Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ad-Hoc-Gruppen: Abwendung vom Mainstream – Misstrauen und Verschwörungsdenken in Pandemie- und Krisenzeiten
Zeit:
Montag, 03.07.2023:
15:30 - 17:00

Chair der Sitzung: Wolfgang Aschauer, Universität Salzburg
Chair der Sitzung: Janine Heinz, SORA Institute for Social Research and Consulting
Ort: TC. 5.12 Seminarraum

https://campus.wu.ac.at/de/

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Präsentationen

Verschwörungssemantik im Horizont von Vertrauen und Misstrauen - Wissenssoziologische Analysen einer Ausdrucksgestalt wechselseitig-inverser Misstrauensartikulation

Sebastian Klimasch

Universität Trier, Deutschland

Verschwörungswissen gilt vielfach als liberal-demokratische Selbstverständigungsprozesse und diese repräsentierende Institutionen aushöhlende populistisch-polemische Schimäre; dessen spekulative Kommunikation als Infragestellung einer liberal-demokratischen Lebensform schlechthin. Wer solchermaßen transsubjektiv als falsch, un- oder anti-demokratisch deklariertem Wissen dennoch aufsitzt, dem/der wird nicht selten mit expliziten Misstrauensartikulationen begegnet. Vice versa bauen sich verschwörungstheoretische Deutungsmuster um die reflexiv gewonnene Einstellung auf, dass den vermeintlichen Verschwörern eben bis auf Weiteres nicht (mehr) zu trauen sei. Während der Pandemie wurde so typischerweise eine Elite-Volk-Figuration entworfen, die konstitutiv von einer vertikalen Misstrauenskonstellation geprägt ist, in der die Verschwörungsunterstellung an die Macht- bzw. Herrschaftsnahen adressiert wird. Konspirologische Deutungen beziehen ihre Plausibilität somit aus einer mehr oder weniger umfassenden Invertierung der ansonsten unterstelltermaßen obwaltenden ‚Unschuldsvermutung‘, als deren misstrauisches funktionales Äquivalent sie mithin in den Blick kommen. Dabei sind sie jedoch zugleich strukturell an demokratische Repräsentationskonstellationen gekoppelt und also als Nebenfolge von strukturellen Paradoxien der Demokratie selbst zu begreifen. Einige Überlegungen zu ihrer Verortung in und ihren Implikationen für demokratische Gegenwartsgesellschaften westlichen Typs anzubieten, macht sich der geplante Beitrag daher zur Aufgabe. Dazu wird von einer konstitutiven Dialektik von Vertrauen und Misstrauen ausgegangen: Misstrauen soll hier weder verstanden werden als Absenz oder Gegenteil von Vertrauen noch als per se demokratiegefährdend. Im Gegenteil: Vertrauen in der (horizontal) und in die (vertikal) Demokratie ist konstitutiv auf mehr oder weniger institutionalisierte Formen von Misstrauen verwiesen. Sowohl konspirologische Deutungsmuster, die im Kern die je gegenwärtige Institutionalisierung von Misstrauen als unzureichend ausweisen und folglich ersatzweise politischen RepräsentantInnen misstrauen, als auch gleichermaßen misstrauische Gegenreaktionen sollen hier als Ausdrucksgestalten von Grenzziehungsprozessen zwischen als demokratieförderlich und demokratiefeindlich be-griffenen Misstrauenspraxen verstanden werden.



Verschwörungsmentalität in Zeiten multipler Krisen in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der Stadt-Land Dynamik

Wolfgang Aschauer, Markus Kreuzberger

Universität Salzburg, Österreich

Unser Beitrag untersucht anhand der Daten aus der letzten Befragung der Values in Crisis Studie (Juli 2022) verschiedene Facetten von Verschwörungsmentalität und COVID-19 spezifische Verschwörungsmythen anhand einschlägiger Skalen. Wir konzentrieren uns auf sozialräumliche Muster der Verteilung von Verschwörungsmentalität in Österreich und ziehen für die vertiefende sozialräumliche Betrachtung der Dynamiken das Konzept der Peripherisierung ländlicher Räume heran. Auf dessen Basis entwickeln wir ein Erklärungsmodell der Verschränkung ländlicher Dynamiken mit politischer Entfremdung und multipler Krisenerfahrung. Über die Geo-Codierung der Surveydaten mittels der angegebenen Postleitzahl der Befragten prüfen wir, inwiefern sozialräumliche Muster in der Ausformung der Verschwörungsmentalität bestehen. Des Weiteren wird anhand der Urban-Rural Typologie der Statistik Austria und unter Kontrolle soziodemographischer und sozialstruktureller Einflussfaktoren sowie der Berücksichtigung weiterer subjektiver Stimmungslagen analysiert, ob die sozialräumlichen Unterschiede stabil bleiben. Aufgrund der Messung differenzierter Konstrukte in einem der größten österreichischen Survey-Projekte in der Pandemie stellt der Beitrag in einem explorativen Ansatz neue Erkenntnisse zu den städtischen und ländlichen Dynamiken von Krisenerfahrung, politischer Entfremdung und einer Anfälligkeit für Verschwörungsmentalität in Österreich bereit, die Anstöße für weiterführende Forschungen bilden.



Anhänger:innen von Corona-Verschwörungstheorien – radikal und demokratiefeindlich? Erkenntnisse aus einer Mixed-Methods-Studie

Janine Heinz

SORA Institute for Social Research and Consulting, Österreich

Im Zuge der Corona-Krise haben nicht nur die Belastungen in Form von finanziellem Druck oder einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit zugenommen (vgl. Zandonella 2021; Schönherr/Zandonella 2021), sondern auch Gefühle von Politikverdrossenheit und Anomie. Vor diesem Hintergrund beleuchtet eine Mixed-Methods-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Inneres, inwiefern es Überschneidungen zwischen Anhänger:innen von Corona-Verschwörungstheorien und rechtsextremen Einstellungen in Österreich gibt.

Die für Österreich repräsentative Befragung (n=1.977) wurde zwischen Mai und Juli 2022 durchgeführt und widmete sich der Frage, wie weit extremistische Einstellungsmuster und Risikofaktoren sowie der Glaube an Corona-Verschwörungstheorien in der österreichischen Gesellschaft verbreitet sind. Sie bietet Einblick in Gruppenunterschiede und verstärkende Effekte, wohingegen diese quantitative Analyse durch qualitative Interviews ergänzt werden, welche ein differenziertes Bild zum grassierenden politischen Misstrauen in Österreich und zur Abwendung von Mainstream-Diskursen zeichnen. Diese Daten basieren auf insgesamt 10 Interviews. Die Studie ermöglicht differenzierte Schlussfolgerungen zu verschiedenen Facetten des Corona-Verschwörungsglaubens zu und zeigt, dass deutliche Abstufungen in den Einstellungen zu diesem Thema feststellbar sind und keinesfalls alle Anhänger:innen von Verschwörungstheorien auch extremistische Haltungen vertreten (vgl. Ziemer et. al 2021).



Die Familie als ideologisches Terrain: Der Impfstatus und seine Bedeutung für den Familienalltag im Verlauf der COVID-19 Pandemie

Petra Dirnberger, Daniela Schimek, Ulrike Zartler

Universität Wien, Österreich

Die Pandemie prägte das Leben von Eltern und Kindern seit März 2020. Besonders die Maßnahmen zur Viruseindämmung sowie der Umgang damit beeinflusste die Alltagsgestaltung, soziale Beziehungen und das Wohlbefinden. Österreich setzte als zentrale Maßnahme auf die Impfung und war das erste europäische Land, das Anfang 2022 eine Impfpflicht einführte. Jene, die sich gegen eine COVID-19 Impfung entschieden hatten, waren mit einem „Lockdown für Ungeimpfte“ (11/2021–02/2022) konfrontiert. Vor diesem Hintergrund untersuchten wir, welche Bedeutung das Thema COVID-19 Impfung für Eltern im Zeitverlauf hatte, wie Eltern mit den daraus resultierenden Konsequenzen für ihr Sozial- und Familienleben umgingen und wie (ungeimpfte) Eltern ihren Familienalltag während des „Lockdowns für Ungeimpfte“ erlebten. Der Beitrag basiert auf der österreichweiten qualitativen Längsschnittstudie „Corona und Familienleben“. Über zwei Jahre (03/2020-06/2022) wurden Eltern in 12 Erhebungswellen mit problemzentrierter Interviews und Tagebucheinträgen befragt. Für diesen Beitrag wurde ein Subsample von 24 geimpften und ungeimpften Eltern ausgewählt und die Wellen zehn bis zwölf (02/2021-06/2022) mittels Grounded Theory analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Impfung den Diskurs innerhalb der Familien bestimmte und mit konfliktreichen Auseinandersetzungen einherging. Abwägungen über eine Impfung sowie Sorgen um mögliche Nebenwirkungen und Ängste hinsichtlich eines Impfzwangs stellten sich für alle Befragten als belastend heraus. Meinungen zur Impfung bzw. der eigene Impfstatus prägten die sozialen Beziehungen der Befragten und führten u.a. dazu, dass sich diese gesellschaftlich und im sozialen Umfeld exkludiert fühlten. Der gesellschaftliche Diskurs wurde zur emotionalen Belastung, wodurch das Familienleben zurückgezogener organisiert wurde, der Kontakt zu manchen Familienmitgliedern reduziert und alternative Orte von Privatheit geschaffen wurden. Ein Teil der Befragten wandte sich in der Pandemie von Mainstream-Diskursen ab und fühlte sich zu alternativen Interpretationen hingezogen. Dies ermöglichte es Eltern, alternative Erklärungen für Familienentscheidungen zu finden und so mit Konsequenzen der Pandemie für ihre Familie besser umgehen zu können. Ungeimpfte Eltern entwickelten Strategien, um sich selbst und ihren Familien die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wieder zu ermöglichen.