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Sitzungsübersicht
Sitzung
M16–H01: Post-Sekundäre Bildung
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
16:45 - 18:30

Ort: H01

Präsentationen

Ein Booklet-Design zur dynamischen Erfassung von ausbildungsplatzspezifischen Merkmalen kaufmännischer Berufsausbildung

Beifang Ma, Esther Winther

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Fragestellung

Im DFG-Projekt „Kompetenzentwicklung in beruflichen Enkulturationsprozessen“ wird das innerhalb des DFG-Projekts „Kompetenzorientierte Assessments in der kaufmännischen Berufsbildung“ querschnittlich validierte Kompetenzentwicklungsmodell im Ausbildungsverlauf längsschnittlich (2019-2021) überprüft. Begleitend wird das Fragebogenverfahren auch im Längsschnitt durchgeführt, um ausbildungsplatzspezifische Merkmale zu erheben sowie die Einflussfaktoren beruflicher Kompetenzentwicklung zu modellieren.

Dabei stehen zwei Fragen im Mittelpunkt:

  1. Es fehlen bislang in der beruflichen Bildung – bis auf wenige Ausnahmen – einschlägige psychometrische Befunde zu ausbildungsplatzspezifischen Merkmalen, die einen kaufmännischen fachlichen Kompetenzerwerb erklären und in einem weiteren Schritt auch fördern könnten. Im diesem Forschungsvorhaben wird die Frage beantwortet, wie sich die Auseinandersetzung der Lernenden mit ihren jeweiligen Lernumgebungen auf individuelle Kompetenzverläufe auswirkt (Kausalität).
  2. Voraussetzt wird eine methodische Frage: wie kommt eine prozessnahe simultane Betrachtung der authentischen und sich variierenden ausbildungsplatzspezifischen Merkmale zur Beschreibung eines Erklärungsmodells kaufmännischer Kompetenz zustande?

Referenztheorien

1. Der Fragebogenentwicklung liegt die interaktionistische Rahmentheorie (House 1977, Lempert 1998, 2009) zugrunde, anhand derer im Interaktionsprozess zwischen Subjekten und objektiven Situationen die subjektive Wahrnehmung bzw. Deutung vielfältiger Ausbildungssituationen und deren kognitiven und emotionalen Verarbeitung für berufliche Kompetenzentwicklungen wichtige Rollen spielen. Ähnlich verdeutlicht Billett (2001), dass Arbeitsplätze Lernmöglichkeiten bieten („workplace affordances“), und Einzelpersonen sich mit den vom Arbeitsplatz bereitgestellten Bedingungen auseinandersetzen („individual engagement“). Demnach liegt im Fragebogen Interesse auf eine subjektive Wahrnehmung der Ausbildungssituation und eine perspektivbezogene Einschätzung, die immer ein Vergleich zwischen Beschaffenheit und der normativen Erwartung einzelner Auszubildende ausdrückt.

2. Large-Scale-Assessment-Studien werden durchgeführt, um einen umfangreichen Inhaltsbereich abzudecken. Um eine Überlastung von Probanden zu vermeiden, werden Large-Scale-Assessments so konzipiert, dass jedem Probanden nur ein Set aller Items (Booklets) zugewiesen wird. Der Ansatz wird als Matrix Sampling bezeichnet. Dieses Testdesign ermöglicht eine hinreichend genaue Beobachtung der Merkmalverteilung der Zielpopulation, eine vollständige Abdeckung der zu messenden Merkmale und gleichzeitig die Reduzierung der Belastung des einzelnen Probanden und der Schule (Gonzalez & Rutkowski, 2010). In internationalen Vergleichsstudien wie TIMSS und PISA wurden Booklet-Designs weitgehend eingesetzt, um Kompetenzverteilungen der Zielpopulation zu erfassen. In dieser Forschung wird das Booklet-Design angewendet, um umfassende Kontextfaktoren zeitökonomisch zu erheben. Die zugrundliegende statistische Logik bleibt aber unverändert.

Methode

Längsschnittlich werden die Items im Auszubildenden-Fragebogen im Rahmen beruflicher Enkulturation zu unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten eingesetzt:

1) Einmalige Befragung: X1-Items: sozioökonomische und -demographische Daten, bildungsbiographische Daten; X2-Items: Dispositionen, Rahmenbedingungen

2) Dreimalige Befragung: X3-Items: Ausbildungsqualitäten, die zeitsensitiv sind/sein können.

3) Mehrmalige (dynamische) Befragung: X4-Items: Ausbildungsqualitäten, die aufgabensensitiv sind/sein können.

Im Projekt wird der Versuch unternommen, über globale Generaleinschätzungen der Kontextfaktoren hinaus zu einer dynamischen Erfassung der Ausbildungssituation zu kommen (X4-Items), die den betrieblichen Lernprozess kontinuierlich begleitet. Ein wichtiges Kriterium, die Items in die X4-Kategorie zu sortieren, ist die Sensitivität der zu messenden Variablen gegenüber der Intervention (hier Ausbildungsaufgaben).

Das Booklet- Design erfolgt über ein balanced incomplete matrix sampling. Alle X4-Items werden zuerst in zwei übergeordneten Blocks (A: schulische Ausbildung; B: betriebliche Ausbildung) überführt. Jeder Block wird weiter in 11 Blocks unterteilt, die 3 bis 7 Items enthalten. Die 22 Blocks werden dann in 11 Booklets zugeordnet, jedes Booklet enthält vier Blocks (zwei aus A-Block, zwei aus B-Block), 16 bis 25 Items (mit Brückenitems). Jeder Block wird an jeder Position über das gesamte Booklet-Design hinweg gleich oft erscheinen, um der Einfluss der Itemreihenfolge auf die Probanden zu vermeiden.

Die Booklets-Erhebung erfolgt über eine auf Smartphones leicht installierbare App. Jedes Booklet wird zu bestimmten Zeitpunkten für Auszubildenden freigeschaltet, um die Ausbildungssituation in Echtzeit dynamisch zu erheben.

Zu erwartende Ergebnisse

Mittels Kontextdaten werden Rückschlüsse auf den Gelingensbedingungen der Kompetenzentwicklung in kaufmännischen Ausbildungsberufen gezogen, also wie betriebliche Lernbedingungen beschaffen sein sollten um qualitativ hochwertige Lernbedingungen zu bieten, die die berufliche Enkulturation fördern.

Darüber hinaus soll ein auch künftig in vielfältigen Forschungskontexten einsetzbares Instrument zur Erfassung der betrieblichen Ausbildungssituation entwickelt und begründet werden.



Telepräsenzroboter in der Hochschullehre: Die bessere Alternative zu Skype?

Fabian Wolff, Jens Möller

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Deutschland

Verschiedene Umstände (z.B. Krankheit, Behinderung, Mutterschutz, Kinderbetreuung, Mobilitätseinschränkungen) können Studierenden die physische Anwesenheit an universitären Lehrveranstaltungen erschweren oder sogar unmöglich machen. Telepräsenzroboter stellen eine neue Möglichkeit dar, diesen Studierenden eine interaktive Teilnahme an Lehrveranstaltungen dennoch zu ermöglichen. Hierbei handelt es sich um segway-ähnliche Fahrzeuge, die mit Rollen, Webcam, Mikrofron, Bildschirm und Lautsprecher ausgestattet sind und sich durch abwesende Studierende über das Internet fernsteuern lassen (z.B. Bell, Cain, Peterson & Cheng, 2016; Newhart & Olson, 2019).

Das Ziel der vorliegenden Studie bestand darin, den Einsatz von Telepräsenzrobotern erstmals in einem Seminar an der Hochschule zu erproben und diesen mit dem Einsatz herkömmlicher Skype-Videokonferenzen, bei denen ein Notebook im Seminarraum platziert wird, in Bezug auf verschiedene motivationale Variablen zu vergleichen. Dabei wurde angenommen, dass Telepräsenzroboter besser als Skype-Videokonferenzen geeignet sind, um die drei psychologischen Grundbedürfnisse der Selbstbestimmungstheorie (z.B. Ryan & Deci, 2000) zu befriedigen: (1) das Bedürfnis nach Kompetenzerleben, weil Studierende über den Roboter effektiver am Seminargeschehen teilnehmen und sich durch die Bedienung des Roboters selbst als kompetent erleben können, (2) das Bedürfnis nach Autonomieerleben, weil die Studierenden den Seminarraum über den Roboter eigenständig betreten und ihre Position und ihre Blickrichtung im Raum selbstständig verändern können, anstatt dass andere Personen bestimmen, wo sie sich während des Seminars aufhalten, sowie (3) das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, weil es Studierenden, die per Roboter am Seminar teilnehmen, durch die erhöhte Mobilität leichter fällt, mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen in Interaktion zu treten. Gemäß den Annahmen der Selbstbestimmungstheorie sollte eine Seminarteilnahme mittels Telepräsenzroboters infolge der stärkeren Befriedigung der Bedürfnisse nach Kompetenzerleben, Autonomieerleben und sozialer Eingebundenheit darüber hinaus mit einer erhöhten intrinsischen Motivation einhergehen.

Zur Überprüfung der aufgestellten Hypothesen wurde eine experimentelle Studie mit bisher 14 Lehramtsstudierenden in zwei Seminaren zur Pädagogischen Psychologie im Master of Education durchgeführt. Die Studierenden nahmen an jeweils einer Sitzung des Seminars per Telepräsenzroboter („Roboter-Bedingung“) und an einer anderen Sitzung per Skype-Videokonferenz („Skype-Bedingung“) von einem Nebenraum aus teil. Bei allen anderen Sitzungen hielten sich die Studierenden im Seminarraum auf, wobei sie eine Sitzung selbst moderierten („Moderator Bedingung“) und sich ansonsten (abgesehen von maximal zwei Fehlterminen) im Plenum aufhielten („Plenum-Bedingung“). Nach jeder Sitzung füllten die Studierenden einen Fragebogen aus, mit dem die Befriedigung ihrer Bedürfnisse sowie ihre intrinsische Motivation in der vergangenen Sitzung erfasst wurden. Hierfür wurden adaptierte Versionen der deutschsprachigen Balanced Measure of Psychological Needs Scale (Neubauer & Voss, 2016) sowie der Skala zur Erfassung subjektiver schulischer Werte (Steinmayr & Spinath, 2010) eingesetzt. Da in der Plenum-Bedingung Werte aus mehreren Fragebögen vorlagen, wurden diese gemittelt.

Zum Vergleich der Mittelwerte wurden skalenweise einfaktorielle Varianzanalysen mit Messwiederholung sowie anschließenden Kontrasttests durchgeführt. Erwartungskonform berichteten die Studierenden in der Roboter-Bedingung eine stärkere Befriedigung der drei Bedürfnisse sowie eine höhere intrinsische Motivation als in der Skype-Bedingung (Kompetenz: d = 0.16; Autonomie: d = 0.14; Eingebundenheit: d = 0.35; Motivation: d = 0.76). Die Befriedigung der Bedürfnisse und die intrinsische Motivation fielen jedoch in den beiden analogen Bedingungen am stärksten aus. Bisher erwiesen sich die Mittelwertunterschiede nur teilweise als statistisch signifikant auf dem 5%-Niveau. Die Datenerhebung wird jedoch im nächsten Wintersemester fortgesetzt, sodass die Stichprobe im März 2020 voraussichtlich 38 Studierende aus vier Seminaren umfassen und somit eine deutlich höhere Teststärke als zum jetzigen Zeitpunkt aufweisen wird.

Die Befunde der durchgeführten Studie legen nahe, dass Telepräsenzroboter gegenüber Skype-Videokonferenzen die bessere Alternative im Hinblick auf die untersuchten Variablen darstellen. Sofern Studierende aus bestimmten Gründen nicht an einem Hochschulseminar teilnehmen können, erscheint es somit empfehlenswert, diesen Studierenden eine Teilnahme via Telepräsenzroboter zu ermöglichen. Passend zum Tagungsthema verdeutlicht die vorliegende Studie für den Bereich der Hochschullehre, wie technische Fortschritte im Bereich der Digitalisierung zur Partizipation von Studierenden beitragen können.



Der Krankenpflegedienst im Rahmen des Studiums der Humanmedizin – Konzepte und Chancen

Matthias Joswig1,2, Jan P. Ehlers2, Thorsten Schäfer1

1Ruhr-Universität Bochum, Medizinische Fakultät, Zentrum für Medizinische Lehre; 2Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen

Die interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen stellt einen wichtigen Baustein für eine zukunftsorientierte Gesundheitsversorgung dar. Vor dem Hintergrund einer Verbesserung der Versorgungsqualität und der weiteren Förderung der Patientensicherheit erscheint eine frühzeitige Thematisierung teamorientierter Kompetenzen bereits auf Ausbildungsebene als zielführend1 2. Die curriculare Implementierung interprofessionell ausgerichteter Veranstaltungen findet daher in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates3 und im „Masterplan Medizinstudium 2020“4 Erwähnung. Auch die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung empfiehlt u.a. Strukturen in den Fakultäten zu schaffen, die die interprofessionelle Zusammenarbeit erleichtern und fördern5. Da die Implementierung neuer expliziter Lehrformate in die medizinischen Curricula mit besonderen Herausforderungen verbunden sein kann6, läge die Nutzung bereits bestehender Strukturen nahe. Der in Deutschland obligatorische Krankenpflegedienst (§1 (2) ÄApprO 2002) könnte dabei didaktisch sinnvoll genutzt werden, um bei Studierenden ein reflektiertes Rollenbild der Medizinerin / des Mediziners und der Angehörigen der im Krankenhaus oder in Rehabilitationseinrichtungen tätigen Gesundheitsberufsgruppen zu fördern7. Das von vielen Fakultäten bisher rein administrativ begleitete Praktikum beinhaltet vermutlich ein zurzeit ungenutztes Potential zur frühzeitigen Vermittlung interprofessioneller Aufgabenfelder und zur Vorbereitung auf die spätere interprofessionelle Zusammenarbeit.

Eine möglichst umfassende Kenntnis über Krankenpflegedienstkonzepte, das Erreichen der in der Approbationsordnung festgelegten Ziele und die dabei tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten sollen zur genaueren Darstellung der Ressource ,,Krankenpflegedienst“ beitragen. Die Betrachtung möglicher Einflussfaktoren auf die Zielerreichung rückt dabei in den Fokus. Erste spezifische Empfehlungen für didaktische Ansätze sind abzuleiten.

Im Wintersemester 2017/2018 wurden im Rahmen einer quantitativen Querschnittuntersuchung Medizinstudierende der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und der Universität Witten/Herdecke (UW/H) per Fragebogen befragt. Zielkriterium war dabei die Erreichung der Vorgaben zum Krankenpflegedienst (abstrahiert anhand der Approbationsordnung für Ärzte). Zusätzlich wurden demographische Angaben erhoben und konkrete Tätigkeiten während des Krankenpflegedienstes erfragt. Die Kategorisierung der qualitativen Angaben zu den durchgeführten Tätigkeiten erfolgte mit Konsiliarbeschluss einer Fokusgruppe.

Insgesamt 1133 Studierende nahmen an der Befragung teil (791 RUB, 342 UW/H). 313 Studierende (28 %) absolvierten keinen Krankenpflegedienst, da ihnen eine vorhergegangene Berufserfahrung anerkannt wurde. 734 Befragte (65 %) hatten zum Befragungszeitpunkt den Krankenpflegedienst bereits komplett absolviert. Über zwei Drittel der Befragten mit abgeschlossenen Krankenpflegedienst schätzten die in der Approbationsordnung formulierten Ziele des Praktikums (Einführung in Krankenhausorganisationsstrukturen [66 %; N = 481] bzw. Krankenpflegeverrichtungen [82 %; N = 600]) als erreicht ein. 734 Befragte machten Angaben zu den tatsächlich verrichteten Tätigkeiten. Studierende, die angaben, bestimmte konkrete pflegerische Tätigkeiten durchgeführt zu haben, schätzten dabei die Ziele des Praktikums häufiger als erreicht ein.

Die in dieser Untersuchung erhobenen Daten lassen hinsichtlich des Erreichens der Zielvorgaben zum Krankenpflegedienst ein Optimierungspotential bei der Ausgestaltung des Praktikums erkennen. Ebenso erlauben die Ergebnisse Assoziationen zu Einflussfaktoren auf das Erreichen der Zielvorgaben. Entsprechende Ansatzpunkte für die Verortung interprofessioneller Lehraspekte sind abzuleiten und passende Empfehlungen auszusprechen.