SGBF-SGL-Jahreskongress 2026
17.-19. Juni 2026
Pädagogische Hochschule St.Gallen
Veranstaltungsprogramm
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SYMP 48: «Früher war alles besser? Zur Veränderung der Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Jugendlichen am Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II»
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«Früher war alles besser? Zur Veränderung der Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Jugendlichen am Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II» Thematische Klammer Gesellschaftliche Entwicklung ist derzeit von einem rasanten Wandel geprägt. Zu denken ist in diesem Zusammenhang beispielsweise an die voranschreitende Digitalisierung, das Erstarken künstlicher Intelligenz (KI) oder die zunehmende kulturelle und sprachliche Heterogenität der Gesellschaft (Piccardo et al., 2019). Diese Entwicklungen führen dazu, dass sich die Rahmenbedingungen und Anforderungen in den Lebenswelten permanent und disruptiv verändern (Barabasch & Fischer, 2023). Mit Blick auf eine lebenswerte Zukunft stellt sich die Frage, über welche Kompetenzen junge Menschen verfügen müssen, damit ihnen die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe in der Zukunft möglich ist (Genner, 2019). Wenngleich im wissenschaftlichen Diskurs einerseits auf die steigende Bedeutung transversaler Kompetenzen hingewiesen wird (Döbeli Honegger, 2017), wird andererseits auch den so genannten Grundkompetenzen, z.B. in Deutsch und Mathematik weiterhin Relevanz zugeschrieben: «Foundational literacy, numeracy and basic scientific literacy skills will remain key for education in the future» (UNESCO, 2023, 37). Ferner wird argumentiert, dass z.B. Lesen und Schreiben als Grundlage literaler Kompetenz (Stavans et al., 2019) Voraussetzung für die Bewältigung zukünftiger Anforderungen wie der zielführenden Nutzung sprachbasierter KI-Tools sind (Gattupalli et al., 2023). Dementsprechend halten Vorgaben der Bildungspolitik, z.B. der Lehrplan 21 an der Bedeutsamkeit basaler Kompetenzen in Deutsch und Mathematik fest (D-EDK, 2016). Damit – sowie mit einer Sorge um eine mögliche Abnahme der Kompetenzen in den letzten Jahren – einhergehend, wurde im Kanton St.Gallen ein entsprechendes Projekt lanciert. Fragestellung des Symposium sowie Darstellung der Beiträge und Diskussionsphasen Im Rahmen des Projekts wurden mehrere Forschungsfragen untersucht. Eine dieser Fragen ist leitend für das Symposium: Inwiefern haben sich die Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Jugendlichen in den letzten zehn Jahren verändert? Fokussiert werden dabei Jugendliche aus dem Kanton St.Gallen, die am Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II stehen. Die Veränderungen in den Kompetenzen wurden unter Nutzung verschiedener Zugänge und aus verschiedenen Blickwinkeln heraus beleuchtet, die in den einzelnen Symposiums-Beiträgen separat aufgegriffen und anschliessend in einer Diskussion gesamthaft betrachtet werden. Der erste Beitrag widmet sich den Einschätzungen von Akteuren des Bildungssystems zu den Veränderungen in den Kompetenzen von Jugendlichen am Übergang. Es wurden Deutsch- und Mathematik-Lehrpersonen sowie Ausbildner:innen in teilstrukturierten Interviews zu ihren Wahrnehmungen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten eine Abnahme hinsichtlich der Ausprägung der Grundkompetenzen in Deutsch und Mathematik bei den Jugendlichen beobachten. Im zweiten Beitrag werden bestehende Daten aus dem Stellwerktest und der PISA-Studie einer Sekundäranalyse unterzogen. Es wurde untersucht, ob sich Hinweise auf eine negative Entwicklung der Deutsch- und Mathematikleistungen von Schüler:innen im Kanton St.Gallen in den letzten beiden Jahrzehnten finden lassen. Insgesamt deuten weder die Befunde der kantonalen PISA-Erhebungen in den Jahren 2000 bis 2012 noch die Analysen der Stellwerktests von 2014 bis 2022 auf signifikante Veränderungen in den Kompetenzniveaus der Jugendlichen am Ende der Sekundarstufe I hin. Im dritten Beitrag wird ein spezifischer Fokus gewählt – die Schreibkompetenzen der Jugendlichen. Konkret wurden bestehende Aufsätze aus der gymnasialen Aufnahmeprüfung aus den Jahren 2012 bis 2022 mit Hilfe automatisiert auszuwertender Textmerkmale der Common Text Analysis Platform (Chen & Meurers, 2016) sowie etablierter Formeln globaler Textkomplexität analysiert. Zudem wurde analysiert, ob sich die Lehrpersonenbeurteilung über die Jahre systematisch veränderte. Die Resultate deuten auf keine systematischen Veränderungen der Textqualität, der Deutschkompetenzen der Jugendlichen oder der Lehrpersonenbeurteilungen hin. Im Anschluss an die Beiträge ist eine Diskussionsphase geplant. Diskutiert werden kann beispielsweise, …
Beiträge des Symposiums Einschätzungen von Lehrpersonen und Ausbildenden zu den Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Jugendlichen im Wandel der Zeit Theoretischer Hintergrund: Die Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Lernenden in der Sekundarstufe I werden in der Schweiz mit verschiedenen Instrumenten systematisch überprüft. So erfasst z.B. die PISA-Studie die Kompetenzen von Lernenden, u.a. in den Bereichen Lesen und Mathematik (Erzinger et al., 2023). Die national durchgeführte Bildungsstudie zur Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK) untersuchte z.B. 2016 die Kompetenzen in Mathematik und 2017 in der ersten Schul- und Fremdsprache (Angelone & Keller, 2019; Girnat & Linneweber-Lammerskitten, 2019). Bei diesen Untersuchungen werden theoretisch fundierte und mehrfach validierte Test- und Aufgabenformate eingesetzt, die eine Vergleichbarkeit über Schulen, Regionen und teilweise Länder hinweg ermöglichen. Nichtsdestotrotz sind diese nationalen und internationalen Bildungsmonitoring-Studien immer wieder Kritik ausgesetzt, da z.B. die Stichproben nicht repräsentativ seien oder lediglich eine Querschnittsmessung durchgeführt wird, wodurch die Ausprägungen der Kompetenzen nur zu einem Zeitpunkt einschätzbar sind (Hopmann et al., 2007; Jahnke et al., 2006). Dieser Kritik lässt sich begegnen, u.a. indem die Perspektive der grossen Bildungsmonitoring-Studien durch die Erfassung von subjektiven Einschätzungen und Erfahrungen verschiedener Akteure des Bildungssystem ergänzt werden. Diese Perspektiven sind aus verschiedenen Gründen wertvoll, da sie einerseits eine Datentriangulation (Flick, 2000) ermöglichen und damit die Datenqualität verbessern. Andererseits können längsschnittliche Trends und Phänomene besser erfasst werden, da Lehrpersonen über ihre langjährigen Erfahrungen aus dem Schulalltag berichten und dabei auf wahrgenommen Entwicklungen über die Zeit verweisen können. Dieser Mehrwert scheint auch vor dem Hintergrund sich rasch verändernder Gesellschaften und den damit verbundenen Veränderungen hinsichtlich der Kompetenzanforderungen wichtig zu sein. Fragestellungen: Die vorliegende Studie erfasst solche subjektiven Einschätzungen und Erfahrungen von Lehrpersonen und Ausbildner:innen zu Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Lernenden am Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II. In diesem Zusammenhang wird den folgenden Fragen nachgegangen: (1) Wie sind die Deutsch- und Mathematikkompetenzen bei Jugendlichen aus Sicht der Befragten ausgeprägt? (2) Inwiefern haben sich die Deutsch- und Mathematikkompetenzen der Jugendlichen aus Perspektive der Befragten in den letzten 10 Jahren verändert? (3) Welche Gründe werden von den Befragten für allfällige Veränderungen identifiziert? Methodisches Vorgehen: Um die genannten Fragen zu beantworten, wurden insgesamt 18 Interviews mit Lehrpersonen aus verschiedenen Schulstufen (Oberstufe (6), Gymnasium (7), Berufsfachschule (5)) geführt, die die Fächer Deutsch und Mathematik unterrichten. Ferner wurden 8 Ausbildner:innen aus unterschiedlichen Ausbildungsberufen um Einschätzungen gebeten. Die Studie wurde im Kanton St.Gallen durchgeführt. Grundlage für die Interviews waren Interviewleitfaden, die basierend auf den erwähnten Forschungsfragen erstellt wurden. Alle Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert. Danach erfolgte die Kodierung des gesamten Materials mithilfe der Software MAXQDA. Im Anschluss wurden die codierten Transkripte mit einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet (Mayring, 2022; Kuckartz, 2018). Ergebnisse und Diskussion: Zur aktuellen Ausprägung der Deutsch- und Mathematikkompetenzen ergeben die Aussagen von Lehrpersonen und Ausbildner:innen ein stimmiges Gesamtbild. In Deutsch zeigen die Lernenden stärkere mündliche Kompetenzen, während Lese- und Schreibfertigkeiten häufig unzureichend ausgeprägt sind – sowohl beim Textverständnis als auch beim Formulieren eigener Texte. In Mathematik wurden nicht spezifische Teilkompetenzen als problematisch identifiziert; vielmehr fehlt den Lernenden oft eine solide Grundlage, was auf zu wenig Übung zurückgeführt wird. Als zentrale Ursachen für diese Defizite werden u.a. mangelnde Lernkompetenzen und eine geringe Lernmotivation angeführt. In Bezug auf die Veränderungen in den letzten 10 Jahren zeigen sich positive Entwicklungen bezüglich der mündlichen Kompetenzen, im Umgang mit digitalen Medien sowie im Selbstvertrauen der Lernenden. Zudem wird eine stärkere Gewichtung des Privatlebens gegenüber dem (zukünftigen) Berufsleben wahrgenommen. Allerdings verschlechterten sich die Grundkompetenzen in Deutsch und Mathematik in den letzten 10 Jahren nach Einschätzung der Befragten, wodurch Lernende heute mehr Unterstützung benötigen. Auch überfachliche Kompetenzen wie Lernbereitschaft und -motivation haben abgenommen. Zusätzlich beeinträchtigen Social Media verstärkt die Konzentration und den Lernprozess, was teilweise mit zunehmenden psychischen Belastungen einhergeht. Trends in Stellwerk- und PISA-Testergebnissen im Kanton St.Gallen Theoretischer Hintergrund: Für die Umsetzung von Bildungsmonitoring auf nationaler oder internationaler Ebene spielen Testresultate zu den Kompetenzen von Schüler:innen aus grossangelegten Bildungsstudien eine zentrale Rolle (Perels et al., 2018). Wesentliche Datengrundlagen sind internationale Vergleichsstudien (z.B. PISA, TIMSS), nationale Überprüfungen von Bildungsstandards bzw. Grundkompetenzen sowie Vergleichsarbeiten und Lernstandserhebungen (z.B. VERA, Stellwerk). Für belastbare Rückschlüsse auf die Entwicklung von Bildungssystemen sind insbesondere Trendanalysen bedeutsam, d.h. die Betrachtung relevanter Statistiken (z.B. Mittelwerte und Streuungen domänenspezifischer Lernergebnisse) über mehrere Erhebungszeitpunkte hinweg. Auf eine Initiative im Kantonsrat St.Gallen hin wurde im Projekt «Mangelhafte Deutsch- und Mathematikkompetenzen am Ende der Volksschulzeit?» mithilfe solcher Trendanalysen untersucht, wie sich die Deutsch- und Mathematikkompetenzen von Schüler:innen im Kanton am Ende der Pflichtschulzeit in den zurückliegenden Jahren entwickelt haben. Fragestellungen: Untersucht wurde, ob sich Hinweise auf eine negative Entwicklung der Deutsch- und Mathematikleistungen von Schüler:innen im Kanton St.Gallen in den letzten beiden Jahrzehnten finden lassen. Hierzu wurden Sekundäranalysen mit Daten der Stellwerk-Tests (https://lernpassplus.ch) aus den Jahren 2014 bis 2022 durchgeführt und kantonsspezifische Ergebnisse aus den PISA-Studien 2000 bis 2012 zusammengefasst. Methode: Mit Stellwerk-Daten wurden Veränderungen in den Mittelwerten der Testergebnisse von Schüler:innen im 8. und 9. Schuljahr (2. und 3. Oberstufe) im Kanton St.Gallen analysiert. Es wurde zwischen Stellwerk 1.0 (2014–2017) und Stellwerk 2.0 (2018–2022) unterschieden, deren Ergebnisse aufgrund einer Testrevision nicht direkt verglichen werden können. Die Analysen erfolgten in Deutsch und Mathematik, für Stellwerk 2.0 zusätzlich nach einzelnen Kompetenzbereichen (z.B. für Deutsch: Lesen, Hören, Sprache(n) im Fokus). Pro Jahr und Fach lagen die Ergebnisse von rund 3500-5000 Tests vor; im Jahr 2020 war die Stichprobe im 9. Schuljahr infolge der Covid-19-Pandemie stark reduziert (n = 806). Den Stellwerk-Tests liegt ein computeradaptives Verfahren auf Basis der Item-Response-Theorie zugrunde (van der Linden & Glas, 2010). Die geschätzten Fähigkeitswerte werden auf einer Skala mit M=500 und SD=100 transformiert. Die Analysen zu Stellwerk 1.0 basieren direkt auf diesen transformierten Werten. Für Stellwerk 2.0 wurden die vom Testsystem kodierten Antworten ausgewertet, indem die jeweils fokussierte Kompetenzdimension als latente Variable modelliert und mittels Mehrgruppen-Modellen über die Jahre verglichen wurde (Bock & Zimowski, 1997). Bezüglich PISA wurden für den Zeitraum 2000 bis 2012 die Trends in Lesen und Mathematik im Kanton St.Gallen anhand der kantonalen Berichterstattung, insbesondere des Berichts zu PISA 2012 (Buccheri et al., 2014), betrachtet. Ergebnisse: Für Stellwerk 1.0 zeigen sich im 8. Schuljahr weder in Deutsch noch Mathematik substanzielle Veränderungen des mittleren Leistungsniveaus. Innerhalb der Schultypen (Realschule, Sekundarschule) finden sich etwas niedrigere Deutschleistungen zum Ende des Zeitraums, bei allerdings geringfügigen Effektgrössen. Im 9. Schuljahr deuten sich in beiden Fächern geringfügig schwächere Leistungen gegen Ende des Zeitraums an. Die Analysen zu Stellwerk 2.0 weisen auf stabile Mittelwerte im 8. Schuljahr hin; auch für das 9. Schuljahr ergibt sich kein konsistenter Trend. Ein Leistungsabfall moderater Ausprägung ergibt sich 2022 in der Sekundarschule, kann aber vermutlich als Spätfolge der Covid-19-Pandemie interpretiert werden. Die Betrachtung einzelner Kompetenzbereiche liefert keine wesentlichen zusätzlichen Erkenntnisse, da die Bereiche hoch korreliert und die Mittelwertsunterschiede gering sind. Die PISA-Ergebnisse 2000 bis 2012 zeigen weitgehend konstante Lese- und Mathematikkompetenzen. Günstige Tendenzen – wie ein geringerer Anteil leistungsschwacher sowie ein höherer Anteil leistungsstarker Schüler:innen mit Migrationshintergrund – sind statistisch nicht abzusichern. Unter Kontrolle des sozioökonomischen Hintergrunds zeigt sich in annualisierten Leistungstrends eine zwar statistisch bedeutsame, aber geringfügige Abnahme der Lesekompetenzen, sodass auch hier von einem annähernd stabilen Leistungsniveau auszugehen ist. Diskussion: Zusammenfassend deuten weder die Stellwerk- noch die PISA-Trendergebnisse darauf hin, dass sich das Leistungsniveau der Schüler:innen im Kanton St.Gallen in Deutsch und Mathematik bedeutsam verändert hat. Die in Medien und Bildungspolitik öfters anzutreffende Vermutung eines generellen Leistungsrückgangs lässt sich auf Basis der vorliegenden Befunde für den Kanton St.Gallen demnach nicht stützen. Trends in standardisierten Prüfungstexten – Analyse schriftlicher Aufnahmeprüfungen für die Kantonsschulen im Kanton St. Gallen Theoretischer Hintergrund: Schreiben ist eine Schlüsselkompetenz unserer Gesellschaft und eine zentrale Voraussetzung für schulischen Lernerfolg (Graham, 2019), jedoch haben zahlreiche Schüler:innen Probleme bei der Textproduktion (NAEP, 2012; Neumann & Lehmann, 2008). Diese Probleme werden u.a. darauf zurückgeführt, dass schwache Schreiber:innen keine koordinierten, strategischen Planungs- und Revisionsaktivitäten zeigen (Sturm & Weder, 2016), was auch mit Defiziten auf Ebene der zentralen Exekutive in Zusammenhang gebracht wird (Graham, 1997). Die einschlägigen Studien sind allerdings in die Jahre gekommen; sie basieren zudem auf querschnittlichen Daten, sodass Trendaussagen nicht möglich sind. Einen weiteren Hinweis auf die schreibbezogenen Fähigkeiten von Schüler:innen geben die Beurteilungen von Textprodukten durch Lehrpersonen. Auch für diese liegen Trendanalysen zu Veränderungen über einen längeren Zeitraum nicht vor. Die Textbewertung ist für Lehrpersonen anspruchsvoll, da mehrere sprachliche, rhetorische und fachliche Kriterien berücksichtigt werden müssen. Eine konsistente Beurteilung fällt Lehrpersonen – oft unter hohem Zeitdruck stehend – schwer, sie weisen entsprechend eine begrenzte Interrater-Reliabilität auf (Bouwer et al., 2023). Gleichwohl sind die Urteile der Lehrpersonen für die Schullaufbahn bedeutsam, beispielsweise im Rahmen der Aufnahmeprüfungen für die Kantonsschulen im Kanton St.Gallen. Fragestellungen: Folgende Fragen wurden verfolgt: Zeigen sich Veränderungen 1. im schriftsprachlichen Leistungsniveau der Bewerber:innen und 2. in der Benotung durch die Lehrpersonen in den Aufnahmeprüfungen für die St.Galler Kantonsschulen über einen Zeitraum von 10 Jahren? Methode: Es wurden die kantonalen Aufnahmeprüfungen zu den St.Galler Kantonsschulen aus insgesamt zehn Jahren analysiert. Die Aufnahmeprüfungen lagen als Originalbearbeitungen der Schüler:innen vor. Die Prüfungen sind zweigeteilt und verlangen einen Erzählteil und einen Reflexionsteil. Die Aufsätze wurden jeweils in maximal 90 Minuten verfasst. Die Texte wurden anhand verschiedener Kriterien durch Lehrpersonen bewertet (Inhalt, Stilistik sowie Grammatik/Orthografie/Interpunktion) und es wurde eine Gesamtnote vergeben (vgl. Amt für Mittelschulen, 2012). Aus dem Gesamtkorpus von N = 5'863 handschriftlichen Texten wurde eine Zufallsauswahl von n = 883 Texten in ein maschinenlesbares Format übertragen (ca. 98 Texte/Jahr). Die Analyse der Texte anhand der Berechnung von Textmerkmalen wurde mit der Common Text Analysis Platform (CTAP; Chen & Meurers, 2016) vorbereitet. Pro Text wurden 181 Textmerkmale in folgenden Kategorien extrahiert: (1) syntaktische Komplexität, (2) referenzielle Kohäsion bzw. Kohäsionskomplexität, (3) Wortartendichte, (4) morphologische Komplexität, (5) lexikalische Komplexität und (6) weitere Komplexitätsindizes auf Basis der Dependency Locality Theory (Gibson, 1998, 2000). Über die von CTAP angebotenen Textmerkmale hinaus wurde die globale Textkomplexität ermittelt über: (1) den Lesbarkeitsindex (LIX, Björnsson, 1968) und (2) die Wiener Sachtextformel (WSTF, Dunkl, 2015). Zur Identifikation möglicher Veränderungen in den Texten auf Ebene der betrachteten Merkmale wurden lineare Regressionsanalysen durchgeführt. Dabei wurden die Lehrpersonenurteile, die CTAP-Merkmale sowie die Komplexitätsmerkmale (abhängige Variablen) mit dem Quelljahr der Aufsätze (unabhängige Variable; Jahr 2012-2022) in Beziehung gesetzt, um allfällige Trends zu identifizieren. Ergebnisse: Die Auswertung der CTAP-Merkmale ergab zwar insgesamt 85 statistisch signifikante Beziehungen zwischen dem Quelljahr der Aufsätze und einzelnen Merkmalen, allerdings lagen die Beträge der standardisierten Regressionskoeffizienten allesamt unter 0.12 und sind damit kaum praktisch bedeutsam. Für die Gesamtnote der Schreibaufsätze zeigt sich ein im Betrag minimaler, nicht signifikanter Trend (β < -0.001, t = -0.072, p = .942). Die Auswertungen der Lesbarkeitsindizes LIX (R2 = .002, t(886) = -1.459, p = .145) sowie der Wiener Sachtextformel (WSTF; R2 = .002, t(886) = -1.414, p = .158) zeigen zudem keine signifikanten Änderungen der globalen Textkomplexität. Ebenso zeigten sich keine signifikanten Trends für die Abzüge in den einzelnen Bewertungskategorien durch die Lehrpersonen (Inhalt, Stilistik sowie Grammatik/Orthografie/Interpunktion). Diskussion: Auf Basis der Auswertungen zeigen sich in den Aufnahmeprüfungen für die St.Galler Kantonsschulen keine Veränderungen im schriftsprachlichen Leistungsniveau der Bewerber:innen sowie in der Benotung durch die Lehrpersonen über einen Zeitraum von 10 Jahren. | ||
