Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
D9‒H04: Trendanalysen mathematischer und naturwissenschaftlicher Kompetenzen auf Systemebene: Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2018 und weiterführende Analysen
Zeit:
Donnerstag, 26.03.2020:
9:00 - 10:45

Ort: H03/H04

Präsentationen

Trendanalysen mathematischer und naturwissenschaftlicher Kompetenzen auf Systemebene: Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2018 und weiterführende Analysen

Chair(s): Stefan Schipolowski (IQB), Nicole Mahler (IQB), Sebastian Weirich (IQB), Sofie Henschel (IQB), Petra Stanat (IQB)

DiskutantIn(nen): Cordula Artelt (LifBi)

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) führt als wissenschaftliche Einrichtung der Kultusministerkonferenz (KMK) regelmäßig Studien durch, um das Erreichen der in den Bildungsstandards der KMK definierten Kompetenzziele zu überprüfen. Im IQB-Bildungstrend 2018 (Stanat, Schipolowski, Mahler, Weirich & Henschel, 2019) wurden die Kompetenzen von Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik nach dem Jahr 2012 zum zweiten Mal erfasst, so dass es anhand der Daten erstmals möglich ist, für die genannten Fächer in der Sekundarstufe I im Hinblick auf das Erreichen der Bildungsstandards Entwicklungstrends zu beschreiben. In den Analysen werden neben dem erreichten Kompetenzniveau auch Merkmale von Unterricht und Lehrkräften in den Blick genommen, die die Kompetenzentwicklung von Jugendlichen beeinflussen können.

Ziel des Symposiums ist es, zentrale Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2018 vorzustellen und diese durch vertiefende Analysen zu den erreichten Kompetenzen und motivationalen Merkmalen der Schülerinnen und Schüler, zu Aspekten der Unterrichtsqualität und zur Qualifikation der Lehrkräfte im Fach Mathematik und in den Naturwissenschaften zu ergänzen.

Im ersten Beitrag wird der IQB-Bildungstrend 2018 als Teil des nationalen Bildungsmonitorings vorgestellt. Es werden die wichtigsten Ergebnisse der Studie zum Erreichen der Bildungsstandards und zu den untersuchten Disparitäten berichtet. Ferner werden Veränderungen in der Heterogenität der Schülerschaft beschrieben, die zwischen den Jahren 2012 und 2018 stattgefunden haben.

Der zweite Beitrag berichtet Analysen zu Geschlechterunterschieden in Selbstkonzepten und Interessen im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern, wobei der Fokus auf Veränderungen dieser Merkmale seit dem Jahr 2012 liegt. Hier wird zudem der Frage nachgegangen, inwieweit sich für verschiedene Teilpopulationen differenzielle Geschlechtereffekte zeigen.

Im dritten Beitrag geht es um Aspekte der Qualität des Mathematikunterrichts an Gymnasien und an nichtgymnasialen Schulen. Neben der Ausprägung von Sicht- und Tiefenstrukturen im Jahr 2018 sowie den Veränderungen im Vergleich zum Jahr 2012 wird der Frage nachgegangen, ob Zusammenhänge zwischen den untersuchten Unterrichtsmerkmalen und Hintergrundmerkmalen der Lehrkräfte sowie kognitiven und motivational-emotionalen Schülermerkmalen bestehen.

Der vierte Beitrag richtet den Blick auf die Qualifikation von Lehrkräften im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern, wobei der Fokus auf Lehrkräften liegt, die kein reguläres Lehramtsstudium absolviert haben. Hierbei wird unter anderem untersucht, ob sich von Quer- bzw. Seiteneinsteigenden unterrichtete Klassen in ihrer Zusammensetzung von Klassen unterscheiden, die von regulär ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden.

 

Beiträge des Symposiums

 

Der IQB-Bildungstrend 2018: Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich

Stefan Schipolowski, Petra Stanat, Nicole Mahler, Sebastian Weirich, Sofie Henschel
IQB

Die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) für das Fach Mathematik und für die naturwissenschaftlichen Fächer Biologie, Chemie und Physik definieren, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler entwickelt haben sollen, wenn sie den Hauptschulabschluss (HSA; KMK, 2004) beziehungsweise den Mittleren Schulabschluss (MSA; KMK, 2005a, 2005b, 2005c, 2005d) erwerben. In den Studien des IQB, mit denen das Erreichen der in den Bildungsstandards festgelegten Kompetenzziele regelmäßig überprüft wird, werden auch die Bedingungen untersucht, unter denen die Schülerinnen und Schüler lernen. Diese Informationen sollen dazu dienen, Stärken und Schwächen zu identifizieren und Prozesse der Weiterentwicklung von Bildungsqualität anzustoßen.

Für das Fach Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer in der Sekundarstufe I fand die erste Studie zur Überprüfung des Erreichens der Bildungsstandards im Jahr 2012 statt (IQB-Ländervergleich 2012; Pant, Stanat, Schroeders, Roppelt, Siegle & Pöhlmann, 2012). Der IQB-Bildungstrend 2018 (Stanat, Schipolowski, Mahler, Weirich & Henschel, 2019) hat die Kompetenzen von Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern in diesen Fächern zum zweiten Mal untersucht. Insgesamt nahmen 44.941 Schülerinnen und Schüler aus 1.462 Schulen an der Erhebung im Jahr 2018 teil. Neben den Kompetenztests wurden Befragungen der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, ihrer Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen durchgeführt.

In diesem Beitrag wird zunächst dargestellt, wie sich die von Schülerinnen und Schülern erreichten Kompetenzen zwischen den Jahren 2012 und 2018 verändert haben. Anschließend wird im Rahmen weiterführender Analysen der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Ergebnisse der Länder zum Erreichen der Bildungsstandards im Jahr 2018 sowie im Trend verändern, wenn Unterschiede in der Zusammensetzung der Schülerschaft statistisch kontrolliert werden. Dabei werden insbesondere der sozioökonomische Hintergrund (HISEI bzw. Bildungsniveau der Eltern) und der Zuwanderungshintergrund (Geburtsland der Eltern und der Jugendlichen, Sprachhintergrund) der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt.

Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2018 zeigen, dass im Fach Mathematik im Jahr 2018 bundesweit knapp 45 Prozent aller Neuntklässlerinnen und Neuntklässler den Regelstandard für den MSA erreichen oder übertreffen. In den naturwissenschaftlichen Fächern erreichen oder übertreffen die Regelstandards für den MSA in den Kompetenzbereichen Fachwissen

und Erkenntnisgewinnung fast 71 beziehungsweise 60 Prozent (Biologie), etwa 56 beziehungsweise fast 64 Prozent (Chemie) sowie gut 69 beziehungsweise knapp 77 Prozent (Physik) der Schülerinnen und Schüler, die den MSA anstreben. Die entsprechenden Anteile variieren jedoch erheblich zwischen den Ländern. In allen untersuchten Fächern sind die Ergebnisse für Deutschland insgesamt zwischen den Jahren 2012 und 2018 stabil geblieben, allerdings zeigen sich innerhalb einzelner Länder insbesondere für die Jungen teilweise negative Trends. An den Gymnasien zeichnen sich auch für Deutschland insgesamt teilweise ungünstige Entwicklungen ab.

Im Hinblick auf die Zusammensetzung der Schülerschaft ist festzustellen, dass sich der sozioökonomische Hintergrund im Mittel kaum verändert hat. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler aus zugewanderten Familien ist hingegen um 7 Prozentpunkte auf fast 34 Prozent angestiegen, wobei dies sowohl Kinder der ersten als auch der zweiten Generation betrifft. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die Ergebnismuster in den untersuchten Fächern weitgehend stabil, wenn für Heterogenitätsmerkmale der Schülerschaft kontrolliert wird.

Insgesamt weisen die Befunde des IQB-Bildungstrends 2018 zu den erreichten Kompetenzen teilweise auf Stabilität, teilweise aber auch auf eher ungünstige Veränderungen über die Zeit hin und ergeben somit ein ähnliches Bild wie der IQB-Bildungstrend 2016 im Primarbereich. Zudem ist auch in der Sekundarstufe I eine zunehmende Heterogenität der Schülerschaft zu verzeichnen, mit der die Lehrkräfte in ihrem Unterricht umgehen müssen.

 

Geschlechterunterschiede in Selbstkonzept und Interesse im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern

Rebecca Schneider, Sofie Henschel, Malte Jansen
IQB

Der Erwerb schulischer Kompetenzen ist eng mit motivationalen Merkmalen verknüpft. Insbesondere für fachbezogene Selbstkonzepte und Interessen finden sich typischerweise stereotype Geschlechterunterschiede: Jungen weisen im Mittel ein höheres Selbstkonzept und Interesse in Mathematik, Chemie und Physik auf, wohingegen für das Fach Biologie in bisherigen Studien oftmals keine Unterschiede festgestellt wurden (Gaspard et al., 2014; Jansen et al., 2014). Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass die Ausprägungen motivationaler Merkmale von Jugendlichen in Mathematik und in den Naturwissenschaften in den vergangenen Jahren abgenommen haben. Dieser Trend scheint sich jedoch zwischen Jungen und Mädchen zu unterscheiden: Während tendenzielle Verbesserungen im mathematikbezogenen Selbstkonzept von Mädchen zwischen PISA 2003 und 2012 beobachtet wurden und die Werte bei Jungen stabil blieben, nahmen Freude und Interesse an Mathematik im gleichen Zeitraum in beiden Gruppen ab (Schiepe-Tiska & Schmidtner, 2013). Für Mädchen zeigte sich dieser ungünstige Trend auch für Freude und Interesse an naturwissenschaftlichen Themen zischen PISA 2006 und PISA 2015, während bei Jungen keine Veränderungen zu beobachten waren (Schiepe-Tiska et al., 2016). Zwar treten die stereotypen Muster zwischen Jungen und Mädchen auch für Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund auf (Jansen & Stanat, 2015), weitgehend unklar ist aber, ob sich diese in unterschiedlichen Zuwanderergruppen differenziell über die Zeit entwickeln. Denkbar wäre, dass insbesondere Jugendliche der ersten Generation und in dieser Gruppe vor allem Mädchen insgesamt weniger stark von ungünstigen Entwicklungen betroffen sein könnten, weil sie typischerweise eine besonders ausgeprägte Bildungsaspiration aufweisen (Becker & Gresch, 2016). Dieser Beitrag untersucht, inwieweit sich die Geschlechterunterschiede im fachbezogenen Selbstkonzept und Interesse in Mathematik und den Naturwissenschaften zwischen den Jahren 2012 und 2018 verändert haben und ob die Veränderungen je nach Zuwanderungshintergrund und Geschlecht unterschiedlich ausfallen.

Im Rahmen des IQB-Bildungstrends wurden Daten von jeweils etwa 45.000 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern in den Jahren 2012 und 2018 ausgewertet. Fachspezifische Selbstkonzepte und Interessen in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik wurden 2012 und 2018 im Schülerfragebogen mit jeweils vier Aussagen (z. B. „In Mathematik lerne ich schnell.“, „Für Biologie interessiere ich mich.“) auf einer vierstufigen Skala (trifft überhaupt nicht zu bis trifft völlig zu) erfasst. Die internen Konsistenzen der Skalen zum fachbezogenen Selbstkonzept und Interesse waren sehr gut (Cronbach’s α: 0.83 - 0.92). Der Zuwanderungshintergrund wurde über die Abfrage der Geburtsländer realisiert.

Unterschieden werden für die Jahre 2012 bzw. 2018 Jugendliche ohne Zuwanderungshintergrund (73% bzw. 66%), mit einem im Ausland geborenen Elternteil (10% bzw. 12%), der zweiten Generation (12% bzw. 15%) sowie der ersten Generation (4% bzw. 6%).

Wie bereits im Jahr 2012 zeigen sich auch im Jahr 2018 für die Gesamtpopulation geschlechtsstereotype Mittelwertunterschiede in den fachspezifischen Selbstkonzepten und Interessen: Während Jungen in den Fächern Mathematik, Chemie und Physik ihre eigenen Kompetenzen im Mittel höher einschätzen als Mädchen und auch ein größeres Interesse in diesen Fächern berichten, schätzen sich Mädchen im Fach Biologie im Durchschnitt als fähiger und interessierter ein als die Jungen. Außer für Jugendliche der ersten Generation zeigt sich im Trend in Mathematik, Chemie und Physik fast durchgängig eine Verringerung der Geschlechterunterschiede im Selbstkonzept und Interesse und für Biologie eine Vergrößerung der Unterschiede jeweils zugunsten der Mädchen: Während sich die Selbstkonzept- und Interessenswerte der Jungen in den betrachteten Fächern signifikant verringerten und insbesondere in Mathematik deutliche negative Trends zu verzeichnen sind, blieben die Werte der Mädchen weitgehend stabil. Dahingegen finden sich für Jungen der ersten Zuwanderergeneration zumeist keine Veränderungen der Selbstkonzept- und Interessenswerte zwischen den Jahren 2012 und 2018, lediglich für das Selbstkonzept in Biologie zeigte sich eine Verringerung des Skalenmittelwertes. Die Werte der Mädchen der ersten Zuwanderergeneration blieben ebenfalls stabil.

 

Merkmale der Unterrichtsqualität im Fach Mathematik

Sofie Henschel, Camilla Rjosk
IQB

In der Unterrichtsforschung beschreiben Sichtstrukturen die formale Organisationsstruktur (z.B. Lernformen) des Unterrichts, während Tiefenstrukturen (Klassenführung, konstruktive Unterstützung, kognitive Aktivierung) die Art und Weise kennzeichnen, mit der sich Schülerinnen und Schüler mit dem Lerngegenstand auseinandersetzen und wie dies durch die Lehrkraft konstruktiv unterstützt wird. Studien zeigen, dass es bei „gutem“ Unterricht vor allem auf die Tiefenstrukturen und weniger auf die Sichtstrukturen ankommt (Kunter & Voss, 2011). Für den Mathematikunterricht in der Sekundarstufe I wurde deutlich, dass ein kognitiv anregender Unterricht lernförderlich ist und eine gute Klassenführung sowie konstruktive Unterstützung mit motivational-emotionalen Merkmalen (z.B. Interesse) positiv assoziiert sind und mit verringertem Angsterleben einhergehen (Kunter & Ewald, 2016). Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Unterrichtsgestaltung am Gymnasium kognitiv aktivierender und störungsärmer wahrgenommen wird als in nichtgymnasialen Schularten und die Unterrichtsqualität Zusammenhänge zwischen professioneller Kompetenz der Lehrkräfte und Schülermerkmalen vermittelt (Dubberke et al., 2008; Kunter & Voss, 2011). Der Beitrag untersucht, wie Sicht- und Tiefenstrukturen im Mathematikunterricht aktuell am Gymnasium und in nichtgymnasialen Schularten ausgeprägt sind, welche Veränderungen sich seit dem IQB-Ländervergleich 2012 zeigen und ob Zusammenhänge mit Hintergrundmerkmalen der Lehrkräfte (z.B. Qualifikation, Überzeugungen zum kompetenzorientierten Unterrichten, Selbstwirksamkeit zum Unterrichten heterogener Gruppen) und kognitiven sowie motivational-emotionalen Schülermerkmalen bestehen.

Ausgewertet werden Daten von 24.210 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern (48% weiblich) aus 2.319 Lerngruppen, die im IQB-Bildungstrend 2018 am Kompetenztest Mathematik teilnahmen sowie Angaben von 2.004 Mathematiklehrkräften (56% weiblich). Zur Erfassung der Sichtstrukturen machten die Lehrkräfte Angaben auf einer vierstufigen Häufigkeitsskala, wie oft sie bestimmte Lernformen (8 Items, z.B. Klassenunterricht) bzw. Methoden der Binnendifferenzierung (9 Items, z.B. „Bei der Stillarbeit variiere ich die Aufgabenstellung.“) einsetzen. Neben Hintergrundmerkmalen der Lehrkräfte (z.B. Qualifikation: Quereinstieg, fachfremdes Unterrichten) wurden die Selbstwirksamkeit zum Unterrichten in heterogenen Lerngruppen (6 Items, α=.87) und Überzeugungen zum kompetenzorientierten Unterrichten (7 Items, α =.85) erfasst. Die Wahrnehmung der Tiefenstrukturen Klassenführung (Störungen: 3 Items, α=.91; Strukturiertheit: 4 Items, α=.81), konstruktive Unterstützung (positive Fehlerkultur: 3 Items, α=.80; Schülerorientierung: 5 Items, α=.87) und kognitive Aktivierung (12 Items, α=.79) sowie

weitere Schülermerkmale (Interesse: 4 Items, α=.88; Selbstkonzept: 4 Items, α=.88; Mathematikangst: 5 Items, α=.88) wurden im Schülerfragebogen auf einer vierstufigen Antwortskala (trifft gar nicht zu bis trifft völlig zu) erfasst. Für Trendanalysen wird auf Daten des IQB-Ländervergleichs 2012 (Pant et al., 2013) zurückgegriffen.

Nach wie vor nutzen Lehrkräfte im Mathematikunterricht im Jahr 2018 primär traditionelle Lernformen (Klassenunterricht, Stillarbeit), wobei in nichtgymnasialen Schularten häufiger auch individualisierende und kooperative Lernformen (z.B. Projektarbeit) vorkommen. Wenn Methoden der Binnendifferenzierung genutzt werden, zielen diese auf Aktivitäten, die in Stillarbeitsphasen realisierbar sind (z.B. Aufgabenvariation). Auch Methoden der Binnendifferenzierung werden in nichtgymnasialen Schularten etwas häufiger eingesetzt als am Gymnasium. Die Ausprägungen der Tiefenstrukturen unterscheiden sich zwischen den Schularten noch deutlicher: Aus Schülersicht ist der Unterricht am Gymnasium kognitiv aktivierender, störungsärmer und durch eine positivere Fehlerkultur gekennzeichnet als in nichtgymnasialen Schularten, in denen hingegen die Schülerorientierung des Unterrichts höher eingeschätzt wird. Trendanalysen machen deutlich, dass das Ausmaß der kognitiven Aktivierung und der Strukturiertheit in nichtgymnasialen Schularten in den letzten sechs Jahren angestiegen und am Gymnasium stabil geblieben ist. Mehrebenenanalysen zeigen, dass die Selbstwirksamkeit zum Unterrichten in heterogenen Lerngruppen und Überzeugungen zum kompetenzorientierten Unterrichten positiv mit der Häufigkeit zusammenhängt, mit der innovative Lernformen eingesetzt werden und binnendifferenziert unterrichtet wird. Diese Lehrkräftemerkmale hängen jedoch nicht mit Schülermerkmalen oder Tiefenstrukturen zusammen, die – anders als Sichtstrukturen – bedeutsam mit kognitiven und motivational-emotionalen Schülermerkmalen assoziiert sind.

 

Lehrkräfte im Quer- und Seiteneinstieg: Analysen zu ihren Merkmalen, ihrer Verteilung und den Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler

Dirk Richter1, Lars Hoffmann2, Benjamin Becker2
1Universität Potsdam, 2IQB

Derzeit besteht in Deutschland ein gesteigerter Lehrkräftebedarf, der unter anderem auf eine erhöhte Zahl an altersbedingt ausscheidenden Lehrkräften, eine wachsende Zahl an Schülerinnen und Schülern und teilweise fehlerhafte Bedarfsprognosen zurückzuführen ist (Klemm & Zorn, 2018, 2019). Dieser Bedarf kann nicht mehr allein durch Lehramtsabsolventinnen und -absolventen gedeckt werden, sodass immer mehr Personen den Lehrberuf ergreifen, die entweder nicht die erste Phase (Quereinsteigende) oder weder die erste noch die zweite Phase (Seiteneinsteigende) der regulären Lehrausbildung durchlaufen haben. Trotz der steigenden Zahl an Quer- und Seiteneinsteigenden mangelt es an empirischen Studien, die diese Gruppe genauer untersuchen.

Der IQB-Bildungstrend 2018 erfasste neben den Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auch die Qualifikation der unterrichtenden Lehrkräfte. Die Befragung der Lehrkräfte macht es möglich, zwischen regulär qualifizierten Lehrkräften einerseits und Quer- bzw. Seiteneinsteigenden andererseits zu differenzieren und sie hinsichtlich ihrer demografischen Merkmale, ihrer Verteilung in den Schulen und den von ihren Schülerinnen und Schülern erreichten Kompetenzen zu beschreiben. Im veröffentlichten Berichtsband zum IQB-Bildungstrend 2018 wurde bereits darauf eingegangen, wie hoch die Anteile quer- und seiteneingestiegener Lehrkräfte in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern waren und welche Kompetenzen ihre Klassen im Vergleich zu Klassen regulär qualifizierter Lehrkräfte erreichten. Im vorliegenden Beitrag sollen die veröffentlichten Analysen zu Quer- und Seiteneinsteigenden zusammengefasst und erweitert werden. Mit zusätzlichen Analysen soll bestimmt werden, inwiefern sich die Gruppe der Quer- und Seiteneinsteigenden in ihren demografischen Merkmalen von regulär ausgebildeten Lehrkräften unterscheidet und in welchen Schulen Quer- und Seiteneinsteigende verstärkt unterrichten. Zur Beschreibung der Schulen werden Merkmale der Schülerschaft herangezogen.

Die Grundlage für die Analysen bildeten insgesamt 2.004 Mathematiklehrkräfte und 3.445 Lehrkräfte in den naturwissenschaftlichen Fächern, die an allgemeinen Schulen unterrichteten. Die Lehrkräfte waren im Durchschnitt 45.6 Jahre alt und 57 Prozent von ihnen waren Frauen. Der Gruppe der Quer- und Seiteneinsteigenden wurden jene Personen zugeordnet, die nach eigenen Angaben kein reguläres Lehramtsstudium abgeschlossen haben. Dies umfasst also auch Personen, die sich aktuell in Qualifizierungsmaßnahmen befinden oder diese Maßnahmen bereits abgeschlossen haben. Insgesamt wurden 490 Personen zur

Gruppe der Quer- und Seiteneinsteigenden zugeordnet. Dies entspricht in Mathematik einem Anteil von 8.7 Prozent aller befragten Lehrkräfte; in den naturwissenschaftlichen Fächern variierte der Anteil von 6.4 Prozent in Biologie bis zu 17 Prozent in Physik. Analysen zu demografischen Merkmalen und zu ihrer Verteilung basieren auf Gruppenvergleichen, in denen die Kennwerte der Quer- und Seiteneinsteigenden denen der regulär ausgebildeten Lehrkräfte gegenübergestellt werden. Analysen zu den erreichten Kompetenzen basieren auf Mehrebenenmodellen, in denen die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler durch die Merkmale der Lehrkräfte und die Merkmale der unterrichteten Klasse vorhergesagt werden.

Deskriptive Analysen zeigen, dass die Quer- und Seiteneinsteigenden im Durchschnitt 45.4 Jahre alt und 37 Prozent von ihnen Frauen sind. Die Gruppe der regulär ausgebildeten Lehrkräfte ist im Durchschnitt 45.6 Jahre alt und der Anteil der Frauen liegt bei 59 Prozent. Für die Untersuchung der Verteilung der Quer- und Seiteneinsteigenden wurde zwischen Stadtstaaten einerseits und Flächenländern anderseits unterschieden. Hierbei ergaben sich Hinweise darauf, dass Quer- und Seiteneinsteiger vor allem in den Stadtstaaten in Klassen eingesetzt werden, deren Schülerinnen und Schüler vermehrt aus sozial benachteiligten Familien stammen. Die Untersuchung der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zeigt, dass sich die erreichten Testergebnisse in Klassen von Quer- und Seiteneinsteigenden nicht systematisch von denen in Klassen unterscheiden, die von regulär ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden.