorgestellt: «Wie ist ein ukrainisches Kind von der 1. bis zur 3. Klasse in Unterrichtspraktiken der Differenzierung und Homogenisierung involviert? Wie wird Zugehörigkeit durch diese Praktiken hergestellt?» Ethnographische Befunde zeigen: Das Kind wird in der 1. und 2. Klasse von der Lehrperson als Teil der Klasse, aber auch als anders als die anderen angesprochen. In der 3. Klasse wird es als Teil der Klasse positioniert. In der zweiten (englischsprachigen) Präsentation fokussiert die Autorin auf die Frage “Wie wirken sich verschiedene Lernumgebungen beim Zweitspracherwerb bei geflüchteten Schüler:innen auf ihre Motivation zum Deutschlernen in Primarschulen aus? Welchen Einfluss haben diese Lernumgebungen auf ihre sozialen Beziehungen?“ Die Analyse ergab, dass die Auswirkungen der L2-Lernumgebungen und der Peer-Gruppen am stärksten sind und sich über den Forschungszeitraum veränderten. Im dritten Referat wird anhand von zwei Fallbeispielen der beiden Jugendlichen “Sanna” und “Mykola”, die Direktintegration als Hospitant:in in ein Gymnasium präsentiert. Die Autorin geht der Frage nach, ob und wie die beiden Zugehörigkeit herstellen konnten und welche Herausforderungen sie bewältigten. Es zeigt sich, dass formelle Aspekte (Hospitant:in vs. regulärer Promotionsstatus), Freundschaften mit Peers sowie Sprachkompetenzen entscheidend für die Zugehörigkeiten sind. Alle Beiträge basieren auf longitudinalen (mindestens zwei Jahre dauernden) qualitativen Studien. Zwei Projekte sind ethnografisch ausgerichtet, in zweien wurden Interviews durchgeführt. Die Datenerhebungen fanden ab 2022 statt. Die Auswertungsverfahren (Grounded Theory bzw. qualitative Inhaltsanalyse) ermöglichen dichte, überraschende Einblicke in kaum erforschte Felder. Ablauf - Einleitung durch die Chairs (5 min) - drei Referate à 18-20 min, danach jeweils 2min für Fragen - Diskussionsrunde (25 min); zweispraching deutsch/englisch, Moderation durch Chairs Presentations of the Symposium Differenzierung und Homogenisierung: Eine ethnographische Längsschnittstudie über ein geflüchtetes ukrainisches Kind in einer Schweizer Primarschule (1. bis 3. Klasse) Seit 2022 sind viele ukrainische Kinder in die Schweiz gekommen, aber es gibt nur wenige Untersuchungen zum Schulalltag dieser Kinder (Ruedin 2025). Dieser Beitrag präsentiert eine Fallstudie aus einem ethnographischen Längsschnittforschungsprojekt an einer Schweizer Pri-marschule vor und stellt die Forschungsfragen: Wie wird ein geflüchtetes ukrainisches Mädchen in Praktiken der Differenzierung und Homogenisierung im Klassenzimmer einbezogen? Wie wird es auf Standarddeutsch und Schweizerdeutsch adressiert? Wie zeigen sich in diesen Prak-tiken Konstruktionen von Zugehörigkeit? Wie verändern sich diese Praktiken vom ersten bis zum dritten Schuljahr? In Anlehnung an erziehungswissenschaftliche praxistheoretische Kon-zepte (Bittner et al. 2018) werden Differenzierung und Homogenisierung als zwei Möglichkei-ten für den Umgang mit wahrgenommener Heterogenität in Klassenzimmern verstanden (Bud-de 2018); Zugehörigkeit wird in Anlehnung an Yuval-Davis (2006) und Mecheril (2020) als sozial konstruiert und veränderbar konzeptualisiert. Die ethnographischen Daten wurden durch Feldnotizen während teilnehmender Beobachtung (Okt. 2023 –Juni 2026) in einer Deutschschweizer Primarschulklasse erhoben, in der es viele migrationsbedingt mehrsprachige und wenige Schweizerdeutsch sprechende Kinder gibt. Der Fokus für diesen Vortrag liegt auf einem Kind und seinen Lehrpersonen. Im Längsschnitt wer-den Komplexitäten, Veränderungen und Kontinuitäten in alltäglichen Praktiken aufgezeigt. Die Daten wurden mit Hilfe der konstruktivistischen Grounded Theory (Charmaz 2025) analysiert. Die Befunde zeigen, dass „Oksana” in komplexe Praktiken in Bezug auf Differenzierung und Homogenisierung involviert ist: Sie wird als Teil der Klasse angesprochen, aber auch als ver-schieden von der Mehrheit. Im Laufe von drei Schuljahren und ihrer Lernprozesse von Deutsch und Schweizerdeutsch (Zettl in Begutachtung) erlebt sie Praktiken, die sich verändern. In der ersten Klasse der Primarschule singt sie «Mir sind e Chlass» und andere Lieder auf Schweizer-deutsch im «Morgenkreis», die Homogenität und Zugehörigkeit für die ganze Klasse zum Aus-druck bringen; aber sie wird auch auf Standarddeutsch angesprochen, was ein Dilemma auf-zeigt: Dies soll ihr beim Sprachenlernen helfen, schafft aber auch eine Differenz zu anderen Kindern, die auf Schweizerdeutsch angesprochen werden (Knoll & Jaeger 2020). In der zwei-ten Klasse spricht die Lehrerin sie häufiger wie andere Kinder auf Schweizerdeutsch an, aber es gibt immer noch Situationen, in denen sie anders als andere auf Standarddeutsch angesprochen wird und antwortet, wodurch eine subtile Differenzierung aufrechterhalten wird. In der dritten Klasse, mit einem neuen Lehrer und einem neuen Umfeld, ist die Unterrichtssprache für die gesamte Klasse ausschließlich Standarddeutsch; Homogenisierung und Zugehörigkeit zur Klas-se werden nicht mehr über den Dialekt, sondern über Standarddeutsch hergestellt. «Oksana» wird wie alle anderen Kinder adressiert und hat keine Sonderrolle mehr in der Klasse. Methodisch trägt die Langzeitstudie zum Verständnis der Dynamik zugehörigkeitsrelevanter Praktiken über mehrere Jahre bei. Sie liefert Erkenntnisse, die nicht nur für die Soziolinguistik, die Sprachpädagogik und die Migrationsforschung wertvoll sind, sondern auch für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen, um den Alltag geflüchteter Kinder besser zu verstehen und diese unterstützen zu können. Socio-contextual factors and second language motivation: Ukrainian refugee students’ experiences of learning German in Swiss primary schools Drawing on extensive research on second language learning and motivation (Gass et al., 2020; Dörnyei, 2010; Dörnyei & Ushioda, 2021; Gardner, 1985), and based on the social context model (Clement, 1980) and classroom-focused motivation framework (Dörnyei, 1994), the au-thor explores socio-contextual factors that play a significant role in shaping second language motivation in refugee children. The data on which this contribution is based was collected for a longitudinal research project on Ukrainian refugees’ perspectives on primary schools and sec-ond language acquisition in Swiss schools (Abramicheva, 2023; 2025), carried out across the Canton of Zug. The exploratory study carried out within the framework of a qualitative meth-odology (Cohen et al., 2007; Gass et al., 2020) revealed multiple factors that influence refugee children's learning of German as a second language in the host country schools and affect their motivation to learn German in the context of German-Swiss diglossia at school. The research questions addressed in this presentation are: How do the L2 learning settings/social structures refugee primary students were placed in impact their motivation to learn German in the early stages of their inclusion in Swiss primary schools? How do various learning settings and social structures available to refugee learners affect their social relationships perceived by refugee stu-dents as important source of their motivation to learn L2? The theme of social relationships (be-longing and acceptance by a peer group, friendships for learning, out of school goal-directed activities, such as sports, etc.), is strongly related to the themes of a diglossic learning context and the dynamics of children’s perceptions of German and Swiss German, different types of learning structures intended for L2 development, and children’s perceptions of their learning and social needs and goals. The data obtained by semi-structured interviews with refugee children and their parents were contextualized by classroom observations of the participants in different learning settings (monolingual integration classes, regular Swiss classes, and DaZ classes), which allowed us to focus on the learner-in-classroom context and contextually situated motivation (Ushioda, 2009), while longitudinally collected data enabled us to address qualitative motivational developments in individual learners over time (Ushioda, 1996; Hilpert & Marchand, 2018). Qualitative content analysis of the data (Schreier, 2012) revealed that the effects of the L2 learn-ing setting and social structure are the strongest compared to other learner-external factors and vary within the research period. For example, in the initial stages of L2 learning, the DaZ class setting, characterized by small groups of non-native learners of German, proved to greatly stim-ulate refugee learners’ interest in L2 and was reported by them a place where they belong, while the regular Swiss class structure, marked by the heterogeneous and diglossic student population, proved to decrease L2 motivation in refugee learners and, for some period of time, was not as-sociated with a sense of belonging for many participants. The study confirmed the importance of successful adjustment of refugee learners to a diglossic school environment for the develop-ment of their L2 motivation. Although group dynamics & belonging affect all groups of refugee learners, regardless of their age, L2 proficiency level, or linguistic self-confidence, those who are not driven intrinsically and have lower L2 proficiency prove to be more dependent on their peers to (de)motivate them for language learning. At the same time, refugee students who report belonging to a group are more likely to report their stronger motivation to learn L2 and demonstrate stronger linguistic self-confidence. The study identifies the socio-contextual factors perceived to be in dynamic interplay with L2 motivation and might be of interest to primary school teachers and DaZ teachers involved in teaching heterogeneous classes with refugee students. «In meiner Klasse, sie sind nett, sie sind echt nett, aber sie sind einfach keine Freunde» – Bildung und Zugehörigkeit im Kontext Flucht am Beispiel von zwei Jugendlichen in einem Schweizer Gymnasium. Bildung ist ein Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft. Doch gilt das auch für geflüchtete Kin-der und Jugendliche? Ende Oktober 2025 lebten rund 70'000 Menschen aus der Ukraine in der Schweiz (SEM 2025), davon eine grosse Anzahl schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher. Trotz einiger Schwierigkeiten konnten diese Kinder relativ rasch eingeschult werden. Im Gegensatz zu Kindern, die das Asylverfahren durchlaufen müssen, läuft die Beschulung von geflüchteten Kindern mit Schutzstatus S mehrheitlich ohne Orts- und Schulwechsel ab: sie werden direkt einer Gemeinde zugeteilt und werden dort entweder in eine Regelklasse oder in einem separierten Angebot eingeschult (Herzig 2024). Erstmals wurden Jugendliche aus der Ukraine auch in Gymnasien als sogenannte «Hospitant:innen» eingeschult. Da bislang keine Erfahrun-gen mit einer Direktintegration vorhanden waren, stellte dies nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Gymnasien, die Lehrpersonen und Schulleitungen vor grosse Herausforde-rungen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bei früheren Konflikten und Kriegen immer wieder eine grössere Anzahl schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher in der Schweiz eingeschult wur-den. Konzepte, wie auf diese Situation reagiert werden soll, entstanden jedoch nur langsam, die Massnahmen der kantonalen Behörden waren pragmatisch und kleinschrittig (vgl. Truniger 2018). Für Gymnasien existierten bislang keine Konzepte für die Beschulung Geflüchteter, es gab auf dieser Stufe auch keine Angebote für Deutsch als Zweitsprache. Die Massnahmen für die neu aufgenommenen Schüler:innen erfolgten auch hier pragmatisch und kleinschrittig. Im geplanten Referat soll deshalb anhand von zwei Jugendlichen, die ich hier «Sanna» und «Mykola» nenne, exemplarisch aufgezeigt werden, welche Massnahmen bei der Direktintegra-tion von den Gymnasien ergriffen wurden und wie die Jugendlichen die Einschulung und nach-folgende Beschulung erlebten. Beide wurden im März 2022 in ein Gymnasium in der Deutsch-schweiz eingeschult und ab diesem Zeitpunkt bis Ende 2023 von der Autorin ethnografisch begleitet. Sie ist auch heute noch mit beiden Jugendlichen im Kontakt. Theoretisch wird diese Präsentation mit dem Konzept der Zugehörigkeit (belonging) (Yuval-Davis 2006; Anthias 2006) gerahmt. Im Fokus stehen dabei folgende Fragen: Welche Bedeu-tung haben verschiedene Zugehörigkeiten für die geflüchteten Jugendlichen? Wie gelang es ihnen, sich am neuen Ort zugehörig zu fühlen? Auf welche Strategien bzw. Ressourcen konnten die Schüler:innen zurückgreifen, um sich zugehörig zu fühlen? Welche Rolle spielten die Peers, die Eltern und welche die Lehrpersonen? In der Analyse zeigten sich folgende Aspekte als relevant für die Zugehörigkeit: erstens führt der Status als Hospitant:in den geflüchteten Jugendlichen täglich vor Augen, dass sie nicht voll-ständig zugehörig sind. Im Lauf der Zeit konnten die Schüler:innen einen regulären Promoti-onsstatus erreichen, doch mussten dafür zuerst die Rahmenbedingungen geklärt werden. Zwei-tens zeigte sich, das Freundschaften mit den Peers entscheidend für die Zugehörigkeit ist. Drit-tens half der Spracherwerb (Standard- und Schweizerdeutsch) sich im Verlaufe der Zeit, sich zugehörig zu fühlen. Doch zeigten sich auch hier grosse Herausforderungen, da in den Gymna-sien neben Fremdsprachen auch Fachsprachen der jeweiligen Fächer erlernt werden müssen. Die beiden Fallbeispiele stammen aus dem vom Forschungsfonds der PHZH unterstützten eth-nografisch ausgerichteten Forschungsprojekt «Bildung nach der Flucht – Chancen und Heraus-forderungen für die Teilhabe von Kindern aus geflüchteten Familien in der Schweizer Volks-schule» (2021-2023). Mit einer ‘multi-sited ethnography’ (Aden, 2019; Marcus, 1995) wurde im Projekt der Einschulungsprozess von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in die 1. bis 9. Klasse (Schuljahre 3-11) sowie die weitere Beschulung ethnografisch begleitet. Neben teilneh-mender Beobachtung in unterschiedlichen Unterrichtssituationen wurden teilstrukturierte und biographische Interviews mit den Kindern, ihren Eltern und ihren Lehrpersonen sowie anderen Akteur:innen in der Schule durchgeführt. Die ethnografischen Daten wurden nach dem Verfah-ren der Grounded Theory (Strauss und Corbin 1996) ausgewertet. | ||