SSRE-SGL-annual conference 2026
June 17-19, 2026
St.Gallen University of Teacher Education
Conference Agenda
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SYMP 20: Limited access to education – boundary-free educational practice
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Begrenzte Bildungsteilhabe – entgrenzte Bildungspraxis Das geplante Symposium nimmt ausgewählte zeitgenössische Bildungsprozesse in den Blick und fragt danach, wie sich Bildungsteilhabe, Subjektivierung und soziale Ungleichheit in unterschiedlichen gegenwärtigen Bildungsräumen zugleich entfalten, begrenzen und entgrenzen. Ausgehend von drei empirischen Forschungsprojekten – Elternengagement in Migrationsverhältnissen (ELEN), berufliche Zukunftsvorstellungen Jugendlicher (Flash Careers) und privatschulische kostenpflichtige Berufsausbildung (PriVET) – nähern sich die Beiträge der Fragestellung jeweils aus unterschiedlichen empirischen, methodischen und theoretischen Perspektiven. Bildungsprozesse werden dabei als sozial situiertes und machtförmig strukturiertes Geschehen in den Blick genommen. Sie werden nicht allein durch schulische Institutionen geformt, sondern entstehen in einem komplexen gesellschaftlichen Zusammenspiel von Akteuren, Praktiken und Logiken, in dessen Rahmen sich zugleich Möglichkeiten eröffnen und Grenzen ziehen. Das Projekt zum Elternengagement zeigt exemplarisch, wie in Migrationsverhältnissen spezifische Konstellationen von Verantwortung, Sorgearbeit und Bildungsaspirationen hervorgebracht werden. Eltern handeln unter Bedingungen struktureller Ungleichheit, migrationsgesellschaftlicher Zuschreibungen und institutioneller Erwartungen, wobei diese zugleich Räume der Agency öffnen, in denen ihr Verhältnis zu Bildung und Erwerbsarbeit, aber auch Fragen guter Elternschaft, in begrenzenden und entgrenzenden Verhältnissen, neu ausgehandelt werden. Diese Formierungen machen deutlich, dass elterliches Engagement durch gesellschaftliche Zuschreibungen, Begrenzungen und Anrufungen geprägt werden. Sie werfen damit grundlegende Fragen nach Teilhabe, Anerkennung und der Reproduktion oder Irritation bestehender Machtverhältnisse auf. Analog dazu illustriert das Projekt Flash Careers, wie Jugendliche in einer medialisierten, global vernetzten und flexibilisierten Arbeitswelt berufliche Vorstellungen und Identitätsentwürfe entwickeln. Die Jugendlichen bewegen sich zwischen normativen Anforderungen an Flexibilität, Selbstoptimierung und Employability und eigenen Wünschen nach Autonomie und Selbstverwirklichung. Diese Prozesse reflektieren eine zunehmende Individualisierung und unternehmerische Selbstorientierung, die Chancen auf jugendkulturelles Empowerment eröffnen, zugleich aber in bestehende Anerkennungsordnungen und enge Normalitätsvorstellungen eingebettet bleiben. Das Projekt PriVET schließlich richtet den Blick auf kostenpflichtige Ausbildungen an berufsbildenden Privatschulen. Hier zeigt sich eine „Selbstunternehmerisierung“ im Kontext der beruflichen Grundbildung (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis und Berufsmaturität): Lernende bezahlen vermehrt für eine Berufsausbildung und eröffnen sich dadurch einen Zugang zu Berufen vor dem Hintergrund versperrter Teilhabemöglichkeiten, etwa im Kontext von Lehrstellenauflösungen, Diskriminierungserfahrungen bei der Lehrstellensuche oder schulischer Selektion. Diese Form der bezahlten Berufsausbildung ist Ausdruck einer Ökonomisierung und Individualisierung der Berufsbildung, in der Bildungsrenditen und Investitionen betont werden, zugleich jedoch keine Ausbildungsgarantie für alle umgesetzt wird, sondern die Vergabe von Ausbildungsplätzen im Sinne einer Angebot-Nachfrage-Logik dem Lehrstellenmarkt überlassen bleibt. Die kostenpflichtige Berufsausbildung wird so zu einem zweischneidigen Phänomen: Sie eröffnet Zugänge zur Berufsbildungsteilhabe, verschiebt aber Verantwortung – insbesondere der finanziellen Last – auf die Individuen selbst. Die zusammenführende Perspektive des Symposiums sieht Bildung als begrenztes und entgrenztes Feld, das sich zwischen institutionellen, familiären sowie peer-Kontexten bewegt. Entgrenzung bedeutet dabei nicht nur die Aufweichung institutioneller Grenzen, sondern auch die Transformation von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen. Die Analyse dieser Prozesse liefert Einsichten in die Ambivalenz von Bildung: Sie ist zugleich Ermöglichungs- und Selektionsraum, Ort von Teilhabe wie von Ausschluss, von Selbstermächtigung wie von erhöhten Anforderungen an Eigenverantwortung. Für die bildungswissenschaftliche Forschung eröffnen diese Perspektiven mehrere Zugänge: Sie ermöglichen eine kritische Reflexion über die sozialen und strukturellen Bedingungen von Bildungsteilhabe, über die Ambivalenz von Selbstunternehmertum in Bildungskontexten und über die Notwendigkeit, Bildung in ihren relationalen und gesellschaftlich eingebetteten Dimensionen zu analysieren. Das Symposium lädt dazu ein, empirische Evidenzen aus den drei Projekten zu nutzen, um theoretische Debatten zu vertiefen und Perspektiven für eine Bildungspolitik und -praxis zu entwickeln, die die Gestaltung einer lebenswerteren Zukunft unterstützen könnte. Presentations of the Symposium “…du könntest doch so Übersetzerin werden oder etwas machen (.) du musst nicht zu Hause sitzen” (Care-)Arbeit in rassifizierten und gegenderten gesellschaftlichen Machtverhältnissen Eltern stehen vermehrt im Fokus, insbesondere die Eltern, die von einer nicht nur in Bildungsinstitutionen, sondern auch gesamtgesellschaftlich wirksamen «mythischen Norm» (Lorde, 1993, S. 202) einer bürgerlichen, ‘weißen’, heterosexuell lebenden, gesunden und leistungsfähigen ‘Normalfamilie’ (vgl. Fitz-Klausner et al., 2021) abweichend positioniert werden. Eltern müssen sich zu diesen institutionalisierten Normalitäten ins Verhältnis setzen und ringen oft um die Gültigkeit dieser Normen und des darin eingelagerten Wissens (Jergus, 2017; Krinninger & Kesselhut, 2020) - Aspekte, die einen Einfluss auf die Bildungsteilhabe ihrer Kinder haben. Gleichzeitig werden Eltern für die Bildungsteilhabe ihrer Kinder responsibilisiert (Casale, 2012; Jergus, 2019) und es findet eine Kopplung von elterlichem Bildungshandeln (und weniger strukturelle Rahmenbedingungen) und den Bildungsbiographien der Kinder statt. Im Versuch, diesen Responsibilisierungsanrufungen zu entsprechen, erfahren Eltern in einem Manövrieren zwischen Ansprüchen an ‘gute’ Elternschaft, Care- und Lohnarbeit und Engagement Begrenzungen hinsichtlich ihrer Handlungsspielräume durch Verhältnisse von Rassismus, Sexismus und Klassismus. Auf der Grundlage des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojektes «Elternengagement im Kontext von Bildungskindheiten: Formierungen und Aushandlungen in Migrationsverhältnissen» (Nr. 215484) wird im Beitrag auf die Umsetzungsbedingungen dieser familialen Normen guter Elternschaft, Lohn- und Carearbeit und (Bildungs-)Engagement in gegenderten und klassistischen Migrationsverhältnissen ins Zentrum gestellt. Wie wirken hier Formen der Entgrenzung und Begrenzung von Handlungsspielräumen durch und in gesellschaftlichen Verhältnissen? Wie berufen sich potentiell nicht-passend markierbare Eltern beim Engagement für die Bildung ihrer Kinder, aber auch bei Fragen von Care-Arbeit wie auch eigener beruflicher Perspektiven auf hegemoniale Normen ‘guter’ Elternschaft (Walsh, 2018; Westphal et al., 2017)? Wie sind ihre Positionierungen mit gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen und hegemonialen Diskursen verwoben? Diesen Fragen wird anhand der subjektivierungstheoretisch informierten Rekonstruktion (Ricken et al., 2023; Rose, 2019; Spies, 2019) eines biographischen Interviews (Schütze, 1983) mit einer Mutter nachgegangen. Biographie wird dabei als eine Schnittstelle zwischen dem erzählenden Subjekt und der sozialen Wirklichkeit, als ein Zugang zu «Subjekt-Kontext-Relationen» (Dausien et al., 2016, S. 30) verstanden. Im Fokus des Beitrags stehen Auseinandersetzungen einer Mutter mit Frage der ‘richtigen’ und ‘guten’ Elternschaft in (gegenderten) (Care-)Arbeitskonstellationen. In der Fallanalyse wird ein Bildungsaufstieg für die sog. zweite Generation zugunsten einer (Wieder-)Herstellung von ‘guter’ Elternschaft durch ein Hinwenden zur Carearbeit verworfen. In der Umsetzung eines eng an gegenderte Rollenverteilung und Arbeitsteilung gekoppelten Familienideals lassen sich aber Aufträge und Ansprüche nach beruflichem Erfolg, Leistung und Einkommen kaum erreichen – Aufträge, die auch durch rassifizierte und gegenderte Verhältnisse begrenzt werden. Denn die neoliberale Logik der Entwertung einer Berufsausbildung nach längerem Wegbleiben vom Arbeitsmarkt aufgrund von Familienarbeit als ein Zusammenspiel von gender-race-class eröffnet oft nur Optionen für prekarisierte Arbeit. In der Analyse wird auf die Narration dieser Verstrickung in gegenderte und rassifizierte Verhältnisse eingegangen und aufgezeigt, wie sich aus einem Engagement von migrantisierten Eltern für ihre Kinder auch andere Aspekte hinsichtlich einer Teilhabe mit Blick auf Beruflichkeit und Bildung für die Eltern zeigen: Innerhalb des Engagements entwickeln sich Hoffnungen für eine sinnstiftende und eventuell auch bezahlte Tätigkeit ausserhalb der üblichen rassifizierenden und gegenderten Logiken eines Arbeitsmarkts, angesichts von Anrufungen an migrantisierte, meist weibliche Eltern, über ein Engagement ihre Erfahrungen produktiv und nützlich zu machen für Eltern wie sie, und so auch normativen Vorstellungen von guter Elternschaft zu entsprechen. In der Transformation von «Engagierten» zu als Honorarkraft entlohnten migrantisierten Mitarbeitenden werden sie aber aufgefordert, dominante Lesarten von Migrations- und Integrationsdispositiven (Kollender 2020) nicht nur zu übernehmen, sondern auch weiterzuvermitteln – denn ein Einfügen in diese ist innerhalb der Strukturen, die für rassifizierte Eltern, oft mit einem Fokus auf (Bildungs-)Chancen für die eigenen Kinder, geschaffen werden, meist Voraussetzung für einen solchen «Aufstieg». Auf der Grundlage dieser empirischen Rekonstruktionen soll ein Beitrag zur machttheoretischen Perspektivierung auf elterliches (Subjekt-)Bildungsengagement angesichts von rassifizierten und gegenderten Normen in der Auseinandersetzung mit ‘guter Elternschaft’ herausgearbeitet werden. Zwischen Bühne und Berufswahl: Wie neue Traumjobs Übergänge verändern Der Vortrag „Zwischen Bühne und Berufswahl: Wie neue Traumjobs Übergänge verändern“ untersucht die Bedeutung medial und jugendkulturell geprägter Berufswünsche wie Influencer:in, eSportler:in oder DJ für die Übergangsforschung. Ausgangspunkt ist das Konzept der „Flash Careers“, das in einer portugiesischen Studie (Ferreira 2017) entwickelt wurde, um die Dynamik neuer Traumjobs und deren Einfluss auf biografische Entscheidungen zu verstehen (Düggeli/Neuenschwander 2015). Diese Berufe stehen für eine zunehmende Individualisierung und Mediatisierung von Anerkennungsordnungen (Stauber 2020a), die traditionelle Vorstellungen von Berufswahl und beruflicher Orientierung herausfordern. Gefragt wird also, wie Flash Careers oder neue Traumjobs die Übergänge Jugendlicher in Ausbildung und Beruf beeinflussen (Großegger et al. 2022)? Welche Widersprüche entstehen zwischen medialen Idealen, institutionellen Erwartungen und biografischer Realität? Und wie lassen sich diese Phänomene theoretisch und empirisch fassen? Die Analyse kombiniert drei Zugänge: eine diskursive Perspektive über die Auswertung internationaler und nationaler Jugendstudien und theoretischer Ansätze zu Übergängen und Anerkennung. Empirische Daten aus Projekten im Bachelor- und Masterstudium Soziale Arbeit, die Interviews, Fokusgruppen und Surveys zu Berufswünschen und Übergangsbiografien umfassen und schliesslich eine biografische Perspektive über ausführliche Interviews mit DJs im Rahmen einer Masterthesis. Die Ergebnisse zeigen deutliche Diskrepanzen und widersprüchliche Anforderungen: Während Flash Careers in Medien und jugendkulturellen Diskursen präsent sind, bleiben sie in Berufsberatungen und grossen Längsschnittstudien marginal. Klassische und nach wie vor hoch genderstereotype Berufswünsche wie Ärztin oder Polizist dominieren weiterhin. Studien wie die OECD-Analyse „Dream Jobs?“ (Mann et al. 2018) konstatieren dagegen einen wachsenden Mismatch zwischen den Aspirationen Jugendlicher und den Anforderungen des Arbeitsmarkts. Der zweite Teil beleuchtet diskursive und strukturelle Perspektiven: Berufswahlmotive sind eingebettet in gesellschaftliche Doppelbotschaften – „Alles ist möglich“ versus Optimierungszwang des Lebenslaufs (Eulenbach 2022). Jugendliche stehen vor dem „Planungsparadox“: Sie sollen rationale Entscheidungen treffen, obwohl Erwerbsbiografien zunehmend entstandardisiert sind (Stauber/Walther 2005). Diese Widersprüche verstärken Entscheidungsdruck und Individualisierungsanforderungen. Gleichzeitig entstehen neue Übergangsformen, etwa im eSports oder im DJing, die hybride Erwerbsmodelle zwischen Ausbildung und medialer Selbstvermarktung erfordern. Biografische Perspektiven werden anhand qualitativer Interviews mit DJs illustriert. Sie zeigen, wie junge Menschen zwischen Selbstbestimmung, ökonomischer Unsicherheit und Anerkennung navigieren (Sailer 2022). Kooperationen mit Clubs und in unterschiedlichen Szenen, Social-Media-Management und Community-Building sind zentrale Elemente dieser Karrieren, die sich flexibel mit Studium oder Ausbildung kombinieren lassen (Stauber 2020b). Dennoch bleibt der Weg in eine „Flash Career“ hochgradig selektiv und von Zufällen geprägt. Abschließend werden theoretische und methodische Implikationen für die Übergangsforschung diskutiert: Wie lassen sich neue Traumjobs in bestehende Modelle von Übergängen integrieren? Welche Rolle spielen Milieus, Anerkennungsordnungen und internationale Unterschiede? Der Vortrag plädiert für eine reflexive Übergangsforschung, die die Diversifizierung von Berufswünschen ernst nimmt und die sozialen Ungleichheiten berücksichtigt, die sich in der Realisierung solcher Karrieren zeigen. Berufsbildende Privatschulen und kostenpflichtige Berufsbildung (PriVET) Von der Bildungswissenschaft wie auch der Bildungspolitik bislang kaum beachtet, nimmt in der Schweiz der Anteil der Lernenden zu, die eine berufliche Grundbildung (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis, EFZ) oder eine Berufsmaturität (BM2) an kostenpflichtigen, berufsbildenden Privatschulen absolvieren. Während es international betrachtet keine Ausnahme darstellt, dass Lernende eine berufliche Grund- oder Ausbildung an Privatschulen durchlaufen und dafür Ausbildungsgebühren entrichten, kontrastiert diese Entwicklung mit gängigen Annahmen über das schweizerische Bildungssystem, insbesondere über das dual geprägte, arbeitsmarktorientierte Berufsbildungssystem. Zwar sind diese Privatschulen als sogenannte schulisch organisierte berufliche Grundbildungen seit vielen Jahren Teil des schweizerischen Berufsbildungssystems. Dennoch standen diese privaten Bildungsinstitutionen und insbesondere deren Lernende bislang kaum im Fokus der Berufsbildungsforschung sowie der Privatschul- und Transitionsforschung. Die Forschung zu Privatschulen konzentriert sich überwiegend auf die obligatorische Schule (Primarstufe, Sekundarstufe I) sowie – im Bereich der Sekundarstufe II – auf Elitegymnasien und internationale Schulen, die als Reproduktionsstätten kosmopolitischer Eliten und als Orte sozialer Distinktion gelten. In der Berufsbildungsforschung wiederum werden primär Unternehmen, Betriebe und Berufsverbände als private Akteure berücksichtigt, nicht jedoch berufsbildende Privatschulen. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass sich diese kostenpflichtigen berufsbildenden Privatschulen von öffentlich-schulischen Bildungsgängen (Gymnasien und Fachmittelschulen), vollzeitschulischen beruflichen Ausbildungen (z.B. Wirtschafts-, Informatik- und Gesundheitsmittelschulen) sowie betrieblichen (Berufs-)Ausbildungen der Sekundarstufe II dadurch unterscheiden, dass sie weder betriebliche noch schulische beziehungsweise notenbasierte Aufnahmekriterien vorsehen. Entscheidend ist vielmehr, ob die Lernenden und/oder deren Eltern willens und in der Lage sind, das Schulgeld aufzubringen – gegebenenfalls auch mittels Ratenzahlungen und Verschuldung. Exemplarisch veranschaulichen dies Bildungswerbungen privater Anbieter, die in Gratiszeitungen sowie in sozialen Medien mit Slogans wie „Noch keine Lehrstelle? Wir haben die Lösung“, „Bei uns kannst du deine Ausbildung in der Schule absolvieren – eine interessante Alternative zum immer kleiner werdenden Lehrstellenmarkt“ oder „Keine Aufnahmeprüfung und kein Mindestnotendurchschnitt erforderlich“ um potenzielle Bildungsklient:innen werben. Auf diese Weise eröffnen berufsbildende Privatschulen Ausbildungszugänge innerhalb des Berufsbildungssystems auch für jene, die – sei es aufgrund schulischer oder betrieblicher Selektionslogiken, elterlicher und jugendlicher Ausbildungspräferenzen oder regionaler Ausbildungsstrukturen – keinen Zugang zum dualen, betrieblich geprägten schweizerischen collective skill formation system finden. Das Forschungsprojekt „privatschulische kostenpflichtige Berufsausbildung“ (PriVET) – gefördert vom Schweizerischen Nationalfond, der Avenira Stiftung und der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel – erschließt diese Forschungslücke aus einer subjektorientierten wie auch einer institutionellen Perspektive. Während erstere die Entscheidungsprozesse, Bildungsverläufe und Finanzierungsstrategien der Lernenden untersucht, richtet letztere den Blick auf die Adressierungs- und Positionierungspraktiken der privaten Anbieter im (Berufs)Bildungssystem. Methodologisch orientiert sich das Projekt an einem konstruktivistischen Grounded-Theory-Ansatz und arbeitet mit qualitativen Verfahren. Zum Einsatz kommen problemzentrierte Interviews mit Lernenden (n = 40) und institutionellen Vertreter:innen (n = 8) sowie thematische Analysen von Bildungswerbungen dieser Privatschulen. Gefragt wird danach: 1) Wie Lernende im schweizerischen (Berufs-)Bildungssystem dazu kommen, eine berufliche Grundbildung und/oder eine Berufsmaturität an einer kostenpflichtigen, berufsbildenden Privatschule zu absolvieren. 2) Wie sich berufsbildende Privatschulen im schweizerischen (Berufs-)Bildungssystem auf der Sekundarstufe II positionieren. In der Präsentation werden anhand ausgewählter Fallrekonstruktionen von Bildungsverläufen von Lernenden erstmals aufgezeigt, wie junge Menschen primär vor dem Hintergrund versperrter Bildungszugänge den Übergang in kostenpflichtige Ausbildungsgänge vollziehen. Dies geschieht etwa nach der Auflösung von Lehrverträgen, nach erfolgloser Suche nach Ausbildungsplätzen oder verwehrter Berufswahl. Während sich im Einzelfall durch die Zahlung von Schulgebühren solche Zugangshürden zunächst überwinden lassen, entstehen zugleich neue Abhängigkeits- und Ungleichheitsverhältnisse – gegenüber Privatschulen, Eltern oder durch parallele, teils informelle Erwerbstätigkeit. Bildungsbezogene und soziale Ungleichheiten werden für diese Lernenden demnach nicht aufgehoben, sondern innerhalb eines Marktes, der aus Bildungsausschlüssen Profit generiert, neu hervorgebracht, artikuliert und privatisiert. Diese Befunde decken sich mit ersten explorativen thematischen Analysen der Bildungswerbungen dieser Privatschulen, in denen neben Fragen der Berufswahl vor allem auch Oportunitäten nach Ausschluss („Noch keine Lehrstelle – wir haben die Lösung“) prominent thematisiert und online beworben werden. | ||
