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Sitzungsübersicht
Sitzung
D11-H01: Universitätsschulen - Impulse für die empirische Bildungsforschung?
Zeit:
Donnerstag, 26.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: H01

Präsentationen

Universitätsschulen - Impulse für die empirische Bildungsforschung?

Nadine Spörer1, Lisa Rosen2, Anke Langner3, Anette Textor4

1Universität Potsdam; 2Universität zu Köln; 3TU Dresden; 4Universität Bielefeld

Ob die empirische Bildungsforschung nachhaltige Erkenntnisse für die Entwicklung von Lernenden generieren kann, hängt auch davon ab, ob Schulen als Praxispartner bereit sind, innovative Konzepte in den Bildungsalltag zu implementieren und evaluieren zu lassen (Holtappels, 2019, Palowski, Gold & Klewin, 2019). Universitätsschulen unterstützen diesen Wissenstransfer in besonderer Weise. Dies sind Schulen, die in Kooperation mit einer lehrerbildenden Hochschule eine enge Verbindung von Bildungswissenschaften und Schulpraxis eingehen. Sie zeichnen sich durch eine besondere Offenheit gegenüber innovativen Lehr-Lern-Formen aus und ermöglichen auf vielfältige Art bildungswissenschaftliche Forschung und Lehre im Schulalltag (Corian, 2003). Wenngleich Formen von Universitätsschulen auch in Deutschland seit längerem bestehen, so wurden in jüngster Zeit an mehreren Hochschulstandorten in Deutschland neue Universitätsschulen gegründet bzw. sind in Planung. In der Session sollen anhand von vier ausgewählten Standorten sowohl die Konzepte der Schulen als auch die Formen der Kooperation zwischen Universität und Schule präsentiert werden. Im Vordergrund steht somit eine vergleichende Vorstellung der Schwerpunkte der ausgewählten Universitätsschulen und die Diskussion der Impulse, die sich daraus für eine interdisziplinäre empirische Bildungsforschung ergeben können.

Inhalt

Im ersten Beitrag wird der Ansatz der Laborschule Bielefeld vorgestellt. Das wissenschaftliche Bielefelder Profil ist im Paradigma der Praxisforschung zu verorten (Zenke, Dorniak, Gold, Textor & Zentarra, 2019). Das Hauptmerkmal dieses partizipativen Forschungsansatzes ist die Generierung von Fragestellungen, die Durchführung von Forschungsvorhaben und die Dissemination der Resultate durch Praktikerinnen und Praktiker mit dem Ziel, sowohl eine Professionalisierung von Lehrkräften (Altrichter & Posch 2007; James & Augustin, 2018; McLaughlin, 2011) als auch einen Wandel von Schule, in Verbindung mit Kenntnissen über einen solchen, zu erreichen (Klewin, Schumacher & Textor, 2016; Tillmann, 2016). Im Unterschied zu den meist recht jungen bzw. in Gründung befindlichen Universitätsschulen im deutschsprachigen (und auch europäischem) Raum kann die Laborschule Bielefeld auf eine inzwischen gut 25jährige Erfahrung mit der strukturell abgesicherten Zusammenarbeit von universitären Forscherinnen und Forschern (als Angehörige der Wissenschaftlichen Einrichtung Laborschule) und forschenden, mit einem gesonderten Stundenpool ausgestatteten Lehrkräfte (als Angehörige der Versuchsschule Laborschule) zurückblicken. Im Vortrag soll am Beispiel von zwei Forschungs- und Entwicklungsprojekten (dem Projekt „LabSchoolsEurope“ und der „Absolvent*innenstudie“) ausgelotet werden, wie die Kollaboration von Lehrkräften, pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie universitären Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Praxis verläuft und welche Chancen sie bietet, aber auch welchen Spannungen und Friktionen sie unterworfen ist.

Der zweite Beitrag widmet sich der neu gegründeten Heliosschule, einer inklusiven Universitätsschule der Stadt Köln. Die Entstehung der Kölner Universitätsschule(n) ist eng verbunden mit der Initiative von Studierenden an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität, die sich ungefähr im Jahre 2008 in der Lehrkräftebildung nicht ein schlichtes Mehr an pädagogischer Praxis gewünscht und dies mit hoher Durchsetzungskraft politisch überzeugend artikuliert haben. Sie forderten vielmehr eine Verbesserung des Theorie-Praxis-Transfers während des Lehramtsstudiums. Im Vortrag wird das Ausbildungskonzept vorgestellt, das die an der Lehrkräftebildung beteiligten, lokalen Akteure aufgrund der hohen Anzahl an Praxissemesterstudierenden herausfordert (siehe hierzu Reich, 2019). Zum anderen soll das Konzept mit Blick auf die pädagogische Architektur und Raumgestaltung präsentiert werden (Kricke, Reich, Schanz & Schneider, 2018). Entlang dieser beiden Schwerpunkte sollen des Weiteren Chancen und Herausforderungen für die empirische Bildungsforschung skizziert werden.

Im Fokus des dritten Beitrags steht die Universitätsschule Dresden, die zum Schuljahr 2019/2020 als Schulversuch des Landes Sachsen gestartet ist. Die Anforderungen an Schule und den damit verbundenen zu begleitenden Bildungsprozessen steigen stetig an: Schule soll kompetent für das künftige Leben machen; im Angesicht von Globalisierung, Individualisierung, Digitalisierung und Teamfähigkeit ist dies eine Herausforderung für jeden Einzelnen und für die Gestaltung von Schule. Zur Klärung dieser Fragen wurde ein „Real-Labor“ (Schäpke, Stelzer, Caniglia, Bergmann, Wanner & Singer-Brodowski, 2018) durch die Technische Universität Dresden geschaffen, in dem vor allem auch dazu geforscht werden soll, wie Metakompetenzen für den Einsatz von digitalen Werkzeugen im Bildungsprozess etabliert werden können. Insgesamt ist die Universitätsschule darauf ausgerichtet, innovative und vor allem längsschnittliche Forschung im Bereich der Institution Schule zu ermöglichen, wie sie typischerweise schwer umsetzbar ist, u.a. aufgrund des Feldzugangs oder auch von Datenschutz und Dateneigentum, der in der Regel bei der Schulaufsicht liegt. Im Rahmen des Beitrages wird das Forschungsdesign zur Forschung an der Universitätsschule vorgestellt und diskutiert, welche Möglichkeiten sich durch ein Real-Labor für die empirische Bildungsforschung ergeben.

Schließlich wird im vierten Beitrag das Konzept der Universitätsschule Potsdam vorgestellt. Die Idee der Gründung einer Potsdamer Universitätsschule trifft auf besondere Ausgangsbedingungen. Die Universität Potsdam ist die einzige lehrerbildende Hochschule des Landes Brandenburg. Zudem verzeichnet die Stadt Potsdam einen kontinuierlichen Anstieg der Bevölkerung, sodass ein Bedarf an weiteren Grund- und weiterführenden Schulen besteht. Im Zentrum des Universitätsschulkonzepts stehen fünf pädagogische Leitlinien (Inklusion, Wohlbefinden, Zeitgemäßes Lernen, Sprachbildung, Partizipationskultur). Sie ergeben sich aus dem übergeordneten Prinzip der bestmöglichen Bildung für jedes Kind (Deutsche Unesco-Kommission). Die Umsetzung der Leitlinien erfordert spezifische Rahmenbedingungen (Kricke, Reich, Schanz & Schneider, 2018). Die Potsdamer Initiative setzt auf die Bausteine Innovation schulischer Raumstrukturen, technische Ausstattung, Zusammenarbeit des schulischen Personals sowie Kooperation zwischen Schule und Universität. Das Lehren und Lernen in der Universitätsschule setzt eine Offenheit gegenüber wissenschaftlicher Forschung voraus und ist geprägt durch eine Zusammenarbeit mit der Potsdamer Bildungsforschung und Studierenden der Universität Potsdam. Die forschungsbezogenen Kooperationen zwischen Schule und Universität vollziehen sich dabei als partizipative Forschung. Da die Potsdamer Bildungsforschung sich vorwiegend quantitativ orientiert, soll neben der Vorstellung der allgemeinen Ideen zur Universitätsschule im Vortrag spezifischer ausgelotet werden, welche Art von Forschungsdesigns im Rahmen der Forschung an der Potsdamer Universitätsschule zur Anwendung kommen können.

Ablauf

Im ersten Teil (ca. 60 Minuten) wird sich zunächst jeder Standort präsentieren. Insgesamt soll verdeutlicht werden, dass sich jeder Standort durch eine individuelle Schwerpunktsetzung auszeichnet. Während einige Standorte den Schwerpunkt auf die Ausbildung von Studierenden legen, steht an anderen Standorten die Implementation bestimmter Lehr-Lern-Konzepte oder Forschungsansätze im Fokus. Der zweite Teil der Session wird sodann eingeleitet vom Diskutanten Jürgen Wilbert und mündet in eine moderierte Diskussion mit dem Plenum. Im Fokus der Diskussion steht daher, auf welchen Ebenen Universitätsschulen Impulse für die empirische Bildungsforschung geben können.