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Sitzungsübersicht
Session
03.06: Schwellen des Auditiven
Zeit:
Donnerstag, 05.10.2017:
11:00 - 13:00

Ort: PSG 015
bei Kochstr.6

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Präsentationen

Schwellen des Auditiven

Chair(s): Daniel Gethmann (TU Graz)

Die Ephemeralität des Auditiven ist nur einer der Gründe dafür, dass der wissenschaftliche Zugang zu akustischen Phänomenen oft problematisch ist. Ein anderer Grund dafür ist, dass viele akustische Phänomene unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle existieren und somit für das menschliche Gehör ohne mediale Hilfsmittel anästhetisch sind wie beispielsweise elektromagnetische Felder, z.B. Gehirnströme oder das Rauschen von Steinen. Um solche Schwellensituationen wahrnehmbar zu machen und ihre akustischen Phänomene erforschen zu können, bedarf es unterschiedlichster Medien wie des Theremins, des Radiodispositivs, des Aufnahmegerätes oder der Antenne und des Detektors, die als materialisierte Schwellen fungieren.

Aus medienwissenschaftlicher Perspektive sind dabei jedoch nicht nur die medialen Artefakte selbst von Erkenntnisinteresse sondern beispielsweise auch die epistemologischen, politischen oder architektonischen Formationen, die ihre Nutzung rahmen. So war das Theremin nicht nur eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt, das elektromagnetische Schwingungen hörbar machte. Es wurde auch umfunktioniert zu einem Vorläufer moderner Alarmanlagen, dessen Sirenenklang abschrecken und Zugang vielmehr verhindern als ermöglichen soll. Und das Dispositiv Radio als „topologisches Schwellenphänomen zwischen Rezipient und Produzent, Raum und Welt“ (Kiron Patka) ist nicht nur das Ergebnis der Vermittlungstätigkeit von Reportern, Redakteuren und Moderatoren sondern wesentlich auch geprägt von Ingenieuren und Architekten, die für den Sound eines Studios und somit auch eines Programms verantwortlich zeichnen.

Die Vorträge des Panels „Schwellen des Auditiven“ widmen sich vier sehr unterschiedlicher Artefakte, die jedoch alle eine liminale Funktion haben, Zugänge zu akustischen Phänomenen gewähren und auf unterschiedliche Weise menschliche Wahrnehmung und ihre Zurichtung reflektieren.

 

Beiträge des Symposiums

 

THEREMIN: ein alarmierender Missbrauch eines (meta)physi(kali)schen Musikgeräts

Anna Schürmer
Technische Universität Dresden

1920 konstruierte der russische Physiker Lew Sergejewitsch Thermen das erste und bis heute einzige elektronische Musikinstrument, das ohne Berührung gespielt wird: Sein Aeterophon beruhte auf elektromagnetischen Wellen, die der Interpret mit seiner Körperlichkeit manipuliert, indem er als Störgröße in das elektromagnetische Feld eintritt.

Zeigt die Karriere des russischen Erfinders, dass im Zeitalter technischer Medien die Grenzen zwischen Musiker und Techniker, Genie und Ingenieur verwischten, so ist sein bald als Theremin nach ihm benanntes Instrument ein (meta)physi(kali)sches Instrument des Zu- und Übergangs. Seine Schwellenfunktion ist ebenso konkret wie imaginär: Die Magie der berührungslos erzeugten und unsichtbaren Klangwellen intoniert den Eintritt in die ent-grenzte Ära elektronischer Medien – und gleichermaßen ins Zeitalter elektroakustischer Sicherungssysteme: In einem Akt der Umfunktionierung wurde es zum Vorläufer moderner Alarmanlagen.

In meinem Vortrag möchte ich die Genese des Theremins im aktualisierenden An-schluss an Friedrich Kittlers These von der Rockmusik als Missbrauch von Heeres-gerät interpunktieren: Die Geschichte des Lufttöners zeigt, dass nicht immer nur die Kriege die „Medienbasis unserer Sinne“ bildeten, sondern umgekehrt musikalische Innovationen ihrerseits militärische und sicherheitspolitische Entwicklungen inspirierten.

 

'Addressing a friend in his own sitting room’ – Das Raumdispositiv des Radios zwischen Ästhetik und innerer Soziologie

Kiron Patka
Eberhard Karls Universität Tübingen

Radio lässt sich als ein subversives Raumphänomen betrachten, als ein Riss in der herkömmlichen physikalisch bestimmten Beziehung zwischen Schall und Raum. Als Raumphänomen stellt das Radio eine Schwelle dar zwischen zwei Welten: der Welt der Rezipienten und der Welt der Produzenten. Das beinhaltet nicht nur kommunikative und soziale Aspekte, sondern besitzt vor allem auch eine raumakustische Komponente: Im Radio überlagern sich der Raum der Rezeption – Wohnzimmer, Küche, Auto – und der der Produktion – Aufnahmeräume, Studios, aber auch der öffentliche Raum, aus dem heraus Reporter mit ihren Mikrofonen berichten. Radio stellt als Medium par excellence Zugänge her zwischen diesen beiden Welten. Hörer erhalten Zugang zu fernen und fremden Orten, und Radiostimmen dringen in die private Sphäre ihres Publikums ein.

Zwei Metaphern aus der Frühzeit des Radios machen die topologische Schwellenfunktion des Radios deutlich: Radio sei ein „Ohr zur Welt“, und Radio lasse „die Welt daheim“ verklingen (Fickers 2006). Diese sehr ähnlichen Metaphern verweisen jedoch auf sehr unterschiedliche Gesten, fragt man danach, wer denn nun Zugang wozu erhält.

Meine Analyse des Radiodispositivs mit seiner Schwellenfunktion deckt auf, dass diese beiden Richtungen des Zugangs mit unterschiedlichen produktionsästhetischen Verfahrensweisen verbunden sind. In die Produktionsverfahren sind Produzenten, Reporter und Moderatoren involviert, aber auch Ingenieure und Architekten, die für die Studio- und Funkhausbauten verantwortlich zeichnen.

In meinem Beitrag möchte ich zeigen, wie eine solch differenzierte Betrachtung des Radios als topologisches Schwellenphänomen zwischen Rezipienten und Produzenten, zwischen privatem Raum und der Welt, bereits seit Mitte der 1920er Jahre diskursiv verhandelt wird, sich in konkreten Akustiken manifestiert und heute als implizites Praxiswissen fester Bestandteil der Formensprache des Radios ist.

 

Natural Radio – Elektromagnetisches Rauschen als Medium der Kunst

Ania Mauruschat
Universität Basel

Die Zentralität des Rauschens für die deutsche, materialistische Tradition der Medienarchäologie erklärt sich nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Jussi Parikka dadurch, dass das Rauschen zugleich die Nachrangigkeit menschlicher Hermeneutik illustriert als auch die Vorrangigkeit zeitbasierter Modulation von technischen Signalen. Die Faszination von Kittler & Co. für Maschinen und ihr informationstechnologisches Rauschen ist laut Parikka im Kern eine Faszination für das Posthumane: “Technical media are posthuman media in the sense of addressing a whole other sensorium than that of human beings."

Indem dieser deutsche Strang des Noise-Diskurses sich ganz auf die Hardware und ihr Rauschen fokussierte, wurde die „Wetware“ biologischer Lebensformen samt ihrer Geräusche verdrängt und somit jegliche ökologische Komponente von Noise ausgeschlossen. Wie der Medienkunsttheoretiker Douglas Kahn in seinem Buch “Earth Sound, Earth Signal“ (2013) zeigt, widmen sich seit den 1960er Jahren jedoch v.a. Künstler immer mehr gerade dieser ökologischen Dimension des elektromagne-tischen Rauschens. Künstler wie der Komponist Alvin Lucier oder das Medienkünstlerpaar Joyce Hinterding und David Haines, die mit ihren liminalen Technologien wie Antennen und Detektoren die Very-Low-Frequency-Signale des sog. Natural Radios, die elektromagnetischen Signale der Erdatmosphäre, für Menschen wahrnehmbar machen.

Wie Michel Serres in seinem Buch “Le Parasite“ (1980) feststellt, führt der Ausschluss eines Störelementes aus einem System jedoch nur zum Erstarken einer anderen Störung. Dies lässt sich denn auch für den Ausschluss des ökologischen Rauschens aus dem dominanten informationstheoretischen Noise-Diskurs konstatieren.

In diesem Sinne widmet sich der Vortrag dem Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Rauschen, fragt danach, wozu sie jeweils Zugang gewähren und zeigt warum für die Zukunft der Medienwissenschaft das elektromagnetische Rauschen künstlerischer Arbeiten essentiell ist.



 
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Veranstaltung: GfM - Jahrestagung 2017
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