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Sitzungsübersicht
Session
02.06: Radiophone Territorien der Sinne und Wellen
Zeit:
Donnerstag, 05.10.2017:
9:00 - 11:00

Ort: PSG 015
bei Kochstr.6

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Präsentationen

Radiophone Territorien der Sinne und Wellen

Chair(s): Axel Volmar (Universität Siegen)

Bereits im Begriff «Radiophonie» – als Verknüpfung von elektromagnetischer Wellenausbreitung (lat. radius: Strahl) und Hörbarem (gr. phōnḗ: Klang/Stimme) – deutet sich an, wie das Radio Räumlichkeiten und Territorien schafft, Sinnliches und Unsinnliches strukturiert und dabei immer ausdifferenzierend wie verbindend wirkt. Daraus ergeben sich entsprechend vielfältige Handlungsräume und ästhetische Felder, die in radiophonen Techniken und Praktiken ausgelotet werden. So steht bereits frühe Radioarbeit in einem Spannungsfeld zwischen technologischer Bedingung und ästhetischer Gestaltung, dessen Geschichte sich in stetigen Funktions- und Kompetenzverschiebungen – etwa zwischen Künstlerinnen und Ingenieurinnen – artikuliert. Und in solchen Konstellationen wird «Sound» – zwischen Sprechen, Musik und Geräusch und zwischen Signal und Störung – zum Gegenstand radiophoner Experimente. Aus den technischen, politischen und ästhetischen Aushandlungen des Radiodispositivs und seiner impliziten Setzungen ergeben sich zudem jene Aufteilungen zwischen Räumen der Sendung und des Empfangs, zwischen Hörerinnen und Produzentinnen respektive Rezeptions- und Produktionsästhetik, deren Seiten rekursiv aufeinander bezogen sind: etwa wenn radiophone Ästhetik ein spezifisches Hören einfordert und/oder hervorbringt. Besonders Radiokunst hat diese Gebiete des Radios auf immer wieder neue Weise verknüpft, verteilt und so kritisch reflektiert. Das Panel versammelt und verhandelt Praktiken, Techniken und Strategien aus der Perspektive der Verknotungen, an denen sich Radiophonie als Medium formiert, definiert, stabilisiert und destabilisiert. Damit interessiert es sich für die Punkte und Schnittstellen, an denen Radiokunst Territorien der Wellen und des Sinne neugierig erkundet, aufs Spiel setzt, überschreitet und so Gebiete des Radiophonen als Möglichkeitsräume von Rezeption und Produktion zugänglich macht – beziehungsweise allererst eröffnet.

 

Beiträge des Symposiums

 

The New Art of Listening. Hören als radiophone Technik

Tobias Gerber
Seminar für Medienwissenschaft, Universität Basel

Ab der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre erschienen in schriftlichen Publikationen der BBC verschiedentlich Artikel, die von den Radiohörern eine dem neuen Medium angemessene Rezeptionsweise forderten oder zu einer solchen anleiteten. Die an ein breites Publikum adressierten Instruktionen bezogen sich auf unterschiedliche Aspekte: die Empfangssituation im privaten Raum, die Rezeption spezifischer Sendeinhalte oder den Umgang mit vom Empfängerapparat bereitgestellten Wahlmöglichkeiten. Ebenfalls im Verlauf der 1920er-Jahre entstand im Kontext der BBC im Zusammenhang mit der Ausbildung der radiogenen Form des «Radio Dramas» ein Diskurs, der produktions- und rezeptionsästhetische Dimensionen verschränkte und dem «blinden» Radio-Medium eine notwendige Hörkompetenz auf Seiten der Rezipierenden gegenüberstellte, die dem mangelhaften Medium mit Imaginationskraft begegnen sollte.

Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag von der These aus, dass die Propagierung eines «radiophonen Hörens» in den Anfangsjahren der BBC den Versuch der Stabilisierung einer für die Radiophonie konstitutiven Instabilität darstellt – eine Instabilität, in der Radiophonie als Handlungsraum erscheint, der hinsichtlich Struktur und Nutzungsweisen eine gewisse Offenheit aufweist, welche in radiophonen Praktiken fruchtbar gemacht und gleichzeitig begrenzt wird.

Aufgezeigt werden soll, wie in dem «radiophonen Hören» eine Machtpraktik aufscheint, in der sich die Ebenen der subjektiven Hörerfahrung, der ästhetischen Gestaltung und der ideologischen Konstruktion einer Hörerschaft überlagern. Betrachtet man den Zugriff auf die Sinneswahrnehmung in einer Reihe mit anderen regulierenden Eingriffen – etwa der Beschränkung von Sendelizenzen – so liesse sich auch sagen, dass sich die Etablierung einer spezifischen Form des Mediums im betrachteten Zeitraum als territoriale Besetzung des Äthers wie als territoriale Besetzung des Sinnlichen vollzog.

 

Rundfunk als Forschungslabor. Experimente und Forschungen am Medium Klang

Tatiana Eichenberger
Seminar für Medienwissenschaft, Universität Basel

Die Gründungen von experimentellen elektronischen Studios an Rundfunkanstalten in Europa in den frühen 1950er-Jahren stellen ein Phänomen dar, das als Ergebnis des Zusammenspiels diverser Faktoren angesehen werden kann. Die einmaligen Gegebenheiten an den Rundfunkanstalten – das Vorhandensein neuester Technik und das Aufeinandertreffen von Personen aus technischen und künstlerischen Bereichen – schufen ein besonders fruchtbares Feld für akustische Experimente und Forschungen. Obwohl die Grundlagen für das neue Denken – weg vom Medium Schrift zur Arbeit direkt mit dem Klang – bereits vor dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, erlaubten erst diese besonderen Bedingungen eine reichhaltige Entfaltung der Techniken und Praktiken der Klanggenerierung und -bearbeitung. Somit bereitete der Rundfunk einen wichtigen Nährboden für die Entwicklungen neuer Konzepte im Umgang mit dem Medium Klang.

Um diese besonderen Bedingungen bei der «Entstehung des Neuen» zu untersuchen, muss ein Zugang zu den Prozessen des Experiments gewonnen werden. Betrachtet man das Studio als ein Experimentalsystem, liegt der Vergleich mit den physikalischen und physiologischen Experimenten mit dem Akustischen in den wissenschaftlichen Laboratorien des 19. Jahrhunderts sehr nahe. Wie wird Wissen innerhalb eines Studios transferiert (vom Ingenieur über den Tontechniker bis zum Komponisten) und wie werden wissenschaftliche Fakten in ästhetische Konzepte umgewandelt? Inwieweit sind die Theorien und Methoden der Laboratory Studies, vertreten durch die Forschungen von Bruno Latour und Steve Woolgar, Hans-Jörg Rheinbergers Beschreibung der Experimentalsysteme aber auch Gilbert Simondons Theorie der technischen Objekte, für die Betrachtung des elektronischen Studios relevant und wie lassen sich diese Ansätze auf das Studio übertragen? Was bedeutet es, über elektroakustische Klanggestaltung zu sprechen, die sich nicht in einer naturwissenschaftlichen Umgebung im strikten Sinne abspielt?

 

Hör | Spiel | Formen. Mediale Schwellen denken(d)

Bettina Wodianka
Universität Basel

Künstlerisch-spielerische wie medienreflexiv-operierende Interventionen im Radiophonen sind so alt wie das Mediendispositiv Radio selbst. Diese experimentellen Spielformen nehmen – ob ihrer intermedialen Verfasstheit – einen eher marginalen, randständigen Platz im konventionellen Radioprogramm ein. Was sich in denselben vor allem widerspiegelt, ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Möglichkeitsraum zwischen (u.a. technischem) Dispositiv und radiophonen Darstellungs- und Inszenierungsformen. Dieser Möglichkeitsraum wird als Denk- wie aktiv ausgehandelter Spielraum reflexiv befragt und weist – vor allem zum Programmumfeld – eine Ästhetik der Störung auf, die überwiegend auf inhaltlicher, medien- wie kunstkritischer Ebene operiert.

Zugänge stellen für diese medienreflexiven Spielanordnungen mindestens zweierlei dar: Zum einen benennen sie, die produktionsästhetische Seite betreffend, deren Bedingung als v.a. tontechnische Voraussetzungen. Zum anderen bieten sie über die Materialisierung und das Hörbarmachen dieses Prozesses wie des vermittelnden Mediums und der diskursiven Operationen, die Rezeptionsästhetik betreffend, akustische EinBlicke in den medialen Kontext und/oder altermediale Kontexte. Stehen Produktions- und Rezeptionsästhetik hierüber permanent hörbar in einer spannungsreichen Wechselbeziehung, kommunizieren derartige (In)Formationen Zugänge zu verschiedenen Ebenen des medialen Dispositivs. Wie aber ist diesen Produktionen in der Analyse, die verschiedenen Ebenen trennend wie verbindend, angemessen zu begegnen? Dieser Frage geht der Vortrag, unterschiedliche Perspektiven mit einbeziehend, nach.

 

Topologien der Radiophonie. Max Neuhaus' Drive-In Music

Jan Philip Müller
Seminar für Medienwissenschaft, Universität Basel

Max Neuhaus' erste Sound-Installation «Drive-In Music» (1967/68) ist als Experimentalanordnung zu verstehen, die die Räumlichkeiten der Radiophonie auf die Probe stellt: An einer Strasse ist eine Reihe von Radiosendern sehr kurzer Reichweite installiert, die auf derselben Frequenz verschiedene elektronisch generierte Sounds senden. Je nachdem, wie die Empfangsbereiche dieser Mini-Radiostationen durchquert werden, ergibt sich so eine je eigene Soundkomposition, die von den Hindurchfahrenden realisiert und gestaltet wird. Wenn Neuhaus betont, dass es dabei gerade nicht um Technologie gehe, sondern um Sound, dann lässt sich genau daran die Frage, was Radiotechnologie eigentlich sei, zuspitzen auf die in der Radiophonie angelegten Spannungen zwischen technischer Bedingtheit und den Freiheitsgraden der Verwendung von Radiotechnik sowie zwischen Produktion, Transmission, Rezeption und Wahrnehmung von Sound. In drei von diesen Spannungen ausgehenden analytischen Strängen vollzieht der Vortrag nach, wie «Drive-In Music» herkömmliche radiophone Anordnungen experimentell rekonfiguriert. Erstens lässt sich diese Installation auf technischer Ebene als Eingriff in die ‹black box› Radioapparat und der Verschaltung seiner Komponenten verstehen, der die klassischen Ketten der Produktion, Übertragung und Rückkopplung zwischen Klangquelle, Verbreitung und Empfang umordnet. Auf der Ebene radiophoner Räumlichkeiten verschieben sich mit der Einbeziehung des Autoradios in die Klangproduktion zweitens die Grenzen und Schwellen auditiver Wahrnehmbarkeit in akustischen und ‹hertzschen› Räumlichkeiten zwischen privaten, geteilten und öffentlichen Räumen. Drittens verändert «Drive-In Music» gegenüber herkömmlichem Broadcasting die Bedingungen der (Selbst-)Verortung und damit des Wahrnehmbarwerdens an der Position der Zuhörenden, wenn das je individuelle Ein- und Auftreten der Teilnehmenden im Raum dieser radiophonen Anordnung, den Sound – und damit «Drive-In Music» insgesamt – erst hervorbringt.



 
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Veranstaltung: GfM - Jahrestagung 2017
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