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Sitzungsübersicht
Sitzung
M11–S22: (Frühkindliche) Elternberatung
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: S22

Präsentationen

Elterngespräche aus der Sicht von Studierenden

Christina Butz, Josef Strasser, Alexandra Merkert, Gerlinde Lenske

Universität Koblenz-Landau / Campus Landau, Deutschland

Die Beratung von Eltern stellt ein bedeutendes Handlungsfeld von Lehrerkräften dar (Hertel & Schmitz, 2010; Schnebel, 2017). Gelungene Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule kann sowohl für die schulische Entwicklung der Kinder als auch für Lehrkräfte und Eltern gewinnbringend sein (Aich & Behr, 2019). Trotz dieser Relevanz spielt die Thematik in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften eine untergeordnete Rolle. In der universitären Lehre erfolgt die Förderung beratungsrelevanter Kompetenzen bislang nur rudimentär (Aich & Behr, 2019; Gartmeier, 2018; Hertel, 2017). Forschung zur Expertise professioneller Berater*innen legt nahe, dass kompetentes Beraten in einem adäquaten individuellen Fallverständnis gründet (Strasser, Geissler & Kronawitter, 2005). Dieses setzt eine besondere professionelle Wissensbasis voraus, in welcher Erfahrungs- und Grundlagenwissen integriert sind (Strasser & Gruber, 2015). Unklar ist, welche Wissensaspekte bei angehenden Lehrkräften vorausgesetzt werden können.

Ziel der Studie ist, der mangelnden Evidenz in Bezug auf Beratungskompetenzen angehender Lehrkräfte abzuhelfen. Dabei steht zunächst die Exploration von bereits im Bachelor-Studium vorhandenem, gesprächsführungsbezogenem Wissen im Mittelpunkt. Es soll geklärt werden, (1) welche Aspekte der Gesprächsführung Lehramtsstudierende bei der Beobachtung videobasierter Elterngespräche wahrnehmen und (2) wie sie diese Aspekte bewerten. Darüber hinaus wird erforscht, ob die Studierenden kritische Punkte im Gesprächsverlauf erkennen und mögliche Optimierungsvorschläge benennen können.

Insgesamt nahmen 49 Lehramtsstudierende im Bachelor (88 % weiblich), mit einem durchschnittlichen Alter von 21,5 Jahren teil (SD = 1,393).

Als videobasierte Gesprächssituationen dienen zwei Videovignetten aus dem Projekt Beratung im Schulkontext (BiSko). Zur Einschätzung der jeweiligen Gesprächssituationen wurde ein Mixed-Method-Design gewählt, welches einen Fragebogen mit geschlossenem Antwortformat (4-stufige Likertskala) und einen Fragebogen mit offenem Antwortformat kombiniert. Der Fragebogen mit geschlossenem Antwortformat ermittelt Aspekte einer professionellen Gesprächsführung (Beispielitem: Im gezeigten Video wird das Elternteil von der Lehrkraft angemessen „abgeholt“; 6 Items, Cronbachs α = .823), sowie die Selbstwirksamkeit in Bezug auf Beratungssituationen (Beispielitem: Ich fühle mich in [künftigen] Beratungsgesprächen mit Eltern wohl und sicher; 9 Items, Cronbachs α = .820). Drei offene Fragen beziehen sich auf Wahrnehmungs-, Bewertungsaspekte und Optimierungsvorschläge zur Gesprächsgestaltung.

Eine inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) erfolgte in Bezug auf die Hauptkategorien (Wahrnehmung, Bewertung, Optimierungsvorschläge) deduktiv. Anschließend wurde das Kategoriensystem auf Basis der zusammenfassenden, strukturierenden Inhaltsanalyse induktiv erweitert. Auf Basis einer doppelten Kodierung von 20% des Materials liegt die derzeitige Interraterreliabilität im guten Bereich. Die quantitativen Daten wurden deskriptiv ausgewertet und mit den über relative Häufigkeiten quantifizierten qualitativen Daten in Bezug gesetzt.

Basale als positiv einzustufende Verhaltensweisen der gesprächsführenden Lehrkräfte (z.B. Ruhe bewahren, freundlich agieren) werden von den Studierenden mehrheitlich erkannt. Ferner realisiert mehr als die Hälfte der Studierenden ein Misslingen des Beziehungsaufbaus, kann jedoch die Ursachen hierfür nicht adäquat benennen, da kritische Punkte im Gesprächsverlauf nicht wahrgenommen werden. Gründe für das Misslingen werden i.d.R. vermeintlich dem Elternteil zugeschrieben. Dieser Befund spiegelt sich in den quantitativen Daten wider, indem die Studierenden die Gesprächsführung beider Lehrkräfte als professionell einstufen (M = 2.48, SD = 0.60, Skala: 0-3). Gleichzeitig fühlen sich die Studierenden bezüglich ihrer eigenen Kompetenzen im Bereich Beratungsgespräche noch nicht sicher (M = 1.80, SD = 0.42, Skala: 0-3) und sind nur bedingt in der Lage, förderliche Optimierungsvorschläge hinsichtlich Gesprächsführung oder Beziehungsförderung zu benennen (nur ca. 50% der geäußerten Optimierungsvorschläge wurden als förderlich kodiert). Bei der Falleinschätzung wird i.d.R. die Perspektive der Lehrkraft eingenommen (teilweise unter expliziter Abwertung des Elternteils im Fallbeispiel).

Die bisherigen Ergebnisse zeigen auf, dass angehende Lehrkräfte zwar über ein rudimentäres Wissensrepertoire verfügen, mithilfe dessen sie Beratungssituationen einschätzen können, dieses aber nicht Kriterien professioneller Beratung genügt. In weiterführender Forschung gilt es zu klären, wie dieses „Ausgangswissen“ in ein professionelles Handlungswissen transformiert werden kann. Die Befunde legen nahe, dass schon frühzeitig Wissen anhand authentischer Situationen erworben werden und eine Sensibilisierung bzgl. kritischer Verläufe von Beratungssituationen erfolgen sollte.



Schulische Beratungsgespräche aus Elternperspektive

Josef Strasser, Kristina Ackel-Eisnach, Frank Behr

Universität Koblenz-Landau, Deutschland

Theoretischer Hintergrund: Eltern äußern zunehmend den Wunsch, von den Lehrkräften ihrer Kinder beraten zu werden und nehmen entsprechende schulische Beratungsangebote auch wahr (Hertel, et al., 2019). Dabei treffen sie oft auf Lehrpersonen, die sich hinsichtlich ihrer Beratungsaufgaben kaum oder gar nicht kompetent und in Elterngesprächen häufig überfordert fühlen (Gartmeier, 2018; Hertel, 2009). Entsprechend verwundern Ergebnisse von Studien nicht, denen zufolge viele Eltern sich von der Lehrkraft schlecht informiert fühlen, sich mehr Unterstützung durch Lehrkräfte wünschen und den Kontakt mit der Lehrkraft als wenig hilfreich erleben (Sacher, 2014, Bennewitz & Wegner, 2015). Es ist anzunehmen, dass divergierende Erwartungen an schulische Beratungsgespräche ein häufiger Anlass für Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften sind (Sacher, 2005).

Die bislang vorliegende Forschung zur Beratung von Eltern im schulischen Kontext fokussiert vor allem die Rahmenbedingungen, die zur Nutzung des Beratungsangebotes beitragen. So wurden individuelle Merkmale von Schüler*innen und familiäre Strukturmerkmale identifiziert, die das Wahrnehmen schulischer Beratung mehr oder weniger wahrscheinlich machen (Hertel 2017; Hertel, et al., 2013). Relativ wenig bekannt ist jedoch über das Geschehen im Beratungsgespräch und welche Faktoren zu Schwierigkeiten oder zum Gelingen dieser Gesprächssituationen beitragen.

Da Beratung ein vielfach determiniertes Handeln ist, an dem Merkmale und Voraussetzungen auf Seiten von Klient*innen ebenso zum Tragen kommen wie Merkmale der Berater*innen (Strasser, 2007), erscheint es notwendig, die Elternperspektive stärker zu fokussieren, um Gelingensbedingungen für schulische Beratungsgespräche auf die Spur kommen. Insbesondere die Interaktion zwischen Berater*in und Klient*in und die Frage, wie in dieser eine Passung der Perspektiven hergestellt werden kann, scheint zentral für gelingende Beratung zu sein. Denn eine wichtige Prämisse erfolgreicher Beratungsprozesse ist die Reziprozität der Perspektiven von Ratsuchenden und Beratenden (Gelso, 2005). Die Perspektive von Eltern auf prozessuale Aspekte des Beratungsgesprächs, auf erlebte Schwierigkeiten und Hindernisse in der Interaktion mit Lehrkräften wurden bislang kaum untersucht.

Fragestellung: Ziel der vorliegenden Studie ist es zunächst, die Perspektive von Eltern, ihre Erfahrungen und Erwartungen in Bezug auf schulische Beratungsgespräche zu erfassen und zu ergründen, inwieweit diese Perspektive mit Herkunftsmerkmalen und Überzeugungen der Eltern in Verbindung steht. Folgende Forschungsfragen werden genauer untersucht:

  1. Welche Erfahrungen haben Eltern im Zusammenhang mit der Beratung von Lehrkräften gesammelt und wie bewerten sie diese?
  2. Welche spezifischen Wünsche und Erwartungen haben Eltern an die konkrete Gestaltung und Durchführung einer schulischen Lehrer-Eltern-Beratung?
  3. Durch welche Faktoren werden ihre Wünsche und Erwartungen maßgeblich beeinflusst?

Methode: Im Rahmen eines Mixed Methods Designs werden qualitative und quantitative Erhebungsschritte kombiniert. Im ersten Schritt wurden die Erfahrungen und die Perspektive von Eltern mittels eines semistrukturierten Interviews exploriert. Es wurden Eltern (n=15) schulpflichtiger Kinder aller Jahrgansstufen in verschiedenen Schulformen und Bildungsgängen interviewt. Die Interviews wurden nach der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Aufbauend auf den Ergebnissen der Interviewstudie wurde ein Fragebogen entwickelt, mit dem in einer groß angelegten quantitativen Erhebung sowohl die Erwartungen und Wünsche wie auch mögliche Einflussfaktoren erhoben werden Der Fragebogen enthält geschlossene wie auch offene Fragen um persönliche und interindividuelle Unterschiede zwischen den Eltern besser erfassen zu können.

Die mit den Fragen vermuteten Unterschiede werden varianzanalytisch untersucht und auf statistische Signifikanz geprüft. Zur Unterscheidung und quantitativen Rekonstruktion verschiedener Elterntypen wird mit den elternbezogenen Klassifizierungsmerkmalen eine Two-Step Clusteranalyse berechnet.

Ergebnisse: Die Interviews zeigen auf, dass die Perspektive der Eltern stark von der jeweiligen individuellen Problemlage bestimmt wird. Zugleich lassen sich fallübergreifend vergleichbare Schwierigkeiten und Probleme, die in einer mangelnden Reziprozität im Gespräch begründet zu sein scheinen, identifizieren. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise für Unterschiede in den Erwartungen, Wünschen und Erfahrungen der Eltern und den individuellen sowie kontextuellen Bedingungen dieser Erwartungen. Lassen sich in der Fragebogenstudie die Hinweise auf typische Schwierigkeiten und ungünstige Interaktionsmuster erhärten, so bieten derartige Erkenntnisse Ansatzpunkte für die weitere Professionalisierung von Lehrkräften.



Beratungskompetenz von Beschäftigten in frühpädagogischen Einrichtungen und Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen

Sarah Becker, Maximilian Pfost

Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland

Laut Bildungs- und Erziehungspläne der Bundesländer für Kinder in Tageseinrichtungen (z.B. BayBEP, 2003), ist der Austausch mit Erziehungsberechtigten z.B. über Lern- und Entwicklungsverläufe fester Bestandteil im beruflichen Alltag in frühpädagogischen Einrichtungen. Somit fungieren Erzieherinnen und Erzieher auch immer mehr als wichtige Ansprechpartner der Eltern. Das Thema „Elterngespräche“ und die dafür notwendige Beratungskompetenz, hat in den letzten Jahren in der Wissenschaft und Praxis enorm an Bedeutung gewonnen. Jedoch liegt der Fokus dabei meistens auf der Beratungskompetenz von Lehrpersonal im schulischen Bereich (Gerich, Bruder, Hertel, Trittel, & Schmitz, 2015; Hertel, 2009). Erkenntnisse aus dieser Forschung erhalten auch bereits Einfluss in die Lehramtsstudiengänge. Forschung zur Beratungskompetenz von Beschäftigten in frühpädagogischen Einrichtungen ist dagegen nur unzureichend vorhanden. Um diese Forschungslücke zu schließen, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie Beratungskompetenz von Erzieherinnen und Erziehern gemessen und mit der von Lehrpersonal in allgemeinbildenden Schulen verglichen. In einer deutschlandweiten Online-Erhebung wurden Daten von Beschäftigten in frühpädagogischen Einrichtungen erhoben (N=203, 97,1 % weiblich). Dafür wurde das Instrument zur Erfassung der Beratungskompetenz von Lehrkräften aus der PISA 2009-Studie (Hertel, Hochweber, Mildner, Steinert, & Jude, 2014) für den frühpädagogischen Bereich adaptiert. Das Instrument umfasst die fünf Facetten: Personale Ressourcen; Kooperation und Perspektivübernahme; Berater-Skills, Pädagogisches Wissen & Diagnostik, Ressourcen- & Lösungsorientierung und Bewältigung. Die erhobenen Daten wurden anschließend mit den Ergebnissen der PISA 2009-Lehrerstudie zur Beratungskompetenz (N=2130, 71,8 % weiblich) hinsichtlich Faktorenstruktur und Ausprägung verglichen. Neben dem Vergleich der Beratungskompetenz, wurden ergänzend Zusammenhänge mit der Berufs- und Fortbildungserfahrung, sowie der generellen Einstellung zur Elternberatung (3 Skalen: Professionelles Rollenverständnis, Rahmenbedingungen der Einrichtung, Kosten-Nutzen-Verhältnis) sowohl für Lehrkräfte, als auch für Beschäftigte in frühpädagogischen Einrichtungen analysiert.

Konfirmatorische Faktorenanalysen zeigen zunächst, dass die 5-Faktoren-Struktur der Beratungskompetenz weder in der Gruppe des frühpädagogischen Personals noch in der Gruppe der Lehrkräfte repliziert werden kann. Hingegen weist eine 2-Faktoren-Lösung mit den Faktoren „Beratungsmethoden“ und „Persönliche Bewältigungsstrategien“ einen deutlich besseren Model-Fit auf. Bei beiden genannten Faktoren zeigt das frühpädagogische Personal signifikant höhere Mittelwerte als die Lehrkräfte.

Beide Stichproben unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihrer Berufserfahrung. Die Gruppe des frühpädagogischen Personals verfügt jedoch über signifikant mehr Fortbildungserfahrung. Darüber hinaus zeigen sich positive signifikante Zusammenhänge zwischen der Berufserfahrung und den beiden Beratungskompetenzfaktoren beim frühpädagogischen Personal, jedoch nicht bei den Lehrkräften. Die Fortbildungserfahrung im Bereich „Beratung“ zeigt hingegen für beide untersuchten Gruppen signifikante Zusammenhänge mit dem Faktor „Beratungsmethoden“. Für den Faktor „Persönliche Bewältigungsstrategien“ ist der Zusammenhang nur für die Lehrkräfte signifikant.

Bezogen auf die Einstellungen gegenüber Elternberatung in Einrichtungen weist das frühpädagogische Personal auf allen drei Skalen signifikant höhere Werte auf. Für Lehrkräfte zeigen sich signifikante positive Zusammenhänge zwischen beiden Faktoren der Beratungskompetenz und allen drei Einstellungsskalen. Beim frühpädagogischen Personal sind lediglich die Zusammenhänge zwischen dem Faktor „Persönliche Bewältigungsstrategien“ und den Einstellungsskalen signifikant.

Unsere Analysen bringen erste Erkenntnisse zur selbsteingeschätzten Beratungskompetenz und Zusammenhängen mit Berufs- und Fortbildungserfahrung sowie generellen Einstellungen zur Elternberatung von Beschäftigten in frühpädagogischen Einrichtungen. Der Vergleich mit Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen zeigt zudem, dass sich Erzieherinnen und Erzieher kompetenter einschätzen. Weiterhin wird gezeigt, dass das Instrument zur Erfassung der Beratungskompetenz von Hertel et al. (2009, 2014) in seiner vorhandenen Faktorenstruktur weder in der Stichprobe des frühpädagogischen Personals noch in der der Lehrkräfte repliziert werden kann. Grund dafür kann zum einen die Erfassung mittels Selbsteinschätzungen sein. Zum anderen ist auch denkbar, dass die Komplexität von Beratungsgesprächen in Erziehung und Unterricht weniger komplex ist, als im 5-Faktorenmodell intendiert. Inwiefern die gefunden 2-Faktoren-Struktur mit den Facetten „Beratungsmethoden“ und „Persönliche Bewältigungsstrategien“ praktikabler ist, sollte in zukünftiger Forschung adressiert werden.



Professionelle Wahrnehmung von schulischen Beratungssituationen. Einsatz videographierter Lehrer-Elterngespräche im Lehramtsstudium

Frank Behr, Josef Strasser

Universität Koblenz-Landau, Deutschland

Theoretischer Hintergrund:

Beratungsgespräche mit Eltern kompetent zu führen, gehört zu den zentralen Anforderungen an das professionelle Handeln von Lehrkräften. Beratungskompetenz gründet auf eine umfangreiche Wissensbasis, die auf reflektierter Erfahrung mit authentischen Problemsituationen beruht (Strasser & Gruber, 2003). Die Wissensgrundlage der beratenden Person beeinflusst deren Verarbeitung fallspezifischer Informationen und sich somit auf ein adäquates Fallverständnis und die Urteilsbildung auswirkt (Strasser & Gruber, 2008, 2013). Professionelles Beratungshandeln lässt sich folglich als eine Form der situationsangemessenen und effektiven Wissensanwendung kennzeichnen.

Erkenntnissen der Expertiseforschung zufolge ist bereits der Prozess der Wahrnehmung von beruflichen Problemsituationen wissensgeleitet (Bromme, 1992). Professionelle Wahrnehmung (professional vision) wird in der Bildungsforschung als Voraussetzung für die professionelle Handlungskompetenz von Lehrpersonen begriffen, dabei werden zwei ineinandergreifende wissensbasierte Prozesse unterschieden: (1) die Fähigkeit bedeutsame Situationen zu erkennen (selective attention bzw. noticing) und (2) die Fähigkeit die identifizierten Situationen auf der Grundlage relevanten Wissens theoriebasiert zu interpretieren (knowledge-based reasoning) (Sherin & van Es, 2009). Die Struktur des reasoning-Prozesses wird von Seidel und Stürmer (2014) in drei qualitativ unterschiedliche Teilkompetenzen differenziert: Beschreiben, Erklären und Vorhersagen.

Forschungsbefunde zeigen, dass professionelle Wahrnehmung in verschiedenen Kompetenzbereichen (z. B. Unterricht, Klassenführung, Elterngespräche) bereits in der universitären Phase der Lehrerbildung insbesondere durch die angeleitete Analyse von Videos gefördert werden kann (Blomberg et al., 2013). Die Wahrnehmung wurde dabei sowohl qualitativ (z. B. Sherin & van Es, 2009) als auch mit standardisierten quantitativen Instrumenten erfasst (z. B. Gold et al., 2013).

Vor diesem Hintergrund wurden Videos von Lehrer-Elterngesprächen im Rahmen des bildungswissenschaftlichen Lehramtsstudiums an der Universität Koblenz-Landau eingesetzt. Durch die Analyse und Reflexion der authentischen Beratungsfälle sollen der erfahrungsnahe Wissenserwerb und die Wahrnehmung schulischer Beratungssituationen von Studierenden gefördert werden. Die Intervention zielt darauf, theoretisches Wissen mit Erfahrungen aus realen Beratungssituationen zu verknüpfen und somit die Ausbildung einer professionellen Handlungskompetenz zu unterstützen.

Fragestellung:

Ziel der vorliegenden Studie war die Evaluation eines videobasierten Seminars zur Förderung der für schulische Elternberatung relevanten Kompetenzen. Im Fokus der Studie steht die Frage, inwiefern die Intervention mit videographierten Beratungsfällen den Erwerb von beratungsbezogenem Wissen bei angehenden Lehrkräften und ihre Fähigkeit, dieses Wissen bei der Wahrnehmung und Einschätzung von authentischen Beratungssituationen anzuwenden, unterstützt. Vermutet wurde eine Verbesserung der Wahrnehmung und Wissensanwendung, indem die Teilnehmenden die spezifischen Situationen differenzierter beschreiben, erklären und vorhersagen.

Methode:

Professionelle Wahrnehmung von Beratungssituationen wird in der vorliegenden Studie definiert als die Fähigkeit, Prozessmerkmale von Beratung, Gesprächs- und Kommunikationstechniken, kooperative Problemlösung sowie personale Ressourcen bzw. Beziehungsgestaltung und non- oder paraverbale Verhaltensweisen identifizieren und theoriegeleitet interpretieren zu können (Gartmeier, 2018, Gerich et al., 2015; Strasser, 2007).

Die Studie erfolgte im Ein-Gruppen-Prä-Post-Design mit Master-Studierenden des Lehramts für Realschulen und Gymnasien an der Universität Koblenz-Landau (n = 41). Die Datenerhebung erfolgte vor und nach der Instruktion. Nachdem die Seminarteilnehmer jeweils ein authentisches Beratungsgespräch komplett angesehen haben, wurden sie aufgefordert, offene Fragen hinsichtlich der Facetten Beschreiben, Erklären und Vorhersagen schriftlich zu beantworten. Ausgewertet wurden die Daten nach der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010).

Ergebnisse:

Erste Auswertungen zeigen inhaltliche Unterschiede zwischen den beiden Messzeitpunkten. Die Studierenden erkennen und bewerten nach der seminarinternen Instruktion in Kombination mit der Videofallarbeit verstärkt empathische und emotionale Aspekte in den Kompetenzfacetten personale Ressourcen und Beziehungsgestaltung. Ebenfalls richtet sich ihr Blick bei der zweiten Erhebung deutlich stärker auf das Beratungshandeln (kooperative Problemlösung) und auf die Prozessmerkmale der Beratung (Struktur des Beratungsgesprächs).

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch Lehramtsstudierende, die selbst noch keine Elterngespräche geführt haben und keine Erfahrungen mit Beratung gesammelt haben, deklaratives Wissen bei der Beobachtung und Analyse von konkreten Beratungssituationen anwenden können. Universitäre Lehrveranstaltungen, die videographierte reale Beratungsfälle zur Wissensanwendung nutzen, ermöglichen reflektierte Erfahrungen mit authentischen Beratungsfällen und können daher inhaltlich und zielgerichtet das beratungsrelevante Wissen der Lehramtskandidaten erweitern.