Conference Agenda

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Session Overview
Session
Ad-Hoc-Gruppen: Krise als Normalität? Ein konstruktiver Blick auf „Scheitern“ und „Fehler“ in der qualitativen Sozialforschung
Time:
Tuesday, 04/July/2023:
1:30pm - 3:00pm

Session Chair: Judith Eckert, Universität Duisburg-Essen
Session Chair: Georgios Coussios, Universität Duisburg-Essen
Session Chair: Malin Houben, Universität Bielefeld
Session Chair: Carsten Ullrich, Universität Duisburg-Essen
Location: TC. 5.28 Seminarraum

https://campus.wu.ac.at/de/

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Presentations

Krisenhafte ethische Situationen im qualitativen Forschungsprozess: Eine Analyse von 'ethically important moments'

Carla Scheytt

Universität Innsbruck, Österreich

Die Diskussion zu Forschungsethik in der Soziologie wird häufig vor allem mit ethischen Skandalen in Verbindung gebracht. Ausgehend von heftigen Auseinandersetzungen zu ethischem Fehlverhalten ist es überraschend, dass Forschende trotzdem ihre eigenen krisenhaften forschungsethischen Erfahrungen teilen: In der Literatur zu Forschungsethik findet sich ein reichhaltiger Strang, in denen Forschende unaufgeregt und offen ihr eigenes ethisches Vorgehen darlegen, krisenhafte Momente und Fehler hervorheben, und kritisch reflexiv diskutieren.

An dieser Diskussion setzt der Vortrag an. Auf Grundlage des Konzeptes der „ethically important moments“ soll vorgestellt werden, welche Situationen Forschende als krisenhafte ethische Situationen in ihrer Forschung verstehen und wie sie damit umgehen. Als ethically important moments werden „difficult, often subtle, and usually unpredictable situations that arise in the practice of doing research" (Guillemin/Gillam, 2004, S. 262) verstanden. Guillemin und Gillam (2004) gehen in Übereinstimmung mit vielen anderen Autor*innen davon aus, dass das unvorhersehbare Auftreten ethischer Herausforderungen aufgrund der Offenheit des Forschungsprozesses zur alltäglichen Erfahrung qualitativer Forschender gehört. Im Vortrag sollen ausgewählte „ethically important moments“ von Forschenden vorgestellt werden. Diese stammen zum einen aus einer systematischen Literaturanalyse von 72 Artikeln in Fachzeitschriften, in denen Forschende über ihre eigene ethische Forschungspraxis reflektieren. Zum anderen werden leitfadengestützte Interviews mit qualitativ arbeitenden Soziolog*innen herangezogen, die im Rahmen meines laufenden Dissertationsprojektes zu Forschungsethik in der qualitativen Sozialforschung geführt wurden.

Ziel des Vortrags ist es entlang dieser unterschiedlicher „ethically important moments“ zunächst herauszuarbeiten, was Forschende als ethische Herausforderungen und krisenhafte Momente in ihrer Forschung verstehen. In einem zweiten Schritt wird rekonstruiert, welche Konsequenzen die Forschenden aus diesen Erfahrungen für ihre Forschungsvorhaben ziehen (Abbruch der Forschung, Nicht-Verwendung von Daten, Stärkung der Beziehung zu den Teilnehmenden, etc.). Der Vortrag trägt durch die Analyse bestimmter Herausforderungen somit zur vielfältigen Auseinandersetzung mit ethischen Fragen im Forschungsprozess bei.



Eine „Provinzialisierung“ rekonstruktiver Verfahren. Grenzen und Fehler als methodische Lernfelder

Janna Vogl1, Lena Dreier2

1Bauhaus-Universität Weimar, Germany; 2Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Rekonstruktive Ansätze, wie die Sequenzanalyse, leben davon Irritationen zu produzieren. Das „Scheitern“ – etwa von intuitiven Lesarten – könnte somit als integraler Teil der Methode gelten. Im Vortrag erörtern wir, was sich aus vermeintlichen Fehlern vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen im Bereich der qualitativen Methoden lernen lässt: Zum einen greifen wir Diskussionen um postkoloniale und dekoloniale Ansätze auf. Forderungen nach einer „Provinzialisierung“ bestehender Theorien und Methoden z.B. stehen seit Jahrzehnten im Raum. Zum anderen greifen wir die Kritik an der starren Trennung von Forschungssubjekten und Forschenden und die damit einhergehende Immunisierung von „Wissen“ als objektivierte Kategorie auf.

Wir denken in unserem Vortrag Reflexivität als Bestandteil der Methode konsequent weiter und fragen mit Hilfe der nicht oder weniger gelungenen, blindgesetzten oder ins Leere laufenden Stellen des eigenen empirischen Materials und der eigenen Auswertung nach Grenzen und Potentialen rekonstruktiver Verfahren. In dem Versuch, aus „Krisen“ der eigenen Empirie methodisch zu lernen, stützen wir uns auf empirische Forschungen zu muslimischer Religiosität in den Biographien von Theologiestudierenden und zu Prozessen der Selbst-Transformation im Rahmen von Frauenrechts-NGOs in Südindien. Vor dem Hintergrund der postkolonialen/dekolonialen Kritik erproben wir am empirischen Material, was diese speziell für sequenzanalytische Verfahren bedeutet. Wir fragen, welche Formen des „Scheiterns“ mit dieser Kritik neu sichtbar werden – und wo gewohnte Prozesse der Datenerhebung und -auswertung sich bewähren. Was, wenn in der Interaktion im Interview eine vormals nicht thematisierte Hierarchie offenbar wird? Wenn zum Problem wird, dass eine Interpretationsgruppe durch spezifische kulturelle („westliche“) Bezüge dominiert ist? Allgemein gefragt: Wie prägen Differenzierungen, die mit Herrschaft verknüpft sind, die Erhebung und Auswertung? Ist es auch relevant, ob Forscher*innen selbst Erfahrungen in einem bestimmten religiösen, kulturellen, geographischen Kontext gemacht haben? Wir lesen das empirische Material und die Interaktionen im Feld anhand konkreter Auszüge neu und identifizieren sie als Lernfelder für eine „Provinzalisierung“ sequenzanalytischer Verfahren.



Scheitern und drüber reden: Wissenschaftliche Kommunikation von Forschungsunfällen und ihre Subjekte

Cornelia Schadler

University of Vienna, Österreich

Können Fehler, Krisen und Scheiternsprozesse in der wissenschaftlichen Kommunikation erzählt werden? Diese Frage beantworte ich an Hand aktueller Interviewdaten über Forschungsprozesse und Publikationspraktiken von Soziologie*innen und eigener Forschungsunfälle. Ein aktuelles Forschungsprojekt untersucht Sozialwissenschafter*innen und die Publikationsprozesse in denen diese eingebettet sind. Alle berichten, zumindest zeitweise, zu scheitern und Fehler zu machen, in der empirischen Forschung und auch bei der Kommunikation dieser Forschung. Ich kontrastiere die Stimmen der Forscher*innen mit eigenen Forschungsunfällen und kontextualisiere diese Scheiternsprozesse innerhalb von lokalen und globalen Strukturen. Dies ermöglicht eine Typisierung von Scheiternsprozessen, die in Verbindung mit Karriererationalen, universitären Strukturen, Publikationsnormen und forschungsethischen Überzeugungen stehen. In dessen Mitte wird ein Forschungssubjekt zum Forschungspartizipierenden. Die These ist, dass erst das Verstecken des Scheiterns Forschende wieder zum Forschungssubjekt macht, das Forschungsvorhaben kontrolliert, was gleichzeitig die Kommunikation von Scheitern und Fehlern verunmöglicht.

Theoretische Unterfütterung dieser These erhalte ich von Karen Barads Figur des Exteriority Within, das Forschungssubjekte nicht voraussetzt, sondern als im Forschungsprozess produziert behandelt. Rekonfiguriert für sozialwissenschaftliche Prozesse kann die Reproduktion von Forschungssubjekten mit der nicht-Kommunikation von Scheiternsprozessen verwoben werden. Nicht-Kommunikation, verstecken und verschleiern von Scheitern könnte so ein elementarer Bestandteil für die Existenz der Position Forschungssubjekt werden.



„Interviewfehler“: Methodologische Reflexionen und empirische Erkenntnisse zu dispräferierten Frageformaten

Malin Houben1, Judith Eckert2, Georgios Coussios2, Carsten Ullrich2

1Universität Bielefeld, Deutschland; 2Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Ausführungen zur allgemeinen Güte und Qualität von Daten sind seit jeher ein elementarer Bestandteil methodologischer Überlegungen zur qualitativen Sozialforschung. Anders als Ethnograph*innen, die sich der langanhaltenden und ko-präsenten Beobachtung von und Teilnahme am Feldgeschehen verschrieben haben, setzen Interviewforschende auf die Gewinnung von Daten in und durch methodisch kontrollierte Gespräche. Das Fragenstellen gehört insofern zu ihrem Kerngeschäft: Wer die Kunst der Frage beherrscht, kann ergiebige Antworten erwarten – und muss andernfalls mit starken Einschränkungen bei der Aussagekraft des empirischen Materials rechnen (vgl. bereits Hopf 1978). Lehrbuchautor*innen bemühen sich daher, Noviz*innen für „gute“ und „schlechte“ Fragen zu sensibilisieren, indem sie neben idealtypischen Frageformulierungen auch auf häufige Interviewfehler oder gar das „trio infernale“ (Kruse 2015) einer misslungenen Interviewführung hinweisen.

Diese Problematisierung bestimmter Frageformate nehmen wir als Ausgangspunkt, um die empirischen Folgen zweier exemplarischer dispräferierter Frageformate zu rekonstruieren und methodologische Reflexionen zur Debatte um „gute“ und schlechte“ Fragen anzustellen. Die empirische Basis dafür bilden zwei DFG-geförderte Methodenforschungsprojekte zur qualitativen Interviewforschung („Fragen in qualitativen Interviews“ und „Methode und Ungleichheit“), in denen wir sekundäranalytisch Interviewdynamiken in einem umfangreichen Datenkorpus untersuch(t)en. Unsere Analysen zur Bedeutung von Mehrfachfragen und Informationsfragen legen nahe, dass a) dispräferierte Frageformate nicht zwangsläufig Probleme produzieren, sondern durchaus Lösungen für Probleme sind, b) ihre Bedeutung für das Interviewgeschehen daher kontextabhängig bewertet werden muss, und c) Pauschalaussagen zu Fragewirkungen folglich heikel sind. Wir plädieren daher für methodologisch reflektierte, alternative Interpretationen von „Interviewfehlern“ auf empirischer Grundlage.



 
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