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Sitzungsübersicht
Sitzung
M11–1.19: Eltern & Berufswahl
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: 1.19

Präsentationen

Berufswahl und Passung beim Übergang von der Sekundarstufe I in die Berufsbildung bei hoher/tiefer Elternunterstützung

Markus P. Neuenschwander, Jan Hofmann

Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz, Schweiz

Einleitung

Der Übergang von der Schule in die Berufsbildung ist eine wichtige und anspruchsvolle Aufgabe. Jugendliche müssen einerseits einen Beruf wählen und sich andererseits an die neuen Anforderungen in der beruflichen Ausbildung anpassen. Eine hohe Passung zwischen Person und Ausbildungsplatz korreliert mit hoher Leistung, hoher Zufriedenheit, geringem Berufswechselrisiko und geringem Arbeitslosigkeitsrisiko (Kristof-Brown, Zimmermann & Johnson, 2005; Neuenschwander et al., 2012). Bisher wurde kaum längsschnittlich untersucht, wie die erste Berufswahl die Anpassungsprozesse nach dem Übertritt in die Berufsbildung beeinflusst. Die Berufswahlforschung und die Forschung zu den Anpassungsprozessen bei Eintritt in die Berufsbildung beziehen sich kaum aufeinander. Überdies wissen wir wenig, wie Bezugspersonen (z.B. Eltern) diese Prozesse steuern.

Fragestellung

In diesem Beitrag wird den Fragen nachgegangen, (a) wie Bedingungen und Ergebnisse der Berufswahl die Anpassungsprozesse nach dem Eintritt in die Berufsbildung bestimmen und (b) wie Eltern den Übergang von der Schule in die Berufsbildung unterstützen.

Theoretischer Hintergrund

Ausgehend von der sozial-kognitiven Laufbahntheorie von Lent, Brown und Hackett (1994) nehmen wir an, dass der Berufswahlprozess durch Zielcommitment, Selbstwirksamkeitserwartungen und Erwartungen an den Ausbildungsbetrieb (Ergebniserwartungen) gesteuert wird (sog. Selbstmanagement der Laufbahnentscheidung nach Brown & Lent, 2019). Diese drei Konzepte erklären die Entscheidungssicherheit der getroffenen Wahl (Entscheidungsergebnis, Ireland & Lent, 2018). Zudem nehmen wir mit Lent und Brown (2008) an, dass die Ergebniserwartung und die Entscheidungssicherheit die wahrgenommene Passung zwischen Person und Ausbildungsplatz nach dem Übergang vorhersagen.

Unabhängig davon wird die Passung zwischen Person und Ausbildungsplatz ausgehend von der Forschung zur Sozialisation am Arbeitsplatz auch durch betriebliche Ressourcen (Lent & Brown, 2008) wie zum Beispiel betriebliche Sozialisationstaktiken bestimmt (Kammeyer-Mueller & Wanberg, 2003). Wenn diese die Rollenambiguität und Unsicherheit der neu eingetretenen Mitarbeitenden reduzieren, nimmt die wahrgenommene Passung von Person und Ausbildungsplatz zu (Jones, 1986). Entsprechend können Ausbildungsbetriebe neu eintretende Lernende durch geeignete Strategien unterstützen, sich zu integrieren (Saks & Gruman, 2018).

Zudem wird ausgehend von Lent und Brown (2008) angenommen, dass die Elternunterstützung den Berufswahlprozess beeinflusst (Bryant, Zvonkovic & Reynolds, 2006). Eine hohe Elternunterstützung trägt bei, dass Jugendliche ihre beruflichen Ziele eher realisieren können und dass sich geringe Selbstwirksamkeitserwartungen von Jugendlichen nicht negativ auf den Entscheidungsprozess auswirken.

Methode

Diese Annahmen wurden anhand von Längsschnittdaten des Schweizer Forschungsprojekts Wirkungen der Selektion (WiSel) überprüft. Es wurde eine Teilstichprobe von 620 Jugendlichen verwendet, die im 7. Schuljahr (t1), im 9. Schuljahr (t2) und im 1. Jahr nach Schulaustritt (t3, Durchschnittsalter zu t3: 16.8 Jahre) befragt wurden. Wir fanden keine relevanten Rücklaufverzerrungen zwischen den Erhebungswellen. Es wurden standardisierte, reliable Fragebogenskalen verwendet. Mit Ausnahme von Zielcommitment wurden alle Konzept mit mehreren Items latent geschätzt.

Ergebnisse

Messinvarianzanalysen belegten metrische Invarianz aller latenter Konzept zwischen den Gruppen. In einem Strukturgleichungsmodell (SEM) mit akzeptabler Modellpassung zeigten sich signifikante Pfade zwischen Zielcommitment (t1) bzw. Selbstwirksamkeitserwartung (t1) und Ergebniserwartung (t2) bzw. Entscheidungssicherheit (t2). Letztere erklärten die wahrgenommene Passung Person-Ausbildungsplatz (t3) signifikant, zusammen mit den betrieblichen Sozialisationstaktiken (t3). Das gleiche SEM im Gruppenvergleich (hohe vs. tiefe Elternunterstützung) erreichte eine akzeptable Modellpassung und belegte einen Moderatoreffekt. Die Effekte je von Zielcommitment und Selbstwirksamkeit auf Ergebniserwartung und Entscheidungssicherheit unterschieden sich zwischen den Gruppen. Einzig einer dieser vier Pfade (von Zielcommitment auf Entscheidungssicherheit) unterschied sich nicht zwischen den Gruppen. Bei hoher Elternunterstützung ist der Pfad von Zielcommitment je auf Ergebniserwartung und Entscheidungssicherheit höher als bei tiefer Elternunterstützung. Bei tiefer Elternunterstützung ist der Pfad von der Selbstwirksamkeitserwartung je auf Ergebniserwartung und Entscheidungssicherheit grösser als bei hoher Elternunterstützung.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse bestätigen die Annahmen der sozial-kognitiven Laufbahntheorie zu Berufswahl und Anpassungsprozessen in der Berufsbildung. Bedingungen und Ergebnisse der Berufswahl sagen die Person-Umwelt-Passung in der Berufsbildung vorher, zusammen mit den betrieblichen Sozialisationstaktiken. Die Elternunterstützung moderiert den Berufswahlprozess. Die Ergebnisse belegen die hohe Bedeutung von sozialen Kontextfaktoren auf die Berufswahl.



Die prädiktive Rolle von Berufswünschen, erreichtem Bildungsniveau, elterlichen Bildungserwartungen und sozioökonomischem Hintergrund für die Wahl des sozialen Status von Berufswahlpraktikaberufen

Jan Hofmann, Markus Neuenschwander

PH Fachhochschule Nordwestschweiz, Schweiz

Der soziale Status eines Berufes ist eines der zentralen beruflichen Merkmale. Im Prozess der ersten Berufswahl kommen die Jugendlichen in Praktika zum ersten Mal in persönlichen Kontakt mit den verschiedenen Ausprägungen sozialer Status von Berufen. Mit der Wahl eines Berufswahlpraktikumberufes treffen Jugendliche eine erste Vorentscheidung, welchen beruflichen sozialen Status sie anstreben möchten und anstreben können. Zwar untersuchten Studien die Bedingungen des sozialen Status der ersten Berufswahl (Lee & Byun, 2019). Forschungsarbeiten zum sozialen Status von Berufswahlpraktikaberufen existieren aber nach unserem Wissen bislang keine. Dieser Beitrag geht deshalb den Fragen nach, (1) wie der soziale Status der Berufswahlpraktikaberufe mit dem sozialen Status des später gewählten Lehrberufes zusammenhängt, (2) welche individuellen und kontextuellen Bedingungen den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe vorhersagen und (3) ob und wie sich der berufliche soziale Status über den Berufswahlprozess hinweg verändert.

Wir untersuchten diese Forschungsfragen in Anlehnung an das sozio-kognitive Laufbahnmodell (Lent, Brown, & Hackett, 1994). Das Modell besagt, dass Berufswahlpraktika als Form von explorativer Berufswahlhandlungen spätere inhaltliche und leistungsbezogene berufliche Entscheidungen vorbestimmen. Gemäss dem Modell hängt der soziale Status der Berufswahlpraktikaberufe einerseits vom sozialen Status der beruflichen Ziele der Jugendlichen ab (Schoon & Parsons, 2002). Andererseits wird er durch kontextuelle Gegebenheiten prädeterminiert (Schindler, 2017). Nahe Bezugspersonen aus dem sozialen Kontext (z. B. die Eltern) nehmen auf den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe der Jugendlichen indirekt Einfluss, indem sie über ihre Bildungserwartungen den sozialen Status der beruflichen Ziele ihrer Kinder mitbestimmen. Der sozioökonomische Hintergrund der Familie beeinflusst die elterlichen Bildungserwartungen und wirkt so indirekt auf den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe ein (Howard et al., 2011).

Zur Analyse der Fragestellungen benutzten wir Daten der Schweizer Längsschnittstudie Wirkungen der Selektion. Wir verwendeten ein Längsschnittsample aus 550 Jugendlichen, die im siebten und neunten Schuljahr standardisierte Fragebögen ausfüllten (MAlter 7. Schuljahr: 13.21 Jahre, weiblich: 52.2%). Der soziale Status der Berufe wurde über den International Socio-Economic Index of Occupational Status (ISEI-08; Ganzeboom, 2010) operationalisiert. Die Jugendlichen nannten maximal acht Berufswahlpraktikaberufe, die hinsichtlich ihres sozialen Status zu einem Medianwert zusammengefasst wurden. Der soziale Status der beruflichen Ziele wurde über die Berufswünsche gemessen. Die kontextuellen Gegebenheiten wurden über das besuchte Schulniveau operationalisiert. Die elterlichen Bildungserwartungen an ihr Kind wurden dichotom behandelt (0: Abschluss auf Sekundarstufe I/II, 1: Abschluss auf Tertiärniveau). Der sozioökonomische Hintergrund der Familie wurde über den höchsten sozialen Status der Elternberufe gemessen.

Die bivariate Korrelationsanalyse zwischen dem sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe und der Lehrberufe ergab einen signifikant positiven Zusammenhang (r = .78, p < .001, n = 338). Das Pfadmodell mit guter Modellpassung zeigte, dass der soziale Status der Berufswünsche einen signifikant positiven Effekt auf den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe hatte. Je höher das besuchte Schulniveau der Jugendlichen war, desto höher fiel der soziale Status der Berufswahlpraktikaberufe aus. Die Bildungserwartungen der Eltern hatten einen signifikant positiven indirekten Effekt auf den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe der Jugendlichen, vermittelt über den sozialen Status der Berufswünsche. Der sozioökonomische Hintergrund der Jugendlichen hatte ebenfalls einen signifikant positiven indirekten Effekt auf den sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe, vermittelt über die elterlichen Bildungserwartungen und den sozialen Status der Berufswünsche. Die Varianzanalyse mit Messwiederholung zeigte, dass der soziale Status der Berufswünsche signifikant höher war als der soziale Status der Schnupperlehr- und Lehrberufe. Zwischen letzteren beiden gab es keinen signifikanten Unterschied.

Die Ergebnisse des Pfadmodells zeigen erstmals, welche Faktoren den sozialen Status explorativer Berufswahlhandlungen vorhersagen. Dass die Wahl des sozialen Status der Berufswünsche nicht nur den Bedürfnissen der Jugendlichen entsprach, sondern auch die Vorstellungen ihrer Eltern enthielt, verdeutlicht den bedeutsamen Einfluss des sozialen Kontextes im Berufswahlprozess. Die hohe Korrelation zwischen dem sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe und den Lehrberufen verweist auf die prädisponierende Rolle des sozialen Status der Berufswahlpraktikaberufe für den weiteren beruflichen Verlauf.



Wer studiert Wirtschaft? Einflüsse ökonomischer Kompetenzen auf die Studienfachwahl beim Übergang von der Schule zur Hochschule

Michael Jüttler1, Stephan Schumann1, Nicolas Hübner2, Benjamin Nagengast2

1Universität Konstanz, Deutschland; 2Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen

Theoretischer Hintergrund

Die Bedeutung der Förderung ökonomischer Kompetenzen wird in zahlreichen Ländern kontrovers diskutiert. So wird den ökonomischen Kompetenzen vor allem hinsichtlich einer sozialen Teilhabe in modernen Wirtschaftsgesellschaften eine substantielle Bedeutung zugesprochen (Dubs, 2001, 2011; Eberle & Schumann, 2011; Schumann & Jüttler, 2015; Jüttler et al., 2016). Betrachtet man diese Debatte vor dem Hintergrund von Studienfachwahlen, zeigt sich, dass wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge weltweit zu der meistgewählten Fächergruppe zählen (OECD, 2017). In diesem Zusammenhang rückt auch die Frage einer ökonomischen Bildung als Teil der schulischen Allgemeinbildung in den Mittelpunkt. Ausgehend von theoretischen Überlegungen zur Studienfachwahl können, neben Merkmalen wie den schulischen Leistungen, den Interessen, dem sozioökonomischen Hintergrund, etc., besonders auch den individuellen domänenspezifischen Fähigkeiten eine bedeutsame Rolle zugesprochen werden (Eccles et al., 1983; Eccles & Wigfield, 2002). Jedoch liegen bisher keine Befunde zu den Effekten der am Ende der Schulzeit vorliegenden ökonomischen Kompetenzen auf die Studienfachwahl vor. Dieses Desiderat wird mit der vorgestellten Studie aufgegriffen.

Den ökonomischen Kompetenzen wird in der Studie dabei in Anlehnung an Weinert (2001) und Beck (1989) ein umfassendes Begriffsverständnis zugrunde gelegt, welches neben dem ökonomischen Wissen und Können auch weitere Kompetenzfacetten (intrinsische Motivation, Interesse, Einstellung und Werthaltung) berücksichtigt.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund wird der Fragestellung nachgegangen, welche Vorhersagekraft die am Ende der Schulzeit verfügbaren ökonomischen Kompetenzen im Hinblick auf die Studienfachwahl haben.

Methode

Die Datengrundlage bildet eine Längsschnittstichprobe mit N = 1.397 Lernenden mit gymnasialer Maturität der Deutschschweiz. Der erste Messzeitpunkt lag am Ende des letzten Schulbesuchsjahres (Schuljahr 2010/11, vgl. Schumann & Eberle, 2014). Die Folgeuntersuchung wurde ca. fünf Jahre später im Frühjahr/Sommer 2016 durchgeführt. Das Instrumentarium des ersten Messzeitpunktes setzt sich aus Leistungstests zu den Domänen „Wirtschaft“, „Mathematik“ und „Deutsch“, einem kognitiven Fähigkeitstest und einem Fragebogen (u.a. zur Erfassung weiterer Kompetenzdimensionen) zusammen. Im Rahmen der Folgeuntersuchung wurden mit Hilfe eines Online-Fragebogens sowie computergestützten Telefoninterviews die Bildungsverlaufsdaten (insbesondere gewählte Studienfächer) der letzten fünf Jahre erfasst. Auf Grundlage des „Inverse Probability“-Verfahrens wurden die Daten in einem weiteren Schritt gewichtet, um den Ausfall zum zweiten Messzeitpunkt zu kompensieren (siehe Brick & Montaquila, 2009). Fehlende Werte in den Leistungsvariablen wurden mittels Mehrebenenimputation auf Grundlage von „chained equations“ unter Verwendung des R-Pakets mice geschätzt (siehe Van Buuren & Groothuis-Oudshoorn, 2011).

Ergebnisse

Die Analysen zeigen deutliche Unterschiede zwischen Studierenden mit unterschiedlichem Studienprofil und den am Ende der Schulzeit verfügbaren individuellen Kompetenzen. Dabei zeigt sich, dass Lernende, die im Anschluss an das Gymnasium ein wirtschaftswissenschaftliches Studium gewählt haben, in allen Dimensionen ökonomischer Kompetenz über die höchsten Ausprägungen verfügen, wobei die stärksten Unterschiede im ökonomischen Wissen und Können sowie im Interesse in Wirtschaft zu finden sind. Bzgl. der Mathematik- und Deutschleistung zeigen sich umgekehrte Ergebnisse: Hier weisen Lernende, die sich für ein wirtschaftswissenschaftliches Studium entschieden haben, unterdurchschnittliche Leistungen auf. Für die kognitiven Grundfähigkeiten finden sich keine signifikanten Unterschiede. Differenziert nach den einzelnen Fächergruppen lassen sich die obigen Ergebnisse im Rahmen einer multinomial-logistischen Regression weitestgehend bestätigen. Diesbezüglich weisen sich insbesondere das ökonomische Wissen und Können und das Interesse in Wirtschaft als die stärksten Prädiktoren aus. Dagegen wählen Lernende mit höheren mathematischen Fähigkeiten eher ein technisches oder naturwissenschaftliches und Lernende mit höheren sprachlichen Fähigkeiten ein geistes- oder sozialwissenschaftliches anstatt ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. Darüber hinaus zeigen sich erwartungsgemäß starke Effekte durch das Schulprofil, wobei Lernende, die das Fach „Wirtschaft und Recht“ als Schwerpunktfach gewählt hatten deutlich häufiger ein wirtschaftswissenschaftliches Studium wählen als Lernende mit anderem Schwerpunktfach. Insgesamt wird durch die Ergebnisse die Bedeutsamkeit einer ökonomischen (Schul-)Bildung für den weiteren Bildungsverlauf unterstrichen, wodurch den ökonomischen Kompetenzen am Ende der Schulzeit eine tragende Rolle beim Übergang von der Schule zur Hochschule beigemessen werden kann.