SSRE-SGL-annual conference 2026
June 17-19, 2026
St.Gallen University of Teacher Education
Conference Agenda
Overview and details of the sessions of this conference. Please select a date or location to show only sessions at that day or location. Please select a single session for detailed view (with abstracts and downloads if available).
|
Daily Overview |
| Session | ||
SYMP 56
| ||
| Presentations | ||
Erinnern und Erzählen – Individuelle Biografien im Verhältnis zu ihren Kontexten in der Schweiz und in Südtirol Die pädagogische Historiografie war bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts stark ideengeschichtlich ausgerichtet, im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewann vor allem die institutionengeschichtliche Perspektive an Bedeutung (Criblez et al., im Druck). Personen spielten als Politiker:innen, als Feldherren und als „Ideenlieferant:innen“ durchaus eine Rolle, mitunter verkam die Historiografie aber auch zur Hagiografie. Die in der Geschichtstheorie und ‑methodologie seit spätestens den 1970er-Jahren stattfindenden „turns“ (Sozialgeschichte, Mikrogeschichte, Kulturgeschichte, Geschichte „von unten“, Wissensgeschichte – um nur einige zu nennen) hat die deutschsprachige pädagogische Historiografie nur teilweise und meist zögerlich rezipiert. Dies gilt insbesondere für unterschiedliche Ansätze, die sich mit der Veränderung von Kindheit und Jugend beschäftigen. Dafür stehen – neben den üblichen, vor allem schriftlichen Quellen – für die Zeit ab ca. 1930 – auch „alternative“ Zugänge zur Verfügung, weil in Forschungsprojekten mit noch lebenden Personen gesprochen werden kann. Mit Methoden von „oral history“ (Apel, 2022) bzw. biografischen Interviews (Küsters, 2009) können subjektive Erinnerungen an die Zeit des Aufwachsens, die Schulzeit, an wichtige Bezugspersonen oder an institutionelle Settings erfragt werden. Dadurch eröffnet sich ein anderer Blick auf Kindheit, Jugend, Sozialisation, Familie, Schule und Vieles mehr. Allerdings ist das subjektive Erinnern sowohl rekonstruktiv als auch konstruktiv, lückenhaft und von Vergessen geprägt wie auch gewichtet und allenfalls verzerrt durch spätere Erfahrungen. Arbeitet die historische Forschung in der Erziehungswissenschaft mit individuellen Biografien, muss sie Schwierigkeiten wie diese, aber auch Probleme der Generalisierung von Einzelfällen sinnvoll in Forschungsdesigns berücksichtigen und die individuelle Perspektive immer wieder kritisch reflektieren. Im Symposium sollen solche Fragen thematisiert und unter unterschiedlichen Perspektiven diskutiert werden. Die beiden ersten Beiträge gehen von biografischen Erzählungen über Aufwachsen, Kindheit und Jugend in den beiden Bergregionen Graubünden und Südtirol aus. In einem Kooperationsprojekt zwischen der Pädagogischen Hochschule Graubünden und der Universität Bozen/Brixen wurden in den letzten Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen Fallgeschichten des Aufwachsens zwischen den 1920er- und den 1970er-Jahren mittels biografischer Interviews erhoben, transkribiert und systematisch analysiert. Während der Beitrag zum Aufwachsen im Kanton Graubünden die Rolle sog. „relevanten Dritter“ fokussiert, stehen im Südtiroler Beitrag Erinnerung an die Zeit unter dem faschistischen Regime im Vordergrund. In diesem Beitrag wird unter anderem gezeigt, wie durch die Umwertung nach dem 2. Weltkrieg der heimliche Unterricht in der deutschen Sprache, während des faschistischen Regimes ein Akt des Widerstandes, zur Notwendigkeit im biografischen Erzählen geworden ist – auch wenn man daran gar nicht teilgenommen hat. Unter anderem ist dies ein guter Ausgangspunkt für die Überleitung in den zweiten Teil des geplanten Symposiums. Hier werden historiographische und methodologische Fragen bei der wissenschaftlichen Arbeit mit individuellen Erinnerungen zur Diskussion gestellt. Im dritten Beitrag wird aufgezeigt, wie die Analyse von individuellen Kindheits- und Jugenderinnerungen und -erzählungen in Kombination mit historischer Sozialisationsforschung (vgl. Gestrich, 1999), historischer Bildungsforschung als Institutionengeschichte sowie durch die Kontextualisierung im Sinne einer „Gesellschaftsgeschichte“ (Osterhammel, Langewiesche & Nolte, 2006), also mit multiperspektivischen Zugängen, den Grad an Generalisierungsfähigkeit erheblich steigern. Gleichzeitig gewinnen die generalisierten Aussagen insbesondere aus der Institutionengeschichte durch die Erinnerungen der beteiligten Subjekte an Bedeutung und an neuen Dimensionen. Der vierte Beitrag thematisiert Spannungsfelder, die sich bei der Erhebung und Analyse individueller (Bildungs-)Biografien öffnen. Ausgehend von biografisch-narrativen Interviews im Kontext des Nationalen Forschungsprogramms 76 «Fürsorge und Zwang» wird der Frage nachgegangen, was ein mehrperspektivischer Forschungsansatz zum Umgang mit Herausforderungen und Dilemmata beitragen kann. Presentations of the Symposium Bildungsbiographische Portraits aus der Untersuchungsregion Graubünden – kritische Ereignisse und die Rolle der relevanten Dritten Keywords: Bildungslaufbahnen, kritische Ereignisse, relevante Dritte Theoretischer Hintergrund Im Rahmen des grenzüberschreitenden Projekts Aufwachsen und Lernen in zwei Alpenregionen Südtirol und Graubünden kommt den Zeitzeugen eine zentrale Bedeutung zu, denn ohne ihre Schilderungen würden wesentliche Elemente der Vergangenheit in Vergessenheit geraten (Söhner, 2024). Um Zukunftsvorstellungen von Heranwachsenden nachzeichnen und verstehen zu können, bilden nebst dem Analyserahmen (Fend, 2008), die Biographieforschung sowie die heuristische retrospektive Methode Oral History (Söhner, 2024) Grundlagen dafür, die mündlichen Überlieferungen von Zeitzeugen als zentrale Quellen zu nutzen (ebd.). Weiter kann die Anwendung von Oral History dazu beitragen, durch Interviews die damaligen Erfahrungen und die damit verbundene Empfindungen und Gefühle, wie sie heute von den Befragten erinnert und in Bezug auf ihr eigenes Leben interpretiert werden, zu beschreiben und zu verstehen (Kelchtermans, 1990). Für Lehrerinnen und Lehrer ermöglicht das Einnehmen der biographischen Perspektive im Berufsfeld zudem besseres Verstehen der Lernenden, was ihnen hilft, Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung besser zu begleiten und zu unterstützen. Kritische Ereignisse und Phasen werden als Entwicklungsmodalität verstanden, welche vom Individuum als Periode des Wechselns und Wählens erlebt werden. Das Ergebnis an sich präsentiert sich als Kumulation eines Entscheidungsprozesses, welcher sich im Denken herauskristallisiert und Voraussetzungen, Meinungen, Überzeugungen sowie Auffassungen (über sich selbst) in Frage stellt. Fokussiert werden sogenannte kritische Ereignisse oder Schlüsselereignisse im Leben, welche zu einer wesentlichen Entscheidung drängten (ebd.). Fragestellung Welche Rolle wird den sogenannten kritischen Ereignissen und `relevanten Dritten` in der Gestaltung der Bildungslaufbahn Heranwachsender zwischen 1930 und 1960 in den biografischen Interviews zugeordnet? Forschungsdesign und -methode Studierende wurden im Rahmen der fachwissenschaftlichen Ausbildung inhaltlich in das Projekt `Kindheit und Schulzeit in den zwei Alpenregionen Südtirol und Graubünden` sowie in die Methode des themenzentrierten Interviews nach Witzel (Witzel, 2000) eingeführt (Kerle et al., 2022, 2023; Kerle & Düggeli, 2024). Der Auftrag an die Studierenden umfasste die Rekrutierung einer für das Interview geeigneten Person, die Durchführung und Aufzeichnung des Gesprächs sowie die Erarbeitung eines bildungsbiographischen Portraits der befragten Person.(ebd.). Resultate und deren Bedeutung In den bildungsbiographischen Portraits kommen die damaligen gesellschaftlichen Erwartungen, welche an die Heranwachsenden gestellt wurden, wie z. B. dass Mädchen früh heiraten oder dass die Kinder den elterlichen Betrieb übernehmen sollen, zum Ausdruck. Um diese indirekt, über die erinnerte Erzählung der Befragten beobachteten Phänomene zu beschreiben, werden zur thematischen Gliederung der bildungsbiographischen Portraits Metaphern verwendet, weil sie sich für empirische Analysen eignen (Peyer & Künzli, 1999). Aus dem Datenmaterial wurden fünf Metaphern gewonnen und theoriegeleitet beschrieben. Literatur Fend, H. (2008). Neue Theorie der Schule. Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen: Lehrbuch (2. Aufl.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. Kelchtermans, G. (1990). Die berufliche Entwicklung von Grundschullehrern aus einer biographischen Perspektive. Pädagogische Rundschau, 44, 321–332. https://www.researchgate.net/publication/263227323 Kerle, U., Augschöll Blasbichler, A. & Düggeli, A. (2022). Zeitgleiches Heranwachsen in differenten Kontexten: Kindheit und Schulzeit in Graubünden und Südtirol zwischen 1930 und 1960. Journal für Schulentwicklung(4), 64–67. Kerle, U., Augschöll Blasbichler, A. & Düggeli, A. (Hrsg.). (2023). Collana: Bd. 11. Kindheit und Schulzeit in zwei Alpenregionen: Aufwachsen und Lernen in Südtirol und Graubünden zwischen 1920 und 1970. PH Graubünden. Kerle, U. & Düggeli, A. (2024). Zukunftsvorstellungen und Bildungsverläufe in alpinen Kontexten: Heranwachsen zwischen 1930 und 1960. Tertium Comparationis, 30(2), 164–180. Peyer, A. & Künzli, R. (1999). Metaphern in der Didaktik. Zeitschrift für Pädagogik, 45. https://doi.org/10.25656/01:5945 (Zeitschrift für Pädagogik 45 (1999) 2, S. 177-194). Söhner, F. (2024). Geschichte erinnern: Grundzüge, Entwicklung und Anwendungsfelder der Oral History in der angewandten Geschichtswissenschaft. In M. Grossmann, T. Hellmuth, M. Tschiggerl & T. Walach (Hrsg.), Go Public! Zugänge zur Public History (S. 285–305). Springer VS. Witzel, A. (2000). Das problemzentrierte Interview. Forum qualitative Sozialforschung, Artikel 1 (1), Art. 22. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228. Bildungsbiographische Portraits aus der Untersuchungsregion Südtirol – Kollektives und individuelles Erinnern faschistischer Schulerfahrung Keywords: Bildungsbiographien, Faschismus, Erinnerung Theoretischer Hintergrund Die Instrumentalisierung der Schule für die nationalistischen Programme der Italienisierung der deutschsprachigen Bevölkerung sowie das Verbot des muttersprachlichen Unterrichts in den zwei Jahrzehnten nach der Annexion Südtirols durch Italien prägten eine ganze Generation nachhaltig. Der Beitrag nähert sich diesem Themenfeld zunächst über den schultheoretischen Zugang von Helmut Fend und untersucht Rekontextualisierungsprozesse der faschistischen Schule von der Makroebene gesetzlicher Vorgaben bis zu deren konkreten Umsetzungen in den lokalen schulischen Realitäten (Fend, 2008). In einem zweiten Schritt richtet sich das Interesse auf die erinnerte Rezeption der faschistischen Schule aus der Perspektive der ehemaligen Schulkinder. Unter Einbezug erinnerungstheoretischer Ansätze werden individuelle und kollektive Strategien der retrospektiven Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Italienisierungspolitik sowie deren Auswirkungen auf Lernprozesse und schulische Sozialisation analysiert (Welzer, 2002; Assmann, 2006). Ein dritter Schwerpunkt gilt der transgenerationalen Weitergabe von Einstellungen zu Bildung, die sich aus erlebten biografischen Erfahrungen und aus der unzureichenden Alphabetisierung vieler Kinder in der faschistischen Schule herausgebildet haben. Neben bildungsbiografischen Zugängen werden hierfür theoretische Ansätze zu Bildungsaspirationen sowie zu Einstellungen gegenüber der Bedeutung von Bildung herangezogen, um sich so langfristigen Wirkungen dieser historischen Schulpolitik auf Bildungsorientierungen verstehend nähern zu können (Wiezorek, 2017). Fragestellungen - Wie erinnern ehemalige Schulkinder die Erfahrungen der italienisierten Schule während der faschistischen Herrschaft? - Welche bildungsbiografischen Folgen ergaben sich aus diesen schulischen Erfahrungen für ihre weiteren Lebensverläufe? - Wie verarbeiten die Betroffenen diese Erfahrungen retrospektiv, und welche individuellen Strategien im Umgang mit einer mangelnden Alphabetisierung entwickelten? - Wie wird die faschistische Italianisierungspolitik der Schule in dem kollektiven Erinnern tradiert und gesellschaftlich verhandelt? Literatur Assmann, A. (2006). Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. C.H. Beck. Augschöll Blasbichler, A. (2021), Growing up as German-speaking children in the context of fascist Italianization measures during the interwar period. In Ricerche di Pedagogia e Didattica – Journal of Theories and Research in Education, 16, 1, pp. 171-189. Augschöll Blasbichler, A. (2023) The implementation of the Gentile Reform in South Tyrol and its effects on the educational biographies. In Civitas educationis- Education, Politics, and Culture, a. XII, n. 2., (pp. 24-44). Mimesis Edizioni, Milano-Udine. Fend, H. (2008). Neue Theorie der Schule. Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen: Lehrbuch (2. Aufl.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. Online-Ausstellung „Alphabetisierung in der fremden Sprache“ https://www.alfabetisierung.it/ Welzer, G. (2002). Das kommunikative Gedächtnis. C.H. Beck. Wiezorek, Ch., (2017) Biographieforschung und Bildungsforschung. Potenziale erziehungswissenschaftlicher Perspektiven auf die Erforschung von Lern- und Bildungsprozessen, ZQF, 1(2017), S. 21-40 Kontextualisierung, Individualisierung und Multiperspektivität in der historischen Bildungsforschung Keywords: historische Bildungsforschung, Kontextualisierung, Geschichtstheorie, historische Methodologie, Multiperspektivität, Mixed Methods Die historische Forschung in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft war bis fast ans Ende des 20. Jahrhunderts überwiegend ideengeschichtlich orientiert. Die Perspektive auf die Geschichte der pädagogischen Institutionen, insbesondere der Schule (weniger der Familie) nahm allerdings an Bedeutung zu. Die verschiedenen Innovationen in Geschichtstheorie und -methodologie (sog. «turns»), die spätestens in den 1970er-Jahren einsetzten, wurden in der historischen Erziehungswissenschaft zunächst nur zurückhaltend und insgesamt verspätet rezipiert (für einen Überblick in der Schweiz vgl. den Abschnitt zur pädagogischen Historiografie in Criblez et al. [im Druck]). Dass neue Erkenntnisse in der historischen Bildungsforschung möglich werden, wenn sie (auch) mit anderen Ansätzen – als Sozial-, Kultur- und/oder Wissensgeschichte (um nur die wichtigsten zu nennen; zur Sozialgeschichte u.a. Wehler, 1973; Kocka, 1977; Maeder, Lüthi & Mergel, 2012; zur Kulturgeschichte u.a.: Wehler, 1998; Burke, 2005; Maurer, 2008; zur Wissensgeschichte u.a. Sarasin, 2011; Burke, 2016) – betrieben wird, begann sich erst in den letzten 25-30 Jahren allmählich auf die Forschung auszuwirken. In diesem Kontext haben auch biografische Interviews und oral history als neue methodische Ansätze und neue Perspektiven wie die «Geschichte von unten», die davon ausgeht, dass sich die «grosse» Geschichte im Alltagsleben von bislang in der Historiographie kaum beachteten Menschen («klassisch»: Ginzburg, 1976/1990) rekonstruieren lässt, zunehmend Beachtung gefunden. Diese neuen Ansätze sind u.a. für die Zeitgeschichte (Bösch & Danyel, 2012) relevant, weil sie «alternative» Perspektiven eröffnen, die in den meist verschriftlichten Quellen unbeachtet bleiben. Sie rekonstruieren Geschichte von der «subjektiven Erfahrung» (van Dülmen, 2000, S. 39) her und ermöglichen es, Struktur-, Ereignis- oder Institutionengeschichte neu zu qualifizieren. Gleichzeitig bedürfen diese Ansätze Methoden des Evidenznachweises in dem Sinne, dass das Erzählte, die Geschichten von unten mehr sind als durch Erinnerung, Vergessen, Verdrängung usw. verzerrte oder produktiv ergänzte Einzelfallgeschichten von wissenschaftlich zweifelhaftem Wert. Genereller formuliert stellen sich in der historischen Bildungsforschung methodologische und historiografische Fragen nach Objektivierungs- und Individualisierungsmöglichkeiten. Dies ist, so die im Referat vertretene These, nur möglich, wenn in der Bildungsgeschichte mehrperspektivisch und parallel mit unterschiedlichen Ansätzen gearbeitet wird. Immer aber stellen sich Frage der Kontextualisierung. Denn Bildungsgeschichte ist und bleibt Teil der «Gesellschaftsgeschichte» (Hettling et al., 1991; Osterhammel et al., 2006). Möglichkeiten und Probleme von Kontextualisierung und Multiperspektivität werden an Fragen, die sich aus den biographischen Fallporträts aus dem Kanton Graubünden (vgl. Beitrag 1 im Symposium) ergeben haben, beispielhaft verdeutlicht. Plausibilisiert wird deren Notwendigkeit an den Themen der Mädchenbildung, des Zugangs zur höheren Bildung im Anschluss an die obligatorische Schulzeit und an Veränderungen in der Berufsbildung. Literatur Bösch, F. & Danyel, J. (Hrsg.). (2012). Zeitgeschichte. Konzepte und Methoden. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht. Burke, P. (2005). Was ist Kulturgeschichte? Frankfurt/M.: Suhrkamp (engl. Original: Cambridge 2004). Burke, P. (2016). What is the History of Knowledge? Cambridge: Polity Press. Criblez, L. Brühwiler, I., Crotti, C., Helfenberger, M., Hofmann, M. & Manz, K. (im Druck). Einleitung. Die Entwicklung des Bildungssystems in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. In I. Brühwiler et al. (Hrsg.), Bildungsgeschichte. Systementwicklung im 19. und 20. Jahrhundert in der deutschsprachigen Schweiz. Chronos. Ginzburg, C. (1990). Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Berlin: Wagenbach (ital. Original: Turin: 1976). Hettling, M., Huerkamp, C., Nolte, P. & Schmuhl, H.-W. (Hrsg.). (1991). Was ist Gesellschaftsgeschichte. München: C.H. Beck. Kocka, J. (1977). Sozialgeschichte. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht. Anerkennung, Kontextualisierung und Reflexion. Oral History im Kontext von Fremdplatzierungsprozessen in den Kantonen Bern und Tessin (1960–1980). Keywords: Oral History, narrative-biografische Interviews, Partizipation Theoretischer Hintergrund Oral-History-Interviews dienen in der historischen Forschung dazu, die Lebensgeschichten von Zeitzeug:innen sichtbar zu machen und die Erkenntnisse aus historischen Quellen zu schärfen. Neben Potenzialen birgt der Umgang mit narrativ-biografischen Interviews auch Herausforderungen. Unsere Forschungserfahrungen (Bühler et al., 2023) verweisen auf Spannungsfelder im Umgang mit Fragen der Aufarbeitung und Partizipation von Zeitzeug:innen in Oral History-Interviews (Immler & Kovács, 2022, S. 4). Im Projekt «Die ‚gute Familie‘ im Fokus von Schule, Fürsorge und Sozialpädagogik» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 76 «Fürsorge und Zwang» wurden Fremdplatzierungsprozesse in den Kantonen Bern und Tessin zwischen 1950 und 1980 untersucht (Bühler et al., 2023; Ducommun, 2024). Die Grundlage bildeten Behördenakten sowie narrativ-biografisch Interviews mit Personen, die als Kinder oder Jugendliche fremdplatziert wurden. Dieser Mixed-Methods-Ansatz ermöglichte es dem Forschungsteam, sowohl die in den Archivdokumenten aufscheinende Sicht der Fürsorge-, Vormundschafts- und Schulbehörden als auch die Betroffenenperspektive zu berücksichtigen (Bühler et al., 2023, S. 2). Aus Sicht der Behörden wurde die Fremdplatzierung im Sinne der Rechtsnorm des Kindeswohls entschieden. Die Betroffenen sehen sich durch die Platzierungsentscheide diskreditiert und benachteiligt (ebd., S. 4). Die narrativ-biografischen Interviews haben zu einem bedeutenden Erkenntnisgewinn über die paradoxen und langfristigen Folgen staatlicher Massnahmen geführt. Diese Erkenntnisse tragen zur Aufarbeitung der Geschichte von «Fürsorge und Zwang» (NFP 76) in der Schweiz bei. Aktivistische Betroffenen kritisierten die Aufarbeitung wegen der zurückhaltenden Berücksichtigung politischer Forderungen oder der mangelnden Partizipationsbemühungen (vgl. Hafner, 2021). Aus diesem Grund waren betroffene Personen direkt an einem der Teilprojekte beteiligt, in dem ein ethnografischer Dokumentarfilm entstand (Bollag, 2023). Der Film schaffte Raum für ihre Sichtweisen und ihre Erinnerungen an die Zugriffe von Schule und Behörden (Bühler et al., 2023, S. 7). Fragestellung Der Beitrag thematisiert die Widersprüche zwischen Aufarbeitung und Wiedergutmachung sowie zwischen Anerkennung, engagiertem Mitgefühl und einer kritisch-distanzierten Haltung. Inwiefern kann ein mehrperspektivischer Zugang dazu beitragen, die Spannungsfelder zu bewältigen, die sich beim Einbezug von betroffenen Zeitzeug:innen in den Forschungsprozess ergeben? Forschungsdesign und -methode Die Zeitzeug:innen wurden von uns im Interviewkontext als Expert:innen ihrer eigenen Erfahrung adressiert (Ducommun, 2024, S. 54; Helfferich, 2014). Die Offenheit des narrativen Gesprächs sollte ihnen erlauben, Erfahrungen anzusprechen, die ihnen wichtig waren und ihre eigene Begrifflichkeit zu verwenden. Wir erachten die Schilderungen der Betroffenen jedoch nicht als Mittel, um den Wahrheitsgehalt der Akten zu überprüfen. Vielmehr begreifen wir die Ausführungen als eine weitere Perspektive auf Fremdplatzierungen. Resultate und deren Bedeutung Das Forschungsteam setzte sich mit dem Dilemma zwischen der wissenschaftlich-distanzierten Aufarbeitung und dem Wunsch von Betroffenen nach Anerkennung und Rehabilitation auseinander und berücksichtigte einige Anforderungen einer qualitativen und sozialanthropologisch informierten Sozialforschung (Immler & Kovács, 2022, S. 4). Es konnten jedoch nicht alle aus der Oral History resultierenden Spannungsfelder aufgelöst werden. Dies verweist darauf, dass der Forschungsprozess als Ganzes reflektiert werden muss. Literatur Bollag, J. (2023). Und dann wurden wir weggenommen [Film]. In: Plattform für digitale Unterrichtsmaterialien "laPlattform". Pädagogische Hochschule Freiburg (HEP|PH FR). Bühler, C.; Deluigi, T., Bollag, J., Bascio, T., Ducommun; M. & Hafner, U. (2023). Die "gute Familie" im Fokus von Schule, Fürsorge und Sozialpädagogik. Schweizerischer Nationalfonds. Ducommun, M. (2025). Kategorisiert, verwaltet und platziert. Fremdplatzierungsprozesse in den Kantonen Bern und Tessin, 1960 bis 1980. Seismo. Hafner, U. (2021). Drinking coffee with my “victims”: The risks incurred when a historian makes a public intervention in the present. Histories, 1(1), 42-51. Helfferich, C. (2014). Leitfaden- und Experteninterviews. In N. Baur & J. Blasius (Hg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (pp. 559–574). Springer. Immler, N. L. & Kovács, É. (2022). Zum politischen Anspruch der Oral History. Über das epistemische Schweigen und die ontologische Taubheit der Mehrheitsgesellschaft. Forum Qualitative Sozialforschung, 23(2). | ||
