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Sitzungsübersicht
Sitzung
M11‒S18: Ungleiche Berufsaspirationen - Fragen der Passung im Berufswahlprozess unter dem Blickwinkel von Geschlecht- Migration und sozialer Herkunft
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: S18

Präsentationen

Ungleiche Berufsaspirationen – Fragen der Passung im Berufswahlprozess unter dem Blickwinkel von Geschlecht, Migration und sozialer Herkunft

Chair(s): Corinna Kleinert (Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Universität Bamberg), Brigitte Schels (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Mona Granato (Bundesinstitut für Berufsbildung)

DiskutantIn(nen): Irene Kriesi (Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, Schweiz)

Aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven besteht Übereinstimmung, dass berufliche Aspirationen bedeutsam für Bildungs- und Erwerbsverläufe und die soziale Positionierung sind. Sie beeinflussen die Wahl von Bildungsgängen, Ausbildungsberufen und Studienfächern, weil sie eine Katalysatorfunktion für die Beschäftigung mit möglichen Alternativen haben. Der Berufswahl kommt in stark „verberuflichten“ Bildungssystemen (Kleinert & Jacob, 2019) eine besonders große Bedeutung zu. Zugleich steht sie in einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. So bestehen potentiell hunderte Berufsalternativen in den Ausbildungssegmenten duale Ausbildung, schulische Ausbildung und Hochschule mit unterschiedlichen (markt-)regulierten Zugangsvoraussetzungen. Zudem erhalten die Jugendlichen in der Interaktion mit relevanten Dritten Rückmeldungen auf ihre Berufsaspirationen. Opportunitätsstrukturen und soziales Umfeld erfordern von den Jugendlichen Anpassungen und Kompromisse, die das Feld realistischer Alternativen auf wenige Berufe einschränken. Dynamische Theorien des Berufswahlprozessen, insbesondere Gottfredson (1981), formulieren Annahmen, wie diese Passungsprozesse ablaufen und wie Akteure und Umwelt dabei ineinander spielen. Berufliche Passung wird hier insbesondere an Interessen sowie Geschlechts- und Statusadäquanz festgemacht, doch dürften im komplexen Kompromissbildungsprozess weitere Dimensionen eine Rolle spielen, die theoretisch bislang weniger Beachtung gefunden haben. So bestehen noch offene Fragen zur dezidierten Rolle und Interaktion unterschiedlicher Dimensionen beruflicher Passung. Studien dazu können somit zur Entwicklung der theoretischen und empirischen Beschreibung und Erklärung der Formation von Berufsaspirationen beitragen.

Vor diesem Hintergrund bringt dieses Symposium Beiträge aus verschiedenen disziplinären Perspektiven zusammen, die sich mit Berufsaspirationen von Schülerinnen und Schülern beschäftigen und Fragen der Passung im Berufswahlprozess in den Blick nehmen. Dabei werden unterschiedliche Dimensionen thematisiert: das komplexe Zusammenspiel von Geschlecht und Migrationshintergrund, die soziale Herkunft und Merkmale der Statustransmission, die soziale Umgebung und die Interessen der Jugendlichen. Im ersten Beitrag untersuchen Svenja Ohlemann und Katja Driesel-Lange, welchen Einfluss die intersektionale Verschränkung von kultureller Herkunft und dem Geschlecht von Schülerinnen und Schülern auf die Geschlechtstypik und Prestige ihrer Berufswünsche nimmt. Sie können zeigen, dass in beiden Dimensionen signifikante Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen aus sechs unterschiedlichen kulturellen Herkunftskontexten bestehen. Alexandra Wicht und Matthias Siembab betrachten im Anschluss daran die Geschlechtstypik der Berufsaspirationen von Schülerinnen und Schülern nach Herkunftsland. Sie interessieren sich insbesondere dafür, welche Bedeutung Merkmale des Aufnahmekontexts und des Herkunftskontexts für die Berufswünsche haben. Ihre Ergebnisse zeigen, dass insbesondere Jungen mit Migrationshintergrund geschlechtsuntypische Berufe anstreben, und diese lassen sich mit Merkmalen der Herkunftsländer in Verbindung bringen. Stephanie Oyenhausen und Mona Granato gehen im dritten Beitrag der selten untersuchten Frage nach, warum Jugendliche bestimmte Berufe aus ihrem Aspirationsfeld ausschließen. Bei ihren Überlegungen gehen sie davon aus, dass neben den Faktoren der Kompromissbildung bei Gottfredson (1981) noch weitere, spezifische Faktoren für die Nicht-Wahl von Berufen verantwortlich sind. Empirisch stellt sich heraus, dass neben beruflichen Kenntnissen, der Erfolgserwartung und den antizipierten Arbeitsbedingungen im Beruf vor allem die erwarteten Reaktionen des sozialen Umfelds berufliche Aversionen treiben. Melanie Fischer, Corinna Kleinert, Brigitte Schels und Lea Ahrens untersuchen im vierten Beitrag die Passung von Berufen im Längsschnitt, indem sie aspirierte und später realisierte Ausbildungsberufe von Schülerinnen und Schülern miteinander vergleichen. Im Mittelpunkt ihrer Studie stehen Unterschiede zwischen sozialen Herkunftsgruppen hinsichtlich beruflicher Dimensionen, die für die Statustransmission bedeutend sind. Sie finden heraus, dass die soziale Herkunft die beruflichen Aspirationen stärker prägt als die Kompromissbildung im Anschluss. Alle genannten Beiträge verwenden offene Angaben zu idealistischen oder realistischen Wunschberufen, um berufliche Aspirationen zu messen und verknüpfen diese mit externen Informationen zu den interessierenden beruflichen Merkmalsdimensionen, z.B. zur Geschlechtlichkeit oder dem Prestige. Birgit Ziegler geht zum Abschluss einen anderen Weg: Sie hat ein diagnostisches Instrument entwickelt, das das individuelle Feld akzeptabler beruflicher Alternativen direkt erfasst. In ihrem Vortrag stellt sie Befunde aus der Evaluationsstudie zum Einsatz des digitalen Tools vor und zeigt, dass es geeignet ist, um den sozialen Raum beruflicher Aspirationen zu erfassen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Berufliche Aspirationen von Schüler*innen unterschiedlicher kultureller Herkunft

Svenja Ohlemann1, Katja Driesel-Lange2
1Technische Universität Berlin, 2Westfälische Wilhelmsuniversität Münster

Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand: Die berufliche Entwicklung von Heranwachsenden wird durch zahlreiche endogene und exogene Faktoren beeinflusst (Patton & McMahon, 2017). Insbesondere wirken sich Geschlecht und Herkunft aus (Beicht & Walden, 2019). Daneben ist für eine gelingende Gestaltung des Berufswahlprozesses ausschlaggebend, ob Jugendliche bereits über konkrete berufliche Aspirationen verfügen. Denn der Berufswunsch wirkt wie ein Katalysator auf die eigene Entwicklung aus (Brüggemann, 2015), indem Explorationsprozesse angeregt werden (Driesel-Lange, Kinast, Weyland & To, 2018). Nach Gottfredsons (1981) Modell der Eingrenzung und Kompromissbildung ist die Suche nach einem passenden Anschlussweg eng mit dem Prestige und der Geschlechtskonnotation eines Berufs verbunden. Steinritz, Lehmann-Grube, and Ziegler (2016) konnten dies empirisch zeigen: Jugendliche wählen also Berufe, deren Geschlechtskonnotation ihrem eigenen Geschlecht entspricht. Außerdem fällt das Aspirationsfeld der Mädchen im Vergleich zu dem der Jungen insgesamt größer aus und weist ein niedrigeres Mindestprestiges auf (ebd.). Empirische Studien verdeutlichen Differenzen im Berufswahlverhalten von Jugendlichen verschiedener kultureller Herkunft und in Verschränkung mit dem Geschlecht. Boos-Nünning und Karakaşoğl (2004) haben den Einfluss unterschiedlicher Kulturkreise auf das Berufswahlverhalten junger Migrantinnen untersucht und konnten in den Bildungsvoraussetzungen und -verläufen in Abhängigkeit der kulturellen Zugehörigkeit Varianz aufzeigen. Intersektionale Betrachtungen von Geschlecht und Kultur sind angesichts der empirischen Befunde auch bezüglich der beruflichen Aspirationsbildung notwendig.

Fragestellung: Die Studie untersucht, inwiefern sich die beruflichen Aspirationen von Schülerinnen und Schülern in Abhängigkeit ihrer kulturellen Herkunft unterscheiden. Die erste Hypothese geht davon aus, dass sich das Prestige der angegebenen Berufswünsche in Abhängigkeit des Geschlechts und der kulturellen Herkunft unterscheidet (H1). Die zweite Hypothese besagt, dass auch Unterschiede hinsichtlich der Geschlechtskonnotation der angegebenen Berufswünsche in Bezug auf die beiden Faktoren bestehen (H2).

Methode: Im Herbst 2018 wurden Tablet-basierte Fragebogenerhebungen an fünf Gymnasien, vier Gesamtschulen und zwei Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen und Berlin durchgeführt. Die Teilnehmenden machten Angaben zum Berufswunsch und Geschlecht. Zur Erfassung der kulturellen Herkunft wurde die in ihrer Familie gesprochene Sprache herangezogen. Erfragt wurden Sprachen, die eindeutig einem Kulturkreis zuordenbar sind und gleichzeitig in den häufigsten Einwanderungsländern Deutschlands gesprochen werden. Vollständige Datensätze lagen von N = 1991 Jugendlichen vor. Diese waren im Durchschnitt 14.87 Jahre (SD = 1.97, Min = 11.00, Max = 20.50) alt, n = 1115 von ihnen (56 %) weiblich. Zur Quantifizierung des Prestiges und der Geschlechtskonnotation der Berufswünsche von Schüler*innen wurde auf Werte aus einer Studie von Steinritz, Kayser und Ziegler (2012) zurückgegriffen: Jedem Berufswunsch wurden zwei Werte – für Prestige und Geschlecht - zugeordnet, die jeweils zwischen 1 = sehr niedriges Ansehen bzw. ‚Männerberuf‘ und 9 = ‚sehr hohes Ansehen‘ bzw. ‚Frauenberuf‘ liegen (Steinritz et al., 2012). Zur Überprüfung der beiden Hypothesen wurden zwei Kruskal-Wallis-Tests durchgeführt. Dabei bildeten zwölf Gruppen bestehend aus Mädchen bzw. Jungen aus sechs Kulturkreisen (deutsch: 58.7 %, türkisch: 18.5 %, arabisch: 9.9 %, kurdisch: 4.9 %, russisch: 4.2 %, polnisch: 3.8 %). Die unabhängige Variable, die abhängige Variable war in der ersten Analyse der durchschnittliche Prestigewert, in der zweiten Untersuchung die durchschnittliche Geschlechtskonnotation der Berufswünsche.

Ergebnisse: Die Berufswünsche der zwölf Gruppen lassen sich mittels ihrer Prestige- und Geschlechtswerte auf einer Landkarte der beruflichen Aspiration abbilden. Die Kruskal-Wallis-Tests bestätigen dabei sowohl in Hinblick auf das Berufsprestige als auch auf die Geschlechtskonnotation signifikante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen unterschiedlicher kultureller Herkunft. Signifikante Unterschiede in den Prestigewerten zeigen sich insbesondere mit einer hohen Ausprägung bei Mädchen türkischer Herkunft (M = 6.32, SD = 1.08) sowie mit einem niedrigen Niveau bei Jungen polnischer Herkunft (M = 5.28, SD = 1.00). In Hinblick auf die Geschlechtskonnotation bestehen unterschiedlich starke Differenzen zwischen, jedoch nicht innerhalb der Geschlechter in Abhängigkeit der kulturellen Herkunft. Die signifikanten Unterschiede werden in ihrer Bedeutung für die pädagogische Praxis einer individualisierten Berufs- und Studienorientierung nebst den Grenzen der Studie diskutiert.

 

Ethnizität und „learning gender“: Warum streben Jugendliche mit Migrationshintergrund geschlechtstypische Berufe an?

Alexandra Wicht1, Matthias Siembab2
1GESIS – Leibniz Institut für Sozialwissenschaften, 2Universität Siegen

Theoretischer Hintergrund: Die geschlechtsspezifischen Berufsorientierungen Jugendlicher sind ein wesentlicher Faktor für die horizontale Segregation westlicher Arbeitsmärkte in typische »Frauenberufe« und »Männerberufe« und damit verbundene Ungleichheiten, wie beispielsweise die unterschiedliche Entlohnung von Frauen und Männern (Charles & Grusky, 2004; Busch, 2013). Die Geschlechterkonnotation von Berufen ist jedoch nicht universell gültig, sondern abhängig von den soziokulturellen sowie strukturellen Gegebenheiten einer Gesellschaft (Hofstede & Hofstede, 2006). Nationalspezifische Besonderheiten von Arbeitsmärkten bilden somit einen entscheidenden Kontext, der Einfluss auf die geschlechtsspezifische Berufsorientierungen Jugendlicher nehmen kann.

Fragestellung: In unserem Beitrag untersuchen wir Unterschiede in den geschlechtsspezifischen Berufsorientierungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, um die Bedeutung verschiedener nationalgesellschaftlicher Kontexte herausstellen zu können. Bislang ist noch nichts darüber bekannt, inwiefern das Zusammenspiel von Geschlecht und Migration einen Beitrag zur Erklärung von Selbstselektionsprozessen Jugendlicher in geschlechtsspezifische Bewerberpools leisten kann. Aus der Perspektive der Theorie des sozialen Lernens (Lent, Brown, & Hackett, 1994) sind Jugendliche mit Migrationshintergrund für die Erklärung geschlechtstypischer Berufsorientierungen von besonderem Interesse, da ihre Vorstellungen in Bezug auf die beruflichen Karrieren von Männern und Frauen vom jeweiligen soziostrukturellen Kontext des Heimatlands sowie des Ziellands beeinflusst sein können (Portes & Rumbaut, 2001; Wicht, 2016). Entsprechend entwickeln wir Hypothesen mit Bezug auf das Ziel- und Herkunftsland. Die ersten beiden Hypothese nehmen das Zielland (Deutschland) in den Blick: Unterschiede zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Deutschen sollten mit zunehmender Migrationsgeneration abnehmen und zwar (1) aufgrund zunehmender Informationen über die strukturellen Bedingungen des deutschen Arbeitsmarktes und/oder (2) aufgrund von Sozialisationsprozessen in der aufnehmenden Gesellschaft. Die dritte Hypothese berücksichtigt den strukturellen Kontext im jeweiligen Herkunftsland: (3) Unterschiede in den geschlechtstypischen Berufsorientierungen zeigen sich insbesondere für strukturell vom deutschen Kontext abweichende Herkunftsländer im Sinne von Frauenerwerbsbeteiligung und Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt.

Methode: Wir verwenden repräsentative Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), das umfassende Informationen über die Berufsorientierungen Jugendlicher in Klasse 9 bereitstellt. Wir stützen uns auf zwei Startkohorten des NEPS, Startkohorte 3 (Ersterhebung in Klasse 5) und 4 (Ersterhebung in Klasse 9), die wir zu einem Querschnittsdatensatz verschmelzen. Wir untersuchen getrennt nach Geschlecht, ob sich die geschlechtstypischen Berufsorientierungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Die Geschlechtstypik des angestrebten Berufs bilden wir über den Frauenanteil in dem Beruf ab, von dem Jugendliche glauben, dass sie ihn erlernen werden (Berufserwartungen). Um die verschiedenen Hypothesen untersuchen zu können, greifen wir zusätzlich auf Informationen über Berufsinteressen und Berufswünsche zurück sowie strukturelle Daten über die Geschlechtersegregation des Arbeitsmarktes in den jeweiligen Herkunftsländern.

Ergebnisse: Unsere vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Jungen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Einheimischen häufiger geschlechtsuntypische Berufe anstreben – also Berufe mit einem vergleichsweise höheren Frauenanteil; herkunftsspezifische Unterschiede zwischen Mädchen lassen sich hingegen nicht nachweisen. Mit Blick auf die ersten beiden Hypothesen zeigt sich: Je länger die Jugendlichen bzw. ihre Familien in Deutschland leben, desto geringer sind die Unterschiede zu den Berufsorientierungen der Einheimischen, d.h. sie streben bezogen auf den deutschen Kontext geschlechtstypischere Berufe an. Die abnehmenden Unterschiede scheinen insbesondere auf Sozialisationsprozesse im Zielland zurückzuführen zu sein. Auch die Annahmen zu den strukturellen Bedingungen im Herkunftsland bestätigen sich in unseren ersten Analysen – ebenfalls nur für männliche Migranten: Jungen aus Ländern mit niedriger Frauenerwerbsquote und Jungen aus Herkunftsländern mit hoher Frauenerwerbsquote und geringer Geschlechtersegregation streben eher Berufe mit einem höheren Frauenanteil an.

 

Warum werden Berufe nicht gewählt?

Stephanie Oeynhausen, Mona Granato
Bundesinstitut für Berufsbildung

Theoretischer Hintergrund: Welche beruflichen Aspirationen junge Menschen entwickeln und welche Berufswahl sie im weiteren Bildungsverlauf realisieren können, beeinflusst ihre künftigen beruflichen und gesellschaftlichen Teilhabechancen maßgeblich. Die Berufswahlforschung, die Berufswahl als Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt versteht, hat zentrale personale, soziale und institutionelle Einflussfaktoren des Berufsfindungsprozesses herausgearbeitet, die die beruflichen Aspirationen junger Menschen beeinflussen (können) (Bußhoff 1985). Die umgekehrte Frage, warum Berufe nicht gewählt werden, gewinnt angesichts des steigenden Fachkräfteengpasses zunehmend an Bedeutung. Eine zentrale, theoretisch zu beantwortende Frage ist dabei, ob die Nichtwahl von Berufen den gleichen Logiken folgt wie die Wahl eines Berufes. Ein Anknüpfungspunkt bietet dabei die Theorie von L. Gottfredson (1981), die Berufsfindung als Ausschlussprozess begreift: Von der Kindheit an werden Berufe, die als geschlechtsuntypisch und vom Prestige her als zu gering wahrgenommen werden, schrittweise aus dem beruflichen Aspirationsfeld ausgeschlossen. Als Berufswahlmotiv rangiert demnach eine positive Verortung im sozialen Raum (wahrgenommene soziale Passung) weit vor dem Tätigkeitsinteresse (Tätigkeitspassung). Dem Modell von Herzberg et al. (1959) folgend geht dieser Beitrag davon aus, dass es in der Berufsfindung neben Attraktionsfaktoren auch Aversionsfaktoren gibt, die beim Ausschluss von Berufen bedeutsam sind.

Forschungsfragen: Dem Beitrag liegt die Ausgangshypothese zugrunde, dass die Nichtwahl von Berufen anderen Logiken als die Wahl eines Berufes folgt. Das Vorhandensein von Aversionsfaktoren führt so Herzberg et al. (1959) dazu, dass Berufe als mögliche Berufswahloption ausgeschlossen werden, auch dann, wenn gleichzeitig Attraktionsfaktoren wirken. Im Fokus dieses Beitrags steht daher weniger, welche Attraktionsfaktoren Jugendliche motiviert, einen Beruf zu ergreifen, sondern, welche Aversionsfaktoren sie motiviert, einen Beruf aus ihrer Berufswahl auszuschließen. Zentrale Fragen sind: (1) Welche Bedeutung haben Tätigkeitspassung und soziale Passung auf die Neigung einen Beruf (nicht) zu ergreifen? (2) Welche weitere Faktoren wirken als Aversionsfaktoren? Der Beitrag prüft u.a. folgende Forschungshypothesen: (1) Je geringer die erwartete soziale Passung ist (d.h. je höher erwartete negative Reaktionen des sozialen Umfeldes (Aversionsfaktor)) sind, desto geringer ist die Neigung zu einem bestimmten Beruf. (2) Eine geringere soziale Passung schwächt den Zusammenhang zwischen Tätigkeitspassung und der Neigung den Beruf zu ergreifen ab.

Methode: Die Annahmen werden mithilfe von Interaktionseffekten in multivariaten Regressionsmodellen im Rahmen einer Paper/Pencil Befragung von Schülerinnen und Schülern (n (brutto) 2.062; n (netto) 1.472) neunter und zehnter Klassen allgemeinbildender Schulen (HS, RS, Gymnasium) in Nordrhein-Westfalen geprüft. Dabei handelt es sich um eine regional geclusterte und geschichtete Klumpenstichprobe (Ausbildungsmarktcluster nach IAB). Im Fokus stehen Berufe mit bzw. ohne Mangel an Fachkräftenachwuchs (vu.a. Pflegeberufe).

Ergebnisse: Es lassen sich vier Aversionsfaktoren herausarbeiten, welche den zentralen Attraktionsfaktor Tätigkeitspassung moderieren: (1) Die Befürchtung, dass eine bestimmte Berufswahl zu negativen Reaktionen im sozialen Umfeld führen könnte (mangelnde soziale Passung), (2) die Erwartung, dass die Rahmenbedingungen eines bestimmten Berufes (Vergütung, Arbeitszeiten etc.) nicht zu den eigenen Zielvorstellungen passen (mangelnde Rahmenbedingungspassung), (3) die Antizipation mangelnder Chancen in einem bestimmten Beruf (mangelnde Realisierbarkeit) sowie (4) mangelnde Kenntnisse über einen bestimmten Beruf (mangelnde Urteilssicherheit). Die empirischen Ergebnisse bestätigen, dass die untersuchten Aversionsfaktoren (1) eigenständige negative Effekte auf die Neigung einen Berufen zu ergreifen haben und (2) den positiven Effekt des Attraktionsfaktors Tätigkeitspassung signifikant abschwächen: Je höher die Tätigkeitspassung, desto eher können sich Jugendliche vorstellen später in Berufen mit Besetzungsproblemen (hier Pflegeberufe) zu arbeiten. Der Aversionsfaktor „geringe(re) soziale Passung“ schwächt den (positiven) Zusammenhang zwischen Tätigkeitspassung und der Neigung zu einem Pflegeberuf ab, wodurch die Neigung zum Beruf signifikant sinkt. Berufe werden entsprechend dem theoretischen Modell von L. Gottfredson (1981), trotz vorhandener Tätigkeitspassung, eher nicht gewählt, wenn ihre Wahl vermutlich zu negativen Reaktionen des sozialen Umfeldes („Berufe als Definitionsräume sozialer Identität“) führt. Die Erwartung einer mangelnden Rahmenbedingungspassung im Beruf, die Erwartung mangelnder Chancen und mangelnde Berufskenntnisse sind weitere Aversionsfaktoren, die sich auf die Berufsfindung hemmend auswirken und sich empirisch belegen lassen.

 

Soziale Herkunft und Kompromissbildung zwischen Berufsaspirationen und Berufswahlentscheidungen

Melanie Fischer1, Brigitte Schels1, Corinna Kleinert2, Lea Ahrens3
1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Universität Bamberg, 3Leibniz-Institut für Bildungsverläufe

Fragestellungen: Die Studie beschäftigt sich mit der Passung von Berufsaspirationen und erstem Ausbildungsberuf Jugendlicher und dabei bestehenden sozialen Unterschieden. Mit Ausbildungseintritt entscheiden sich Jugendliche für einen ersten Beruf, der ihre Erwerbschancen nachhaltig prägt. Im Prozess des Statuserwerbs kommt den Berufsaspirationen eine zentrale Rolle zu. Dabei betont die psychologische Berufswahlliteratur (z.B. Gottfredson 1981), dass Jugendliche ihre Berufsaspirationen noch zum Ende der Schulzeit an die Opportunitätsstrukturen im Bildungssystem und Ausbildungsmarkt anpassen. Dies betrifft insbesondere Abgänger/innen der Sekundarstufe I, die sich auf Ausbildungsplätze bewerben. Dennoch ist über die Kompromissbildungsleistung der Jugendlichen noch wenig bekannt. Wir betrachten folgende Fragestellungen: (1) Bestehen soziale Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche mit der Erstausbildung ihre Aspirationen umsetzen? (2) Wenn sie die Aspirationen nicht umsetzen können, in welchen Dimensionen gehen Jugendliche Kompromisse bei der Ausbildungsberufswahl ein? Bestehen soziale Disparitäten und wie sind diese zu erklären?

Theoretischer Hintergrund: Eine Kompromissbildung entlang von Opportunitätsstrukturen ist anschlussfähig an Theorien rationaler (Bildungs-)Entscheidungen, nach der familiäre Bildungsressourcen von Bedeutung sind (Erikson & Jonsson 1996). Zum einen bestehen Leistungsunterschiede (Boudon 1974), die Jugendlichen höherer sozialer Herkunft einen Vorteil auf dem kompetitiven Ausbildungsmarkt verschaffen. Zum anderen können Eltern ihre Kinder mit wertvollen Informationen über das Ausbildungssystem unterstützen, wenn sie dieses selbst durchlaufen haben (Richter 2016). Folglich sollten Jugendliche aus ausbildungsmarktnahen Elternhäusern bereits in der Berufsorientierungsphase treffendere Aspirationen entwickeln. Unsere erste Annahme ist, dass Jugendliche aus bildungsnahen und ausbildungserfahrenen Elternhäusern ihre Berufsaspirationen eher umsetzen können als Jugendliche aus bildungsfernen Familien. Die sozialen Unterschiede können z.T. durch die schulischen Leistungen und das Aspirationsniveau der Jugendlichen erklärt werden. Müssen die Jugendlichen auf einen anderen Ausbildungsberuf als ihre Berufsapiration ausweichen, können sie auf unterschiedlichen Berufsdimensionen Kompromisse eingehen. Berufe erfüllen menschliche Bedürfnisse unterschiedlicher Ebenen (Sicherheit, Soziales, Wertschätzung, Selbstverwirklichung) (Aldefer 1969). Wir interessieren uns insbesondere für Dimensionen, die für die Statustransmission bedeutend sind: Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit, Prestige, Arbeitszeiten. Wir nehmen an, dass Jugendliche je nach sozialer Herkunft unterschiedlich stark kompromissbereit sind. Jugendliche höherer sozialer Herkunft sollten eher Kompromisse eingehen, da sie diese aufgrund ihrer Familienressourcen substituieren können. Ausnahme, so ist die Erwartung, ist das Prestige, da Jugendliche höherer sozialer Herkunft das familiäre Ansehen wahren und Statusverluste vermeiden wollen (Breen & Goldthorpe 1997).

Methode: Wir nutzen die Längsschnittdaten der Startkohorte 4 des Nationalen Bildungspanels (NEPS), in denen sowohl die realistischen Berufsaspirationen der Jugendlichen zum Ende der Schulzeit als auch der spätere Ausbildungsberuf erfasst sind. Die Berufsangaben, die über die Klassifikation der Berufe kodiert sind, reichern wir mit Strukturinformationen aus der Stichprobe der Integrierten Erwerbsbiografien (SIAB) und des Mikrozensus an. Das Analysesample für unsere erste Fragestellung umfasst 2316 Jugendliche an Haupt- und Realschulen, die zum Ende der Schulzeit eine Berufsaspiration angegeben haben und in Ausbildung eingetreten sind. Die abhängige Variable ist die Übereinstimmung zwischen Berufsaspiration und Ausbildungsberuf. Für Fragestellung 2 betrachten wir 1221 Jugendliche, die ihre Berufsaspiration nicht umsetzen konnten. Die AVs bilden die Kompromissbildung in Form der Differenz zwischen Berufsaspiration und Ausbildungsberuf in den Dimensionen Einkommen, Arbeitslosenquote, Prestige (SIOPS) und Anteil Beschäftigter mit atypischen Arbeitszeiten im Beruf ab. Mit logistischen (Fragestellung 1) und linearen Regressionen (Fragestellung 2) prüfen wir soziale Unterschiede nach Bildungsstand der Eltern und Anforderungsniveau der elterlichen Berufe. In erweiterten Modellen werden Schulzweig, Kompetenzen und Aspirationsniveau als Mediatoren aufgenommen. Es werden getrennte Modelle für Jungen und Mädchen gerechnet.

Ergebnisse: Erste Ergebnisse zeigen, dass Herkunftsunterschiede stärker prägen, ob Jugendliche ihre Berufsaspiration umsetzen können (Fragestellung 1) als die nachgelagerte Kompromissbildung (Fragestellung 2). Dabei ist insbesondere das Anforderungsniveau der elterlichen Berufe relevant, weniger der Bildungshintergrund. Insbesondere Kinder von Akademikereltern, die also ferner von der Berufsausbildung sind, gehen Kompromisse ein, die erwarteten Unterschiede nach einzelnen beruflichen Dimensionen zeigen sich jedoch nicht. Die sozialen Unterschiede können durch Schulleistungen und Aspirationsniveau nicht vollständig aufgeklärt werden.

 

Potentiale der Erfassung des beruflichen Aspirationsfeldes

Birgit Ziegler
Technische Universität Darmstadt

Theoretischer Hintergrund: In der Berufswahlforschung und Berufswahlberatung hierzulande kommen vermehrt Interesseninventare zum Einsatz. Weniger prominent ist die Erfassung beruflicher Aspirationen. In der internationalen Berufswahlforschung wird beruflichen Aspirationen jedoch eine mindestens gleichwertige Relevanz in der Beratung und Vorhersagequalität bescheinigt, wie Interessen (Rojewski 2005, 2007). Hinweise auf die prädiktive Bedeutung von Aspirationen für realisierte berufliche Laufbahnen liefern u.a. Befunde von Gottfredson L.S. & Becker (1981); Trice & McClellan (1993); Schoon & Polek (2011); Lawson et al (2018). Während Aspirationen als idealistisch gelten, werden Erwartungen als Ausdruck realitätsbezogener Überlegungen verstanden, die potentielle Zugangshürden sowie persönliche und soziale Barrieren berücksichtigen. Daher werden in einigen Studien über gezielte Stimuli sowohl (idealistische) Aspirationen als auch (realistische) Erwartungen erhoben (Trice & King 1991; Armstrong & Crombie 2000). Dies erfolgt in der Regel über singuläre Items. Analysen zur Mehrdimensionalität von Aspirationen folgend (Johnson 1995) und unter Bezugnahme auf die Eingrenzungs- und Kompromisstheorie von L.S. Gottfredson 1981, 1996, 2005) wurde ein diagnostisches Instrument entwickelt, das das individuelle berufliche Aspirationsfeld als „Social Space“ in seiner Gänze erfasst (Ziegler, Engin & Rotter 2019). Dies erfolgt über Einschätzungen zu den Dimensionen Geschlechtstyp- und Prestige von Berufen sowie als dritter Dimension über die Berufsbezeichnungen, die das verinnerlichte Berufsimage sowie Assoziationen zu beruflichen Tätigkeitsfeldern aktivieren (Eberhard; Krewerth & Ulrich 2010). Das von den Probanden eingegrenzte Feld wird als berufliches Aspirationsfeld bzw. Feld akzeptabler beruflicher Alternativen interpretiert und der Theorie entsprechend als Ausdruck der sozialen Selbstverortung verstanden. Wenngleich mit Gottfredson (1981) unterstellt wird, dass berufliche Aspirationen, die das Feld akzeptabler Berufe bilden, sich nicht lediglich über Passungserwägungen zwischen Selbstkonzept und Berufskonzepten, sondern auch über Einschätzungen zur Erreichbarkeit von Berufspositionen konstituieren, lassen sich dennoch Berufe im oberen Prestigebereich als eher idealistische oder besser „optimistische“ Aspirationen deuten, während Berufe im unteren Feld eher realistischen Aspirationen resp. Erwartungen entsprechen. Der Range eines Aspirationsfeldes auf der Prestigedimension lässt sich demnach auch als Ausdruck von Diskrepanzen zwischen (idealistischen) Aspirationen und Erwartungen interpretieren. Mitunter bezugnehmend auf Modelle und Erkenntnisse zu Konzepten von Kindern und Jugendlichen zur Berufswahl (Howard & Walsh 2010, 2011) scheint uns die Erfassung von Berufsaspirationen über diesen diagnostischen Zugang vielversprechend. Er liefert Ansatzpunkte sowohl für Interventionen bei Jugendlichen im beruflichen Orientierungsprozess als auch für die Forschung zu Eingrenzungs- und Kompromissprozessen. Erste Befunde aus einer Vorstudie über Paper & Pencil bestätigten dies (Steinritz et al 2016), weitere Hinweise liefert die Studie von Matthes (2019). Im Vortrag werden Befunde aus der Evaluationsstudie zum Einsatz des digitalen Tools zur Erfassung des beruflichen Aspirationsfeldes (IbeA) in Schulklassen (Gymnasium und Berufsfachschule) vorgestellt und die Potentiale dieses diagnostischen Zugangs erläutert.

Fragestellung: Mit welcher diagnostischen Qualität kann das berufliche Aspirationsfeld von Jugendluchen erfasst werden? Welche Analysepotentiale erschließen sich aus der Erfassung?

Methode: Das digitale Instrument wurde in zwei 10. Klassen am Gymnasium und in vier Klassen des Übergangssystems eingesetzt. Zu 73 Datensätzen wurden Analysen der beruflichen Aspirationsfelder zu Lage und Dichte des Aspirationsfeldes durchgeführt. Zudem wurde die Kongruenz zwischen dem indirekt über die Berufecodierung der im Aspirationsfeld befindlichen Berufe ermittelten Interessenprofil und dem über den AIST-R (2005) erhobenen Interessenprofil über den Ichan-Index (Iachan 1990) berechnet. Als Indikator der Konstruktvalidität wird geprüft, inwieweit frei genannte Berufswünsche sich innerhalb der Grenzen des Aspirationsfeldes befinden.

Ergebnisse: Die bisherigen Befunde zu signifikanten Unterschieden zwischen Aspirationsfeldern von weiblichen und männlichen Jugendlichen insbesondere auf der Geschlechtsdimension werden bestätigt (Steinritz et al 2016; Engin 2016). Zudem zeigen sich signifikante Unterschiede abhängig von der Schulart. Die Kongruenz zwischen den über ermittelten Interessenprofilen liegt im Mittel bei Iachan-Wert = 19 (Range 0 ..28). Ein signifikanter Anteil frei genannter Berufswünsche liegt innerhalb der Grenzen des Aspirationsfeldes, was Theorieelemente Gottfredsons (1981, 1996, 2005) bekräftigt.