Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Session
07.09: Fotografie und Display: Zur Zugänglichkeit digitaler Fotografien
Zeit:
Freitag, 06.10.2017:
11:00 - 13:00

Ort: Großer Hörsaal
Bismarckstr. 1 a

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Präsentationen

Fotografie und Display: Zur Zugänglichkeit digitaler Fotografien (Panel der AG Fotografieforschung)

Chair(s): Winfried Gerling (Fachhochschule Potsdam), Jens Ruchatz (Philipps-Universität Marburg), Daniel Bühler (Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg)

Digitale Fotografien sind nicht im engeren Sinn materiell gebunden, die Bildinformation ist in einem binären Code gespeichert. Um für die Wahrnehmung zugänglich zu werden, müssen sie sich jedoch materialisieren. Unter den Bedingungen der Digitalität erfordert es also ein Display – als Schnittstelle von Hardware, Software, (fotografischen) Daten und User – das die Bilder bzw. Daten perzeptiv zugänglich macht. Die Lösung der Bilder von einer festen Materialität hat digitalen Fotografien auch eine neue Operativität verliehen, welche unter den Bedingungen einer allgemeinen Algorithmisierung – auch kultureller Praktiken – erst zur Entfaltung kommt. Die Konjunktur der Fotografie als Bild im Display der Foto-Kamera, des Smartphones, des Tablets oder allgemeiner des Computers kann auf die Allgegenwart dieser ›neuen‹ Technologien zurückgeführt werden. Wenn man heute mit Fotografien zu tun hat, ist immer auch das Display (mit) im Bild.

Den Funktionen und Aufgaben von Fotografien und Displays sowie den Bedingungen, denen die Zugänglichmachung und Erzeugung von Fotografien im Display unterliegt, geht das Panel nach. Technische/materielle Bedingungen werden befragt, z.B. verschiedene dispositive Anordnungen, die durch Hardware vorgegeben werden sowie die Software, denen die Anzeige der Bilder unterworfen ist. Das Display als Schnittstelle von Kultur und Technik wird untersucht, indem die ästhetischen, diskursiven, sozialen und ökonomischen Rahmungen herausgearbeitet werden, welche die Bereitstellung und Verwendung, d.h. den Zugang zu Display-Fotografien beschränken und regeln. Des Weiteren werden die fotografischen Bildoberflächen selbst als Zugang zu Daten und Informationen untersucht werden, z.B. Screenshots zur Dokumentation von Sachverhalten, (künstlerische) Auseinandersetzungen mit via Display Angebotenem, In-Game-Fotografie und Desktop-Hintergründe.

 

Beiträge des Symposiums

 

Schirmbilder – Fotografieren im Digitalen

Winfried Gerling
Fachhochschule Potsdam

Fotografieren mit digitalen Kameras in der physischen Welt ist inzwischen die dominante fotografische Praxis. Fotografieren in der digital erzeugten oder digitalisierten Wirklichkeit ist eine alltägliche Betätigung, die aber selten im Kontext fotografischer Auseinandersetzungen besprochen wird. Gemeint sind Praktiken wie die In-Game-Fotografie oder einfacher noch das Bildschirmfoto . Es existieren daneben Mischformen, wie das Fotografieren in Augmented Realities das zuletzt mit Pokemon Go besonders populär wurde. In künstlerischen Zusammenhängen auch das Abfotografieren des Monitors mit einer realen Kamera (z.B. Doug Rickard: A new American Picture 2011) bzw. das Erzeugen von Screenshots abgebildeter Fotografie im Rechner (z.B. Mishka Henner: No Man´s Land und Viktoria Binschtok: World of Pairs 2012, deren Ursprung Bilder von Google Street View sind). Darüber hinaus findet man in der Geschichte der klassischen Fotografie eine ganze Reihe von Aufnahmen, die den Fernseh- oder Computerbildschirm zum Gegenstand haben, die Fotografien von Billboards als Screens in der Realität zeigen oder auch das Fotografieren einer Fotografie die in der Hand gehalten wird etc.

Im Vortrag soll dem spezifischen Status der Bilder von Bildschirmen nachgegangen werden, die unter den Bedingungen des Screenshots und der In-Game-Fotografie eine bisher unterreflektierte Zuspitzung erlebt hat. Ihre Geschichte beginnt mit der Schirmbild-Fotografie von Messwerten auf Kathodenstrahl-Bildröhren (Oszilloskop) und dem Fotografieren von Röntgenschirmen. Der Screenshot und die In-Game-Fotografie ist kameralos und reiht sich damit in eine lange Geschichte experimenteller Praktiken. Handelt es sich hierbei überhaupt um Fotografien und wenn, was ist ihre fotografische Spezifität, sind es Bilder ohne Referenz und Index oder welches Bild von der Wirklichkeit liefern sie uns?

 

The Crack in the Bridge

Lisa Andergassen
Fachhochschule Potsdam

Fehler im Bildträger künden seit Beginn der Fotografie von der Materialität des Trägers. In manchen Fällen wurden die Fehler zum dominierenden Faktor des Bildes: Während die berühmte Fotografie „Broken Plate“ von André Kertész (wie von Peter Geimer besprochen) den Blick ablenkt, wird ihre verletzt Glasplatte selbst zum Thema (und Bildgeber) des Bildes. Ähnliches lässt sich vom Negativ als Bildträger behaupten, wenn es Spuren des Gebrauchs, des Missbrauchs, der zufälligen oder bewussten Manipulation auf den Print überträgt, und das Bild stört bzw. ihm eine neue Bedeutungen hinzufügt.

Mit dem Aufkommen der digitalen Techniken sind die spezifischen Verletzungen der fotografischen Oberflächen nicht mehr auf der Ebene des Bildes zu finden, sondern auf jener des materiellen Displays, d.h. des zerkratzten oder gesprungenen Screens. Viele Fotos werden durch spinnwebartige Formen hindurch aufgenommen und rezipiert. Dieser Effekt ist nicht an die Bilddateien, sondern an das zerkratze bzw. gesprungene Endgerät gebunden. Das sonst unsichtbare Display, bzw. die Materialität der Hardware bedingen hier die Bildästhetik und die Bildrezeption.

Dieser Umstand wird besonders deutlich, wenn das auf dem Display dargestellte digitale Bild in ein analoges umgewandelt wird: beim Impossible Project Lab wird durch das Auflegen des Smartphones auf einen Miniscanner eine Polaroidversion des Telefon-Bildschirms erzeugt. Das Ergebnis ist ein Screenshot, der das Display, welches uns die Fotografie zur Ansicht bringt, in seiner (gestörten) Materialität mitabbildet. Der Screenshot materialisiert sich dabei in einem ebenfalls ganz speziellen Bedeutungszusammenhang: dem des Polaroids. Die Transformation wird im Lab Tutorial als Brückenschlag zwischen Smartphone und „Magie“ der Bildentwicklung angekündigt.

Der Vortrag nimmt das Impossible Project Lab zum Anlass den Fehler im Display als bildformendes Element in einem Kontext zu verhandeln, der darum bemüht ist, zum einen das digitale Bild durch einen Prozess der „Rematerialisierung“ aufzuwerten, zum anderen die dazugehörigen Apparate als life-style Element zu vermarkten und dabei implizit das fotografische Versprechen von Transparenz wieder neu aufleben zu lassen.

 

Streaming als Ausstellungsdisplay

Birk Weiberg
Zürcher Hochschule der Künste

Die Technik des Video-Streamings wurde mit dem arabischen Frühling und der Occupy Bewegung politisch. Fotografische Bilder in Echtzeit und ohne journalistische Vermittlung zu sehen, bewegte viele Menschen nicht etwa, weil sie einen Ort mit den verschiedenen Protestgruppen teilten, sondern denselben Zeitpunkt. In den letzten Jahren konnte man eine Adaption des Streamings in der bildenden Kunst sowohl als technisches als auch als ästhetisches Format beobachten und in meinem Beitrag möchte ich zur Diskussion stellen, inwieweit diese Entwicklung als alternatives Ausstellungsdisplay fotografischer Bilder betrachtet werden muss. So kann eine Arbeit wie Shia LaBeoufs 55-Stunden-Performance #ALLMYMOVIES (2015), welche ihn beim Anschauen aller Filme, in denen er mitwirkte, zeigt, leicht als PR-Aktion eines “Celebrity Artist” verworfen werden. Aber sie ist auch eine Zuspitzung einer umfassenderen Bewegung hin zu ausgedehnten, populären Ereignissen, wie Ragnar Kjartanssons A Lot of Sorrow (2013), einer 6-stündigen Aufführung eines Rocksongs im New Yorker MoMA PS, welche anschließend ebenso ereignishaft ausgestellt wurde.

Dies sind zwei Bespiele für aktuelle künstlerische Praktiken, die gleichzeitig auf der Performance-Kunst (inklusive ihrer fotografischen Dokumentation) und den künstlerischen Langfilmen der 1960er und 1970er Jahre aufbauen und sich doch von ihnen abgrenzen. Auf ähnliche Weise wie ihre Vorläufer fordern sie Publikum, Museen und Wissenschaft heraus, weil sie Fragen adäquater Betrachtungs- und Präsentationsformen, Konservierung und Analyse aufwerfen. Das Streaming fotografischer Bilder stellt ein im wahrsten Sinne zeitgemäßes Ausstellungsdisplay dar, welches als Metapher auch auf Arbeiten Einfluss nimmt, die technisch gesehen nicht damit arbeiten. Vielmehr verweist es auf den ephemeren Charakter gegenwärtiger Fotografie als etwas, das nicht mehr als Werk im Ganzen wahrgenommen werden will, sondern vielmehr dadurch besticht, ad hoc Gemeinschaften erzeugen zu können.

 

Fotografie in Schlagwörtern – Die Verwendung von Bilderkennungsalgorithmen zur Gewährleistung blinden-gerechter Displays

Carolin Anda
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

Fotografien zu „lesen“, stellt seit dem analogen Zeitalter einen Problembereich dar. Obwohl digitale Fotografien als Datensatz verrechnet werden, erscheinen sie als Bild auf den Displays der Endgeräte. Auf diese Weise bleiben sie für blinde NutzerInnen unlesbar, und stellen eine Barriere für eine bildbezogene Kommunikation, wie z.B. bei Instagram, dar.

Mit Hilfe von Bilderkennungsalgorithmen ist es möglich, die Inhalte digitaler Fotografien zu erkennen und ihnen Schlagwörter zuzuordnen. Facebook treibt diese Bilderkennung voran und suggeriert im Anschluss die Erfüllung der barrierefreien Vernetzung aller UserInnen. Das Auslesen der Fotografien verbessert einerseits die Facebook-Nutzung für visuell beeinträchtigte Personen. Andererseits verändern sie den Stellenwert fotografischen Materials als weitere Datenquelle, um Werbung bereitzustellen und individuelle Profile auszulesen.

Das Zusammenspiel dieser algorithmischen Verwendungsweisen sowie der sozio-kulturellen Praktiken der Netzwerkfotografie verändert die Operativität digitaler Fotografien. Gerade für die Netzwerk-inhärente Distribution von Fotografien ist zu fragen, wie die Bilderkennung den ökologischen und gesellschaftlichen Wert fotografischen Materials verändert? Welchen algorithmischen Klassifikationen Fotografien ausgesetzt sind? Auf welche Weisen fotografische Praktiken sowie die Visualisierung der Bilder auf dem Display dadurch beeinflusst werden?



 
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