Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
Sitzungsübersicht
Sitzung
M11‐H04: Doing Transitions - Die Herstellung und Gestaltung von Übergängen im Bereich Bildung und Ausbildung
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: H03/H04

Präsentationen

Doing Transitions – Die Herstellung und Gestaltung von Übergängen im Bereich Bildung und Ausbildung

Chair(s): Birgit Becker (Goethe Universität Frankfurt, Deutschland), Bernhard Schmidt-Hertha (Eberhard Karls Universität Tübingen)

DiskutantIn(nen): Nora Gaupp (Deutsches Jugendinstitut)

<p>Lebensverl&auml;ufe sind durch eine Vielzahl von &Uuml;berg&auml;ngen strukturiert; sie vollziehen sich zwischen einzelnen Lebensphasen und Statuspositionen, zwischen unterschiedlichen Rollen und Selbstbildern. In der Vergangenheit interessierte sich die Forschung insbesondere f&uuml;r die Bedingungen, unter denen &Uuml;berg&auml;nge erfolgreich verlaufen. Dies ist auch in der empirischen Bildungsforschung der Fall, wobei insbesondere die institutionalisierten &Uuml;berg&auml;nge in der Bildungskarriere von Kindern und Jugendlichen in den Blick genommen wurden (z.B. &Uuml;bergang von der Grundschule in die Sekundarstufe, Ditton &amp; Kr&uuml;sken, 2006; Maaz et al., 2006; Roth &amp; Siegert, 2016; &Uuml;bergang in die Terti&auml;rbildung, Neugebauer &amp; Schindler, 2012; Schindler &amp; Reimer, 2010; &Uuml;bergang in die Ausbildung, Hunkler, 2014; Kleinert &amp; Jacob, 2012). Auch &bdquo;weniger traditionelle&ldquo; Bildungs&uuml;berg&auml;nge sind zunehmend in den Fokus geraten, wie z.B. Schulformwechsel, das Nachholen von Schulabschl&uuml;ssen (Jacob &amp; Tieben, 2010; Winkler, 2017) oder &Uuml;berg&auml;nge im Bereich der non-formalen und informellen Bildung (z.B. &Uuml;berg&auml;nge in Vereine oder Kulturangebote, Engels &amp; Thielebein, 2011).</p>

<p>So unterschiedlich diese Studien sind, ihnen ist gemeinsam, dass &Uuml;berg&auml;nge hier als nat&uuml;rliche Gegebenheiten erscheinen. Auch die damit verbundenen Normalit&auml;tsannahmen, die &uuml;ber Erfolg und Scheitern entscheiden, wurden kaum einmal problematisiert. Hier setzt das Graduiertenkolleg <em>Doing Transitions</em> an und markiert einen Neuansatz. In das Zentrum r&uuml;ckt nun die Frage, worauf die unterschiedlichen &Uuml;berg&auml;nge antworten, wie sie zustande kommen, wie sie gestaltet und dabei zugleich neu hergestellt werden.</p>

<p>Die Frage nach dem &bdquo;Wie&ldquo; der Herstellung und Gestaltung von &Uuml;berg&auml;ngen, mit der das Konzept Doing Transitions die Frage nach der Strukturierung von &Uuml;bergangsverl&auml;ufen erg&auml;nzt, wird auf drei Ebenen gestellt: auf der Ebene der Diskurse, der Institutionen und der Individuen. Die drei Ebenen, die in der Lebenslauf- und &Uuml;bergangsforschung in der Vergangenheit prim&auml;r getrennt voneinander betrachtet wurden, stehen hier nicht isoliert, sondern sollen sie auf ihr Wechselspiel hin untersucht werden. Ein besonderes Interesse gilt dabei den in <em>&Uuml;bergangsdiskursen </em>enthaltenen Anforderungen an die Individuen, das hei&szlig;t Aspekten des Wissens und K&ouml;nnens sowie Vorstellungen des Gelingens und Scheiterns. Auf der <em>institutionellen Ebene</em> interessieren besonders formale und informelle Praktiken der Vorbereitung auf, &Uuml;berpr&uuml;fung der Eignung f&uuml;r und Begleitung in neue Lebensaltersrollen sowie teilweise auch Praktiken der Kompensation im Falle des Scheiterns an bestehenden Anforderungen. Diese Aspekte der institutionellen Regulierung von &Uuml;berg&auml;ngen zeigen sich aktuell besonders an der Neuthematisierung und Bearbeitung von &Uuml;berg&auml;ngen durch p&auml;dagogische Einrichtungen. Schlie&szlig;lich lassen sich Praktiken der <em>individuellen Gestaltung</em> von &Uuml;berg&auml;ngen als Formen biografischer Aneignung rekonstruieren, die sich in vielf&auml;ltigen Mustern der Lebensbew&auml;ltigung und individuellen Lern- und Bildungsprozessen sowie den weiteren Lebensverl&auml;ufen niederschlagen.</p>

<p>In diesem Symposium werden drei Beitr&auml;ge aus dem Graduiertenkolleg vorgestellt, die sich mit der Herstellung und Gestaltung von &Uuml;berg&auml;ngen im Bereich Bildung und Ausbildung besch&auml;ftigen.</p>

 

Beiträge des Symposiums

 

„Neuzugewanderte“ im Übergang?! Vorbereitungsklassen als eine konflikthafte Situation

Anna Reinhardt
Eberhard Karls Universität Tübingen

Übergangsbewegungen im Kontext von Migration sind immer dann von besonderer gesellschaftlicher Relevanz, wenn sie dezidiert auf Aspekte der Systemintegration und Sozialintegration, der Partizipation(-smöglichkeit) von Migrantinnen und Migranten an den Institutionen und an dem „gesellschaftlichen Leben“ der Aufnahmegesellschaft, rekurrieren. Vor diesem Hintergrund rückt zum einen der Übergang von Migrant*innen in die Bildungsinstitutionen, im Besonderen in das („reguläre“) Schulsystem und zum anderen die institutionelle Herstellung, Ausgestaltung sowie Praxis der „formalen“ Inklusion in das Schulsystem in den Fokus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

In diesem Kontext fokussiert der Beitrag das gesellschaftliche Phänomen der sog. Vorbereitungsklassen (auch bekannt als Übergangsklassen, Integrationsklassen und Willkommensklassen), in denen „neuzugewanderte“ Kinder und Jugendliche formal unter der Kategorie der sog. „Seiteneinsteiger*innen“ gefasst und in dieser schulischen Organisationsform (teil-)separiert „beschult“ werden. Ausgehend von einem Doing Transitions Ansatz, der Übergänge als hinterfragbare gesellschaftliche Konstruktion(en) erachtet, wird in diesem Vortrag explizit der Frage nachgegangen wie und durch wen oder was die ‘Vorbereitungsklassen‘ hergestellt und gestaltet werden.

Für die wissenschaftliche Beantwortung dieser Frage wird methodologisch und theoretisch auf das Theorie-Methoden-Paket der Situationsanalyse von Adele Clarke zurückgegriffen. Ganz in diesem Sinne werden die „Vorbereitungsklassen“ als eine spezifische Situation verstanden, die eben nicht als feste raum-zeitliche Entität, sondern vielmehr als relationales Gefüge zu begreifen ist und dadurch alle Elemente – Menschen, Nicht-Menschen, Aktanten, Diskurse, Formationen, Symbole, Institutionen und Organisationen – umfasst, was durch die stattfindenden Interaktionen relevant gemacht wird. (vgl. Clarke, 2012: 114).

Ansetzend an diesen grundlegenden forschungsleitenden Prämissen fokussiert der Beitrag die diskursive Ebene der Gestaltung. Diesbezüglich konnte empirisch gezeigt werden, dass die Gestaltungs- und Herstellungsprozesse in einer Arena (vgl. Strauss, 1978; Clarke et al., 2018) konflikthaft ausgetragen werden. Konflikthaft deshalb, da in der empirischen Rekonstruktion gezeigt werden konnte, dass in der diskursiven Konstruktion der „Vorbereitungsklassen“, unterschiedliche kollektive Akteure (soziale Welten und Organisationen) einen Ressourcenkonflikt aushandeln, der nicht zuletzt (interdependent) auf die ‘grundsätzliche‘ Frage von gesellschaftlicher Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit verweist. Dabei verweilen diese Aushandlungsprozesse aber nicht allein im schulischen System und unterliegen nicht allein der (formalen) Bildungsdebatte um schulische Integration und Zugehörigkeit, sondern verweisen vielmehr auf gegenwärtige Diskurse über Migration und Zuwanderung in Deutschland und verhandeln deshalb die allgemeine Frage nach der Zugehörigkeit von Migrant*innen in der Migrationsgesellschaft.

 

„Was wir wollen können dürfen – Thematisierung von Berufs- und Bildungsaspirationen im biographischen Sprechen“

Heidi Hirschfeld, Noreen Eberle
Eberhard Karls Universität Tübingen

Berufs- und Bildungsaspirationen werden sowohl durch Einflüsse der (sozialen) Herkunft (vgl. El-Mafaalani, 2017) und den damit verbundenen Vorstellungen eines „Normallebenslaufes“ (vgl. Kohli, 1985; 2003) als auch durch institutionelle Einbettungen geformt. Hierbei sind Prozesse struktureller Bildungsbenachteiligung und herkunftsbezogener Bildungsungleichheit wirksam.

Heidi Hirschfeld konzeptualisiert institutionell begleitete Berufsorientierungsprozesse und sozialpädagogische Hilfestellungen als diskursanalytischen Untersuchungsgegenstand und zeigt davon ausgehend auf, wie sich in diesem Rahmen Diskurse und Normalitätsannahmen in biografischen Erzählungen spiegeln. Hierbei erweisen sich insbesondere Cooling-out-Erfahrungen, d.h. die systematische Reduzierung der Vorstellungen über die eigene berufliche Zukunft als Anpassung an die real vorhandenen (bzw. nicht vorhandenen) Möglichkeiten sowie die Suche nach Anerkennung als tragend. Diese Prozesse lassen sich insofern aus einer Bildungsperspektive analysieren, als dass „gelingende“ Übergänge von der Schule in den Beruf aus institutioneller Sicht stets unter dem Überbegriff Bildung gefasst werden. In der Folge wird sogenannten benachteiligten Jugendlichen einerseits aufgrund der besuchten Schulform abgesprochen, realistische Berufsperspektiven entwerfen zu können, andererseits werden ihre Übergänge in den Beruf problematisiert. Aus institutioneller Perspektive wird davon ausgegangen, dass Bildung zur Bewältigung des Übergangs führt wodurch institutionelle Hilfen im Übergang von der Schule in den Beruf legitimiert werden. Inwiefern im Rahmen von Übergangshilfen Bildungsprozesse initiiert werden, die tatsächlich zur Bewältigung beitragen, wird im Beitragsslot thematisiert.

Noreen Eberle untersucht Bildungsentscheidungsprozesse im Erwachsenenalter am Beispiel Nachholen des Abiturs von Personen aus größtenteils nicht-akademischen Elternhäusern. Im Vortrag werden folgende Fragen fokussiert: Welche thematischen Felder werden bei lebensgeschichtlichen Erzählungen bezüglich der Entscheidungsprozesse zum Ablegen des Abiturs mitverhandelt, die über die reine Zweckgebundenheit dieses Bildungsabschlusses hinausreichen? Wie wird Bezug genommen auf soziale und gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen? Hierbei zeigt sich, dass das Ablegen des Abiturs im Erwachsenenalter in den lebensgeschichtlichen Erzählungen als endstandardisierter, im institutionellen Lebenslauf nicht vorgesehener Übergang gerahmt wird, der durch Entscheidungsprozesse hergestellt und gestaltet werden muss und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit gängigen Normalitätsvorstellungen sowie mitunter restriktiven institutionellen Settings herausfordert. Die Analyse der Interviews zeigt, dass diese Auseinandersetzung im biographischen Sprechen oftmals unter Markierung und Auslotung eigener Handlungs- und auch Widerstands- beziehungsweise Selbstbestimmungsfähigkeit geschieht (vgl. Seel, 2002; 2014).

Für die Untersuchung von Berufs- und Bildungsaspirationen eignet sich ein biographieanalytischer Zugang (nach Rosenthal, 2015), da er die Rekonstruktion individueller Deutungsmuster, Gestaltungs- und Aushandlungsprozesse unter Mitverhandlung gesellschaftlicher Diskurse, Regeln sowie sozialer Verweisungszusammenhänge erlaubt (vgl. Dausien et al., 2009; Rose, 2012; Spies & Tuider, 2017).

 

„solange du beim Jobcenter lebst hast du nichts zu entscheiden“ - Leben jenseits des Optimums: wie junge Menschen im ‚Hartz IV‘-Bezug sich ihre Zukunft vorstellen

Bianca Lenz
Goethe Universität Frankfurt

Nach dem Prinzip der ‚Aktivierung‘ fordert das Jobcenter von jungen Erwachsenen im ‚Hartz IV‘-Bezug an ihrem Übergang in Ausbildung und Arbeit mitzuwirken bzw. an Maßnahmen teilzunehmen, die darauf hinwirken sollen. Die dabei geforderte Orientierung korrespondiert mit dem ‚Normallebenslauf‘, nach dem in dieser Lebensphase Ausbildung und Erwerbsarbeit typisch sind. Auch wenn man im Jobcenter-Setting nur bedingt von Beratung sprechen kann, so wird von den jungen Erwachsenen dennoch erwartet, sich beruflich zu orientieren. Dem können sie sich i.d.R. nicht völlig entziehen. Die Jugendlichen erörtern daher für sich mehr oder weniger intensiv ihre (nahen) Zukunftsvorstellungen. Sie sind dabei ambivalenten Anrufungen ausgesetzt: zum einen sind sie aufgefordert eine ‚optimale‘ berufliche Orientierung zu entwerfen, zum anderen sollen ihre Vorstellungen ‚realistisch‘ und nicht zu anspruchsvoll sein. Inwiefern beschäftigen sich die jungen Erwachsenen im Spannungsfeld der institutionellen Anforderungen des SGB II mit der „Arbeit am Selbst“ (Mayer & Thompson, 2013)? Welche Zukunftsvorstellungen entwickeln sie und inwieweit lässt sich ein Diskurs über die Selbstoptimierung in den Biographien der Jugendlichen im ‚Hartz IV-Bezug‘ erkennen?

Diesen Fragen wird auf Basis von biographisch -narrativen Interviews mit jungen Erwachsenen, die zum Interviewzeitpunkt im ‚Hartz IV-Bezug‘ verweilten, und deren lebensgeschichtlichen Darstellungen mittels der biographischen Fallrekonstruktion (Rosenthal, 1995) analysiert wurden, nachgegangen.