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Sitzungsübersicht
Sitzung
M11-S17: Treffen sich 11 Fachdidaktiker*innen...-Fachspezifische Lehrkraftkompetenzen im Erklären (FALKE)
Zeit:
Mittwoch, 25.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: S17

Präsentationen

Treffen sich 11 Fachdidaktiker*innen ... - Fachspezifische Lehrkraftkompetenzen im Erklären (FALKE)

Alfred Lindl1, Anita Schilcher1, Stefan Krauss1, Katharina Asen-Molz1, Mario Frei1, Eileen Gunga1, Renate Murmann1, Oliver Tepner1, Matthias Weich1, Arne Dittmer1, Birgit Eiglsperger1, Christina Ehras1, Michael Elmer1, Michael Fricke1, Lisa Gaier1, Maria Gastl-Pischetsrieder1, Jana Heinze1, Sven Hilbert1, Petra Kirchhoff1, Josef Memminger1, Gabriele Puffer2, Astrid Rank1, Karsten Rincke1, Simone Röhrl1, Anna-Maria Ruck1, Christiane Thim-Mabrey1

1Universität Regensburg, Deutschland; 2Universität Augsburg, Deutschland

Die Präsentation eines großen interdisziplinären Projekts ist mehr als die Summe aufeinander folgender, ähnlich strukturierter, eigenständiger Vorträge. Denn dem verbindenden Gedankenaustausch, den wechselseitigen Bezugnahmen und der intensiven Zusammenarbeit zwischen den involvierten Fächern einerseits sowie deren domänenspezifischen Akzent- und bewussten Absetzungen voneinander andererseits werden traditionelle Beitragsformate kaum gerecht, sodass der Mehrwert solcher Kooperationen für Dritte oft nicht sichtbar wird. Um deren Charakter und Chancen, aber auch Herausforderungen und Limitationen zu vermitteln, bietet sich daher ein offenes Beitragsformat an, in dem jede beteiligte Disziplin mit ihren genuinen Denkformen und -ansätzen Berücksichtigung finden und zur Geltung kommen kann.

Am interdisziplinären Projekt FALKE (Fachspezifische Lehrkraftkompetenzen im Erklären), das im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung an der Universität Regensburg vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, sind insgesamt 13 verschiedene Disziplinen beteiligt. Hierzu gehören die elf Unterrichtsfächer Biologie, Chemie, Deutsch, Englisch, Evangelische Religionslehre, Geschichte, Grundschulpädagogik, Kunst, Mathematik, Musik und Physik sowie die Sprach- und Sprechwissenschaft. Auf gemeinsamer theoretischer und methodischer Basis untersuchen diese das unterrichtliche Erklären von Lehrkräften aus fachübergreifender und insbesondere fachspezifischer Perspektive.

Als zentrale Facette des fachdidaktischen Wissens wird Erklärkompetenz zwar bereits in Shulmans (1986) einflussreicher Taxonomie des Lehrerprofessionswissens beschrieben und demgemäß u. a. im COACTIV-Programm (Kunter et al. 2011) und im Forschungsprojekt FALKO (Krauss et al. 2017) modelliert. Die Befundlage zu Merkmalen guten Erklärens ist allerdings je nach Betrachtungswinkel und Bezugsdisziplin uneinheitlich und insgesamt als defizitär zu erachten. Neben einigen theoretischen, allgemeinpädagogischen und gesprächsanalytischen Zugängen (z. B. Kiel 1999, Wittwer & Renkl 2008, Vogt 2009, Becker-Mrotzek et al. 2013, Lehner 2018) liegen nämlich v. a. in mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen vereinzelt fachspezifische Arbeiten zum Erklären in Unterrichtssituationen vor (z. B. Mathematik: Prediger & Erath 2014, Wörn 2014, Physik: Kulgemeyer & Tomczyszyn 2015). Abgesehen von Wirtschaft und Rechnungswesen (Schopf & Zwischenbrugger 2015, Findeisen 2017) und ersten heuristischen oder qualitativen Ansätzen (z. B. Deutsch: Neumeister 2011, Englisch: Seedhouse 2009, Rathausky 2010) fehlen aber in den gesellschaftsbezogenen, sprachlichen sowie ästhetisch bildenden Unterrichtsfächern entsprechende empirische Studien. Dieses Desiderat greift FALKE auf (Schilcher et al. 2017, Lindl et al. 2019).

Das Konstrukt des Erklärens wurde darin in kritisch reflektierendem Anschluss an verschiedene, in der Literatur vorgeschlagene Definitionen (z. B. Kiel 1999, Leinhardt 2001, Wagner & Wörn 2011, Prediger & Erath 2014) gemeinsam theoretisch konzeptualisiert und mittels eines für alle Disziplinen nahezu identischen Studiendesigns erfasst. Hierzu dient ein Onlinefragebogen mit jeweils sechs, zirka dreiminütigen Erklärvideos pro Fach als ökologisch möglichst validen Stimuli (Seidel & Thiel 2017). Diese beinhalten typische unterrichtliche Erklärsituationen mit konkretem Lehrplanbezug, unterscheiden sich gezielt hinsichtlich wesentlicher (fach-)heuristischer Aspekte und werden systematisch variiert präsentiert. Zu diesen Lehrkrafterklärungen wird zum einen ein Globalurteil auf einer sechsstufigen Notenskala (inkl. Tendenz und offener Begründung) abgegeben. Zum anderen werden sie anhand fachübergreifend einheitlicher Items mit sechsstufigen Ratingskalen zur Strukturiertheit (4 Items), Adressatenorientierung (4/5), sprachlichen Verständlichkeit (4), zum Sprech- und Körperausdruck (7) und zur Persönlichkeitswirkung (3) eingeschätzt. Hinzu treten pro Domäne Items zu speziellen Aspekten, die auf fach- bzw. themenspezifische Charakteristika von Erklärungen abheben. Zur Überprüfung der inhaltlichen Passung, der Authentizität und der Nachvollziehbarkeit der verwendeten Videos und Items wurden in allen Disziplinen Expertenbefragungen sowie Pilotierungen durchgeführt und diese ggf. optimiert.

An der Hauptstichprobe nahmen in elf Unterrichtsfächern insgesamt 3010 Personen aus vier verschiedenen Statusgruppen freiwillig sowie unentgeltlich teil: Schüler*innen (N=1396), Studierende (N=833), Lehrkräfte (N=442) sowie Didaktiker*innen (N=339). Aufgrund ihrer jeweils verschiedenen Blickwinkel als Adressat*innen, zukünftige oder vorwiegend praktisch bzw. akademisch erfahrene Erklärer*innen bietet sich eine Triangulation ihrer Perspektiven an, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Einschätzung guten Erklärens und diesbezüglicher Einflussgrößen zu analysieren. Der eingesetzte Fragebogen weist in jeder Domäne und bezüglich aller Skalen zufriedenstellende interne Konsistenzen auf, die mittels des Reliabilitätsindikators Cronbachs Alpha bestimmt wurden. Die Varianzbreite der Einschätzungen bezüglich derselben Videos ist innerhalb einer Statusgruppe wie auch zwischen diesen nicht nur deskriptiv auffällig (Lindl et al. 2019). Vielmehr zeigen sich in mehrfaktoriellen Varianzanalysen mit gemischtem Design in allen Disziplinen überwiegend plausible signifikante Differenzen zwischen den vier Statusgruppen wie auch vornehmlich erwartungskonforme Unterschiede hinsichtlich der jeweils fachheuristischen Variationen in den Erklärungen. Weiterführende Mehrebenenanalysen verdeutlichen einerseits, dass die Prädiktoren Strukturiertheit, Adressatenorientierung, Sprech- und Körperausdruck sowie sprachliche Verständlichkeit fach- und statusgruppenabhängig variabel mit der Globaleinschätzung einer Erklärung assoziiert sind. Andererseits erweisen sich abgesehen von fachspezifischen Aspekten transdisziplinär Adressatenorientierung, Strukturiertheit sowie Sprech- und Körperausdruck als signifikant und bedeutsam für die wahrgenommene Erklärqualität.

Das vorliegende offene Beitragsformat soll Einblicke in zentrale Projektphasen sowie -ergebnisse von FALKE gewähren und die eigene Dynamik, gegenseitige Befruchtung wie auch den potenziellen Mehrwert interdisziplinärer Kooperationen darlegen. Um das Publikum in die Berichterstattung einzubeziehen und dessen Aufmerksamkeit über die vorgesehenen 100 Minuten aufrechtzuerhalten, sind verschiedene Sozialformen angedacht, sodass sich Input-, Erprobungs- und Diskussionsphasen abwechseln. Nach knapper Vorstellung des Projekts und Beitragskonzepts soll als Einstieg eines der über 60 Erklärvideos exemplarisch gezeigt und sollen die Teilnehmer*innen zunächst um ihre spontane Einschätzung gebeten werden. Die anzunehmende Meinungsvielfalt wird von drei Vortragenden, die je einem mathematisch-naturwissenschaftlichen, sprach- bzw. geisteswissenschaftlichen und ästhetisch bildenden Fachbereich angehören, aufgegriffen und in einem szenischen Dialog zu einem systematischen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Erklären zusammengefasst. Anhand der heterogenen Befundlage lassen sich anschließend eigene Erfahrungen zum Identifikations- und Einigungsprozess bezüglich gemeinsamer Forschungsdesiderate, -fragen und -methoden schildern, die in Erläuterungen zur verbindenden konzeptuellen Basis, zu leitenden Fragestellungen und zum einheitlichen Studiendesign münden. Im Vordergrund stehen daraufhin Konzeptualisierung und Operationalisierung der fachübergreifenden Aspekte guten Erklärens – Strukturiertheit, Adressatenorientierung, sprachliche Verständlichkeit sowie Sprech- und Körperausdruck –, wobei die unterschiedliche Wirkung von Variationen des letzten Kriteriums den Zuhörer*innen durch eine Sprechwissenschaftlerin beispielhaft vorgeführt wird. Mit Fokus auf die fachspezifischen Aspekte wird ferner exemplarisch aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchtet, welche domänenspezifischen Denkschemata beim Erklären im jeweiligen Unterrichtsfach zum Tragen kommen (z. B. die Bedeutung sprachlicher Oberflächen- und Tiefenstruktur in Deutsch oder optischer bzw. akustischer Repräsentationsformen in Musik). Nach einer Diskussion von Prinzipien und Herausforderungen bei der Umsetzung der dargelegten Konzepte in den Videovignetten werden einzelne von diesen stellvertretend dargeboten und daran anknüpfend ausgewählte fachspezifische Ergebnisse präsentiert. Diese bereichern zusätzliche qualitative Analysen aus der Sprach- und Sprechwissenschaft und lassen das besondere Erkenntnispotenzial kohärenter interdisziplinärer Forschung aufscheinen. Abgeschlossen wird der Beitrag durch eine Synopse der wesentlichsten Projektresultate und eine moderierte fünfzehnminütige Plenumsdiskussion.