SSRE-SGL-annual conference 2026
June 17-19, 2026
St.Gallen University of Teacher Education
Conference Agenda
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SYMP 32: Shaping a world for a future worth living: Relational perspectives on education, care, conviviality and kinship
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Weltwerden für lebenswerte Zukünfte: Relationale Perspektiven auf Bildung, Sorge, Conviviality und Verwandtschaften Fragen nach einer „Bildung für eine lebenswerte Zukunft“ und nach den Zusammenhängen zwischen gegenwärtigen Bildungsprozessen und möglichen guten Zukünften sind immer auch erkenntnistheoretische Fragen: Sie berühren die Bedingungen von Erkenntnisproduktion und die Arten und Weisen, wie Wissen – um und über Zukünfte (exempl. Aligica 2003) entsteht: «it […] matters what […] nodes or figures we think through, where we think from and whom we think with“ (Instone und Taylor 2015, S. 1450). Die vielfach als gleichermassen disruptiv-krisenhaft wie innovativ beschriebenen gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen der Welt verlangen daher zwar fraglos politische, ökologische, soziale oder ethische Reflexionen und Interventionen (z.B. Malone und Truong 2017). Sie machen aber ebenso eine Klärung notwendig, welches Wissen mit relationalen und ontologischen Perspektiven auf Bildung und Zukunft verbunden werden kann erstens, und wie sich bildungswissenschaftliche Fragen unter solchen Blickachsen immer wieder anders beantworten lassen zweitens. Zugleich wirft dies drittens die zentrale Frage auf, ob und in welcher Weise zentrale sozial- und bildungswissenschaftliche Grundbegriffe und Grundüberzeugungen in diesem Kontext in Frage zu stellen, zu reflektieren und neu zu konturieren sind (vgl. Taylor 2017, S. 1450; Adloff 2025; Wimmer 2014). Das Symposium greift diese Herausforderungen auf. In vier Beiträgen wenden wir uns Bildung, Sorgebeziehungen, Conviviality und Verwandtschaftsbeziehungen aus posthumanistischen sowie neumaterialistischen Perspektiven zu. Gemeinsam ist diesen Strömungen, dass sie Relationen als zentrale Analyseeinheit in den Mittelpunkt stellen und ein dynamisches, nicht-linear verlaufendes, aber beständiges Werden von Subjekten, Welten, Gegenwarten und Zukünften betonen. Mit diesen Perspektiven werden klassische Dichotomien wie Subjekt/Objekt oder Natur/Kultur in Frage gestellt, und Agency wird im Dazwischen von Relationen verortet. Sie erweitern den Blick zudem auf nicht-menschliche Spezies, auf natürliche Dinge und materielle Artefakte (Loh 2023; Loh 2018; Hoppe und Lemke 2021; Hoppe 2020; Pyyhtinen 2016). Übergreifend macht das Symposium zum Gegenstand, wie sich aus solchen Perspektiven Fragen nach einer Bildung für lebenswerte Zukünfte allenfalls neu oder mit neuen Facetten beantworten lassen. Beitrag 1 entwirft Bildung als relationale Praxis relationaler Subjekte. Bildung wird als dynamische Subjektivierungsbewegung innerhalb einer gemeinsamen Bildungssphäre konzipiert und posthumanistisch gerahmt – dazu wird ein heuristisches Modell entwickelt. Auf der empirischen Ebene wird ein geschlechterreflektiertes Bildungsangebot für männlich gelesene Jugendliche analysiert; die Ergebnisse verweisen auf reflexive, relationale Aushandlungsprozesse statt auf die Überwindung von Stereotypen. Der zweite Beitrag untersucht Sorge im Kindergarten aus relational-posthumanistischer Perspektive. Anhand einer ethnografisch dokumentierten Mäusehaltung wird Sorge als Gefüge menschlicher und nicht-menschlicher Relationen analysiert, wobei das pflanzliche Futter in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird. Der Beitrag zeigt, wie Kinder zugleich als Objekte und Subjekte von Sorge adressiert werden und Sorge als ambivalente, machtförmige Weltbeziehung sichtbar wird. Der dritte Beitrag fragt, wie Kitas als Multispezies-Orte gemeinsames Leben und Lernen ermöglichen. Conviviality dient als Ansatz zur relationalen Neuausrichtung von Bildung, Erziehung und Care. Anhand ethnographischer Fallstudien werden ökologische Trauer, Betrauerbarkeit gefährdeten Lebens und alternative Zukunftsperspektiven analysiert, verdichtet durch ein postqualitatives Storytelling-Design. Der vierte Beitrag rückt Verwandtschaft aus kritisch-posthumanistischer Perspektive ins Zentrum. In Anlehnung an Haraways „making kin“ wird Verwandtschaft als relationale Praxis zwischen Kindern und nicht-menschlichen Akteur:innen verstanden. Eine ethnografische Begleitung einer Waldkindergartenklasse zeigt vielfältige Formen des Verwandtmachens und regt zu einer verantwortungsethischen Neubestimmung des Zusammenlebens im Anthropozän an. Im Symposium werden zunächst alle vier wissenschaftlichen Beiträge nacheinander präsentiert, jeweils in einem Zeitrahmen von zwanzig Minuten. Auf individuelle Diskussionsphasen wird dabei bewusst verzichtet, um einen klaren thematischen Überblick und einen zusammenhängenden Ablauf sicherzustellen. Nach den Vorträgen folgt eine vierzigminütige gemeinsame Diskussionsphase, in der das Podium und das Publikum miteinander auf der Basis der Beiträge die Frage der Bedeutung dieser vier Perspektiven für Bildung für eine lebenswerte Zukunft diskutieren. Dieses Format ermöglicht einen ganzheitlichen Vergleich der Beiträge und schafft Raum für eine vertiefte thematische Verbindung zwischen den einzelnen Perspektiven. Presentations of the Symposium Bildung als Relationierung Die Frage nach Bildungsprozessen wird oft mit einem starken Fokus auf die Handlungsfähigkeit autonomer (Lern-)Subjekte geführt (Langer et al. 2025; Helsper 2021; Schütze 2021). In diesem Beitrag schlagen wir demgegenüber eine andere Perspektive vor: Wir verstehen Bildung nicht als dichotomes Verhältnis zwischen Welt und Subjekt, sondern als relationale Praxis, relationaler Subjekte‘, die sich in situativen Konstellationen zwischen pädagogisch Handelnden und Adressat*innen ereignet Auf dieser theoretischen Grundannahme entwickeln wir eine heuristische Denkfolie zur Beschreibung von Bildungssphären als verschränkte, dynamische Subjektivierungsbewegung innerhalb einer ,Bildungssphäre‘ (Budde und Theuerkauf 2025). Dieses Denkwerkzeug entfaltet ein Andersdenken (Foucault 2005) und ein nomadisches Denken (Deleuze 2003), welches eine Dezentrierung von Bildung ermöglicht, die eine gemeinsame Grenz(schwell)e des pädagogischen Arrangements bildet: Bildung wird so zu einem „komplexen Verbund nomadischer Subjektivität“ (Braidotti 2014: 29 f.). Theoretisch sind die Überlegungen in praxistheoretischen (Budde und Eckermann 2021), poststrukturalistischen (Deleuze und Guattari 1977; Foucault 1976, 1989) und posthumanistischen Perspektiven (Barad 2023, 2015; Haraway 2018; Braidotti 2019) eingebettet. Im Zentrum unseres Beitrags stehen zwei miteinander verschränkte Fragestellungen. Erstens: Wie lässt sich Bildung als gemeinschaftlicher, performativer Prozess innerhalb pädagogischer Praxis modellieren, ohne dabei in identifizierende und letztlich zentralisierende Zuschreibungen zu verfallen? Und zweitens: Welche empirischen Hinweise auf solche relationale Bildungssphäre lassen sich rekonstruieren, wenn Adressat*innen nicht als Objekte pädagogischer Praxis, sondern als konstituierende Ko-Produzent*innen dieser Praxis selbst perspektiviert werden? Dies untersuchen wir am Beispiel geschlechterreflektierter Pädagogik mit männlich gelesenen Jugendlichen und Pädagogen. Konkret steht im Mittelpunkt der Analyse ein differenzsensibles non-formales Bildungsangebot für unterprivilegierte männliche Jugendliche in einer deutschen Großstadt. Geschlecht wird nicht als stabile Kategorie in einer beständigen Ordnung verstanden, sondern als performativ erzeugte Differenz (Butler 1995). Zugleich gehen wir mit Barad über diese noch um den Menschen kreisenden Konzepte hinaus und rekurrieren auf ihr posthumanistisches Theorieangebot der Intraaktion, in der Differenzen nicht zwischen bereits existierenden materiellen Dingen und diskursiven Ordnungen entstehen, sondern in deren gegenseitiger Konstitution durch materielle-diskursive Praktiken hervortreten. Das untersuchten Bildungsangebot zielte darauf, männliche Jugendliche für Diskriminierungen zu sensibilisieren und bei ihnen Engagement für soziale Gerechtigkeit anzuregen (Budde et al. 2024). Die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich stattfindenden freiwilligen Workshops sollen die intersektionale Reflexion geschlechtsbezogener Stereotype fördern und den Teilnehmern Handlungsmöglichkeiten zur Bekämpfung diskriminierender Mechanismen aufzeigen. Zwischen 2018 und 2023 wurden drei Qualifizierungsreihen wissenschaftlich begleitet. Insgesamt wurden zwölf themenzentrierte Interviews (Schorn 2000) zu Beginn oder zum Ende der Reihe geführt. Die leitfadenstrukturierten, halboffenen Interviews dauerten 45 bis 70 Minuten. Die Interviewpartner waren zwischen 16 und 19 Jahre alt, sie beschrieben sich selbst als männlich. Die Mehrzahl berichtet von innerfamiliärer Migrationserfahrung. Das transkribierte Material wurde mittels der Situationsanalyse nach Clarke (Clarke 2022) in der Tradition der Grounded Theory (Strauss und Corbin 1996) untersucht. Durch Kartierungen (Bowker und Star 2017): 186) vom Material wird die Bedeutung der Positionalität und Relationalität von situativen Phänomenen betont. Kartierungen ermöglichen die Komplexität von Situationen in ihren vielfältigen Facetten zu rekonstruieren, um aus den im Material „dargestellten Handlungen Objekte zu machen“ (Bowker und Star 2017): 189), sogenannte Maps (Clarke 2022). Die Analysen zeigen keine ‚Überwindung‘ tradierter Geschlechterstereotype, sondern eher „Kompromisse“, die von einer Reflexion der Verstricktheit zeugen. Weder Dekonstruktion von Männlichkeit noch Etablierung alternativer Männlichkeitskonzeptionen ist das Ergebnis der pädagogischen Sequenzen, wie sie in Jungenpädagogik oftmals als Ziele für neue Positionierungen, bzw. neue Orte verfolgt werden. Vielmehr sehen und verstehen sich die männlichen Jugendliche in einer anderen, dynamischen Weise in ihrer Involviertheit mit Anderen und mit materialisierten Artefakten. Posthumanistische Theorieangebote entfalten an dieser Stelle weitere Perspektiven für eine bildungstheoretisch informierte Denkfigur, deren Architektur mit vier sphärischen Gefügen als ein heuristisches Denkgebäude konstituiert ist: das Subjektmilieu als Sphäre der Selbsterkenntnis, das Milieu des Anderen, der Raum des Möglichen sowie die Bildungssphäre. Sorge als dynamisch-sich-entwickelnde Relations of Care: Die Sorge der Kinder für das Pflanzenmaterial für das Futter für die Mäuse für die Kinder im Kindergarten Der Schweizer Kindergarten ist Ort der Bildung für junge Kinder von 4-6 Jahren, zugleich ein Ort, wo Kinder zum Gegenstand von Sorge werden (Baader u.a. 2014). Sorgebeziehungen werden üblicherweise als generational und institutionell strukturierte, vergeschlechtlichte und hierarchisierte Beziehungsfigurationen (Elias 2018) konzipiert – als Sorge eine:r erwachsenen Pädagog:in für die ihr anvertrauten Kinder im Sinn eines sorgenden Subjekts und eines «Objekts» der Sorge. Gegen diese Fiktion einer «unidirektionale(n) Richtung» wandte sich aus pädagogischer Sicht bereits früh Jürgen Zinnecker, der dafür plädierte, mit dem Sorgebegriff die «Pluralität generationeller Verpflichtungen» (1997, 203) aufzunehmen. Angesichts der Herausforderungen rund um die heutigen Krisen wird von verschiedenen Seiten ein «anderes in der Welt sein» gefordert. Mit posthumanistischen und relationalen Theorien (Strathern 2020; 2024) lassen sich solche Forderungen aufgreifen. Gerade Sorge kann durch eine stärker relationale und auch für nicht-menschliche Anteile offene Perspektive neu gefasst werden. Dadurch wird Sorge von normativen Vorstellungen „guter Kindheit“ hin zu dynamischen, situierten und materiellen Verflechtungen zwischen Mensch und Mehr-als-Menschen verschoben. Sorge wird als relationale Praxis sichtbar, die sich prozessual formiert und nicht auf intentionale, menschliche Handlungen begrenzt bleibt, wie das Puig de la Bellacasa (2017) mit dem Begriff Relational Care umreisst Sie fasst den Sorgebegriff nicht als rein moralischen, willensgesteuerten Akt, sondern als eine komplexe Weltbeziehung und Weltwerdung, in der Menschen und Nichtmenschen wechselseitig sorgend aneinandergebunden sind. Sorge ist dabei nicht eine Eigenschaft von oder gar im Besitz von «sorgenden Subjekten und Objekten der Sorge». Sorgebeziehungen und -verhältnisse sind nicht ausschliesslich menschlich und immer auch politisch und ambivalent. Sie können erhalten, aber auch normieren. Sie sind mitunter schädlich und können verletzen. Sie produzieren Ein- und Ausschlüsse, wobei sie immer auch als in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden zu verstehen sind. Dadurch stabilisieren sie Ungleichheiten, so wie sie diese auch herausfordern. Mit einer ethnographischen Miniatur aus dem SNF-Projekt «NaturenKindheiten in Verhandlung» wird dieser komplexe relationale Sorgebegriff exemplarisch aufgefächert. Im Mittelpunkt steht die Analyse einer Care-Praktik, die mit dem Halten von Mäusen als «pedagogical animals» (Tammi u. a. 2020, 2) in Zusammenhang steht. Für die Mäuse wird an den Waldtagen Futter gesammelt und in den Kindergarten geschafft. Mit dem relationalen Sorgebegriff und den Überlegungen rund um das Thema des Berührens können die komplexen Konfigurationen von Sorge, die mit der Praxis der Mäusehaltung verknüpft sind, herausgearbeitet werden. Kinder werden dabei einerseits als «Objekte der Sorge» hervorgebracht, im Zuge dieser Hervorbringung andererseits aber auch als sorgende Subjekte adressiert, indem ihnen eine kontrollierte Verantwortung für das Wohlergehen der Mäuse aufgetragen wird. Ergänzend zur Analyse der Konfigurationen werden die zugehörigen Praktiken in den Blick genommen: Welche Relationen werden in und mit ihnen geschaffen? Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Umgang mit dem pflanzlichen Material, das in der Sorgepraxis als Futter genutzt wird, das zugleich als Co-Akteur die Schaffung bedeutsamer Relationen mit eigenen Dynamiken und Affordanzen mitgestaltet. Dies geht über eine Sorgepraktik des «Futterbereitstellens» hinaus und führt zu einer offeneren Situation. Diese Offenheit verweist darauf, dass Sorge hier nicht als zielgerichtete, instrumentelle Handlung zu verstehen ist, sondern als relationales Geschehen, das im Zusammenspiel von menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur:innen situativ hervortritt. Das pflanzliche Material fungiert dabei nicht nur als Mittel innerhalb eines pädagogischen Arrangements, sondern als konstitutiver Bestandteil eines Bildungszusammenhangs, in dem Wahrnehmungen, Deutungen und Verantwortlichkeiten in der Auseinandersetzung mit der Welt entstehen. Bildung zeigt sich so weniger als Ergebnis intendierter Vermittlung denn als prozessuales Welt- und Selbstverhältnis, das sich in offenen Sorgebeziehungen formiert und sich der vollständigen Plan- und Verfügbarkeit entzieht. Mit dem Fokus auf Relations of Care versteht sich unser Beitrag als Einladung, Bildung als relationale Praxis des Antwortens auf eine mehr-als-menschliche Welt zu denken – und darin Perspektiven für Bildung für lebenswerte Zukünfte jenseits instrumenteller Zwecksetzungen zu eröffnen. Conviviality in Multispezies-Kindheiten: Bildungswissenschaftliche Perspektiven zu Betrauerbarkeit, Resilienz und Zukunft Der Vortrag geht der Frage nach, wie ein Miteinanderleben und -lernen in Kitas als Multispezies-Orte entstehen können, die Horizonte für lebenswerte Zukünfte eröffnen. In einer Zeit, in der sich zunehmend das Bewusstsein entwickelt, auf einem beschädigten Planeten zu leben, sehen sich auch die Bildungswissenschaften mit der Aufgabe konfrontiert, ihre zentralen Begriffe im Lichte einer relationalen Neuordnung des Mensch-Natur-Verhältnisses neu zu befragen. Internationale Beispiele für dieses Bestreben finden sich im Forschungsfeld der postqualitativen Kindheitsforschung (Murris 2021). Postqualitative Forschung verzichtet auf linear aufgebaute Forschungsdesigns und standardisierte Methoden und setzt stattdessen auf offene, prozesshafte Formen des Forschens, verstanden als ein Weltwerden mit Anderen in Multispezies-Welten. Der geplante Vortrag greift diese jüngeren Entwicklungen im Forschungsfeld auf und diskutiert Ergebnisse aus ethnografischen Fallstudien zu Conviviality in Kindertageseinrichtungen in Deutschland (Bilgi 2024; Bilgi 2025). Im Fokus steht dabei die Frage, wie die Erfahrung und pädagogische Bearbeitung von Ökologischer Trauer (Mai 2024) alternative, mehr-als-menschliche Perspektiven auf den Bildungsbegriff eröffnen kann. Der Vortrag geht folgenden Fragen nach: • Wie lässt sich der Begriff der Conviviality auf der Grundlage ethnografischer Fallstudien theoretisch und empirisch konturieren, um Bildungsprozesse in Multispezies-Kindheiten im Umgang mit Trauer und ökologischem Verlust relational zu fassen? • Welche bildungswissenschaftliche Relevanz kommt dabei dem (Be-)Trauern als transformative Dimension zur Erkundung lebenswerter Zukünfte zu? Forschungsdesign: Ausgehend von diesen Fragen untersucht der Vortrag am Beispiel von Kind-Tier-Begegnungen in der frühen Kindheit, wie durch die Erfahrung und pädagogische Bearbeitung von Verletzlichkeit, Tod und Trauer Möglichkeitshorizonte entstehen können, die neue Perspektiven auf Bildung im Hinblick auf Resilienz und lebenswerte Zukünfte eröffnen. Im Rahmen eines postqualitativen Forschungsdesigns (Murris 2021) werden dazu Ansätze des Storytelling (Haraway 2018) mit der phänomenologischen Vignettenforschung verknüpft (Agostini et al. 2023). Beobachtungen, Gespräche, Dokumente und Artefakte aus Kindertageseinrichtungen werden entlang ihrer Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Sinnspuren als narrative Verdichtungen analysiert und Möglichkeiten der Erkundung lebenswerter Zukünfte angesichts der bedrohter planetarer Bewohnbarkeitsbedingungen herausgearbeitet. Einbettung in Theorie und Forschung: Den theoretischen Hintergrund des Vortrags bilden Ansätze des Neo-Materialismus und Posthumanismus, die darauf zielen, anthropozentrische Vorstellungen von Bildung relational zu erweitern (u. a. Taylor & Pacini-Ketchabaw 2019). Ein zentrales Forschungsfeld stellt die (kindheitspädagogische) Multispezies-Forschung dar (u. a. Bilgi 2025), die unter der heuristischen Figur der Multispezies-Kindheiten vielfältige lern- und bildungsrelevante Verflechtungen zwischen Kindern, Pflanzen, Tieren, Materialitäten und Orten untersucht. In diesem Zusammenhang wird der in der Multispezies-Forschung verhandelte Begriff der Conviviality für eine relationale Neukonturierung von Bildung, Erziehung & Care fruchtbar gemacht. Für die bildungswissenschaftliche Diskussion bezieht sich der Vortrag dabei auf eine Definition von Conviviality, wie sie von van Dooren und Rose (2012) als ethische Praxis des Miteinanderlebens in geteilten Multispezies-Orten vorgeschlagen wird. Für die Entstehung konvivialer Multispezies-Orte kommt es nicht zuletzt darauf an, in Konflikten, Machtverhältnissen und Ungereimtheiten zu verbleiben. Oder mit Achille Mbembe (2025) gesprochen: bei den „Überbleibseln“, den „Körpern im Todeskampf“ und den „geschädigten Formen des Lebendigen“ (ebd., S. 192). In der Möglichkeit des (Mit-)Betrauerns eröffnen sich hier Zugänge, Verletzlichkeit und Verlusterfahrungen in artenübergreifend geteilten Welten neu zu verstehen, Wahrnehmungsfähigkeiten zu erweitern und konviviale Praktiken zu kultivieren. Resultate und deren Bedeutung: Der Vortrag leistet einen Beitrag zur bildungswissenschaftlichen Diskussion um Multispezies-Kindheiten, indem er (Mit-)Betrauern als konviviale Praxis in den Mittelpunkt rückt. Auf der Grundlage ethnografischer Fallstudien zeigt er, wie Erfahrungen von Verletzlichkeit, Tod und ökologischem Verlust in Kindertageseinrichtungen als bildungsrelevante Situationen für die Erkundung lebenswerter Zukünfte wirksam werden. So wird (Mit-)Betrauern als transformative Möglichkeit ethischer und epistemologischer Ordnungen innerhalb der Bildungswissenschaften herausgearbeitet, die die Wahrnehmung für unsere Abhängigkeit von und unsere Beziehungen mit anderen Wesen in einer zunehmend von Auslöschung bedrohten Welt schärft. Verwandtschaftsverhältnisse von Kindern eines Waldkindergartens Im Diskurs des kritischen Posthumanismus wird die traditionelle Vorstellung vom Menschen als isoliertem, überlegenem Subjekt dekonstruiert. So beschreibt beispielsweise Donna Haraway das Konzept «making kin» (2016, S. 99) - den aktiven Prozess des Suchens und Knüpfens von Beziehungen. Haraway verwendet das Konzept «making kin», um zu verdeutlichen, dass Menschen ihre sozialen Beziehungen nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit nicht-menschlichen Anderen pflegen und dabei neue Beziehungsformen und andere Beziehungsintensitäten kreieren können. Die Vorsilbe «Anthropo-» im Begriff Anthropozän, schreibt auch Anna Tsing, verhindere die Aufmerksamkeit für die flickenhaften Landschaften, multiplen Zeitlichkeiten und veränderlichen Verbünde von Menschen und Nichtmenschen (2018, S. 201). Darauf, inwiefern es sich ‘lohnt’, «sich in anderer Weise mit menschlichen und nicht-menschlichen Anderen verwandt zu machen», verweist Katharina Hoppe (2022, S. 10) – schliesslich ginge es dabei um die sukzessive «Transformation weltlicher Beziehungen». Vor diesem Hintergrund soll im folgenden Beitrag die Begrifflichkeit der Verwandtschaft aus einer kritischen posthumanistischen, historischen und etymologischen Perspektive beleuchtet werden. Haraway rechtfertigt die Ausdehnung des Begriffs Verwandtschaft unter anderem mit dem Begriff «relatives», der im britischen Englisch zuerst «logische Beziehungen» und erst im 17. Jahrhundert «Familienmitglieder» meinte (2016, S. 100). In Anbetracht des Anthropozäns und den planetaren Herausforderungen unserer Zeit hat die frühkindliche Bildung eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und Anwendung posthumanistischer Theorien übernommen (Somerville, 2020). So finden sich seit längerer Zeit Veröffentlichungen von Autor:innen, die eine Re-Konzipierung der Kindheitsforschung angesichts posthumanistischer Ansätze und jener des new materialism anstreben (Balzer & Huf, 2019; Spyrou, Rosen & Cook, 2018) – und neue Vorstellungen vom Menschen sowie neue Denkkonzepte entwickeln. Im Kontext von posthumanistischen Theorieangeboten und ethnografischen Studien wurden beispielsweise Interaktionen zwischen Kindern und ihrer Umwelt (Bilgi, 2024; Stenger, 2024) oder das „Weltschaffen“ von Kindern gemeinsam mit menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen (Unterweger & Sieber Egger, 2024) fokussiert. Den spezifischen Fragen, mit wem und wie Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen und somit bereits ein performatives Verhältnis zu Natur aufweisen, sich nicht-menschlichen Akteur:innen ‚zuwenden‘ und sich mit nicht-menschlichem Akteur:innen ‚verwandt machen‘, soll in diesem Beitrag im Fokus stehen. Dafür bildet die Teilhabe der Autorin am Alltag einer Wald-Kindergartenklasse die Grundlage: Die Autorin begleitete die Kindergartenkinder einmal wöchentlich knapp ein gesamtes Schuljahr mit in den Wald. Dabei wurden die Beobachtungen der Kinder mithilfe ethnografischer Beobachtungsprotokolle dokumentiert. Während der gemeinsamen Aufenthalte und in den Spielsequenzen entstanden zudem kurze Gesprächssequenzen, die ebenfalls in die Analyse einflossen. Die rekonstruierten Formen des „Verwandtmachens“ der Kinder mit nicht-menschlichen Akteur:innen zeigen eine Varianz von unterschiedlichen Beziehungsformen und Verwandtschaftsverhältnissen auf. Besonders die Fokussierungen der Kinder, was sie wahrnehmen, sehen und relevant setzen und mit welchen nicht-menschlichen Aktuer:innen sie offensichtlich oder auch sehr subtil in Beziehung treten, soll anhand posthumanistischer und verantwortungsethischer Perspektiven (Barad 2007; Haraway 2016) beleuchtet und diskutiert werden. | ||
