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Sitzungsübersicht
Sitzung
M11‒H05: Quereinsteigende ins Lehramt: Aktuelle Befunde zu ihrer Berufswahlmotivation, ihren Kompetenzen und ihrem Wohlbefinden
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: H05

Präsentationen

Quereinsteigende ins Lehramt: Aktuelle Befunde zu ihrer Berufswahlmotivation, ihren Kompetenzen und ihrem Wohlbefinden

Chair(s): Uta Klusmann (IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Dirk Richter (Universität Potsdam, Deutschland), Christin Lucksnat (Universität Potsdam, Deutschland)

DiskutantIn(nen): Jürgen Baumert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung)

Derzeit besteht in Deutschland ein gesteigerter Lehrkräftebedarf, der unter anderem durch eine erhöhte Zahl an altersbedingt ausscheidenden Lehrkräften und einer wachsenden Zahl an Schülerinnen und Schülern hervorgerufen wird (Klemm & Zorn, 2018). Dieser Bedarf kann allerdings nicht mehr allein durch Lehramtsabsolventinnen und -absolventen gedeckt werden. Deshalb münden aktuell immer mehr Personen in den Lehrberuf ein, die entweder nicht die erste Phase (Quereinsteigende) oder erste und zweite Phase (Seiteneinsteigende) der Lehrausbildung durchlaufen haben. Vor dem Hintergrund, dass die erste und zweite Phase der Lehrkräfteausbildung nachweislich einen wesentlichen Einfluss auf das Niveau der professionellen Kompetenz von Lehrkräften hat (Brunner et al., 2006; Kleickmann et al., 2013; Schmidt et al., 2011), wird häufig die Frage diskutiert, ob Quer- und Seiteneinsteigende ebenfalls über die geforderten professionellen Kompetenzen verfügen.

Obwohl die Zahl an Quer- und Seiteneinsteigenden im Lehrberuf in Deutschland steigt, mangelt es noch an empirischen Studien, die diese Gruppe genauer in den Blick nimmt. Dieser Mangel an Daten zum Quereinstieg in Deutschland lässt sich unter anderem damit begründen, dass erst in den letzten fünf Jahren der Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigenden in Schulen verstärkt zugenommen hat. Zudem fällt auf, dass Studien vor allem ausschließlich die Gruppe der Quer- und Seiteneinsteigenden in den Blick nehmen. Direkte Vergleiche zwischen der Gruppe der Quer- und Seiteneinsteigenden und der Gruppe von regulär ausgebildeten Lehrkräften bezüglich ihrer professionellen Kompetenzen oder Berufswahlmotive liegen bisher kaum vor. An dieser Forschungslücke setzt das geplante Symposium an. Das Symposium verfolgt das Ziel, aktuelle Befunde zu professionellen Kompetenzen und dem Wohlbefinden von Quereinsteigenden zusammenzutragen und Implikationen für die Ausbildung dieser Personengruppe zu diskutieren.

Das Symposium besteht aus insgesamt vier Beiträgen:

Beitrag 1 von Ingo Fehrmann und Kollegen beschäftigt sich mit der Frage, warum Personen über den Quereinstieg in den Beruf der Lehrkraft einsteigen. Hierbei vergleichen sie die Berufswahlmotive von Quereinsteigenden mit denen, die ein reguläres Lehramtsstudium durchlaufen. Die Grundlage für die Untersuchung bildet eine Evaluation des Studiengangs Lehramt an Grundschulen an der Humboldt-Universität zu Berlin, in dem reguläre Lehramtsstudierende und Studierende im Quereinstieg eingeschrieben sind. Die Ergebnisse der Untersuchung basieren sowohl auf Interviews als auch auf quantitativ erhobenen Daten.

In Beitrag 2 beschäftigen sich Christin Lucksnat und Kollegen mit den Kompetenzen von Quereinsteigenden im Vergleich zu regulär ausgebildeten Lehrkräften im Vorbereitungsdienst. Die Autorinnen und Autoren nutzen Daten der COACTIV-R-Erhebung, welche verschiedene Facetten der professionellen Kompetenz von angehenden Mathematiklehrkräften untersuchte. Im Mittelpunkt des Vergleichs steht sowohl das professionelle Wissen, aber auch die lerntheoretischen Überzeugungen und die Motivation der angehenden Lehrkräfte. Der Beitrag verdeutlich, in welchen Kompetenzfacetten Unterschiede aber auch Ähnlichkeiten bestehen.

Beitrag 3 von Uta Klusmann und Kollegen befasst sich mit dem Wohlbefinden und dem beruflichen Commitment von Quereinsteigenden im Vorbereitungsdienst. Auch diese Studie greift zurück auf Daten der COACTIV-R-Erhebung und vergleicht die Berufszufriedenheit, die erlebte Erschöpfung und das Commitment bei angehenden Mathematiklehrkräften im Vorbereitungsdienst. Der Beitrag berichtet sowohl Unterschiede zwischen Quereinsteigenden und regulär ausgebildeten Lehramtskandidaten als auch zeitliche Veränderungen der Merkmale über ein Jahr. Darüber hinaus geht der Beitrag der Frage nach, welche Merkmale die Veränderung des Wohlbefindens über den Untersuchungszeitraum vermitteln.

Beitrag 4 von Friederike Korneck und Kollegen untersucht verschiedene Aspekte professioneller Kompetenz von Quereinsteigenden im Fach Physik im Vergleich zu regulär ausgebildeten Lehrkräften im Vorbereitungsdienst. Im Zentrum der Untersuchung stehen ebenfalls die Berufswahlmotivation, das Professionswissen, lerntheoretische Überzeugungen und selbstregulative Fähigkeiten der Personen. Im Vergleich zu den Beiträgen 2 und 3 wird hier ein Fokus auf das Fach Physik gelegt.

Das Symposium wird durch Jürgen Baumert diskutiert.

 

Beiträge des Symposiums

 

Berufswahlmotive von Quereinsteigenden: Ergebnisse einer Untersuchung von Studierenden im Grundschullehramt

Ingo Fehrmann1, Christin Lucksnat2, Dirk Zorn3, Detlef Pech1, Dirk Richter2
1Humboldt-Universität zu Berlin, 2Universität Potsdam, 3Bertelsmann Stiftung

Theoretischer Hintergrund

Viele Quereinsteigende nehmen erzeit die Lehrtätigkeit an Grundschulen in Deutschland aus. Diese Gruppe von Lehrkräften zeichnet sich dadurch aus, dass sie zunächst ein anderes Studium abschlossen bzw. einen anderen Beruf ausübten. Dieser berufliche Wechsel wirft die Frage auf, aus welchen Gründen Quereinsteigende sich zu einem späteren Zeitpunkt in der beruflichen Karriere für den Lehrberuf entschieden. Die internationale Forschungsliteratur weist darauf hin, dass Quereinsteigende den Lehrerberuf aus ganz unterschiedlichen Gründen ergreifen (Überblick in Baeten & Meeus, 2016). Zu den Gründen für die Berufswahl gehören u.a. der Wunsch der Quereinsteigenden, ihr Wissen weiterzugeben, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und Schulen besser zu machen (Chambers, 2002). Neben den altruistischen Motiven nennen Quereinsteigende auch strukturelle und materielle Vorteile des Lehrberufs. Dazu gehört u.a. die unbefristete Anstellung, die finanzielle Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten und größere Freiheitsgrade in der Ausübung der Tätigkeit (Chambers, 2002). Inwiefern sich Quereinsteigende damit von regulär ausgebildeten Lehrkräften unterscheiden, ist bislang nur in wenigen Arbeiten untersucht worden. Erste Befunde aus der Schweiz zeigen, dass Quereinsteigende ein höheres pädagogisches Interesse berichten als Regelstudierende und die finanzielle Sicherheit bzw. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weniger ausschlaggebend für die Wahl des Berufs zu sein scheint (Loretz et al. 2017). Bislang ist unklar, ob sich diese Befunde auch auf die deutsche Situation übertragen lassen, da dort andere Ausbildungsstrukturen bestehen als in der Schweiz. An diesem Punkt setzt der vorliegende Beitrag an. Er geht der Frage nach, aus welchen Gründen Personen ein Quereinstiegsstudium ins Lehramt aufnehmen und welche Unterschiede im Vergleich zu Regelstudierenden bestehen.

Methode

Die Daten dieser Studie wurden im Rahmen einer Evaluation des Quereinstiegsstudiums für das Lehramt an Grundschulen an der Humboldt-Universität zu Berlin gewonnen. Es handelt sich dabei um einen Masterstudiengang, den reguläre Lehramtsstudierende als auch Studierende ohne fachbezogenen Bachelor-Studiengang belegen können. Sowohl Quereinsteigende als auch reguläre Lehramtsstudierende studieren unter anderem das Fach Sachunterricht. Zum Zeitpunkt der Beitragseinreichung liegen Daten von insgesamt 12 Personen vor, die zu ihren Gründen für die Studienwahl befragt wurden. Innerhalb des Monats Oktober erfolgen weitere Interviews und Befragungen, die ebenfalls in die Gestaltung des Beitrags einfließen. Die bislang vorliegenden Daten wurden deskriptiv ausgewertet und geben einen Überblick über die Vielfalt der geäußerten Motive.

Ergebnisse

Die Teilnehmenden berichten in den Interviews über viele verschiedene Gründe für die Wahl des Lehramtsstudiums. Zudem geht hervor, dass sich die Gründe für die Aufnahme des Lehramtsstudiums von Quereinsteigenden und regulären Lehramtsstudierenden ähneln und vielfältig sind. Beide Gruppen betonen die Freude an der Arbeit mit Kindern und am Unterrichten sowie die Möglichkeit der freien Entfaltung im Lehrberuf. Darüber hinaus benennen Quereinsteigende und reguläre Lehramtsstudierende strukturelle und materielle Vorteile des Lehrberufs wie die gute Bezahlung oder vielseitige Entwicklungsmöglichkeiten. Trotz vieler Gemeinsamkeiten fällt auf, dass es graduell Unterschiede gibt. So vergleichen Quereinsteigende den Lehrberuf mit ihrer vorigen beruflichen Tätigkeit Quereinsteigende und benennen eine erhöhte berufliche Sicherheit sowie eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf als Gründe für den Berufswechsel.

Diskussion

Die Ergebnisse der ersten Datenerhebung bestätigen internationale Befunde und lassen erkennen, dass altruistische Gründe für die Wahl des Lehramtsstudiums im Vordergrund stehen, aber auch strukturelle und materielle Vorteile des Lehrberufs für den Berufswechsel genannt wurden. Es zeigen sich zusätzlich keine auffälligen Unterschiede in den Berufswahlmotiven zwischen Quereinsteigenden und regulären Lehramtsstudierenden. Die in den nächsten Wochen generierten Daten lassen es zu, spezifische Berufswahlmotive auf Grundlage der Fit-Choice-Skala (Watt & Richardson, 2007) zu beschreiben und zwischen den verschiedenen Lehrkräftegruppen zu vergleichen.

 

Unterschiedliche Wege ins Lehramt – unterschiedliche Kompetenzen? Ein Vergleich von Quereinsteigenden und regulär ausgebildeten Lehrkräften im Vorbereitungdienst

Christin Lucksnat1, Eric Richter1, Mareike Kunter2, Uta Klusmann3, Dirk Richter1
1Universität Potsdam, 2Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, 3IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik

Theoretischer Hintergrund und Fragestellung

An Schulen in Deutschland unterrichten aktuell immer häufiger Personen, die keine reguläre Lehramtsausbildung durchlaufen haben (KMK, 2019). Die individuellen Gründe für die Aufnahme der Lehrtätigkeit sind vielfältig und lassen sich durch intrinsische und extrinsische Berufswahlmotive beschreiben, die insbesondere bei regulär ausgebildeten Lehramtsstudierenden gut erforscht sind. Die Gründe für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums sind bei der traditionell ausgebildeten Gruppe vor allem die Freude an der Arbeit mit und die Gestaltung der Zukunft von Kindern und Jugendlichen (intrinsische Motive) (König & Rothland, 2012). Für Quer- und Seiteneinsteigende ist der Forschungsstand weniger umfangreich, doch auch hier dominieren sogenannte intrinsische Motive die Aufnahme der Lehrtätigkeit (Baeten & Meeus, 2016).

Neben der Forschung zur Berufswahlmotivation beschäftigen sich wenige Arbeiten mit der Frage, welche Kompetenzen Quer- und Seiteneinsteigende aufweisen. Die professionelle Kompetenz von Lehrkräften umfasst dabei verschiedene Aspekte, zu denen u.a. das Professionswissen, Überzeugungen und motivationale Merkmale zählen (Baumert & Kunter, 2006). Erste Ergebnisse zum fachlichen und fachdidaktischen Wissen von Quer- und Seiteneinsteigenden sind uneinheitlich. Jedoch deuten die Befunde zum pädagogisch-psychologischen Wissen übereinstimmen darauf hin, dass bei Quereinsteigenden geringere Kompetenzen zu verzeichnen sind als bei regulär ausgebildeten Lehrkräften (Kleickmann & Anders, 2011; Kunina-Habenicht et al., 2013; Oettinghaus, Lamprecht & Korneck, 2013). Der vorliegende Beitrag knüpft an die bisherige Forschung an und vergleicht anhand einer umfassenden Stichprobe Berufswahlmotive und Aspekte der professionellen Kompetenz von Quereinsteigenden und regulären Lehrkräften im Vorbereitungsdienst.

Methode

Die Daten der vorliegenden Untersuchung stammen aus dem COACTIV-R-Projekt, welches im Zeitraum von 2007-2009 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung durchgeführt wurde. Die Stichprobe umfasst 842 Personen, wovon sich 72 Personen im Quereinstieg befanden.

Im Fokus der Untersuchung stehen zum einen die Berufswahlmotive. Diese wurden mithilfe des Fragebogens zur Erfassung der Motivation für die Wahl des Lehramtsstudiums (FEMOLA) von Pohlmann und Möller (2010) erfasst. Neben den Berufswahlmotiven standen zum anderen Aspekte der professionellen Kompetenz von regulären Lehrkräften und Quereinsteigenden im Mittelpunkt der Untersuchung. Hierfür wurden Tests zum fachlichen, (α = .83), fachdidaktischen (α = .76) und pädagogisch-psychologischen Wissen (α = .79) eingesetzt. Weiterhin wurden die Überzeugungen zum Lehren und Lernen (α = .87) sowie der Enthusiasmus für das Fach (α = .91) und das Unterrichten (α = .85) erfasst.

Ergebnisse

Gruppenvergleiche unter Kontrolle der Schulart (ANCOVA) ergaben, dass reguläre Lehrkräfte den Beruf signifikant häufiger aus pädagogischem Interesse wählten als Quereinsteigende (p<.01; η_p^2=.01). Hinsichtlich des Professionswissens zeigte sich, dass Quereinsteigende im Vergleich zu regulären Lehrkräften über weniger pädagogisch-psychologisches Wissen verfügten (F = 35.99, p = <.01, η_p^2 = .05). Keine Unterschiede zeigten sich für das fachliche sowie fachdidaktische Wissen in Mathematik. Des Weiteren verfügten Quereinsteigende über stärker transmissiv-orientierte Überzeugungen zum Lehren und Lernen als reguläre Lehrkräfte (F = 4.65, p = .03, η_p^2 = .01). Abschließend weisen die Ergebnisse darauf hin, dass der Enthusiasmus für das Unterrichten bei regulären Lehrkräften signifikant größer ausfiel als bei Quereinsteigenden (F = 4.65, p = .03, η_p^2 = .01). Ein gegensätzliches Bild zeigte sich für den Enthusiasmus für das Unterrichtsfach (F = 3.76, p = .05, η_p^2 = .01).

Diskussion

Die vorgestellten Befunde weisen darauf hin, dass sich die Berufswahlmotive von Quereinsteigenden nicht grundsätzlich von denen der regulären Lehrkräfte unterscheiden. Weiterhin konnten gezeigt werden, dass Unterschiede zwischen regulären Lehrkräften und Quereinsteigenden in zentralen Kompetenzbereichen bestehen. Es konnte dabei jedoch nicht herausgearbeitet werden, welche Gründe zu diesen Unterschieden führten. Zukünftige Studien sollten deshalb der Frage nachgehen, inwieweit die Lehrausbildung für die Entstehung der Unterschiede verantwortlich ist oder ob diese Unterschiede durch die Selbstselektion im Studium entstehen.

 

War es die richtige Entscheidung? Zufriedenheit, Erschöpfung und Commitment von Quereinsteigern im Vorbereitungsdienst

Uta Klusmann1, Dirk Richter2, Janina Roloff-Bruchmann1, Mareike Kunter3
1IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, 2Universität Potsdam, 3Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Theoretischer Hintergrund

Der Vorbereitungsdienst stellt nach dem universitären Lehramtsstudium die nächste wichtige Phase in der Professionalisierung von Lehrkräften dar. Gleichwohl stellt gerade diese Phase eine besondere Herausforderung und wird häufig mit der Bezeichnung „Praxisschock“ umschrieben (Goddard, O'Brien & Goddard, 2006; Müller-Fohrbrodt, Cloetta & Dann, 1978; Veenman, 1984). Empirische Studien zeigen tatsächlich eine Zunahme des Beanspruchungserlebens im ersten Jahr im Vorbereitungsdienst (Dicke et al., 2015; Klusmann, Kunter, Voss & Baumert, 2012). Als Schutzfaktoren erwiesen sich dabei das pädagogisch-psychologische Wissen, die berufliche Selbstregulation und die pädagogischen Vorerfahrung (Klusmann et al., 2012; Voss et al., 2017).

Aktuell münden viele sogenannte Quer- und Seiteneinsteiger in den Beruf bzw. in den Vorbereitungsdienst ein, die kein vorheriges Lehramtsstudium durchlaufen haben und somit keine formalen Lerngelegenheiten zum Erwerb wichtiger Aspekte der professionellen Kompetenz wie dem Pädagogisch-Psychologischen Wissen hatten. Die einzige, aktuelle empirische Studie, die sich mit der beruflichen Beanspruchung von Lehrkräften verschiedener Qualifikationswege befasst hat, verwendet Angaben von second career Lehrkräften, die nach anderweitiger beruflicher Qualifikation und Tätigkeit ein teacher education Programm durchlaufen haben und seit 7-10 Jahren als Lehrkräfte arbeiten (Troesch & Bauer, 2017). Diese Studie zeigt, dass sich die second career Lehrkräfte nicht im Stresserleben von den first career Lehrkräften unterschieden und tendenziell eine höhere Berufszufriedenheit berichten. Es ist allerdings fraglich, inwiefern diese Befunde auch auf Quereinsteiger übertragen werden können, die ohne vorheriges Lehramtsstudium direkt in den Vorbereitungsdienst einmünden.

Fragestellung

Die aktuelle Studie untersucht, ob sich das Beanspruchungserlebens von traditionell ausgebildeten angehenden Lehrkräften von Quereinsteigern im Vorbereitungsdienst unterscheidet. Darüber hinaus sollen Ressourcen und Risikofaktoren für differentielle Befunde für die beiden Gruppen identifiziert werden.

Methode

Die Datengrundlage bildet die Studie COACTIV-Referendariat (Kunter et al., 2011). Die Studie befragt zwei Jahrgangskohorten von Lehramtskandidaten innerhalb eines Jahres im Vorbereitungsdienst zweimal. Insgesamt nahmen 856 Lehramtskandidaten des Faches Mathematik aus vier Bundesländern teil. Von 842 Lehramtsanwärtern liegen die Angaben zu ihrem Studienabschluss vor: 770 haben ein Lehramtsstudium und 72 (8.6%) haben ein Fachstudium (z.B. Mathe Diplom, Master) durchlaufen. Die Gruppe der Quereinsteiger/innen ist dabei statistisch signifikant älter [t (839) = 9.84, p < .01], eher männlich [t (840) = 5.65, p < .01], eher auf dem Gymnasialzweig [t (840) = 3.98, p < .01], und haben eine bessere Abiturgesamtnote [t (825) = -2.50, p < .01]. Diese Merkmale werden in allen nachfolgenden Analysen kontrolliert.

Es wurden drei Merkmale erfasst. Die emotionale Erschöpfung wurde mit einer deutschen Version (Enzmann & Kleiber, 1989) des Maslach Burnout Inventars (Maslach et al., 1996) erfragt (z.B., „Ich fühle mich in der Schule oft erschöpft.“ αt1 = .77; αt1 = .82). Die globale Berufszufriedenheit wurde mittels 6 Items erfasst („Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich sofort wieder Lehrkraft werden.“ αt1 = .89; αt1 = .91). Berufliches Commitment wurde mittels 6 Items erfasst („ich identifiziere mich mit dem Lehrerberuf“; αt1 = .71; Meyer et al., 1993)

Ergebnisse

Die Ergebnisse von Regressionsanalysen zeigen, dass sich die Quereinsteiger weder zum ersten noch zum zweiten Messzeitpunkt von den Lehramtsabsolventen im Niveau der emotionalen Erschöpfung unterscheiden (βt1 = -.05, p = .58; β t2= -.05, p = .65). Allerdings berichten die Lehramtsabsolventen eine höhere berufliche Zufriedenheit (βt1 = .21, p < .01; βt2 = .10, p = .05) und ein höheres berufliches Commiment (βt1 = -.05, p = .58) als die Quereinsteiger/innen. Vermittelt wurde der Zusammenhang über eine geringere instrumentelle Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen an der Einsatzschule und ein geringeres pädagogisches Interesse der Quereinsteiger/innen. Kein vermittelnder Effekt fand sich für das Pädagogisch-Psychologische Wissen, welches bei den Quereinsteiger/innen geringer ausgeprägt war.

Die Implikationen der Befunde und ihre Relevanz für die aktuelle Debatte um die Qualifikationswege ins Lehramt werden diskutiert.

 

Quereinstieg oder Lehramtsstudium? Vergleichende Analysen der professionellen Kompetenzen zukünftiger Physiklehrkräfte

Friederike Korneck, Jan Lamprecht, Lars Oettinghaus, Michael Szogs, Marvin Krüger, Markus Wagner
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Einleitung und Hintergrund

Insbesondere im Fach Physik herrscht seit Jahren ein eklatanter Lehrer*innenmangel. Da die jährlichen Berichte der Kultusministerkonferenz die Anzahl der Seiteneinstiege, nicht aber die der Quereinstiege veröffentlichen, stammen die aktuellsten Daten aus Befragungen der Kultusministerien in den Jahren 2002 bis 2008. Hier lag die Quereinsteiger*innenquote im bundesdeutschen Mittel bei 45% im Gymnasial- und bei 34% im Haupt-, Real- und Gesamtschulbereich (Korneck et. al., 2010). Laut Berichten von Physikausbilder*innen auf der Bundesfachleitertagung im September 2019 ist die Quote in den letzten Jahren nicht gesunken und es besteht weiterhin die dringende Notwendigkeit nationaler Studien, um die Auswirkungen kultusadministrativer Maßnahmen zur Deckung des Lehrer*innenbedarfs beurteilen zu können. Für aussagekräftige Vergleichsergebnisse wurden in der vorliegenden proɸ-Studie professionelle Kompetenzen von Referendar*innen mit und ohne Lehramtsstudium erhoben. Neben dieser Studie existieren für das Fach Physik lediglich Ergebnisse der ProwiN-Studie, die in einer Stichprobe von elf Quereinsteiger*innen und 33 Lehrer*innen mit Lehramtsstudium keine signifikanten Unterschiede im Professionswissen beider Gruppen nachweisen konnte (Kirschner, 2013).

Fragestellung

Inwiefern unterscheiden sich Lehramtsabsolvent*innen und Quereinsteiger*innen in Bezug auf ihre Berufsmotivation, selbstregulativen Fähigkeiten, Überzeugungen sowie Fachwissen und physikdidaktischem Wissen?

Methode

Die Gesamtstichprobe umfasste 368 Refererendar*innen aus fünf ausgewählten Bundesländern zu Beginn des Vorbereitungsdienstes. Die Quereinsteiger*innenquote lag bei 40 Prozent. Die Erhebung erfolgte vor Ort in allen Studienseminaren dieser Länder und erreichte eine Rücklaufquote von nahezu 90 Prozent.

Für die vergleichenden Erhebungen wurden das Fachwissen und physikdidaktische Wissen über Tests von Riese (2009), die weiteren Kompetenzaspekte über Selbsteinschätzungen mithilfe eines Fragebogens erfasst (Lamprecht, 2011; Oettinghaus, 2015).

Im Vortrag werden Gruppenunterschiede für die genannten Kompetenzbereiche berichtet. Der Datensatz sowie die Erhebungsinstrumente (mit Ausnahme des Professionswissens) sind in der Forschungsdatenbank des IQB zu finden (Korneck, Oettinghaus & Lamprecht, 2016). Für die Ergebnisdarstellung einer Reanalyse der Daten (Wagner, 2018; Korneck, 2019) wurden neben den beiden Großgruppen (Lehramtsabsolvent*innen und Quereinsteiger*innen) folgende vier Teilgruppen analysiert: Absolvent*innen des Lehramts im Gymnasial- und Haupt- und Realschulbereich sowie Quereinsteiger*innen mit Physikstudium und mit Chemie- oder Ingenieursstudium.

Ergebnisse

Berufsmotivation: In den beiden Dimensionen „berufliche Rahmenbedingung“ und „pädagogisch-erzieherische Motive“ unterschieden sich die beiden Großgruppen und einzelne Teilgruppen signifikant mit kleiner Effektstärke.

Selbstregulative Fähigkeiten: Im Vergleich zu den Referenzgruppen von Schaarschmidt und Fischer (2004) sind die Referendar*innen der vorliegenden Studie im Gesundheitsmuster häufiger und in den Risikogruppen deutlich weniger vertreten. Bemerkenswert ist, dass 42 Prozent der Quereinsteiger*innen und 33 Prozent der Lehramtsabsolvent*innen dem Schonungsmuster zugeordnet wurden. Das Ergebnis weist auf ein insbesondere für den Beginn der neuen Ausbildungsphase problematisches Motivationsdefizit hin.

Fachbezogene Überzeugungen zum Lehren und Lernen sowie zur Wissenschaft Physik: Während die beiden Großgruppen nur signifikante Unterschiede kleiner bis mittlerer Effektstärke zeigten, konnten in den Teilgruppen teilweise signifikante Unterschiede großer Effektstärke nachgewiesen werden.

Professionswissen: Das Fachwissen und physikdidaktische Wissen wurde in einer Teilstichprobe von 162 Referendar*innen mit und ohne Lehramtsstudium (39%) erhoben. Für das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Großgruppen der Referendar*innen mit und ohne Lehramtsstudium und zudem auch keine signifikanten Unterschiede im Fachwissen zwischen den Absolvent*innenteilgruppen. Dieser Befund deckt sich mit den Ergebnissen von Kirschner (2013) und der COACTIV-R-Studie (Kleickmann & Anders, 2011). Interessant ist, dass gymnasiale Lehramtsabsolvent*innen und Physiker*innen etwa gleiche Gruppenmittelwerte erreichen, obwohl letztere einen deutlich größeren Umfang an fachlichen Lerngelegenheiten absolvierten. Beide Gruppen erreichen höhere Werte als Absolvent*innen für das Haupt- und Realschullehramt und Chemiker/Ingenieur*innen, die in ihren Studiengängen deutlich geringere fachliche Lerngelegenheiten hatten.

Im Bereich des fachdidaktischen Wissens konnten signifikante Unterschiede zwischen folgenden Absolvent*innengruppen nachgewiesen werden: Zwischen Haupt- und Realschul- und gymnasialem Lehramt mit hoher Effektstärke, zwischen gymnasialem Lehramt und Chemiker/Ingenieur*innen mit mittlerer Effektstärke; zwischen Haupt- und Realschullehramt und Physiker*innen) sowie Chemiker/Ingenieur*innen mit kleiner Effektstärke.