Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Session
06.11: Die Formen medialer Zugänge – technologisch – aisthetisch – ästhetisch – normativ.
Zeit:
Freitag, 06.10.2017:
9:00 - 11:00

Ort: Experimentiertheater
Bismarckstr.1

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Präsentationen

Die Formen medialer Zugänge – technologisch – aisthetisch – ästhetisch – normativ.

Chair(s): Rainer Leschke (Universität Siegen)

Dass im Gegensatz zu Fritz Heiders und Sybille Krämers Annahme im „Dazwischen“ der Medien (Tholen) nicht nichts, sondern wenigstens, was die Medien anbelangt, geradezu alles ist, ist zumindest in den Medienwissenschaften einigermaßen bekannt. Medienwissenschaft hat sich ja vor allem um die charakteristischen Transformationen in diesem Dazwischen gekümmert. Und die je spezifischen Formen, Regeln und Strukturen dieser Eingriffe der Medien haben zweifellos Folgen für die Anbahnung und Gewährung von Zugängen und sie konditionieren selbstverständlich auch die von ihnen evozierten Ausschlüsse.

Diesen medialen Formen und Regeln der Zugangsgewährung bzw. des Ausschlusses will das Panel in unterschiedlichen Aspekten nämlich technologisch, aisthetisch, ästhetisch und normativ nachgehen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Zugang zu Technik als Formeffekt. Interfaceästhetik als Mittel der Substitution von Technikkontrolle durch Medienrezeption.

Timo Schemer-Reinhard
Universität Siegen

Eine zentrale Funktion von Interfaces besteht darin, Feedback an den Menschen zurückzugeben. Dieses informiert über nicht unmittelbar anhand von maschinellen Aktionen erkennbaren internen Zustände der Maschine (z.B. Öldruck-Anzeige). Feedback ist deswegen ein wichtiges Mittel, um Kontrolle über Technik zu gewährleisten. Das Interface liefert diese Information via Medien. Interfaces folgen in ihrer Darstellungsfunktion ästhetisch deshalb den gängigen Prinzipien von medialen Formen. Sie benutzen also mediale Formen, unterwerfen sie aber funktional einem anderen Zweck, nämlich der Herstellung von Kontrolle.

Dieser Zusammenhang kann genutzt werden, um Kontrolle aus dem Interface ins Mediensystem „outzusourcen“, indem solche „Kontrollformen“ in medialen Darstellungen über die Technik eingesetzt werden. Aus der im Interaktionszusammenhang, aus dem diese Formen stammen, bestehenden Form-Funktions-Relation wird nach der (Rück-)Übertragung ins Mediensystem eine Form-Inhalts-Relation. Diese Formen tragen insofern immer schon „Kontrolle“ als Inhalt mit sich, und sie prädisponieren insofern sowohl ihre Rezeption als auch darauf folgende Diskurse: Sie suggerieren Kontrolle.

Dieser Zusammenhang soll im Vortrag anhand von per Social Media distribuierten PR-Videos für selbstfahrende Autos gezeigt werden, in denen etablierte Kontrollformen von Interfaces als mediale Formen verarbeiten werden. Solche Videos machen dadurch nicht einfach nur die interne Arbeitsweise der selbsttätigen Technik anschaulich, sondern sie erzeugen auch einen Eindruck von Teilhabe an Kontrollerzeugung. Auf diese Weise wird der Zielkonflikt zwischen Entlastung von Steuerung und Notwendigkeit von Kontrolle bei der Konstruktion selbstfahrender Autos gelöst, indem Kontrolle durch Rezeption von inszenierter Kontrolle subsituiert wird.

 

Aisthesis oder zur medialen Generierung von Immersion

Lorenz Gilli
Universität Siegen

Wiederholung ist in zeitgenössischer Tanzmusik, vom Funk eines James Brown bis zu aktueller elektronischer Tanzmusik (EDM), ein zentrales Strukturmerkmal. Die Wiederholung rhythmischer Grooves bietet immersive und präsentische Klangerfahrungen bei einer Vernachlässigung übergreifender Formprinzipien. Gleichzeitig aber treten fast immer Varianzen auf: „repetition and revision in one and the same maneuver” (Danielsen 2010). Für Jochen Bonz entziehen sich die Klänge von EDM, insbes. von Techno, festumrissenen Bedeutungen, sondern bieten dem Subjekt die Möglichkeit individueller Gestaltwahrnehmung und -annahme, und werden in Folge „als aufeinander bezogen erlebt und beginnen aus ihrer Differenz heraus zu sprechen“ (Bonz 2016, S. 52).

Differenz und Wiederholung sind auch die formalen Prinzipien, mit denen DJs in der EDM „Liminalität“ erzeugen können, indem Patterns wiederholt („geloopt“), ihre Textur verändert („filtering“ und „EQing“) und überlagert („mixing“) werden (Gerard 2004).

Im Vortrag soll dargestellt werden, wie diese „techniques of liminality“ (ebd., S. 174) Öffnungen und Zugänge zum Klanggeschehen und in die Tanzpraxis darstellen. Über das Formprinzip der Wiederholung wird EDM selbstreflexiv und selbsterklärend. Durch „kontrollierte Varianz“ als zweites Formprinzip entstehen Dynamiken, welche dieses Formprinzip bestätigen, gleichzeitig aber auch erweitern und öffnen. In einem DJ-Set, also der mehrstündigen Zusammenstellung und Vermischung einzelner „Tracks“ durch den DJ, werden diese beiden Prinzipien potenziert und bieten dem Rezipienten ein konsistentes und sich selbst erklärendes auditives Phänomen, das aber sowohl Schwellen und Zugangsmöglichkeiten als auch kontinuierliche Veränderungen integriert, die dem Subjekt ästhetische Erfahrungen und leibliche Selbsterfahrungen ermöglichen.

 

Epistemische Potentiale und Risiken medienbasierter ästhetischer Zugänge

David Penndorf
Universität Siegen

Medienästhetik eröffnet sinnliche Zugänge zur Welt, erweckt zugleich aber auch oft vorschnelle Wissensansprüche. Die ästhetische Erfahrung verläuft als sinnliche aber vorwiegend emotional und droht so kognitive Prozesse zu unterlaufen. Der epistemische Gehalt ästhetischer medienbasierter Erkenntnis ist daher kritisch zu prüfen. Essentiell dabei ist die Unterscheidung zwischen Sein und Scheinen: Welche Form von Wahrheit vermittelt das Sujet eines Werkes? Bleibt es eine rein mediale, kann sie unter bestimmten Bedingungen objektiviert werden oder sind epistemisches Wissen und ästhetische Erfahrung kategorisch voneinander zu isolieren?

In ästhetischen Subjekt-Objekt-Relationen tritt das Subjekt entweder als Rezipient oder als Produzent auf. Jedem Rezipienten bleibt ohne entsprechendes Kontextwissen die Einordnung einer Aussage verwehrt. Dennoch können sie aufgrund persuasiver Gestaltungsstrategien von ihr überzeugt werden. Plausibilität wirkt als ästhetischer Schein direkt. Wahrheit dagegen kann medial nur indirekt vermittelt werden. Produzenten besitzen durch den iterativen Vergleich ästhetischer Formen mit dem Objekt während der Werksgenese die Möglichkeit, epistemisches Wissen zu erzeugen. Aber auch sie dürfen sich nicht von den ästhetischen Kriterien leiten lassen. So liegt in beiden Rollen epistemisches Potential, welches nur unter Einhaltung eines strikten Regelwerks entfaltet werden kann. Dieses darzulegen soll Ziel meines Beitrags sein.

 

Normative Zugänge zur Theorie der Medien

Patrick Graw
Universität Siegen

Normative Aussagen grundieren nicht selten medientheoretische Aussagen und Erwartungen: Von der Befürchtung, dass die Schrift den Seelen der Lesenden das Vergessen einflöße (Platon) oder dass Literatur so etwas wie „Lesesucht“ auslösen würde (Beyer), über die Problematik postfaktischer PR und Werbung („Gute Form vernichtet Information“ – Luhmann), bis hin zur Frage, wie sich Medien zur „Rationalisierung“ von Arbeitsprozessen nutzen lassen (Industrie 4.0, eLearning), alle diese medienwissenschaftlichen Fragestellungen gehen nicht selten von normativen Prämissen aus. Das steht allerdings in deutlichem Kontrast zu Poppers Aufforderung „jene(.) nicht zur Wahrheitssuche gehörenden Interessen von dem rein wissenschaftlichen Interesse an der Wahrheit“ zu unterscheiden. Insofern stellt sich die Frage inwieweit, die normative Grundierung der Medienwissenschaft Zugänge zu einer wissenschaftlichen Problemlösung nicht eher verstellt als eröffnet.



 
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