SGBF-SGL-Jahreskongress 2026
17.-19. Juni 2026
Pädagogische Hochschule St.Gallen
Veranstaltungsprogramm
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SYMP 14: Zwischen Effizienzsteigerung und Teilhabeversprechen – Analytische Erkundungen von Digitalisierungsprozessen in Bildungseinrichtungen zwischen Organisation und pädagogischem Handeln
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Zwischen Effizienzsteigerung und Teilhabeversprechen – Analytische Erkundungen von Digitalisierungsprozessen in Bildungseinrichtungen zwischen Organisation und pädagogischem Handeln Das Phänomen der Digitalisierung perspektiviert einen technisch-sozialen Wandel, der nicht nur mit der Implementierung digitaler Technologien einhergeht, sondern mit tiefgreifenden Transformationsprozessen in nahezu sämtlichen Lebensbereichen. Dies erstreckt sich auch auf Bildungseinrichtungen, wie Kindertageseinrichtungen (Kitas) und Schulen, in denen sich sowohl eine Digitalisierung kultureller Alltagspraktiken – wie z. B. Lesen und Schreiben – als auch eine Hervorbringung neuer digitaler Strukturen vollzieht, wie etwa soziale Netzwerke oder Softwares für organisationale und kommunikative Prozesse. Verbunden sind diese digitalen Transformationsprozesse oftmals mit ‚Verheißungen‘ von Individualisierung, Optimierung und Effizienzsteigerung. Gerade im organisatorischen Bereich von Bildungseinrichtungen zeigt sich dies, wenn Digitalisierung bessere Kommunikation und Zusammenarbeit ermöglichen oder Ungleichheit entgegenwirken soll (z.B. Lang, 2021), gleichwohl insbesondere für organisationale Prozesse ihr (verdecktes) Mitwirken an sozialer Ungleichheit empirisch belegt ist (Gomolla & Radtke, 2009). Inwiefern die Digitalisierung organisationaler Prozesse in pädagogischen Handlungsfeldern ‚Räume für Mitgestaltung‘ und Partizipation initiieren sowie soziale Ungleichheit begrenzen kann und darüber Potenziale entfaltet, zu Bildungsprozessen und der ‚Gestaltung einer lebenswerten Zukunft‘ beizutragen, wäre somit empirisch zu prüfen. Denn konfrontiert sind die Verheißungen rund um digitale Transformation mit der Komplexität von Bildungseinrichtungen, in denen Prozesse entlang der spezifischen Anforderungen eigensinnig ausgedeutet werden (z.B. Herrle et al., 2022). Dementsprechend können digitale Technologien nicht als praktische, effizienzsteigernde Werkzeuge oder Behälter für Information und Kommunikation verstanden werden. Vielmehr – so eine zentrale Ausgangsthese des Symposiums – sind bzw. werden sie in organisatorische und pädagogische Prozesse verwoben, bieten sozio-materielle Angebote und verschieben subtil Formen der Praxis (z. B. Knauf, 2024). In dieser Logik wird davon ausgegangen, dass digitale Technologien mit den jeweiligen Akteur:innen (pädagogische) Praxis wechselseitig hervorbringen. Einem solchen dezidiert analytisch-rekonstruktiven Ansatz folgend, befragt das Symposium mit qualitativ-empirischen Zugängen, wie die Digitalisierung organisationaler Prozesse in den Handlungsfeldern in Kitas und Schulen Möglichkeitsräume für Bildung, Partizipation sowie zur Verringerung sozialer Ungleichheiten eröffnet oder verschließt. Bearbeitung findet diese übergreifende Fragestellung innerhalb des Symposiums in drei Schwerpunkten: Erstens geht es um die analytische Aufschlüsselung der (Mit-)Konstitution organisationaler und pädagogischer Praxis durch digitale Technologien. Zweitens wird fokussiert, welche Wissens- und Bewertungsordnungen in diese digitalen Technologien eingelassen sind. Wie werden etwa Vorstellungen von ‚guter‘ pädagogischer Praxis mitkonstruiert, wie werden Feldakteur:innen adressiert und differenziert? Drittens werden die Befunde weiterführend diskutiert: Welche Konsequenzen, etwa die Vermessung von Schule und Kita im Sinne der Datafizierung (Breiter & Bock, 2023), sind mit den Digitalisierungsprozessen verbunden und welche Bedeutung erlangt dies für das Verhältnis von organisationalen Prozessen und pädagogischem Handeln? Über die vier Beiträge wird ein mehrperspektivischer Blick auf die Digitalisierung organisationaler Prozesse in Bildungseinrichtungen entfaltet, indem verschiedene Formen von Kooperation und Zusammenarbeit sowie Kita- und schulinterne Koordinierungs- bzw. Kommunikationsprozesse fokussiert werden. Das Symposium eröffnet eine systematisierende und theoretisierende Auseinandersetzung zu Potenzialen und Grenzen von Digitalisierungsprozessen in pädagogischen Einrichtungen in Hinblick auf ‚Bildung für eine lebenswerte Zukunft‘. Beschreibung des geplanten Ablaufs und der Diskussionsphasen (120 Min.): Zu Beginn des Symposiums wird es eine Kurzeinführung in die thematische Klammer und die zentralen Fragestellungen durch die Chairs (Stefanie Bischoff-Pabst & Laura Fuhrmann) geben (ca. 10 Minuten). Daran anschließend werden die vier Vorträge präsentiert, die 15 Minuten nicht überschreiten sollten. Nach jedem Vortrag wird es die Möglichkeit geben, ein bis zwei kurze, konkret auf den jeweiligen Vortrag bezogene Rückfragen zu stellen, die direkt durch die Vortragenden beantwortet werden können (je 5 Minuten). Das Symposium schließt mit einem Diskussionsinput der Diskutantin (ca. 10 Minuten). Hiernach wird eine abschließende Diskussion gestaltet, an der alle Sprecher:innen und das Plenum gemeinsam teilnehmen. Diskussionsleitung übernehmen erneut die Chairs (ca. 20 Minuten). Diskutantin ist Dr. Urisna Jäger (Pädagogische Hochschule Thurgau). Beiträge des Symposiums Die App als Architekt von Zusammenarbeit? Eine Analyse von digitalen Formaten zur Kommunikation zwischen Eltern und Fachkräften in Kindertageseinrichtungen In den letzten Jahrzehnten haben sich die Bildungs- und Integrationserwartungen an frühpädagogische Einrichtungen verstärkt: So gilt eine intensive, eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtungen (Kitas) und Familien sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz als zentrales Qualitätsmerkmal pädagogischer Arbeit. Die Programmatik der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft fordert Fachkräfte dazu auf, effektive Beziehungen ‚auf Augenhöhe‘ zu gestalten, um Kinder bestmöglich zu fördern. Gleichzeitig spielt mit Blick auf Verhältnisbestimmungen zwischen Eltern und Fachkräften digitale Verwaltungs- und Kommunikationssoftware – in Form so genannter Kita-Apps – eine zunehmend wichtige Rolle (Reichert-Garschhammer et al., 2025). Welche Akteur:innen mit welchen Interessen und Perspektiven zu der Implementation, Expansion und Gestaltung neuer digitaler Infrastrukturen im Handlungsfeld der Kindertageseinrichtung beitragen, ist bislang allerdings kaum erforscht. Dies gilt auch für die praktische Nutzung solcher Apps als umfängliche Verwaltungssoftware und im Speziellen in der Praxis des Zusammenarbeitens zwischen Fachkräften und sozial unterschiedlich situierten Eltern in den Einrichtungen. Genauso wenig sind die Apps selbst bislang in den Fokus empirischer Forschung gerückt. Ausgehend von der These, dass digitale (Verwaltungs-)Systeme keineswegs neutral sind, sondern mit Vorannahmen operieren, die performative Effekte auf soziale Praktiken hervorbringen werden in diesem Beitrag Kita-Apps in den Blick genommen. Die zentralen Forschungsfragen lauten: Wie werden Familien (Mütter, Väter, Sorgeberechtigte, Kinder) und pädagogische Fachkräfte durch solche Apps adressiert und differenziert und welche normierenden Effekte werden dabei sichtbar? Wie werden Vorstellungen von ‚guter‘ Zusammenarbeit, ‚guter‘ Elternschaft oder ‚professionellem‘ Handeln durch die Apps konstruiert? Im Fokus der Analyse der virtuellen Interfaces von ca. 6 bis 10 am deutschsprachigen Markt prominent vertretenen Kita-Apps stehen implizit enthaltende Vorannahmen in Form spezifischer Wissens- und Bewertungsordnungen (Alkemeyer & Brümmer, 2024). Methodologisch werden die Apps dafür als soziokulturelle Artefakte analysiert, die spezifische Praktiken ermöglichen oder beschränken (Pritz, 2024). Dabei interessieren sowohl Kontexte (z.B. Werbematerial, Social-Media-Plattformen), die Auskunft darüber geben, welche organisatorischen oder pädagogischen Problemlagen für Kitas oder Familien definiert werden, für die die Apps eine Lösung darstellen sollen (Sänger et al. 2024) als auch die Interfaces selbst. Diese werden aus subjektivierungs- und differenztheoretischer Perspektive mit dem Ziel analysiert, die impliziten und expliziten Adressierungen, die die jeweilige App den User:innen anbietet sowie die Wissensordnungen zu rekonstruieren, die in den Apps – v.a. zur Gestaltung der Eltern-Fachkraft-Kommunikation – manifestiert sind (Meister & Slunecko, 2021). Hierzu werden erste Befunde aus dem laufenden Projekt DigiFo „Digitale Formate in der Zusammenarbeit zwischen Familien und Kindertageseinrichtungen – Reproduktion von Ungleichheit oder Egalisierung?“ (Bergische Universität Wuppertal, Laufzeit: 2025-2026) vorgestellt. Ziel ist es, die Beschaffenheit in der Praxis genutzter, meist zu kommerziellen Zwecken entwickelter, digitaler Instrumente zu analysieren und u.a. die normierende Effekte zu rekonstruieren, die durch die Apps selbst (mit) hervorgebracht werden. Literatur Alkemeyer, T. & Brümmer, C. (2024), Subjektivierung und Techniken des Selbst. In A. Kraus, J. Budde, M. Hietzge & C. Wulff (Hrsg.), Handbuch Schweigendes Wissen. Erziehung, Bildung, Sozialisation und Lernen (S. 662-673). 3. Auflage. Beltz Juventa. Pritz, S. M. (2024). Gefühlstechniken. Eine Kultursoziologie emotionaler Selbstvermessung. Springer VS. Meister, M. & Slunecko, T. (2021). Digitale Dispositive psychischer Gesundheit. Eine Analyse der Resilienz-App ‚SuperBetter‘. Zeitschrift für qualitative Forschung, 22(2), 242–265. Reichert-Graschhammer, E., Knoll. S., Helm, J. Harbecke, L., Möncke, U., Holand, G. & Lorenz, S. (2025). KitaApps – Apps und Softwarelösungen für mittelbare pädagogische Aufgaben in der Kita. Expertise. 3. überarb. Aufl. IFP-Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz. Sänger, E., Langer, A. & Carstensen, T. (2024). Die Pflicht, up-to-date zu sein. Adressierungen (werdender) Eltern durch Schwangerschafts- und Erziehungsapps. GENDER, 16(1), 115–132. Digitale Bildungsdokumentation in Kitas – Praxistransformationen zwischen Partizipation, Standardisierung und Instagramisierung App-basierte Systeme haben sich in vielen Kitas etabliert und eröffnen Potenziale für effizientere Beobachtung, transparente Elternkommunikation und engere Verzahnung pädagogischer Prozesse (Knauf, 2020). Mediatisierungstheoretische Perspektiven verdeutlichen, dass digitale Medien eigene Logiken erzeugen und pädagogisches Handeln neu strukturieren (Krotz, 2012). Vor diesem Hintergrund wird verstärkt über eine „Instagramisierung“ pädagogischer Praxis diskutiert, in der visuelle Ästhetisierung und performative Darstellung an Bedeutung gewinnen. Die explorative qualitative Teilstudie im Rahmen meines Dissertationsprojektes untersucht subjektive Erfahrungen und professionelles Handeln im Umgang mit digitalen Dokumentationssystemen und bezieht hierzu pädagogische Fachkräfte und Eltern ein. Datengrundlage sind leitfadengestützte Interviews mit Fachkräften und Müttern aus einer ländlichen Kita, die eine Kita-App nutzt. Analysiert wird, wie Fachkräfte digitale Tools in ihre Routinen integrieren, wie sie die Balance zwischen reflexiver Auseinandersetzung und medienvermittelter Sichtbarkeit gestalten und welche Spannungsfelder durch visuelle Darstellungsformen entstehen. Diese werden im Diskurs sowohl als Teil mediatisierter Praxis als auch als Ausdruck einer zunehmenden Sichtbarkeitsorientierung beschrieben. Zugleich richtet die Teilstudie den Blick auf elterliche Wahrnehmungen: Welche Erwartungen verbinden Eltern mit digitaler Dokumentation, und wie prägt die visuelle Sichtbarmachung kindlicher Alltagssituationen ihr Verständnis von Transparenz, Beteiligung und pädagogischer Qualität (Cohen et al., 2021)? Die Daten wurden mit qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet (Mayring, 2015). Dabei wurden theoriegeleitete Konzepte, etwa zu Ästhetisierung, Elternkommunikation oder digitaler Sichtbarkeit mit induktiv entstandenen Bedeutungsstrukturen verknüpft. Durch die Kombination beider Perspektiven treten neben fachlichen auch beziehungs- und kommunikationsbezogenen Dimensionen digitaler Dokumentationspraxis hervor. Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Frage, wie digitale Formen der Bildungsdokumentation pädagogische Routinen und organisatorische Abläufe verändern, etwa hinsichtlich der Auswahl dokumentierter Situationen, der Taktung von Beiträgen oder der Abstimmung im Team. Damit wird eine organisationstheoretische Perspektive eingenommen, die an Analysen zur Mediatisierung institutioneller Kommunikation anschließt. Digitale Medien eröffnen dabei nicht nur neue Handlungsoptionen, sondern schreiben zugleich strukturelle Logiken in pädagogische Praxis ein. Auch professionstheoretische Aspekte werden berührt: Die Teilstudie fragt, inwiefern ästhetische Kriterien, visuelle Standards und mediale Darstellungskonventionen pädagogische Entscheidungen beeinflussen und damit das professionelle Selbstverständnis verändern. Der Begriff der „Instagramisierung“ dient hier als analytischer Suchbegriff, um zu prüfen, ob Merkmale digitaler Plattformkommunikation, etwa Ästhetisierung, Performanz oder Taktung, in die Bildungsdokumentation einfließen und neue Spannungsfelder zwischen Reflexion, Sichtbarkeit und Verantwortung erzeugen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften. Untersucht wird, ob digitale Formate dialogische Prozesse fördern oder eher passiv genutzt werden und ob digitale Dokumentationen als Kommunikationsangebot, als Reflexionsinstrument oder primär als visuelles Informationsmedium verstanden werden. Ziel der Teilstudie ist es, ein vertieftes Verständnis dafür zu entwickeln, wie digitale Bildungsdokumentation als mediatisierte Form pädagogischer Kommunikation interpretiert und gestaltet wird, um Chancen, Grenzen und professionelle Anforderungen künftig differenzierter diskutieren zu können. Literatur Cohen, F., Oppermann, E. & Anders, Y. (2021). (Digitale) Elternzusammenarbeit in Kindertageseinrichtungen während der Corona-Pandemie. Digitalisierungsschub oder verpasste Chance? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 24, 313–338 (2021). Knauf, H. (2020). Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen: Das Beispiel Bildungsdokumentation aus der Perspektive pädagogischer Fachkräfte in Deutschland und Neuseeland. Zeitschrift für Pädagogik, 66(2), 233–250. Krotz, F. (2012). Mediatisierung: Theorie und Empirie des Medienwandels. Springer VS. Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (12. Aufl.). Beltz. Mitgestaltung zwischen digitalen Räumen und analogen Begrenzungen – Die Digitalisierung organisationaler Prozesse im schulinternen Verwaltungsbereich Schulverwaltungssoftwares stellen eine Facette der fortschreitenden Digitalisierung schulischer Organisationen dar. Von Hersteller:innen werden sie häufig mit Erwartungen an Entlastung, Effizienzsteigerung sowie komfortablen und flexibilisierten Zugriffsmöglichkeiten verknüpft (Troeger et al., 2023). Dabei werden Prozesse, die Unterricht und Lehrpersonen bislang in überwiegend analogen Formen ‚zuarbeiteten‘ – etwa telefonische Krankmeldungen, papiergestützte Formularlogiken oder manuelle Zuordnungen von Schulklassen und Lehrpersonen in Stunden- und Vertretungsplänen (Fuhrmann & Wolf, 2024) – zunehmend digitalisiert. Während Forschungsarbeiten die Transformationsprozesse der Digitalisierung von Unterricht ausweisen (Proske et al., 2023) und dabei auch die sich über Medien entfaltenden Verweisungszusammenhänge in außerunterrichtliche Bereiche betonen (Proske & Rabenstein, 2025), rücken die digitale Koordination von Schule und ‚Zuarbeit‘ zum Unterricht bislang selten in den Blick. Diese erweisen sich jedoch als zentral für ein Verständnis, wie sich die Handlungspraxis im Wechselspiel mit digitalen Medien konstituiert (Hepp, 2020) und wie Schule und Unterricht im Vollzug dieser Praktiken organisational ‚am Laufen‘ gehalten werden. Der Beitrag nimmt mit einem ethnographischen Zugang zu Schulsekretariaten und Stundenplanungsbüros jene organisationale Schnittstelle in den Blick, in denen sich Digitalisierungsprozesse der schulinternen Verwaltungspraxis konkret vollziehen. Durch teilnehmende Beobachtungen sowie leitfadengestützte Gespräche mit Sekretär:innen, Schulleitungen und Lehrpersonen zwei verschiedener Schulen rückt der Beitrag die organisationalen Prozesse in ihrer wechselseitigen Hervorbringung durch die Akteur:innen und digitalen Verwaltungstools in den Mittelpunkt. Im Zentrum steht dabei nicht die technische Funktionsweise der eingesetzten Softwares, sondern der situative Vollzug organisationaler Praktiken und die damit verbundenen Anforderungen. Fokussiert wird insbesondere auf sich eröffnende oder schließende Räume der Mitgestaltung im Zuge der Digitalisierung der schulischen Verwaltungspraxis: Wie werden Anforderungen im schulinternen Verwaltungsbereich – etwa die organisationale Sicherstellung von Unterricht, die Koordination von Personalressourcen oder die Bewältigung kurzfristiger Ausfälle – in digitalen Tools hervorgebracht und bearbeitet? Welche impliziten Annahmen über Zuständigkeiten und Kommunikationswege manifestieren sich dabei und eröffnen oder begrenzen Spielräume für unterschiedliche Akteur:innen? In der Verknüpfung praxis- und organisationstheoretischer Perspektiven (Elven & Schwarz, 2018) wird aufgezeigt, welche Potenziale mit der Digitalisierung im schulinternen Verwaltungsbereich von den schulischen Akteur:innen verbunden werden, welche Grenzen sich dabei aber auch in der situativen Ausgestaltung ergeben, die bereits auf organisationaler Ebene die Zugänge und Mitgestaltung von unterrichtlichen Bildungsprozessen erschweren können. Deutlich wird, dass Verwaltungsprozesse nicht lediglich in ein neues Medium überführt werden, sondern dass organisationale Anforderungen durch digitale Tools formatiert und strukturiert werden und dabei auch Zuständigkeiten neu verteilt werden. Literatur Hepp, A. (2020). Deep Mediatization. Key Ideas in Media and Cultural Studies. Routledge. Elven, J. & Schwarz, J. (2018). Praxistheoretische Grundlagen der Organisationspädagogik. In M. Göhlich, M., A. Schröder & S. M. Weber, (Hrsg.), Handbuch Organisationspädagogik (S. 249-260). Springer VS. Fuhrmann, L. & Wolf, E. (2024). Zur Konstitution der Schulklasse. Praxis- und strukturtheoretische Perspektiven auf Aggregatzustände der Klasse zwischen Organisation und Interaktion. In K. Rabenstein &L. Wicke (Hrsg.), Die Schulklasse – kein Gegenstand qualitativer Forschung? Theoretische Perspektiven, empirische Einblicke und methodologische Diskussionen zur Konstitution der Schulklasse. (S. 43-60). Klinkhardt. Proske, M. & Rabenstein, K. (2025). Unterrichtspraktiken als normative Verweisungszusammenhänge. Gegenstandstheoretische Rejustierungen des Unterrichtsbegriffs im Kontext von Digitalität. Zeitschrift für Pädagogik, 71(4), 449–466. Proske, M., Rabenstein, K., Moldenhauer, A., Thiersch, S., Bock, A., Herrle, M., Hoffmann, M., Langer, A., Macgilchrist, F., Wagener-Böck, N. & Wolf, E. (Hrsg.) (2023). Schule und Unterricht im digitalen Wandel. Ansätze und Erträge rekonstruktiver Forschung. Klinkhardt. Troeger, J. & Zakharova, I. & Macgilchrist, F. & Jarke, J. (2023). Digital ist besser?! – Wie Software das Verständnis von guter Schule neu definiert. In A. Bock, A. Breiter, S. Hartong, J. Jarke, S. Jornitz, A. Lange, A. & F. Macgilchrist (Hrsg.), Die datafizierte Schule (S. 93-129). Springer VS. Schulisches Leitungshandeln zwischen datafizierten Möglichkeitsräumen und pädagogischen Ansprüchen Daten sind konstitutiver Bestandteil von Schule, etwa im Rahmen von Leistungsfeststellungen, (Unterrichts-)Planungen oder Schulverwaltung. Durch die zunehmende Datafizierung – verstanden als Prozess der Generierung, Erhebung, Verarbeitung und Nutzung digitaler Daten – und die damit einhergehende Verfügbarkeit von Daten, Algorithmen und sich eröffnenden (Handlungs-)Möglichkeiten und Räumen (Jarke & Breiter, 2019), lassen sich unlängst Transformationen datenbasierten Handelns in Schule ausmachen. Die zunehmende Datafizierung hat sich dabei im vergangenen Jahrzehnt kontinuierlich zu einem akzeptierten Paradigma entwickelt, welches auch für die Schule, deren institutionelle Steuerung und den schulischen Alltag prägend ist. In diesem Kontext werden Vorstellungen von einer Verbesserung von Schule als Organisation meist unter Topoi der Optimierung, Individualisierung, Ökonomisierung und Effizienzsteigerung verhandelt (Weinrebe et al., 2024). Hierbei rücken auch Schulleitende zunehmend in den Fokus: Sie erfüllen dabei nicht nur eine Schlüsselrolle im Kontext evidenzbasierter Schulentwicklung, auch beeinflussen Schulleitende das konkrete Datenhandeln von Lehrpersonen(-teams) maßgeblich (u. a. Schildkamp et al., 2019). Gleichermaßen ist auch ihr Alltag selbst von Datafizierungsprozessen geprägt (Krein, 2024). Doch trotz ihrer Schlüsselrolle und dem Umstand, dass das Handeln mit Daten auch in den Schulleitungsalltag eingeschrieben ist, liegen bislang nur wenige empirische Erkenntnisse zum datenbasierten Handeln von Schulleitenden vor. Hiervon ausgehend beleuchtet der Beitrag aus professionstheoretischer Perspektive und basierend auf Ergebnissen einer ethnographischen Studie, die folgende Fragestellung: Welche Handlungsoptionen werden im Kontext von Datafizierung im schulischen Leitungshandeln sichtbar und welche Auswirkungen haben diese auf Partizipation, Kooperation und Kommunikation? Hierfür werden ethnographische Daten aus einem abgeschlossenen Forschungsprojekt herangezogen (Krein, 2024), in dessen Rahmen Schulleitende weiterführender Schulen in Deutschland mittels Shadowing über drei Wochen hinweg in ihrem Berufsalltag begleitet wurden. Hierbei wurden zwei Schulleitende als primäre shadowee sowie die Mitglieder der jeweiligen Schulleitungsteams (N = 15) in ihrer täglichen Arbeit begleitet. Während der Begleitung wurden neben einer teilnehmenden Beobachtung und der Aufzeichnung von Anekdoten und Episoden zusätzlich reflektierende Interviews mit den begleiteten Schulleitenden geführt, die aufgezeichnet und anschließend transkribiert wurden. Darüber hinaus wurden Methoden der virtuellen Ethnographie (Koszinets et al., 2018) eingesetzt, um auch das Handeln der Schulleitenden im digitalen Raum zu erfassen. Die Daten wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018) sowie phänomenologischer Analyse (Brinkmann, 2015) ausgewertet und trianguliert. Aus den hier gewonnenen Beobachtungsdaten werden im Zuge des Beitrags insbesondere Beispiele zu administrativ-bürokratischem Datenhandeln, steuerungsbezogenem Datenhandeln, kommunikativ-legitimatorischem Datenhandel sowie entwicklungsorientiertem Datenhandeln von Schulleitenden entfaltet. Hiervon ausgehend werden Implikationen für eine Vermessung von Schule, das (pädagogische) Handeln sowie die Rolle von Schulleitenden diskutiert. Literatur Jarke, J. & Breiter, A. (2019). Editorial: the datafication of education. Learning, Media and Technology, 44(1), 1–6. Krein, U. (2024). Schulleitung und Digitalisierung. Bedingungen und Herausforderungen für das Handeln von Schulleitenden. transcipt. Schildkamp, K., Poortman, C. L., Ebbeler, J. & Pieters, J. M. (2019). How School Leaders Can Build Effective Data Teams: Five Building Blocks for a New Wave of Data-Informed Decision Making. Journal of Educational Change 20(3), 283–325. Weinrebe, P., Altenrath, M., & Hofhues, S. (2024). Die Vermessung von Schule aus forschungspraktischer Sicht. Zur Bedeutung theoretischer Anker und theoriebasierter Reflexion in empirischer Forschung. In M. Schiefner-Rohs, S. Hofhues & A. Breiter (Hrsg.), Datafizierung (in) der Bildung (S. 261-282). transcript. | ||
