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Sitzung
D-09: Bedingungsfaktoren und Relevanz des Wohlbefindens von Schülerinnen und Schülern
Zeit:
Donnerstag, 10.03.2022:
9:00 - 10:45

Chair der Sitzung: Ruben Kleinkorres
Chair der Sitzung: Justine Stang-Rabrig
Chair der Sitzung: Nele McElvany
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom09

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Präsentationen
Symposium

Bedingungsfaktoren und Relevanz des Wohlbefindens von Schülerinnen und Schülern

Chair(s): Ruben Kleinkorres (Institut für Schulentwicklungsforschung, Technische Universität Dortmund, Deutschland), Justine Stang-Rabrig (Institut für Schulentwicklungsforschung, Technische Universität Dortmund, Deutschland), Nele McElvany (Institut für Schulentwicklungsforschung, Technische Universität Dortmund, Deutschland)

DiskutantIn(nen): Tina Hascher (Universität Bern, Schweiz)

Während der Kompetenzerwerb seit Langem ein anerkanntes Bildungsziel ist, sind in den letzten Jahren auch die Bedürfnisse von Lernenden und ihre individuelle Entwicklung als Kriterien des Bildungserfolgs in den Blickpunkt gerückt. Das Wohlbefinden von Lernenden nimmt dabei eine zentrale Rolle ein (Kanonire et al., 2020; OECD, 2017). Ein stärkerer Fokus auf das Wohlbefinden sowie dessen Förderung versprechen langfristig die allgemeine Lebenszufriedenheit der Kinder und Jugendlichen zu begünstigen (vgl. Seligman et al., 2009). Darüber hinaus zeigten Studien, dass das Wohlbefinden mit bedeutenden schulbezogenen Aspekten wie Leistung und Lernmotivation zusammenhängt (Bücker et al., 2018; Kleinkorres et al., 2020; Rehman et al., 2020).

Da Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen, ist es wichtig, zu überprüfen, wie ihr Wohlbefinden im schulischen Kontext ausgeprägt ist, wie es sich entwickelt und welche Bedingungen es begünstigen. Dies gilt insbesondere für die relevante Entwicklungsphase der Adoleszenz. In diesem Symposium werden daher umfassende aktuelle Ergebnisse empirischer Forschung zum Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern und dessen Bedingungsfaktoren zusammengeführt.

Der erste Beitrag beschäftigt sich mit der Konzeptualisierung des Wohlbefindens von adoleszenten Lernenden. Dabei werden Konstruktvalidität und Relevanz von allgemeinem, schulspezifischem und schulfachspezifischem Wohlbefinden untersucht. Die empirischen Ergebnisse deuten auf die Relevanz einer domänenspezifischen und insbesondere schulfachspezifischen Konzeptualisierung von Wohlbefinden hin.

Im zweiten Beitrag werden Daten des HBSC-Surveys 2018 genutzt, um verschiedene Gruppen von jugendlichen Lernenden in Bezug auf ihr Wohlbefinden zu identifizieren. Es ließen sich fünf Cluster von Lernenden, die sich untereinander in ihren Schulerfahrungen und ihrem Wohlbefinden unterscheiden, ableiten.

Der dritte Beitrag befasst sich mit der Entwicklung des Wohlbefindens im Verlauf der fünften Jahrgangsstufe und analysiert den Einfluss von Ko- und Monoedukation. Sowohl das Wohlbefinden von Lernenden an mono- als auch an koedukativen Schulen veränderte sich negativ. Lernende an monoedukativen Schulen wiesen jedoch etwas positivere Ausprägungen in einigen Wohlbefindenssubdimensionen auf.

Der vierte Beitrag untersucht anhand von latenten Wachstumskurvenmodellen, wie sich das Wohlbefinden im Laufe der Adoleszenz entwickelt und welche Rolle die Autonomieunterstützung durch die Lehrkraft spielt. Schulzufriedenheit und Schulfreude nahmen über die Zeit ab. Die Abnahme ging mit einem gleichzeitigen Rückgang in der wahrgenommenen Autonomieunterstützung einher. Demgegenüber blieben selbsteingeschätzter Gesundheitszustand und soziale Integration stabil.

Durch die gewinnbringende Integration psychologischer und erziehungswissenschaftlicher Perspektiven sowie die Anwendung fortgeschrittener Analysemethoden bietet das Symposium einen umfassenden Überblick über hochrelevante aktuelle Forschungsergebnisse. Die Forschungsbefunde liefern zentrale Implikationen für weitergehende Forschung und schulische Praxis. Die abschließende Gesamtdiskussion verknüpft die einzelnen Themenbereiche miteinander und diskutiert die Ergebnisse auf einer übergeordneten Ebene.

 

Beiträge des Symposiums

 

Zur Domänenspezifität von schulbezogenem Subjektivem Wohlbefinden und dessen Zusammenhängen mit Schulleistungen

Lena Mächel1, Ricarda Steinmayr2, Hanna Christiansen1, Linda Wirthwein2
1Philipps-Universität Marburg, Deutschland, 2Technische Universität Dortmund, Deutschland

Das subjektive Wohlbefinden (SWB) von Schülerinnen und Schülern (SuS) ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten und gilt neben den Schulleistungen als wichtiger Indikator von leistungsfähigen Bildungssystemen (z.B. OECD, 2017; Seligman et al., 2009). Der Frage, wie das SWB und Schulleistungen zusammenhängen, haben sich in den letzten Jahren eine wachsende Anzahl an Forschenden gewidmet, und eine erste Meta-Analyse weist auf einen moderaten, positiven Zusammenhang bei bislang ungeklärter Heterogenität in den Effektstärken hin (Bücker et al., 2018). Vor diesem Hintergrund bestehen Unsicherheiten bezüglich der Stärke des Zusammenhangs, und es stellt sich die Frage, ob SWB als globales oder als schul- bzw. schulfachspezifisches Konstrukt herangezogen werden soll.

Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Konstruktvalidität und Relevanz von allgemeinem, schulspezifischem sowie schulfachspezifischem SWB zu untersuchen. Unter Verwendung von unterschiedlichen Schulleistungsindikatoren als externen Validitätskriterien zielt die vorliegende Untersuchung zudem auf eine Klärung der Zusammenhänge zwischen SWB und Schulleistungen ab.

Dafür wurde eine Stichprobe aus N = 767 SuS (n = 361 weiblich; Alter: M = 14.07; SD = 0.82) der 8. und 9. Klassenstufen von zwei Gymnasien und zwei Gesamtschulen aus insgesamt 33 Schulklassen untersucht. SWB wurde mit einer Kurzversion der Habituellen Subjektiven Wohlbefindensskala (Dalbert, 1992, 2003; Steinmayr et al., 2018) erfasst, welche zur Erfassung des schulspezifischen SWBs sowie des Wohlbefindens in Mathematik entsprechend angepasst wurden. Die jeweiligen Skalen beinhalten sowohl eine kognitive als auch eine affektive Komponente des SWBs (Zufriedenheit bzw. Stimmung). Als Schulleistungsindikatoren wurden die selbstberichtete Durchschnittsnote, die selbstberichtete Zeugnisnote in Mathematik, sowie die Leistung in einem standardisierten Kompetenztest für Mathematik (Baumert et al., 1998) herangezogen.

Zur Analyse der korrelativen Zusammenhänge wurde ein latentes Gesamtmodell bestehend aus den Wohlbefindenskonstrukten unterschiedlicher Spezifitätsebenen und den Schulleistungsindikatoren erstellt. Die Abhängigkeit der Daten vor dem Hintergrund der Klassenzugehörigkeit der SuS wurde über die Mplus Funktion ‚type = complex‘ berücksichtigt. Die Modellschätzungen erfolgten mittels Robust Maximum Likelihood-Schätzer (Muthén & Muthén, 2017). Als Voraussetzung wurden zunächst die einzelnen Messmodelle der Wohlbefindenskonstrukte sowie des mathespezifischen Kompetenztests überprüft. Fehlende Werte wurden mit dem Full Information Maximum Likelihood-Verfahren geschätzt (Brown, 2015). Zur Beurteilung des Modellfits wurden verschiedene Modellfit-Indices herangezogen (CFI, RMSEA, SRMR; vgl. Goodboy & Kline, 2017). Signifikante Unterschiede in bivariaten Zusammenhängen wurden mittels Invarianzbedingungen überprüft. Der relative Fit der Modelle wurde anhand des Satorra-Bentler skalierten Chi-Quadrat-Differenz-Test untersucht (Brown, 2015). Die Messmodelle des schulischen sowie des mathespezifischen SWB und des mathespezifischen Kompetenztests erforderten nur unwesentliche ex-post Anpassungen auf Item bzw. Parcel-Ebene und die Modellfits waren durchweg gut. Das Gesamtmodell aller Wohlbefindenskonstrukte und Schulleistungsindikatoren wies ebenfalls einen guten Modellfit auf (χ2 = 1008, df = 592, CFI = .970, RMSEA = .030, SRMR = .047).

Konfirmatorische Faktorenanalysen, der relative Vergleich mit uni-dimensionalen Alternativmodellen sowie die Überprüfung differentieller Zusammenhänge mit den Leistungsindikatoren unterstützen im Sinne eines kombinierten Within- and Between-Networks Ansatzes (vgl. Arens et al., 2011; Byrne, 1984) die Konstruktvalidität von mathespezifischem SWB, sowie der kognitiven Komponente von schulspezifischem SWB. Die Überprüfung differentieller Zusammenhänge weisen auf die Bedeutsamkeit kongruenter Spezifitätslevel hin (vgl. Ajzen & Fishbein, 1977; Long & Huebner, 2014; Steinmayr et al., 2019) sowie auf stärkere Zusammenhänge mit Schulleistungsindikatoren im Falle der kognitiven gegenüber der affektiven Komponente (vgl. Steinmayr et al., 2016). Darüber hinaus ergaben sich stärkere Zusammenhänge zwischen dem SWB in Mathematik und der Mathematiknote als mit dem mathespezifischen Kompetenztest. Diese Ergebnisse stimmen mit bisherigen Befunden bzgl. der Zusammenhänge zwischen Schulleistungsindikatoren und motivationalen Konstrukten überein (vgl. Lauermann et al., 2019; Marsh et al., 2005).

Die vorliegende Studie weist somit auf die Relevanz einer domänenspezifischen und insbesondere schulfachspezifischen Konzeptualisierung von SWB hin. Zudem ergeben sich Hinweise auf Faktoren, die zu einer Klärung der Heterogenität der Befunde hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen SWB und verschiedenen Schulleistungsindikatoren beitragen können.

 

Die Bedeutung der Schule für Gesundheit und Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern: Ergebnisse der HBSC Surveys 2018 in Luxemburg

Helmut Willems, Andres Heinz, Claire van Duin
Universität Luxemburg, Luxemburg

Neben der Familie ist die Schule für Kinder und Jugendliche ein wichtiges Umfeld. Hier verbringen sie einen großen Teil des Tages, hier treffen sie ihre Freunde, und ihre schulischen Leistungen bestimmen wesentlich mit, welchen beruflichen Weg sie später einschlagen können. Dementsprechend hat die Schule als sozialer Kontext einen großen Einfluss auch auf das Wohlbefinden und gesundheitliche Befindlichkeiten der Schüler. Positive schulische Erfahrungen können eine Ressource für Wohlbefinden sein, negative Erfahrungen können die psychische und physische Gesundheit beeinträchtigen.

Da es sich bei HBSC um eine Befragung handelt, die in der Schule durchgeführt wird und da die Schule ein wichtiges soziales Umfeld ist, werden auch mehrere Fragen zur Schule gestellt. Im Vortrag werden zunächst aktuelle Ergebnisse aus Luxemburg zum schulischen Kontext präsentiert und international eingeordnet. So wird schon seit mehreren Befragungen erhoben, ob die Schüler die Schule mögen, ob sie sich durch die Schularbeit gestresst fühlen und wie sie die Beziehungen zu ihren Klassenkameraden und den Lehrern bewerten und ob sie viel auf der Ebene der Klasse und der Schule mitbestimmen können.

In einem zweiten Schritt wird mit Hilfe einer Clusteranalyse untersucht, ob es typische Konstellationen gibt, d. h. Gruppen von Schülern, die sich in ihren Schulerfahrungen möglichst stark ähneln. Aus der HBSC-Studie ist bekannt, dass es zahlreiche Zusammenhänge zwischen diesen Erfahrungen gibt. Wenn solche kohärenten Gruppen identifiziert werden können, dann kann eine darauf basierende Typologie helfen, die komplexen Zusammenhänge zwischen zahlreichen Variablen in komprimierter Form darzustellen. Im konkreten Fall wurden 4 schulbezogene Einstellungen und Bewertungen dazu genutzt, um solche Gruppen zu identifizieren. Diese Gruppen/Cluster werden zunächst anhand der Variablen beschrieben, die zur Gruppenbildung genutzt wurden. Die Analyse zeigt, dass es bezüglich der Schulerfahrungen fünf in sich homogene Cluster gibt. Cluster 1, in dem sich der größte Anteil der Schüler (28.8%) befindet, ist durch allgemein positive Schulerfahrungen gekennzeichnet. Die Schüler in dieser Gruppe mögen die Schule, sie berichten von einem guten Klassenklima und sie geben an, kaum durch die Schularbeit gestresst zu sein. Darüber hinaus berichten diese Schüler über ein gutes Verhältnis zu ihren Lehrern. Cluster 2 ist durch Schüler gekennzeichnet, deren Schulerfahrungen überwiegend positiv sind (sie mögen die Schule und sie haben ein gutes Verhältnis zu den Mitschülern und Lehrern), die sich aber durch die Schularbeit gestresst fühlen, was sich negativ auf ihr allgemeines Wohlbefinden auswirkt. Cluster 3 zeichnet sich durch Schüler aus, die über ein geringes Maß an Stress berichten und insgesamt durchschnittliche Werte für die schulbezogenen Variablen wie Beziehungen zu ihrem Lehrer und das Klassenklima aufweisen. In Cluster 4 befinden sich die Schüler, die viel Schulstress erfahren, relativ schlechte Beziehungen zu ihren Lehrern haben und die Schule im Allgemeinen nicht mögen. Allerdings berichten diese Schüler von einem guten Klassenklima. Dieses Cluster umfasst 14.7% der Schüler und ist damit das kleinste Cluster. Cluster 5 besteht aus Schülern mit durchweg negativen Schulerfahrungen und ist damit das Gegenteil von Cluster 1. Die Schüler in Cluster 5 haben viel Schulstress, sind nicht gerne in der Schule und berichten von schlechteren Beziehungen zu ihren Lehrern und Mitschülern im Vergleich zu den Schülern in den anderen Clustern.

Die weitere Beschreibung der Cluster mit Hilfe von soziodemografischen Variablen, anderen schulbezogenen Variablen und gesundheitsbezogenen Ergebnisvariablen wird zeigen, dass die gefundenen Gruppen in sich kohärent sind bezüglich der schulbezogenen Variablen, und dass sie zudem mit gesundheitsbezogenen und mit soziodemografischen Variablen korrelieren.

 

Schulisches Wohlbefinden – eine Frage der Ko- und Monoedukation? Eine längsschnittliche Analyse zu Beginn der Sekundarstufe

Ramona Obermeier1, Melike Ömeroğulları2, Michaela Gläser-Zikuda2
1Linz School of Education, Abteilung für Bildungsforschung, Johannes Kepler Universität Linz, Österreich, 2Lehrstuhl für Schulpädaogogik mit dem Schwerpunkt empirische Unterrichtsforschung, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Schulisches Wohlbefinden hat aufgrund seines engen Bezugs zu intrinsischer Motivation eine große Bedeutung für schulische Lernprozesse (Hascher, 2008; Kleinkorres et al., 2020). Schulisches Wohlbefinden lässt sich als mehrdimensionales Konstrukt beschreiben, das emotionale und kognitive Komponenten sowie Aspekte sozialer Interaktion und körperlicher Verfassung beinhaltet (Hascher, 2008).

Wohlbefinden von Schüler*innen im schulischen Kontext entsteht in der Interaktion von personenbezogenen Variablen und Kontextbedingungen (Hascher, 2008). Es wird davon ausgegangen, dass verschiedene Dimensionen des Wohlbefindens unterschiedlich determiniert sind und sich unterschiedlich entwickeln. Um ein tieferes Verständnis der Determination und Veränderung der einzelnen Dimensionen zu generieren, sind detailliertere Analysen notwendig (Fend & Sandmeier, 2004). Obwohl von einer relativ hohen Stabilität schulischen Wohlbefindens ausgegangen wird, beeinflussen herausfordernde Phasen, wie die Transition von der Primar- in die Sekundarstufe, das schulische Wohlbefinden von Kindern. Mit schulischer Transition sind Veränderungen auf institutioneller, curricularer und sozialer Ebene verbunden, die emotions- und wohlbefindenswirksam sind (Bulkeley & Fabian, 2006). Der komplexe Zusammenhang zwischen sozialem Umfeld und schulischem Wohlbefinden ist bekannt. Daher wird auch die geschlechtsbezogene Klassenkomposition als Einflussgröße auf das schulische Wohlbefinden diskutiert (Crawford-Ferre & Wiest, 2013, Liu et al., 2016).

Bestehende, meist aber querschnittlich angelegte Studien, adressieren schulisches Wohlbefinden häufig als globales Konstrukt, d.h. ohne Berücksichtigung der einzelnen Subdimensionen. Bestehende Befunde decken einige Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, Schüler*innen mit und ohne Migrationshintergrund oder Schüler*innen in unterschiedlicher Bildungsgängen auf, die allerdings inkonsistent sind (Hascher, 2008; Liu et al., 2016). Auch der Aspekt von geschlechtshomo- oder heterogenen Klassen wird in einigen Studien untersucht. Allerdings liefern diese ebenfalls uneinheitliche Resultate (Crawford-Ferre & Wiest, 2013, Smyth, 2010). Eine dezidierte Analyse einzelner Dimensionen des schulischen Wohlbefindens im Längsschnitt fehlt bislang.

Die durchgeführte Studie zielt daher darauf ab Veränderungen in den Dimensionen des schulischen Wohlbefindens im Verlauf der 5. Jahrgangsstufe an katholischen Realschulen und Gymnasien abzubilden und dabei vor allem den Einfluss von Ko- und Monoedukation zu erfassen. An einer Stichprobe von N = 803 Schüler*innen (56 % Realschule, 82.6 % weiblich, 56.8 % Monoedukation, 25.8 % Migrationshintergrund), die im Herbst 2017 sowie Frühjahr und Herbst 2018 mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens befragt wurden, wurden längsschnittliche multi-level Regressionen berechnet. Die eingesetzten Skalen zur Erfassung des schulischen Wohlbefindens (Hascher, 2004) weisen eine gute bis sehr gute Reliabilitäten auf (z.B. positive Einstellung gegenüber der Schule: .86 ≤ α≤ .87).

Die Ergebnisse zeigen eine signifikant negative Entwicklung aller Dimensionen des schulischen Wohlbefindens mit einer Ausnahme bei der erlebten Freude und Anerkennung. Ferner scheint der Besuch einer koedukativen Schule mit einer geringeren Absenz der körperlichen Beschwerden (β = -0.19, S.E. = .07, p < .000), sozialen Probleme (β = -0.19, S.E. = .06, p < .000) und Sorgen in und wegen der Schule (β = -0.15, S.E. = .07, p < .05) verbunden zu sein, auch wenn für Geschlecht, Migrationshintergrund und Schulart kontrolliert wird.

Die höhere Ausprägung von körperlichen Beschwerden, Sorgen und sozialen Problemen in koedukativen Schulen sowie die signifikante Zunahme dieser Aspekte sowohl in Ko-, als auch in Monoedukation deutet einerseits darauf hin, dass die geschlechtsbezogene Klassenkomposition einen Effekt hat, andererseits aber der Negativtrend im schulischen Wohlbefinden nicht durch Monoedukation kompensiert werden kann. In weiteren Analysen sollte daher gezielt adressiert werden, welche Spezifika in der Interaktion der Schüler*innen in Ko- und Monoedukation bestehen und wie geschlechtsspezifische Unterschiede im Unterricht aufgegriffen werden können, um dezidierte Konsequenzen für die möglichst förderliche Ausgestaltung von Schule und Unterricht ableiten zu können. Ferner gilt es weitere Determinanten des schulischen Wohlbefindens auf individueller Ebene einzubeziehen. Limitationen und pädagogische Implikationen der Studie werden adressiert und diskutiert.

 

Die längsschnittliche Entwicklung von Wohlbefinden in der Adoleszenz unter Berücksichtigung der Autonomieunterstützung durch die Deutschlehrkraft

Ruben Kleinkorres, Justine Stang-Rabrig, Nele McElvany
Institut für Schulentwicklungsforschung, Technische Universität Dortmund, Deutschland

Theoretischer Hintergrund

Das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern (SuS) wird als zunehmend wichtiges Kriterium des Schulerfolgs erachtet (Kanonire et al., 2020; OECD, 2017). Das multidimensionale Konstrukt konstituiert sich aus psychischen, physischen und sozialen Facetten (WHO, 2014). Studien zufolge nehmen in der Adoleszenz, die eine wichtige Phase für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung darstellt, die Werte genereller (z.B. Casas & Gonzalez-Carrasco, 2019; Shek & Liang, 2018) und schulspezifischer (z.B. Hagenauer & Hascher, 2010; Tian et al., 2013) Aspekte des Wohlbefindens von SuS ab. Dieser Negativtrend kann im Sinne der Stage-Environment-Fit Theorie (SEF; Eccles & Midgley, 1989; Eccles et al., 1993) teilweise dadurch erklärt werden, dass das schulische Umfeld mit zunehmender Klassenstufe sukzessive weniger auf die Bedürfnisse der SuS eingeht. Für die Befriedigung der Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit, die auch für das Wohlbefinden der SuS von zentraler Bedeutung sind (vgl. Ryan & Deci, 2000), spielt die wahrgenommene Autonomieunterstützung durch die Deutschlehrkraft (AUL) eine wichtige Rolle (z.B. Adie et al., 2008). Der SEF zufolge könnte die Abnahme im Wohlbefinden während der Adoleszenz entsprechend darauf zurückzuführen sein, dass die durch die SuS wahrgenommene AUL sukzessive abnimmt. Evidenz für die Abnahme des Wohlbefindens während der Adoleszenz stammt bislang jedoch hauptsächlich aus querschnittlichen Studien wobei häufig nur einzelne Facetten des Wohlbefindens untersucht wurden. Außerdem wurde in bisherigen Analysen kein Fokus auf die Veränderung der erklärenden Faktoren während der Adoleszenz gelegt.

Fragestellungen

Daher wurde in der vorliegenden Studie analysiert, wie sich das Wohlbefinden im Laufe der Adoleszenz verändert und ob Zusammenhänge mit der Veränderung der wahrgenommenen AUL bestehen. Dabei wurde in der ersten Forschungsfrage (F1) untersucht, ob sich die Werte verschiedener Facetten des Wohlbefindens (Schulzufriedenheit, Schulfreude, selbsteingeschätzte Gesundheit, soziale Integration) über die Zeit negativ entwickeln. Weiterhin wurde überprüft, ob die einzelnen Facetten des Wohlbefindens zu Beginn der betrachteten Zeitintervalle positiv mit der wahrgenommenen AUL zusammenhängen (F2). Schließlich wurde untersucht, ob die wahrgenommene AUL während der Adoleszenz ebenfalls abnimmt (F3a) und ob diese Abnahme mit der Abnahme der einzelnen Wohlbefindens-Facetten assoziiert ist (F3b).

Methode

Die Analysen basieren auf Daten des nationalen Bildungspanels (NEPS; Blossfeld & Maurice, 2011). Die Stichprobe umfasste N = 3446 SuS, die zu fünf Messzeitpunkten (MZP) von Klasse 5 (t1) bis Klasse 9 (t5) an der Studie teilnahmen (49.8% weiblich; Alter: M(t1) = 10.77 Jahre, SD(t1) = 0.49]). Die Teilnehmenden machten dabei zu allen MZP Angaben zu ihrer Schulzufriedenheit (N(Items) = 1), ihrem gesundheitlichen Zustand (N(Items) = 1) und der AUL (N(Items) = 3; Cronbachs α (t1-t5): .79–.84). Darüber hinaus wurde anhand von Elternangaben zu den MZP t2, t3 und t4 die Schulfreude der SuS (N(Items) = 3; Cronbachs α (t2-t4): 81–.85), sowie deren soziale Integration in ihre Schulklasse (NItems = 2) erfasst. Die Skalen zur Schulfreude der SuS und zur wahrgenommenen AUL wiesen jeweils metrische Messinvarianz auf. Die Datenaufbereitung sowie die Berechnung der Deskriptiva erfolgte in R (Version 4.1.0; R Core Team, 2021). Zur Überprüfung der Messinvarianz und der Hypothesen wurden latente Wachstumskurvenmodelle in Mplus 8.6 (Muthén & Muthén, 1998–2017) spezifiziert.

Ergebnisse

Analysen zu Forschungsfrage 1 ergaben, dass Schulzufriedenheit und Schulfreude über die Zeit hinweg abnahmen, während der selbsteingeschätzte Gesundheitszustand und die soziale Integration in die Schulklasse während der Adoleszenz stabil blieben. Die wahrgenommene AUL ging mit höheren Werten aller Wohlbefindens-Facetten einher und es zeigte sich für diese ebenfalls ein Negativtrend. Die negative Entwicklung der wahrgenommenen AUL über die Zeit ging dabei mit einer negativeren Entwicklung der Werte der Schulzufriedenheit, des wahrgenommenen Gesundheitszustands und der Schulfreude einher. Die Ergebnisse werden auf methodischer und inhaltlicher Ebene sowie hinsichtlich ihrer Implikationen für weitere Forschung und für die Praxis kritisch reflektiert und diskutiert.



 
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