SSRE-SSFE-congrès annuel 2026
17-19 Juin 2026
Haute école pédagogique de Saint-Gall
Programme de la conférence
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SYMP 25: Les enfants et les adolescents ayant des besoins éducatifs particuliers dans les phases de transition scolaire
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Kinder und Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf in schulischen Übergangssituationen Schulische Übergänge stellen für alle Kinder und Jugendlichen bedeutsame Weichenstellungen im Bildungs- und Lebensverlauf dar (Blossfeld, 1985; Glauser, 2015). Für Lernende mit besonderem Bildungsbedarf sind diese Phasen jedoch häufig von erhöhten Risiken, Unsicherheiten und strukturellen Barrieren geprägt (Blanck, 2020; Menze et al., 2023; Sahli Lozano, 2012). Übergänge aus der obligatorischen Schule in weiterführende Schulformen, in berufliche Orientierung oder in die Berufsbildung verlangen nicht nur individuelle Anpassungsleistungen, sondern auch ein abgestimmtes Zusammenspiel von Unterstützungssystemen, pädagogischer Begleitung und institutionellen Rahmenbedingungen. Die im Symposium versammelten Beiträge beleuchten diese Übergangssituationen aus verschiedenen empirischen und methodischen Perspektiven. Sie ziehen sowohl qualitative als auch quantitative Zugänge heran, um subjektive Erfahrungen betroffener junger Menschen sichtbar zu machen, Mechanismen sozialer und institutioneller Benachteiligung herauszuarbeiten sowie strukturelle Bedingungen auf dem Bildungs- und Ausbildungsmarkt zu analysieren. Dabei wird deutlich, dass Übergänge für vulnerable Gruppen nicht nur pädagogisch begleitet, sondern auch systematisch inklusiver gestaltet werden müssen. Gemeinsam zeigen die Beiträge, dass gelingende Übergangsprozesse auf verlässliche Beziehungen, koordinierte Unterstützungsstrukturen und differenzsensible sowie inklusiv gestaltete Rahmenbedingungen angewiesen sind. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dessen, wie Bildungs- und Arbeitsmarktsysteme junge Menschen mit besonderen Bedürfnissen besser durch kritische Schwellen des Bildungssystems begleiten können. In Beitrag I wird aus Sicht ehemaliger Regelschüler*innen, die auf Sekundarstufe I reduzierte individuellen Lernzielen hatten, berichtet, wie sie den Berufswahlprozess vor Übertritt in eine duale Berufsausbildung erlebten. Grundlage bilden vier qualitative Interviews, die im Rahmen einer Schweizer Längsschnittstudie zu integrativen schulischen Massnahmen durchgeführt wurden. Die Erzählungen werden entlang der Themen Berufsfindungsaktivitäten, soziale Einflüsse und Hürden im Berufswahlprozess analysiert. Dabei werden Mechanismen sichtbar, die den Übergang auf Sekundarstufe II erschweren können - etwa begrenzte berufliche Exploration, fehlende soziale Unterstützung oder die Sichtbarkeit eines RILZ-Vermerks im Zeugnis. Zugleich zeigen die Interviews, dass die Unterstützung durch Eltern und Schule als wichtige Ressource im Berufswahlprozess wahrgenommen wird. Beitrag II beleuchtet, wie Behinderung, Migrationshintergrund und Geschlecht die Einstellungschancen junger Menschen beim Übergang in den Arbeitsmarkt beeinflussen. In einem Factorial Survey Experiment mit Arbeitgebenden aus der Schweiz und Luxemburg bewerteten diese Vignetten fiktiver Bewerber:innen. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede in der wahrgenommenen Einstellungswahrscheinlichkeit, die jedoch weitgehend durch additive Effekte von Behinderung und Herkunft erklärt werden können; Das Geschlecht spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Intersektionale, multiplikative Benachteiligungen konnten bislang nicht statistisch nachgewiesen werden. Dennoch weisen die Befunde auf substanzielle Nachteile für Bewerber:innen mit Behinderung und aus bestimmten Herkunftsländern hin. Beitrag III untersucht aus der Perspektive reintegrierter Schüler:innen, welche Bedingungen schulische Reintegrationen aus der Sonderschule in die Regelschule unterstützen oder erschweren. Aufbauend auf einem qualitativen Forschungsprojekt, in dem sechs Reintegrationsprozesse mittels Expert:innengesprächen mit Kindern, Eltern sowie Lehr- und Fachpersonen analysiert wurden, identifiziert die Studie zentrale Gelingens- und Belastungsfaktoren. Unterstützend wirkten insbesondere vertrauensvolle und kontinuierliche Ansprechpersonen, Freundschaften in der neuen Klasse sowie ein schrittweiser Einstieg. Hinderlich waren dagegen parallele Übergänge in Schule und Lebensumfeld sowie mangelnde Absprachen zwischen Sonder- und Regelschule. Der Beitrag zeigt auf, wie Reintegrationen künftig verlässlicher und partizipativer gestaltet werden können. In Beitrag IV wird der Frage nachgegangen, ob ein Lehrstellenüberangebot Jugendlichen aus Schulformen mit tieferen Anforderungen Vorteile beim Übergang in die Berufsbildung verschafft. Auf Basis einer Stichprobe von 507 Jugendlichen werden Zusammenhänge zwischen beruflichem Angebot, individuellen Voraussetzungen und Unterstützung im Berufsorientierungsprozess analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahl eines Berufs mit Lehrstellenüberangebot nicht vom Schultyp abhängt, jedoch positiv durch höhere intellektuelle Fähigkeiten, Hyperaktivität und Lehrpersonenunterstützung vorhergesagt wird, während eine hohe wahrgenommene Person-Beruf-Passung dies eher unwahrscheinlich macht. Berufsmerkmale wie Anforderungen in den RIASEC-Dimensionen beeinflussen zudem die Verfügbarkeit offener Lehrstellen. Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass ein Lehrstellenüberangebot insbesondere anpassungsfähigen Jugendlichen mit guter schulischer Unterstützung zusätzliche Chancen eröffnet. Présentation du symposium Unterstützung und Herausforderungen beim Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II aus Sicht von Schüler:innen mit integrativen schulischen Massnahmen Die Transition in die nachobligatorische Ausbildung ist ein entscheidender Meilenstein für künftige Berufsaussichten und den weiteren Lebensverlauf (Georg, 2009). Im Projekt LABIRINT, dem dritten Messzeitpunkt der Berner Längsschnittstudie zu integrativen schulischen Massnahmen (BELIMA), wurde untersucht, wie sich reduzierte individuelle Lernziele (RILZ) und der Nachteilsausgleich (NAG) während der obligatorischen Schulzeit auf diesen Übergang und nachobligatorische Bildungsverläufe auswirken. Aufbauend auf Theorien zu Labeling und Signaling (Fox & Stinnett, 1996; Spence, 1973) sowie auf bisherigen Befunden der Längsschnittstudie (z. B. Brandenberg et al., 2025; Sahli Lozano et al., 2022; 2023) wurde angenommen, dass insbesondere RILZ aufgrund des Zeugnisvermerks mit Hürden im Übergang verbunden sind. Zur Überprüfung dieser Annahme wurde ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt, bestehend aus einer Onlinebefragung (N = 2297) sowie vertiefenden Interviews (n = 17). Analysen der quantitativen Daten zeigen, dass Schüler:innen (S:) mit RILZ trotz vergleichbarer Berufswünsche beim Übertritt in die Sekundarstufe II häufiger in nachobligatorische Ausbildungen mit tieferem akademischem Anforderungsniveau eintreten als vergleichbare S: ohne RILZ. Zwischen S: mit und ohne NAG bestehen diesbezüglich keine signifikanten Unterschiede (Brandenberg et al., 2025; im Druck; Lustenberger et al., 2025). Der vorliegende Beitrag beleuchtet anhand von vier vertiefenden Interviews, wie Lernende mit RILZ den Übergang in die Sekundarstufe I subjektiv erleben. Die qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2020; Mayring & Fenzl, 2019) fokussierte insbesondere Berufsfindungsaktivitäten, soziale Einflüsse und wahrgenommene Hürden im Berufswahlprozess (Sewell et al., 1969; Gottfredson, 1996). Die Jugendlichen schildern ihre Berufswahl als prozessuales Aushandeln zwischen eigenen Vorstellungen, schulischen Rückmeldungen und situativen Gelegenheitsstrukturen. Ein zentrales Muster ist die häufig frühe Festlegung auf einen Beruf bei gleichzeitig geringer Erkundung alternativer Optionen. Diese begrenzte Exploration, oft geprägt durch Orientierung am nahen sozialen Umfeld und ein teils niedriges akademisches Selbstkonzept, kann zu einer frühen Verengung des Suchraums und eingeschränkten Wahlmöglichkeiten führen. Elterliches Engagement wird überwiegend als unterstützend erlebt, kann jedoch – insbesondere bei frühem Eingreifen – die eigenständige Berufserkundung begrenzen. Die Rolle der Lehrpersonen wird ambivalent wahrgenommen: Unterstützung beim Verfassen von Bewerbungen oder bei der Kontaktaufnahme zur Berufswelt wirkt entlastend, während niedrige Erwartungen und stereotype Zuschreibungen das Selbstkonzept und die Selbstwirksamkeit im Berufswahlprozess potenziell mindern. Berufswahlbezogene Hürden, die direkt auf RILZ zurückgeführt werden, werden nur punktuell angesprochen. Besonders der RILZ-Vermerk im Zeugnis wird teilweise als negatives Signal interpretiert – sowohl von den Jugendlichen selbst als auch aus antizipierter Sicht der Betriebe. Dies führt zu strategischen Anpassungen: Die Jugendlichen richten ihre Suche verstärkt auf als realistisch eingeschätzte Ausbildungswege, etwa EBA-Lehren als „langsamen Start“ mit späteren Aufstiegsmöglichkeiten. Andere Schwierigkeiten, wie unzureichende Berufsinformationen oder Überforderung aufgrund des frühen Zeitpunkts der Berufswahl, werden nicht ursächlich mit RILZ verbunden, könnten Lernende mit RILZ jedoch besonders betreffen, da sie meist Schultypen besuchen, die einen frühen Berufswahlentscheid erfordern, und sich teilweise weniger mit Berufsorientierung befassen. Die Ergebnisse der qualitativen Analyse bieten erstmals exemplarische Einblicke in das Erleben der Transition von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II aus Sicht von Jugendlichen, die RILZ erhalten haben. Sie weisen sowohl auf potenzielle Herausforderungen im Übergang hin – etwa begrenzte Exploration, ambivalente schulische Unterstützung oder mögliche Signalwirkungen von RILZ – als auch auf positive Erfahrungen, insbesondere im familiären und schulischen Unterstützungshandeln. Beides ergibt wichtige Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung von Unterstützungsstrukturen, um Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf den Übergang in die nachobligatorische Ausbildung verlässlicher und chancengerechter zu gestalten. Übergangsprozesse in den Arbeitsmarkt junger Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund. Erste Ergebnisse eines Factorial Survey Experiments Der Übergang von der Schule in den Beruf stellt ein wichtiges Ereignis im Leben junger Menschen dar (Blokker et al., 2023). Obwohl Erwerbsarbeit weithin als einer der zentralen Faktoren für soziale Teilhabe und ökonomische Unabhängigkeit gilt (Shevlin et al., 2020), haben nicht alle Menschen die gleichen Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Einige der damit verbundenen Barrieren sind in der Literatur weithin als disability employment penalties, ethnische oder nationale Benachteiligungen (ethnic/national penalties) oder als geschlechtsspezifische Einstellungsdiskriminierung bekannt (Beicht & Walden, 2019; Berthoud, 2008; Birkelund et al., 2022; Hangartner et al., 2021; Heath et al., 2008; Ravn & Bregaard, 2021). Darüber hinaus weist die empirische Befundlage auf multidimensionale Othering-Prozesse hin: Studien dokumentieren geschlechterbezogene ethnische Diskriminierung bei Einstellungsprozessen (Dahl & Krog, 2018; Erlandsson, 2022), intersektionale Arbeitsmarktbenachteiligungen für Frauen mit Behinderungen (Domínguez Vila & González, 2023) sowie besonders niedrige Erwerbsquoten unter Frauen, die sowohl eine Behinderung als auch einen Migrationshintergrund aufweisen (Libuda-Köster & Sellach, 2014). Trotz dieser Evidenz mangelt es an Wissen über die Bedingungen von Teilhabe und Exklusion für mehrfach marginalisierte soziale Gruppen auf dem Arbeitsmarkt (Afeworki Abay, 2022). Da soziale Prozesse und Hierarchien auf komplexe Weise Benachteiligungen erzeugen, ist es entscheidend mehr darüber in Erfahrung zu bringen, welche Menschen aufgrund einer Kombination ihrer Identitäten im Zugang zum Arbeitsmarkt besonders benachteiligt werden (Annamma et al., 2013; Crenshaw, 1989; Collins, 2019; McCall, 2005). Die vorliegende Studie untersucht, ob einige junge Menschen aufgrund ihrer intersektionalen Positionen – definiert durch Behinderung, Herkunftsland und Geschlecht – über geringere Einstellungschancen verfügen als andere. Basierend auf dem theoretischen Hintergrund und dem aktuellen Forschungsstand ist davon auszugehen, dass die Bewertung der Einstellungschancen junger Bewerber:innen durch Arbeitgebende je nach intersektionaler Position variiert. Es wird angenommen, dass die Einstellungschancen sinken, wenn mehrere marginalisierte Identitätsmerkmale aufeinandertreffen. Zur Untersuchung dieser Fragestellung wurde ein Factorial Survey Experiment (FSE) im Rahmen einer Befragung unter Arbeitgebenden in der Schweiz und Luxemburg durchgeführt. Arbeitgebende aus fünf verschiedenen Sektoren (Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Catering, IT, Finanzwesen) wurden gebeten, die Einstellungschancen fiktiver, junger Bewerber:innen einzuschätzen, die ihnen in kurzen Beschreibungen (Vignetten) präsentiert wurden. Diese Vignetten wurden experimentell hinsichtlich der Merkmale Behinderungstyp (4 Ausprägungen), Migrationshintergrund (3 Ausprägungen) und Geschlecht (2 Ausprägungen) variiert. Alter, in der Schweiz erworbener Bildungsabschluss, für die Arbeitsstelle relevante Sprachkompetenzen, Berufserfahrung sowie das Vorhandensein einer Arbeitserlaubnis wurden konstant gehalten. Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerteten Arbeitgebende die Chance der fiktiven Bewerber:innen für eine spezifische ausgeschriebene Stelle in Betracht gezogen zu werden. Insgesamt nahmen 587 Arbeitgebende an der Onlinestudie teil. Jeder:jedem Arbeitgebenden wurden 6 Vignetten präsentiert, was insgesamt 3522 Vignetten entspricht. Für die Datenanalyse wurde ein neuer Ansatz herangezogen, der für die Untersuchung intersektionaler Ungleichheiten empfohlen wird: Multilevel Analysis of Individual Heterogeneity and Discriminatory Accuracy (MAIHDA) (Evans et al., 2024; Keller et al., 2023). Erste Ergebnisse zeigen grosse Unterschiede in der Bewertung der Einstellungswahrscheinlichkeit zwischen den einzelnen gebildeten Strata. Diese können allerdings nahezu vollständig durch additive Effekte erklärt werden, was bedeutet, dass die Bewertungen der Einstellungswahrscheinlichkeit durch Arbeitgebende aufgrund der ins Modell eingefügten Variablen Behinderung, Migration und Geschlecht erwartet werden können. Dabei scheinen alle Behinderungstypen einen starken Effekt zu haben, doch auch das Herkunftsland hat einen Effekt auf die Bewertungen der Einstellungswahrscheinlichkeit. Das Geschlecht der fiktiven Bewerber:innen scheint hingegen keinen Effekt zu haben. Bisher konnten keine statistisch signifikanten multiplikativen Effekte nachgewiesen werden, die auf intersektionale Benachteiligung hinweisen würden. Dennoch lassen die Ergebnisse darauf schliessen, dass es bei Einstellungsverfahren einen Unterschied macht, ob eine Person von einer Behinderung betroffen ist und aus welchem Herkunftsland sie kommt. Weitere vertiefende Analysen sind erforderlich, um ein umfassenderes Verständnis des intersektionalen Zusammenwirkens von Behinderung, Migrationshintergrund und Geschlecht zu gewinnen. Reintegrationen als Herausforderung – Perspektiven reintegrierter Schüler*innen auf unterstützende und erschwerende Bedingungen Schulische Übergänge gelten als vulnerable Phasen im Bildungsverlauf – dies trifft in besonderem Masse auf Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu (Malone & Gallagher, 2009). Vor dem Hintergrund, dass diese Schüler*innen deutlich häufiger das Schulsetting wechseln als Lernende ohne entsprechenden Förderbedarf (Snozzi, Zurbriggen & Müller, 2023), kommt insbesondere auch der Übergangsgestaltung non-normativer Übergänge (im Brahm, 2020) eine besondere Relevanz zu. Non-normative Übergänge sind weder regulär vorgesehen noch institutionell vorgespurt. Zu diesen zählen auch Reintegrationen von der Sonderschule in die Regelschule. Reintegrationen werden bisher allerdings nur selten realisiert – der Übergang in die Separation ist nach wie vor deutlich häufiger –, weshalb entsprechende Prozesse kaum empirisch untersucht sind (BfS, 2021; Snozzi et al., 2023). Zudem bleibt bislang weitgehend unklar, wie Kinder und Jugendliche diese Übergänge selbst erleben und welche Formen von Unterstützung für sie bedeutsam sind oder fehlen. Der Beitrag bezieht sich auf Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt «Teil- und Reintegration als Einzelfall?» der Pädagogischen Hochschule Luzern, in dem sechs Reintegrationsprozesse vertieft und unter Einbezug der Perspektiven aller an der Reintegration beteiligten Akteur*innen qualitativ untersucht wurden. Im Zentrum standen zum einen die Beschreibung der konkreten Reintegrationsverläufe, zum anderen die Identifikation übergreifender Gelingensbedingungen und Barrieren. Hierfür wurden Expert*innengespräche in Kleingruppen (Helfferich, 2022) mit den reintegrierten Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sowie den beteiligten Lehr- und Fachpersonen aus Sonder- und Regelschule geführt. Die Transkripte wurden mittels inhaltsanalytischer Verfahren ausgewertet (Kuckartz & Rädiker, 2024). Während im Gesamtprojekt alle Perspektiven gleichermassen berücksichtigt wurden, fokussiert dieser Beitrag explizit die Sicht der reintegrierten Kinder und Jugendlichen. Ausgangspunkt ist die Frage, welche unterstützenden und erschwerenden Bedingungen aus ihrer Perspektive für das Gelingen der jeweiligen Reintegration besonders zentral waren. Die Analysen zeigen unter anderem, dass aus Sicht der Kinder und Jugendlichen insbesondere kontinuierliche und vertrauensvolle Ansprechpersonen über den gesamten Prozess hinweg, Freund*innenschaften in der neuen Klasse sowie ein schrittweiser Einstieg in Form von Schnupperbesuchen unterstützend wirkten. Demgegenüber erwiesen sich mehrere, gleichzeitig anstehende Übergänge – etwa der Wechsel im Schul- und Wohnsetting – sowie fehlende inhaltliche Absprachen zwischen Sonder- und Regelschule als hinderlich sowie belastend und erschwerten damit das Ankommen in der Regelschule. Der Beitrag verortet die Befunde im Forschungskontext zu Übergängen und inklusiver Bildung und diskutiert, unter welchen Bedingungen Reintegrationen für und mit Schüler*innen verlässlicher und unterstützender gestaltet werden können. Durch die Fokussierung auf die subjektiven Erfahrungen derjenigen, die von diesen Übergängen unmittelbar betroffen sind, liefert der Beitrag wichtige Hinweise für eine zukünftig inklusivere und stärker partizipativ ausgerichtete Gestaltung von Übergangsprozessen. Lehrstellenüberangebot: ein Vorteil für Jugendliche aus Schulformen mit tieferen Anforderungen? In gewissen Berufen (z.B. Gesundheit, Elektrobranche) gibt es ein Überangebot an Lehrstellen (Garnitz et al., 2023; Bott et al., 2011). Wenn viele Lehrstellen am Schluss der Rekrutierungsphase offenbleiben (Lehrstellenüberangebot), ergeben sich für Betriebe Herausforderungen (Krekel, 2012). Das Lehrstellenüberangebot wird einerseits von Charakteristiken des Berufs (Anforderungen, Status) beeinflusst (Bott et al., 2011). Andererseits wählen Jugendliche Berufe mit Lehrstellenüberangebot aufgrund besserer Chancen. Ein Lehrstellenüberangebot könnte Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf helfen, wenn sie sich an die beruflichen Anforderungen anpassen können, Nachteile wegen Verhaltensproblemen haben und von Lehrpersonen unterstützt werden. (a) Die Person-Beruf-Passung ist ein Erfolgskriterium von Übergangsprozessen (Kristof-Brown et al., 2005; Neuenschwander et al., 2012). Die Anpassung von Jugendlichen ist hoch, wenn diese einen Beruf trotz geringerer Person-Beruf-Passung wählen. Die Anpassungsfähigkeit von Jugendlichen ist höher, wenn sie eine höhere Intelligenz haben und aus Regelschulen (vs. Sonderschulen) stammen (Sternberg, 1997). Frühere Studien zeigten, dass intellektuelle Fähigkeiten und Beschulungsform die Chancen im Lehrstellenmarkt beeinflussen (Fasching, 2014; Eckhart & Sahli Lozano, 2013). (b) Jugendliche mit Verhaltensproblemen (z.B. Hyperaktivität) haben im Lehrstellenmarkt Nachteile, weil sozial erwünschtes Verhalten ein wichtiges Kriterium der Lehrstellenvergabe ist (Isenring & Neuenschwander, 2018). Möglicherweise reduzieren Berufsbildner*innen die Anforderungen dieser Soft-Kriterien in Berufen mit Lehrstellenüberangebot, so dass hyperaktive Jugendliche in diesen Berufen eher eine Lehrstellenzusage bekommen. (c) Weil Lehrpersonen möglichst alle Jugendlichen zu einem qualifizierenden Ausbildungsplatz führen müssen (D-EDK, 2016), empfehlen sie möglicherweise gewissen Jugendlichen Berufe mit Lehrstellenüberangebot, um deren Chancen auf eine Zusage zu verbessern. Fragestellung: Begünstigen Intelligenz, Regelschulung, Hyperaktivität und Lehrpersonenunterstützung die Wahl von Berufen mit Lehrstellenüberangebot? Ist die wahrgenommene Person-Beruf-Passung in Berufen mit Lehrstellenüberangebot tiefer? Die beruflichen Merkmale sollen dabei kontrolliert werden. Methode: Die Fragestellung wird mit Daten von 507 Jugendlichen im 9. Schuljahr aus der Deutschschweiz (40% weiblich, 51% Migrationshintergrund, Durchschnittsalter 15.8 Jahre) aus dem Jahr 2024 mit Übertritt in die Berufsbildung getestet. Die Jugendlichen besuchen Regelschulen mit tiefen Anforderungen (N=87%) sowie sonderpädagogische Förderklassen oder Sonderschulen (N=13%). Die Zahl der offenen Lehrstellen pro Beruf wurde per 1.12.2023 (Zeitpunkt mit grösstem Lehrstellenangebot, t1) sowie per 1.7.2024 (Ende Bewerbungsfrist, t2) aufgrund der nationalen Datenbank LENA bestimmt. Die Zahl der offenen Lehrstellen wurde den Berufen, die die Jugendlichen nach dem 9. Schuljahr erhalten haben, zugeordnet. Diesen Berufen wurden zudem die berufsspezifischen Anforderungen nach den sechs RIASEC-Dimensionen (Realistic R, Innovative I, Artistic A, Social S, Enterprising E, Conventional C) auf der Basis von Berufsberater-Urteilen zugeordnet (Holland, 1973; Neuenschwander et al., 2012). Den Berufen wurde auch der ISEI-Wert zugeordnet, der aus der ISCO - Klassifikation abgeleitet worden ist (Ganzeboom & Treiman, 2010). Lehrpersonenfragebogen: Der Schultyp (Sonderschule und sonderpädagogische Förderklassen vs. Regelschule) wurde pro Kind angegeben. Die Hyperaktivität wurde mit dem Fragebogen SDQ von Goodman (2005) für jedes Kind der Klasse mit fünf Items (ω=.87) erfasst. Schüler*innenfragebogen: Die Lehrpersonenunterstützung im Berufsorientierungsprozess wurde mit 8 Items erfasst (ω=.85). Die wahrgenommene Person-Beruf-Passung wurde mit 5 Items operationalisiert (ω=.82). Test: Die intellektuellen Fähigkeiten wurden mit dem CFT-20-R von Weiss (2019) erhoben. Ergebnisse: (1) Die Zahl an offenen Lehrstellen t2 kann regressionsanalytisch wesentlich durch die Zahl der offenen Lehrstellen t1 erklärt werden, aber auch signifikant negativ durch die Anforderungen in den Bereichen innovativ (I), künstlerisch (A) und sozial (S). (2) Die Wahl eines Berufs mit Lehrstellenüberangebot wird nicht durch den Schultyp, aber positiv durch die intellektuellen Fähigkeiten, die Hyperaktivität, die Lehrpersonenunterstützung und negativ durch die wahrgenommene Person-Beruf-Passung vorhergesagt. Eine dritte Regressionsanalyse mit allen diesen Variablen zeigte, dass die Effekte der intellektuellen Fähigkeiten und der Lehrpersonenunterstützung auch nach Kontrolle der Berufsmerkmale blieben. Diskussion: Das Lehrstellenüberangebot hängt von beruflichen Merkmalen ab. Anpassungsfähige Jugendliche mit höheren intellektuellen Fähigkeiten und ausgeprägter Lehrpersonenunterstützung nutzen eher den Vorteil eines Berufs mit Lehrstellenüberangebot. Das Lehrstellenüberangebot kann aber Jugendlichen mit einer geringen Person-Beruf-Passung eine Lehrstellenzusage ermöglichen. | ||
