Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Session
01.08: Weltzugänge, implizit und explizit
Zeit:
Mittwoch, 04.10.2017:
15:00 - 16:30

Ort: Kleiner Hörsaal
Bismarckstr. 1 a

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Präsentationen

Weltzugänge, implizit und explizit

Chair(s): Christoph Ernst (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)

Das erkenntnistheoretische Problem des Weltzugangs ist durch eine Vielzahl von Formen des impliziten ›Verflochten-Seins‹ mit der Welt geprägt, die gegenüber expliziten Praktiken der Bezugnahme auf die Welt eigene Eigenschaften und Merkmale aufweisen. Die Problemstellungen, die sich an diese Unterscheidung knüpfen, lassen sich in der Regel nicht mit binären Schematisierungen wie ›Zugang/Sperre‹ oder ›Inklusion/Exklusion‹ verrechnen. Vielmehr handelt es beim Phänomen des impliziten Weltzugangs um eine selbstgewisse und unterhinterfragte Integration in einen situativen Zusammenhang, die jeweils fallspezifisch mit der medialen Konstitution von Bezugsmöglichkeiten auf die Welt verknüpft ist. Das Ziel des Panels ist es, zu untersuchen, wie sich implizite und explizite Weltzugänge hinsichtlich des Umgangs mit technomedialen Systemen unterscheiden. Wenngleich es dabei naheliegt, den impliziten Weltzugang in Begriffen des Affektes, der Emotion oder auch der Kreativität zu beschreiben (und gegen explizite Zustände wie das Denken und Problemlösen auszuspielen), will sich das Panel speziell auch solchen Phänomenen widmen, in denen die Differenz zwischen impliziten und expliziten Weltzugängen im Kontext von Situationen »verteilter Kognition« (E. Hutchins) Anwendung findet. Welche Anpassungsprozesse und Stabilisierungen von impliziten Weltzugängen sind etwa im Zusammenhang mit Sensorik und Monitoring-Technologien in komplexen technomedialen Systemen zu beobachten? Was sind die medialen Mechanismen, implizite Zugangsmöglichkeiten zu etablieren und zu regulieren? Fragen dieser Art werden anhand von Beispielen aus der Robotik, dem Film sowie verschiedenen Interface-Technologien diskutiert.

 

Beiträge des Symposiums

 

Wie nehmen Roboter wahr? Humanoid Robots und das Problem des Weltzugangs

Thomas Christian Bächle
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

In den Debatten um unsere Zukunft mit den ›autonom‹ genannten Robotern geht es oft um die sozialen Konsequenzen, die diese eigenständig agierenden Systeme etwa in der Arbeitswelt, der Kriegsführung oder hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen entfalten: Roboter ersetzen den Menschen, nehmen ihm seine Arbeit oder treffen eigenständig Entscheidungen über Leben und Tod. Unterreflektiert hingegen bleibt die eigentlich banale Feststellung, dass jeder dieser folgenreichen Handlungen oder Interaktionen ein Zugang vorangehen muss, den selbstlernende Systeme zu ihrer Umwelt aufbauen und unterhalten. Obwohl uns dies angesichts der großen Fragen nach der Substituierbarkeit oder Antiquiertheit des Menschen eher selbstverständlich erscheint, erweist sich genau dieser Zugang zur Welt als eine erhebliche Herausforderung, für dessen Beschreibung bezeichnenderweise Anthropomorphismen einstehen müssen: Wie können Roboter überhaupt ›wissen‹ und ›wahrnehmen‹? Eine Schwierigkeit liegt bereits darin, eine Entität als Objekt gegenüber einer Umwelt zu differenzieren, es zu erkennen und zu lokalisieren. Auch Bewegungen oder Interaktionen bedürfen eines komplexen Zusammenspiels von Identifikation, Planung und Antizipation von möglichen Hindernissen, Akteuren oder Aktionen. ›Perzeptionen‹ dieser Art ergeben sich ausschließlich aus Übersetzungsleistungen, in denen Medien zwischen ›Welt‹ und prozessierbarem ›Wissen‹ vermitteln. An Beispielen aus der Robotik werden im Vortrag wichtige Schritte dieser Übersetzung nachgezeichnet. Neben den technologischen Herausforderungen – was registriert ein ›neutraler‹ Sensor, wie wird aus diesen Daten ein Abbild der Umwelt konstruiert? – spielen auch mediale Formen (z. B. Karten) eine besondere Rolle. Über allem stehen weitergehende epistemologische Fragen nach der Formalisierung impliziten Wissens, dem symbolisch vermittelten Zugang zu materiell und physisch definierten Umgebungen und der Beziehung zwischen Simulation und (wahrscheinlicher) Realität.

 

Brace for impact: Zur Medienästhetik expliziter und impliziter Weltzugänge in ›Sully‹

Dominik Maeder
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Anhand des Films ›Sully‹ (2016, R: C. Eastwood) diskutiert der Vortrag das Verhältnis von impliziten und expliziten Zugängen zur Evaluierung von Mensch-Maschine-Interaktionen, hier: dem piloting, der Steuerung eines Verkehrsflugzeugs. Wie gezeigt wird, setzt das Filmdrama über die Notwasserung von US Airways-Flug 1549 (»Miracle on the Hudson«) das implizite, leiblich und affektiv involvierte Erfahrungswissen des Piloten in dramaturgische Opposition gegen die rationalen Explikationskriterien (Checklisten), monitoring-Technologien (Voice-Recorder, Triebwerks-Telemetrie) und Kontrollverfahren der Flugsicherheitsbehörden, vor allem die Computersimulation. Löst der Film diesen Widerstreit diegetisch unzweideutig zugunsten des impliziten Wissens einer heroischen Individualität und schreibt damit die Privilegierung einer anthropozentrischen Perspektive auf das piloting (vgl. Mindell 2008) fort, so positioniert er sich medienästhetisch zwischen der Implikation von leiblicher Involvierung und der berechnenden Explikation der Simulation: Die sich nahtlos in die Filmästhetik einfügenden computeranimierten Sequenzen vom Gleitflug des A320 entlang der Skyline von Manhattan malen einerseits kontrafaktische Szenarien mit für den Flugzeugfilm üblicher katastrophischer Imagination (vgl. Hanke 2009) aus, kompensieren in ihrer Bildgewalt andererseits die visuelle Armut dokumentarischer Zeugnisse des Ereignisses. Damit positioniert sich ›Sully‹ gegen seine eigene Diegese als filmische Instanz der Beobachtung zwischen impliziten und expliziten Weltzugängen, die Involvierung und Simulation gleichermaßen zugehörig ist.

 

Die Medialität impliziter Weltzugänge in neueren kognitionswissenschaftlichen Theorien

Christoph Ernst
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Während die Frage nach impliziten Weltzugängen auf Ebene der diskursiven Repräsentation, etwa in der Populärkultur, häufig unter Rekurs auf verkörperlichte, affektuell aufgeladene Fertigkeiten eines individuellen Akteurs narrativiert wird, ist auf Ebene der Theoriebildung der umgekehrte Trend zu beobachten: Zunehmend hat sich der Konsens verfestigt, dass die implizite Integration in die Welt als relational und kollektiviert betrachtet werden muss. Entsprechende Annahmen sind durch die Kulturtechnik-Forschung sowie die Rezeption von Praxis- und Netzwerktheorien in der Medienwissenschaft inzwischen weithin akzeptiert. Während die Medienwissenschaft ihre Bezugstheorien dabei gegenwärtig vor allem in den Sozialwissenschaften sucht, hat sich die Idee, primäre Bewusstseinsleistungen wie das problemlösende Handeln als Leistungen anzusehen, die situiert und auf technische System und Medien verteilt sind, seit Mitte der 1990er Jahren auch in der Kognitionswissenschaft verfestigt. Der Vortrag zeichnet zentrale Stationen der Entwicklung entsprechender kognitionswissenschaftlicher Ansätze (etwa zum »erweiterten Geist« bei Clark & Chalmers) nach, stellt ihre wesentlichen Grundannahmen dar und erörtert ihre medienwissenschaftliche Relevanz. Im Fokus steht u.a. die Frage nach der Rolle, die Medien und insbesondere Interfaces in diesen Theorien zugesprochen wird. So soll beispielsweise diskutiert werden, inwiefern diese Theorien Übergänge und Verstrickungen in mediale Systeme als ›nahtlose‹ Integrationsprozesse voraussetzen. Überdies wird überlegt, inwiefern sich die entsprechenden kognitionswissenschaftlichen Theorien für die medienwissenschaftliche Forschung zu Interfaces nutzbar machen lassen.



 
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Veranstaltung: GfM - Jahrestagung 2017
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