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Sitzung
F-06: Geschlechterunterschiede in MINT-Karrierewegen im Lichte individueller, sozio-kultureller und institutioneller Faktoren
Zeit:
Freitag, 11.03.2022:
9:00 - 10:45

Chair der Sitzung: Alexandra Wicht
Chair der Sitzung: Mona Granato
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom06


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Präsentationen
Symposium

Geschlechterunterschiede in MINT-Karrierewegen im Lichte individueller, sozio-kultureller und institutioneller Faktoren

Chair(s): Alexandra Wicht (Universität Siegen, Bundesinstitut für Berufsbildung), Mona Granato (Bundesinstitut für Berufsbildung)

DiskutantIn(nen): Matthias Siembab (Bundesinstitut für Berufsbildung)

Mit der fortschreitenden Digitalisierung des Arbeitslebens verbindet sich eine steigende Arbeitskräftenachfrage im Bereich Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Untersuchungen zur horizontalen Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt, d.h. die Tendenz von Männern und Frauen, in unterschiedlichen Berufsfeldern zu arbeiten, zeigen, dass Frauen seltener als Männer eine Laufbahn im MINT-Bereich einschlagen. So ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit ein MINT-Studium aufzunehmen, bei Männern doppelt so hoch wie bei Frauen (Uunk u.a., 2019). Da Berufe im MINT-Bereich häufig mit höheren Löhnen, stabileren Beschäftigungsverhältnissen und besseren Aufstiegschancen verbunden sind, ist die Bildungs- und Berufswahl mit weitreichenden Geschlechterungleichheiten am Arbeitsmarkt verbunden. Es ist daher eine entscheidende Frage für politische Entscheidungsträger, Praktiker aber auch Betriebe, wie Geschlechterunterschiede bei der Bildungs- und Berufswahl im MINT-Bereich erklärt werden können.

Aus Perspektive der Expectancy-Value-Theory (EVT, Eccles u.a., 2002) sind geschlechtsspezifische Bildungs- und Berufsorientierungen in erster Linie das Ergebnis (sozial selektiver) geschlechtsspezifischer Sozialisationserfahrungen, die sich auf aufgabenspezifische Selbstüberzeugungen und Wertezuschreibungen junger Menschen auswirken. Frauen entscheiden sich für einen Karriereweg im MINT-Bereich, wenn sie glauben, dass sie erfolgreich die damit verbundenen Aufgaben erfüllen können (Erwartung) und den Aufgaben positive Eigenschaften zuschreiben (Wert). Diese geschlechtsspezifischen Wert- und Erwartungszuschreibungen sind auch abhängig vom sozio-kulturellen und institutionellen Kontext (z.B. Familie, Schule), in denen junge Menschen eingebettet sind. Das Zusammenspiel individueller Faktoren (Selbstüberzeugungen, Wertzuschreibungen), sozio-kultureller und institutioneller Faktoren ist daher für die Erklärung von Geschlechterunterschieden in der Wahl von MINT-Karrierewegen entscheidend.

Der Beitrag „Sozio-kulturelle Unterschiede in der geschlechterspezifischen Entwicklung von IKT-Fähigkeiten und ihrer subjektiven Wahrnehmung im Jugendalter“ beschäftigt sich mit der Erwartungskomponente des EVT-Modells und untersucht die moderierende Rolle des sozio-kulturellen familiären Hintergrundes (ökonomisches und kulturelles Kapital, ethnische Herkunft) für den Zusammenhang zwischen Geschlecht und IKT-Fähigkeiten und IKT-Selbstvertrauen, die Prädiktoren für die Wahl einer MINT-Berufskarriere sind.

Der Beitrag „Curriculare Differenzierung und geschlechtsspezifische Unterschiede in den MINT-Aspirationen. Längsschnittliche Evidenz“ beleuchtet die Wechselwirkung zwischen der Kurswahl in der gymnasialen Oberstufe und geschlechtsspezifischen Aspirationen für MINT-Berufe. Dabei wird erstens der Frage nachgegangen, inwieweit Aspirationen, Erwartungs- und Wertzuschreibungen Geschlechterunterschiede in der MINT-Kurswahl erklären können. Zweitens wird untersucht, ob die Wahl eines MINT-Kurses geschlechtsspezifische Aspirationen im Zeitverlauf noch verstärken oder gar abschwächen könnte.

Die Wertdimension des EVT rückt auch im Beitrag „Warum Berufe nicht gewählt werden und wie Angebote der Berufsorientierung dazu beitragen können gendertypische Berufswahl zu überwinden“ in den Fokus. Neben Analysen des Zusammenspiels verschiedener Wertzuschreibungen (u.a. Interessen, Zuschreibungen durch das soziale Umfeld) auf die Nichtwahl von Berufen, wird der Frage nachgegangen, wie gendertypischer Berufswahl durch Berufsorientierungsangebote begegnet werden kann.

 

Beiträge des Symposiums

 

Sozio-kulturelle Unterschiede in der geschlechterspezifischen Entwicklung von IKT Fähigkeiten und ihrer subjektiven Wahrnehmung im Jugendalter

Alexandra Wicht1, Isabelle Schmidt2
1Universität Siegen, Bundesinstitut für Berufsbildung, 2GESIS Leibniz Institut für Sozialwissenschaften

Fragestellung

Im Zuge der Digitalisierung sind Fähigkeiten im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) zu einer neuen Bruchlinie geworden, entlang derer sich soziale Ungleichheiten herausbilden (Grundke, 2018). Beobachtete Geschlechterunterschiede in IKT Fähigkeiten und dem Selbstvertrauen in diese (Gnambs, 2021) können folglich Nachteile von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verstärken. Es ist daher eine entscheidende Frage, welche Faktoren Geschlechterunterschiede in IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen mildern oder verstärken. Wir gehen der bislang offenen Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Geschlecht und weiteren sozio-kulturellen Ungleichheitsdimensionen für die Erklärung von IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen und deren Entwicklung im Jugendalter nach, einer Phase, in der weitreichende Bildungsentscheidungen auf Basis individueller Fähigkeiten und Vertrauen in diese getroffen werden (Eccles, 2011).

Theorie

Nationale und internationale Studien verweisen z.T. auf höhere subjektiv wahrgenommene und teils auch intersubjektiv gemessene IKT Fähigkeiten bei männlichen Jugendlichen (Gebhardt u.a., 2019), die auch im Zeitverlauf stärker zunehmen als bei weiblichen Jugendlichen (Gnambs, 2021). Theorie und Forschung legen nahe, dass diesen Geschlechterunterschieden internalisierte Stereotypen und Interessen aufgrund ungleicher Sozialisationsbedingungen zugrunde liegen, die mit traditionellen Geschlechterrollen einhergehen (Holland, 1997; Master u.a., 2016).

Die Entwicklung von Geschlechterrollen ist jedoch nicht für alle Jugendlichen gleich, sondern variiert nach familiärem sozio-kulturellem Hintergrund (Parker et al., 2019). Studien legen nahe, dass traditionelle Geschlechterrollen vor allem in Familien mit geringerem Kulturkapital (Hadjar u.a., 2015; Kulik, 2002), höherem Sozialstatus (Lubinski u.a., 2013; Sáinz u.a., 2010) und Migrationshintergrund (Kretschmer, 2018; Röder u.a., 2014) vorkommen. Die angenommenen zugrundeliegenden Mechanismen reichen von geschlechtsspezifischen Erziehungsmustern, außerschulischen Aktivitäten, bis hin zu den ausgeübten Berufen der Eltern.

Wir nehmen daher an, dass die Nachteile von weiblichen gegenüber männlichen Jugendlichen hinsichtlich des Niveaus und der Entwicklung von Digitalkompetenzen stärker ausfallen, wenn sie aus Familien mit niedrigerem Kulturkapital, höherem Sozialstatus und mit Migrationshintergrund stammen.

Methode

Zur Überprüfung der Hypothesen verwenden wir repräsentativen Längsschnittdaten der Startkohorte »Schule und Ausbildung« des Nationalen Bildungspanels, NEPS (Blossfeld u.a., 2011), in dem IKT Fähigkeiten (gemessen über standardisierte Leistungstests) und ihre subjektive Wahrnehmung in Klasse 9 (2010/11) und wiederholt in Klasse 12 erfasst wurden. Das Sample umfasst 5.507 Schülerinnen und Schüler auf regulären Gymnasien und Gesamtschulen mit Gymnasialzweig.

Die Veränderung von IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen modellieren wir mittels eines Latent Difference-Score Models in Mplus (Muthén u.a., 1998–2017) unter Verwendung Cluster-robuster Standardfehlern (Williams, 2000). Mittels Interaktionstermen zwischen Geschlecht und sozio-kulturellen familiären Variablen (Kulturkapital: Anzahl der Bücher im Haushalt; Sozialstatus: höchster elterlicher International Socio-Economic Index; Migrationsgeneration: deutsch vs. erste und zweite Migrationsgeneration) haben wir getestet, ob Geschlechterunterschiede im Ausgangsniveau (Klasse 9) und der Entwicklung von Digitalkompetenzen durch sozio-kulturelle Variablen moderiert werden.

Ergebnisse

Es zeigen sich Geschlechterunterschiede in IKT Fähigkeiten und ihrer subjektiven Wahrnehmung zugunsten von männlichen Jugendlichen sowohl im Ausgangsniveau als auch in der Entwicklung. Beide Geschlechter weisen jedoch einen Anstieg von IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen auf. Mit steigendem Kulturkapital verringern sich die Geschlechterunterschiede im Ausgangsniveau der IKT Fähigkeiten, in Bezug auf das IKT Selbstvertrauen vergrößern sich die Unterschiede. Es zeigt sich kein interaktiver Einfluss von Geschlecht und Sozialstatus sowie Migrationsgeneration auf IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen und deren Entwicklung.

Die Befunde deuten auf eine sozialisationsspezifische Entstehung von IKT Fähigkeiten und Selbstvertrauen in der Kindheit entlang der zusammenwirkenden sozialen Kategorien Geschlecht und Kulturkapital hin. Dabei wirkt Kulturkapital protektiv im Hinblick auf Geschlechterunterschiede in IKT-Fähigkeiten, allerdings nur mit Blick auf das Ausgangsniveau, nicht die Entwicklung. Es ist daher anzunehmen, dass die Einflussfaktoren auf Geschlechterunterschiede in der Entwicklung von IKT Fähigkeiten eher außerhalb des familiären Kontextes zu suchen sind. Weitere Forschung ist daher notwendig, die Ursachen für unterschiedliche Verläufe zu identifizieren, um Interventionen zu erarbeiten, die Geschlechterunterschiede in IKT Fähigkeiten entgegenwirken.

 

Curriculare Differenzierung und geschlechtsspezifische Unterschiede in den MINT-Aspirationen. Längsschnittliche Evidenz

Janina Beckmann
Bundesinstitut für Berufsbildung

Fragestellung

Geschlechtsspezifische Fachwahlen in der Schule wurden im Vergleich zu anderen theoretischen Erklärungsfaktoren wiederholt als wichtigster Prädiktor für Geschlechterunterschiede in nachschulischen Berufs- und Bildungswegen im MINT-Bereich herausgestellt (Frankreich: Herbaut u.a., 2021; Italien: Barone u.a., 2020; Deutschland: Hägglund u.a., 2020). Unklar ist jedoch, auf welche Prozesse dieser Zusammenhang zurückgeführt werden kann. Wählen Schülerinnen und Schüler Kurse auf Basis ihrer vorhandenen geschlechtsspezifischen beruflichen Aspirationen? Oder werden durch die Teilnahme an Leistungskursen in MINT-Fächern Geschlechterunterschiede in MINT-Berufsaspirationen zusätzlich verfestigt? Bisherige empirische Studien können aufgrund ihrer querschnittlichen Datenbasis nur begrenzt eine Antwort auf diese Fragen geben. Im vorliegenden Beitrag soll der Zusammenhang zwischen MINT-Fachwahlen in der gymnasialen Oberstufe und MINT-Aspirationen aus einer längsschnittlichen Perspektive heraus beleuchtet werden.

Theorie

Aus theoretischer Sicht können zwei Perspektiven unterschieden werden, die den Zusammenhang zwischen der Wahl von MINT-Fächern in der gymnasialen Oberstufe und (geschlechtsspezifischen) Aspirationen für MINT-Karrierewege erklären könnten.

Die Selektionsperspektive legt nahe, dass Schülerinnen und Schüler bereits vor der curricularen Differenzierung geschlechtsspezifische MINT-Aspirationen aufweisen. Gemäß der Wert-Erwartungstheorie (Eccles u.a., 2002) spielt der Wert, der einer Tätigkeit beigemessen wird, eine entscheidende Rolle für Bildungsentscheidungen. Dieser Wert kann sich z.B. darin ausdrücken, wie wichtig eine Tätigkeit für die eigenen (beruflichen) Ziele wahrgenommen wird. Dementsprechend könnten Schülerinnen und Schüler mit bestehendem MINT-Berufswunsch einem Leistungskurs im MINT-Bereich einen höheren Nutzen für ihre berufliche Zukunft beimessen und ihre Leistungskurswahlen entsprechend entlang ihrer Aspirationen ausrichten. Gemäß der Selektionsperspektive wäre der Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischen MINT-Fachwahlen und MINT-Aspirationen daher auf bestehende geschlechtsspezifische Berufsaspirationen zurückzuführen.

Auf der anderen Seite könnte die Teilnahme an MINT-Kursen in der Oberstufe Geschlechterunterschiede in MINT-Aspirationen durch Einflussprozesse weiter festigen. Das wäre dann der Fall, wenn Schülerinnen und Schüler, die einen MINT-Leistungskurs belegen, im Zeitverlauf höhere MINT-Aspirationen entwickeln. Gemäß der sozial-kognitiven Berufswahltheorie (Lent u.a., 1994) sind Lernerfahrungen ein wesentlicher Prädiktor für Berufsentscheidungen. Leistungskurse könnten durch die intensivierten fachlichen Lerninhalte zu höheren Kompetenzen und einem erhöhten Interesse an MINT-Fächern beitragen. Da Männer in MINT-Leistungskursen überrepräsentiert sind, würden solche Einflussprozesse geschlechtersegregierte Aspirationen weiter festigen.

Aus praktischer Perspektive ist es wichtig, Selektions- und Einflussprozesse zu trennen, um geeignete bildungspolitische Maßnahmen, z.B. zur Erhöhung des Anteils von Frauen in MINT-Berufen entwickeln zu können. Sollte die Teilnahme an Leistungskursen z.B. keinen Einfluss auf die beruflichen Aspirationen junger Menschen haben, wären Maßnahmen, die an der curricularen Ausgestaltung der Oberstufe ansetzen, wenig ertragreich (McFarland, 2006).

Methode

Zur Überprüfung der theoretischen Erwartungen ziehen wir repräsentative Längsschnittdaten von Schülerinnen und Schülern des Nationalen Bildungspanels (NEPS) (Blossfeld u.a., 2011) heran. Die Stichprobe umfasst 1,191 Schülerinnen und Schüler, die sich im Schuljahr 2012/13 in der gymnasialen Oberstufe an Gymnasien oder Gesamtschulen befinden. Deren MINT-Aspirationen wurden zu drei Zeitpunkten gemessen: in der Einführungsphase (d.h. vor der curricularen Differenzierung) und in den folgenden zwei Jahren der Qualifikationsphase. Erstens untersuchen wir anhand von multinominalen Regressionsmodellen, wie berufliche MINT-Aspirationen (neben anderen gängigen Erklärungsansätzen) Geschlechterunterschiede in der Leistungskursfachwahl vorhersagen. Zweitens modellieren wir die geschlechtsspezifische Veränderung von MINT-Aspirationen in Abhängigkeit der Kurswahl anhand von Wachstumskurvenmodellen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Selektionsprozesse eine wesentliche Rolle für den wiederholt bestätigten Zusammenhang zwischen Kurswahlen und nachschulischen MINT-Karrierewegen spielen. Schülerinnen und Schüler besitzen bereits vor Eintritt in die gymnasiale Oberstufe stark geschlechtstypische berufliche Aspirationen und treffen ihre Kurswahlen entlang dieser Aspirationen (selbst bei gleichen mathematischen Kompetenzen und fachspezifischen Interessen). Die Einflussperspektive scheint dagegen kaum bedeutsam für die Verfestigung geschlechtsspezifischer MINT-Aspirationen zu sein. Männer und Frauen, die sich für einen Leistungskurs im MINT-Bereich entscheiden, verändern ihre MINT-Aspirationen im Zeitverlauf des Leistungskurses nicht substanziell im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern, die keinen MINT-Kurs belegen. Bildungspolitische Maßnahmen, die an Aspirationen ansetzen, sollten daher bereits möglichst früh in der Bildungslaufbahn ansetzen.

 

Warum Berufe nicht gewählt werden und wie Angebote der Berufsorientierung dazu beitragen können gendertypische Berufswahl zu überwinden

Mona Granato1, Stephanie Oeynhausen1, Janina Beckmann1, Philip Herzer1, Sevil Mutlu2, Birgit Ziegler2
1Bundesinstitut für Berufsbildung, 2TU Darmstadt

Fragestellung

Die Berufsaspirationen von Schüler*innen konzentrieren sich in vielen Industrieländern auf relativ wenige Berufe (Mann u.a., 2020). Dies gilt insbesondere in Deutschland, wo eine starke Diskrepanz zwischen den Berufsaspirationen Jugendlicher und den Ausbildungsangeboten besteht (Maier, 2021). Zudem schließen junge Frauen Berufe aus dem MINT-Bereich und junge Männer z.B. Pflegeberufe von vorneherein häufig aus. Diese horizontale Geschlechtersegregation bei der Berufswahl trägt zur Vertiefung des Mismatchs zwischen beruflichen Bildungsangeboten und der Bildungsnachfrage junger Menschen bei, wodurch ihre Übergangswege in qualifizierte Berufsarbeit, aber auch die betriebliche Fachkräftesicherung erschwert werden.

Während eine Vielzahl von Untersuchungen zu zentralen Faktoren der Berufswahl auch gerade im MINT-Bereich vorliegen, existieren wenige Studien zur Frage, warum das berufliche Aspirationsfeld junger Menschen so eingeschränkt ist und insbesondere dazu, welche Faktoren den Ausschluss bzw. die Nichtwahl von Berufen beeinflussen.

Theorie

In ihrer Berufswahltheorie geht Gottfredson (1981, 2005) von einem Modell des Ausschlusses von Berufen aus. Heranwachsende lernen bereits im Kindesalter Berufe nach Geschlechtstypik und Prestigeniveau einzuteilen und subjektiv nicht passende Berufe als Option auszuschließen. Lange bevor Jugendliche Berufe nach persönlichen Tätigkeitsinteressen bewerten, werden als geschlechtsuntypisch und prestigeinadäquat wahrgenommene Berufe zumeist unbewusst aus der „Zone akzeptabler Berufswahlalternativen“ ausgeschlossen. In diesem Ausschlussprozess spielt das Bedürfnis eine zentrale Rolle, von anderen sozial anerkannt und akzeptiert zu werden (Matthes, 2019).

Davon ausgehend, dass die Berufswahl, die im Kontext zahlreicher Einflussfaktoren stattfindet, über Ausschließungsprozesse kanalisiert wird, beleuchtet der vorliegende Beitrag die Nichtwahl von Berufen und fragt entsprechend der EVT (Eccles, 2011) nach dem Zusammenspiel verschiedener Wertedimensionen (u.a. Interessens-Tätigkeitspassung, soziale Passung und Anerkennung durch das soziale Umfeld) auf die Nichtwahl. Darauf aufbauen wird beleuchtet, wie Berufsorientierungsangebote diese Ausschlussprozesse, die sich aus dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung ergeben, adressieren könnten.

Methode

Die empirische Überprüfung erfolgt auf der Grundlage einer Paper-Pencil-Erhebung von rund 2.000 Schüler*innen allgemeinbildender Schulen in Nordrhein-Westfalen (Klassen 9–10) im Rahmen einer regional geclusterten Klumpenstichprobe (Matthes, 2019). Die Interessens-Tätigkeitspassung, wird anhand des Passungsgrad zwischen beruflichem Selbstkonzept (Interesse an Tätigkeiten) und Berufskonzept (Einschätzung Typik Tätigkeiten im Beruf) unter Verwendung eines Distanzmaßes in Anlehnung an Osgood u.a. (1952) berechnet. Mit Hilfe schrittweiser linearer Regressionsanalysen wird geprüft, welche zentralen Wertedimensionen die Wahl von Berufen beeinflussen.

Ergebnisse

Den Ergebnissen zufolge ist ein besonders relevanter Faktor für die Nichtwahl eines Berufs die Wertedimension einer mangelnden sozialen Passung: Wenn (z.B. männliche) Jugendliche vermuten, mit einem bestimmten Beruf (z.B. Pflegeberuf) von ihrem nahen sozialen Umfeld nicht anerkannt zu werden, ziehen sie diesen Beruf nicht weiter in Betracht – auch dann nicht, wenn dieser Beruf zu ihren beruflichen Interessen passt (Matthes, 2019). Bei den untersuchten Werten bzw. Wertezuschreibungen erweist sich die Wahrnehmung der vermuteten sozialen Passung in den beruflichen Aspirationen von höherer Relevanz als die Tätigkeits-Interessenspassung. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Antizipation mangelnder sozialer Anerkennung entscheidungsrelevant und ein zentraler Ausschlussgrund von Berufsoptionen ist (Matthes, 2019; Oeynhausen u.a., 2020). Als weitere Ausschlussgründe erweisen sich die Wertezuschreibungen zu den vermuteten Rahmenbedingungen eines Berufs aber auch der Kenntnisstand des Berufs.

Die Ergebnisse sind bedeutsam für eine theoretisch-fundierte Konzeptionierung von Berufsorientierungsangeboten, um einen Beitrag zu leisten, um die Aspirationsfelder von Heranwachsenden für als geschlechtsuntypisch wahrgenommen Berufsfelder und Karrierewege zu öffnen, z.B. für Frauen im MINT-Bereich. Wenngleich seit Jahren Berufsorientierungsangebote für Jugendliche steigen, haben sie bisher nicht substanziell zur Ausweitung des Aspirationsfeldes im Hinblick auf Gender- und Prestigedimension beigetragen. Den vorliegenden empirischen Ergebnissen folgend werden Berufsorientierungsangebote benötigt, die weniger als bisher an der Tätigkeits-Interessenspassung ansetzen, sondern stärker an der vermuteten sozialen Passung und damit am sozialen Anerkennungsbedürfnis Heranwachsender. Wie solche anerkennungssensiblen Berufsorientierungsangebote, wie die „Ausbildungsbotschafter*innen“ wirken, wird in einer Interventionsstudie im Rahmen eines (quasi)experimentellen Designs untersucht (Athanasiadi u.a., 2020). Theoretisch-konzeptionelle Ankerpunkte der Intervention sowie der Studie werden abschließend skizziert.



 
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