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Sitzungsübersicht
Sitzung
F11‐H04: Bildungsforschung und Bildungspraxis im Dialog: BMBF- Metavorhaben „Digitalisierung im Bildungsbereich"
Zeit:
Freitag, 27.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: H03/H04

Präsentationen

Bildungsforschung und Bildungspraxis im Dialog: BMBF- Metavorhaben „Digitalisierung im Bildungsbereich"

Chair(s): Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen), Barbara Getto (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)

DiskutantIn(nen): Dieter Euler (angefragt) (Universität St. Gallen)

<p align="left">Mit der Strategie "Bildungsoffensive f&uuml;r die digitale Wissensgesellschaft" f&ouml;rdert die Bundesregierung in mehreren Aktionslinien den Aufbau digitaler Kompetenz und das Lernen mit digitalen Medien. Im Rahmenprogramm &bdquo;Empirische Bildungsforschung&ldquo; verfolgt das Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF) das Ziel, die Wirkung gef&ouml;rderter Projekte in der Bildungsforschung zu st&auml;rken, um aktuellen Herausforderungen im Bildungssektor besser begegnen zu k&ouml;nnen. Zu verschiedenen Handlungsfeldern des Rahmenprogramms wurden Metaprojekte (etwa im Bereich kulturelle Bildung, inklusive Bildung oder Digitalisierung) eingerichtet, um den Austausch zwischen den Forschungsprojekten sowie mit der Bildungspraxis zu verbessern und ihre Reichweite zu erh&ouml;hen. Es gilt den Dialog zwischen Bildungsforschung, -praxis, -politik und -verwaltung zu f&ouml;rdern, die Kommunikation und Sichtbarkeit der Bildungsforschung zu verbessern und damit die Wirksamkeit f&uuml;r die gesellschaftliche Entwicklung zu erh&ouml;hen. Dar&uuml;ber hinaus sollen die Metavorhaben auch zur methodischen Weiterentwicklung gestaltungsorientierter Ans&auml;tze der Bildungsforschung beitragen.</p>

<p align="left">Das Metavorhaben begleitet die Projekte der F&ouml;rderlinie &bdquo;Digitalisierung im Bildungsbereich&ldquo; im Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung. Es werden Projektarbeiten und -ergebnisse der Projekte in der F&ouml;rderlinie erfasst und in Dialog- und Expertenforen zur Diskussion gestellt. Der &bdquo;Stand der Forschung&ldquo; zu zentralen Fragen des digitalen Lernens wird in <em>critical reviews</em> erarbeitet, &uuml;ber verschiedene Portale sektorenspezifisch (fr&uuml;he Bildung, allgemeinbildende Schulen, betriebliche/berufliche Bildung, Erwachsenen-/Weiterbildung, Lehrerbildung) kommuniziert und laufenden Fragestellungen und Ergebnissen der F&ouml;rderprojekte gegen&uuml;bergestellt. Im Rahmen des Metavorhabens wird insbesondere die Anlage einer gestaltungsorientierten Bildungsforschung und ihre Wissenskommunikation reflektiert, die gleicherma&szlig;en zu Theorie- und Erkenntnisbildung innerhalb der Wissenschaft wie auch zur Probleml&ouml;sung in Feldern der Bildungspraxis und -politik beitr&auml;gt.</p>

<p align="left">Die traditionelle Sicht von Projektarbeit beruht darauf, Projektergebnisse &ndash; nach Abschluss eines Vorhabens &ndash; in einer Transferphase &bdquo;der Praxis&ldquo; zur Verf&uuml;gung zu stellen. Die Transferproblematik im Kontext von Modellversuchen der BLK wurde bereits Ende der 1980er-Jahre diskutiert und war eine wesentliche Ursache, dass die Einzelmodellversuchsf&ouml;rderung zugunsten der Programmf&ouml;rderung aufgegeben wurde (vgl. Nickolaus, G&ouml;nnenwein, &amp; Petsch, 2010): Ans&auml;tze eines Transfers als unidirektionale Kommunikation (von der Forschung zur Praxis) greifen zu kurz und l&ouml;sen die benannten Forderungen nicht ein. Fischer u.a. (2005) forderten eine &bdquo;nutzeninspirierte Grundlagenforschung&ldquo;, wie sie auch in den &Uuml;berlegungen einer gestaltungs- oder entwicklungsorientierten Bildungsforschung formuliert sind: Reinmann (2005) f&uuml;hrte aus, dass in einem traditionellen Verst&auml;ndnis empirischer Forschung die Entwicklung eines <em>Designs</em> der Forschung <em>vorgeschaltet</em> ist und keine eigenst&auml;ndige wissenschaftliche Erkenntnis beinhaltet (s.a. Preussler, Schiefner-Rohs, &amp; Kerres, 2014; Tulodziecki, Grafe, &amp; Herzig, 2013). Unter dem Schlagwort <em>design based research</em> skizzierte eine Gruppe von Forschenden (The DBR Collective, 2003) ein Vorgehen, das Iterationen einer Optimierung von Interventionen und Artefakten vorsieht (vgl. Barab &amp; Squire, 2004). In dem Symposium steht die Anlage von Ans&auml;tzen zur Realisierung eines Dialogs zwischen Bildungsforschung und &ndash;praxis im Fokus.</p>

<p align="left">Im Metavorhaben wird deswegen das Anliegen verfolgt, eine auf Transfer ausgerichtete Forschungsmethodologie zu entwickeln, bei der &bdquo;Transfer&ldquo; nicht als <em>Folgeaktivit&auml;t</em> am Projektende verstanden wird, sondern integraler Bestandteil der Interaktion von Akteuren, der als Dialog zwischen Forschungsprojekten und Bildungspraxis /-politik organisiert ist. Im Rahmen des Symposiums wird diskutiert, wie die methodische Anlage einer gestaltungsorientierten Bildungsforschung im Kontext der Digitalisierung umgesetzt werden kann. Dazu werden Ans&auml;tze der Wissensverdichtung und -kommunikation sowie Methoden eines dialogbasierten Transferansatzes diskutiert und die Rolle der Metavorhaben er&ouml;rtert.</p>

 

Beiträge des Symposiums

 

Zur Anlage des Metavorhabens "Digitalisierung in der Bildung": Dialogische Formate des Wissenstransfers

Barbara Getto
Universität Duisburg-Essen

Das Metavorhaben "Digitalisierung im Bildungsbereich" begleitet die Projekte des Forschungsschwerpunktes und weitere Förderlinien im Bereich Digitalisierung im Rahmenprogramm "Empirische Bildungsforschung". Das Metavorhaben wird koordiniert am Learning Lab der Universität Duisburg-Essen und ist ein Verbundprojekt der Leibniz-Institute für Bildungsforschung (DIPF, Frankfurt), für Erwachsenenbildung (DIE, Bonn) und für Wissensmedien (IWM, Tübingen) sowie der Universität Duisburg-Essen. Die institutionellen Rahmenbedingungen, Konzepte, Erfolgsbedingungen und Implikationen der digitalen Bildung unterscheiden sich in den einzelnen Sektoren erheblich und die Schnittstellen zwischen formellem, non-formalem und informellem Lernwandel je nach Lebensabschnitt (auch unter den Bedingungen der Digitalisierung). Der Verbund bildet die Expertise in allen Bildungsbereichen der Projekte ab. Die rund 50 Projekte adressieren Fragestellungen in den Bereichen der frühen Förderung, Schule, Hochschule, Lehrerbildung und berufliche Bildung.

Zu den Hauptzielen des Metavorhabens gehört es, Projektergebnisse in einen übergreifenden wissenschaftlichen und sozialen Rahmen zu stellen, Entwicklungen im Forschungsbereich wissenschaftlich aufzubereiten und Forschungslücken zu identifizieren. Darüber hinaus ist ein wichtiger Teil des Vorhabens die Vernetzung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untereinander zu unterstützen und den Austausch mit der Bildungspraxis zu fördern. Die Ergebnisse der geförderten und anderer Forschungsprojekte werden aufbereitet und zentrale Forschungsfragen aus einer Metaperspektive bearbeitet.

Für das Gelingen einer gestaltungsorientierten Bildungsforschung ist die Kommunikation wissenschaftlicher Befunde eine notwendige Voraussetzung. Das Metavorhaben geht daher der Frage nach, in welcher Form und mit welchen Inhalten die geförderten Projekte ihre wissenschaftlichen Befunde nicht nur in der Wissenschaft selbst veröffentlichen, sondern auch Praxis, Politik und Öffentlichkeit anbieten. Die Aktivitäten des Metaprojekts sind dabei ergänzend zu den in den Projekten verankerten Transferaktivitäten konzipiert. Das Metaprojekt unterstützt diese und schafft somit zusätzlich Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit für die Projektarbeit.

Ein weiterer Schwerpunkt des Metavorhabens liegt auf der Reflexion und Weiterentwicklung einer gestaltungsorientierten Bildungsforschung und ihrer Wissensvermittlung. Damit soll ein Beitrag zur Theorie- und Wissensbildung in der Wissenschaft geleistet werden, sowie wiederum ein Bogen gespannt werden zur Problemlösung in der Bildungspraxis und -politik.

Die Bildungsforschung untersucht die Entwicklung und Implementierung digitaler Lern- und Bildungsmedien in Bildungseinrichtungen. Digitalen Medien wird ein hohes Potenzial für die Verbesserung pädagogischer Praxis zugeschrieben und die Entwicklung in diesem Bereich verläuft überaus dynamisch. Daher gibt es einerseits ein hohes Interesse an Innovationen und Forschungsergebnissen seitens der Akteure aus Bildungspolitik und -praxis. (Vgl. Scharnberg, Vonarx, Kerres & Wolff-Bendik, 2017, S. 05-3). Andererseits erfordert Bildungsforschung im Kontext der Digitalisierung eine Weiterentwicklung methodischer Ansätze, die den Dialog mit dem Feld als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses sieht (Vgl. Fischer, F., Waibel, M., & Wecker, C., 2005). Der Transfer von Forschungsergebnissen ist damit nicht mehr als Folgeaktivität am Ende eines Projekts zu sehen, sondern Teil der Interaktion der Akteure, der als Dialog zwischen Forschungsprojekten und Bildungspraxis und -politik organisiert werden soll (vgl. Nickolaus, Gönnenwein & Petsch, 2010).

Während die traditionellen Ansichten der wissenschaftlichen Wissensverbreitung den "Transfer" als eine Aktivität wahrnehmen, die nach Abschluss der Forschung stattfindet, will das Metaprojekt den Transfer als eine kontinuierliche Aktivität fördern, die in allen Phasen der Forschung verwoben ist, von der Entwicklung von Forschungsfragen, der Gestaltung eines Forschungsprojekts, der Umsetzung und Interpretation der Ergebnisse bis hin zur Kommunikation in diesem Bereich (Vgl. Fischer, 2005, Reinmann, 2005)

Entsprechend müssen dafür Dialog-Formate entwickelt und als Teil des Forschungsprozesses implementiert werden. Das Metavorhaben organisiert dazu sektorspezifische Dialog- und Expertenforen in denen Forschungsergebnisse disseminiert, diskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Es stellt sich die Frage, wie der Austausch zwischen den Akteuren aus der Bildungspraxis und der Bildungsforschung organisiert, umgesetzt und so dokumentiert werden kann, dass die Ergebnisse wiederum weiterverwendet werden können.

 

(Digitale) Transferformate: Forschungsergebnisse für die Praxis nutzbar machen

Anne Thillosen, Johannes Moskaliuk
IWM, Leibniz Institut für Wissensmedien

Die Vorstellung ihrer Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen oder auf Tagungen gehört für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Alltag. Eine Aufbereitung für die Praxis, aber auch für Expertinnen und Experten anderer Disziplinen ist dagegen oft noch ungewohnt. Auch deshalb ist es sinnvoll, dass Projektträger den „Praxistransfer“ inzwischen immer häufiger explizit zur Förderbedingung machen. Gerade im Bereich der empirischen Bildungsforschung können Forschungsergebnisse das praktische Handeln unterstützen und anregen, etwa wenn gängige Praktiken fundiert oder infrage gestellt werden oder neue Impulse gesetzt werden. Damit entstehen zugleich neue Möglichkeiten, Forschungs- und Erfahrungswissen miteinander in Verbindung zu bringen, Forschungsergebnisse in der Praxis zu erproben – und die damit gemachten Erfahrungen wiederum in die Forschung zurückzuspiegeln.

Für Leibniz-Institute gehört die Verbindung von „Forschung“ und „Transfer“ konstitutiv zum eigenen Selbstverständnis; nicht ohne Grund betreiben alle drei am Metavorhaben „Digitalisierung im Bildungsbereich“ beteiligten Institute Bildungsportale mit unterschiedlichen Ausrichtungen.

Das am Leibniz-Institut für Wissensmedien betriebene Portal e-teaching.org dient dem Transfer von Forschungs- und Erfahrungswissen im Kontext des Einsatzes digitaler Medien in der Hochschulbildung und arbeitet sowohl mit Personen aus der Bildungspraxis als auch mit Forschenden zusammen. Für das Portal wurden in den vergangenen Jahren unterschiedliche Transferformate insbesondere mit digitalen Medien entwickelt und erprobt. Ein Themenschwerpunkt im Wintersemester 2019 befasst sich explizit mit der Frage: „Praxistransfer – wie geht das eigentlich?“ Gleichzeitig wird im Rahmen des Metavorhabens Digi-EBF eine Erweiterung des Portals um spezielle Angebote für Lehrende in Lehramtsstudiengängen vorbereitet.

Im Vortrag werden zunächst zentrale Transferformate mit digitalen Medien vorgestellt. Dafür sollen sowohl Erfahrungen aus der eigenen Praxis als auch Erkenntnisse aus dem im Winter laufenden Themenschwerpunkt, dem Austausch mit externen Partnern sowie den Planungen im Rahmen des Digi-EBF-Vorhabens systematisch ausgewertet, reflektiert und in Beziehung zu wesentlichen Erkenntnissen unterschiedlich ausgerichteter „Transferwissenschaften“ gesetzt werden (Wichter & Antos 2001; Wichter & Busch 2006; Fraunhofer IAO 2019). Im Mittelpunkt stehen die folgenden Fragestellungen:

(1) Wie lassen sich (digitale) Transferformate systematisch beschreiben?

Anhand konkreter Beispiele – etwa Fallstudien, Pattern oder (Online-)Peer-Tutoring – soll gezeigt werden, wie spezifische Medieneigenschaften digitaler Darstellungsformate (z.B. Interaktivität, Adaptivität, Synchronizität, Selbststeuerung) genutzt werden können, um den Praxistransfer auf andere Weise zu unterstützen als mit analogen Medien oder Präsenzveranstaltungen.

(2) Wie kann die Nutzung von (digitalen) Transferformaten gefördert werden?

Vor- und Nachteile verschiedener Transferformate sollen darauf in den Blick genommen werden, welche Formate besonders unterstützend wirken und die konkrete Umsetzung anregen.

(3) Wie können (digitale) Transferformate erstellt werden?

Schließlich geht es darum, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler motiviert werden können, ihre Forschungsergebnisse für die Praxis aufzubereiten und wie sie dabei unterstützt werden können, Transferformate – die häufig klassischen wissenschaftlichen Praktiken widersprechen – zu nutzen.

Diese drei Fragestellungen werden exemplarisch an Transferformaten des Forschungsprojekts Digital Learning Map 2020 konkretisiert. Dabei wird gezeigt, wie bei der Konzeption und Durchführung von Projekten Forschung und Transfer eng miteinander verknüpft werden und Forschungsergebnisse in unterschiedliche Transferformate überführt werden können. In dem vom BMBF finanzierten Projekt wurden drei wesentliche Transferideen umgesetzt: (I) Im Rahmen eines Themenschwerpunkts auf e teaching.org wurden Projektergebnisse frühzeitig dargestellt und diskutiert und gleichzeitig durch die Beteiligung anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine themenbezogene Vernetzung angeregt (e-teaching.org 2017). (II) Mit der Digital Learning Map wurde Praktikern eine Datenbank zur Verfügung gestellt, in der sie Praxisbeispiele für die Lehre mit digitalen Medien anhand einer wissenschaftlich fundierten Patternstruktur praxisorientiert beschreiben können (e-teaching.org 2018). (III) Ein Benchmarking-Tool ermöglicht einen Vergleich von Projekten mit digitalen Medien als Grundlage für strategische Entscheidungen.

Solche Erfahrungen zeigen beispielhaft, dass es hilfreich ist, Wissen strukturiert zu externalisieren um wesentliche Aspekte zu fokussieren, aber auch, dass Nutzende dabei häufig Unterstützung benötigen (Moskaliuk et al. 2016). Im Beitrag wird u.a. danach gefragt, ob daraus Anknüpfungspunkte für die Erstellung und Nutzung anderer Transferformate abgeleitet werden können.

 

Der Reviewprozess unter dem Aspekt der Wissensverdichtung und des Wissenstransfers

Marc Rittberger, Annika Wilmers, Carolin Anda, Carolin Keller
DIPF, Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Reviewverfahren in der Bildungsforschung leisten auf mehreren Ebenen einen Beitrag zur Wissensverdichtung und zum Wissenstransfer. Im Folgenden wird ein Reviewverfahren vorgestellt, welches im Rahmen des Metavorhabens Digitalisierung im Bildungsbereich entwickelt wurde und gleichermaßen der wissenschaftlichen Community wie der Politik und Praxis als Informationsquelle dienen kann.

Auf inhaltlicher Ebene gelten (Systematic) Reviews als “Instrument der Wissensverdichtung“ (Antes & Lang 2014). Dies trifft insbesondere auf Systematic Reviewverfahren zu, beschreibt aber auch weitere Reviewformate, wie sie beispielsweise von Booth und Grant kategorisiert werden (2009). Einerseits strukturieren Reviews die Forschungslandschaft mit Blick auf Erkenntnisprozesse und angewandte Methoden, andererseits geben sie Hinweise auf Forschungslücken und unterforschte Themenfelder. Durch letztere Funktion dienen sie nicht nur der Entwicklung der Wissenschaftscommunity selbst, sondern können auch eine Funktion im Steuerungsprozess der Wissenschaftslandschaft erhalten. Die in dem hier skizzierten Projekt unternommene Reviewserie ist an die Definition von Critical Reviews (Booth und Grant 2009) angelehnt und greift im jährlichen Rhythmus Forschungsfragen aus der Digitalisierung auf: In einem ersten Durchlauf wird der Forschungsstand zur Aus- und Fortbildung des pädagogischen Personals in Bezug auf Digitalisierung beleuchtet.

Die methodische Ebene spiegelt nicht nur die Komplexität des Reviewansatzes wider, sondern zeigt auch auf, wie sich entsprechende Verfahren bei gleichzeitiger Einbindung inhaltlicher Expertise infrastrukturell verankern lassen. Um die örtlich verteilte Expertise in den Arbeitsprozess einzubinden, erfolgt eine Aufteilung einzelner Arbeitsschritte zwischen den an verschiedenen Instituten mit inhaltlichen Experten besetzen Sektoren, der infrastrukturellen Tätigkeit am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation durch Informationswissenschaft sowie der Koordination des gesamten Prozesses, wodurch ein ebenso kommunikationsintensiver wie produktiver Arbeitsprozess implementiert ist.

Auf Ebene des Wissenstransfers bieten sich mit dem beschriebenen Verfahren zahlreiche Gelegenheiten zu einem Transfer über die Wissenschaftscommunity hinaus: Zum einen durch im weiteren Projektverlauf zielgruppenspezifisch aufbereitete Publikationsformate für die Praxis, zum anderen durch eine Einbindung der Ergebnisse der Reviews in diverse Veranstaltungsformate und Formate der kontinuierlichen Öffentlichkeitsarbeit wie webbasierten Portalen zu Bildungsthemen.

 

Aktive Moderation: Verfahren für die Entwicklung und den Transfer von forschungsbasierten Gestaltungskonzepten im Kontext des Design-Based Research

Monique Ratermann, Sybille Stöbe-Blossey
Universität Duisburg-Essen

Digitalisierung im Bildungsbereich hat zwei Dimensionen: Einerseits müssen Lernende Kompetenzen erwerben, die sie für Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe in der digitalisierten Welt brauchen, andererseits kann die Digitalisierung zur Gestaltung und Unterstützung von Bildungsangeboten genutzt werden. Es geht also um „Bildung für Digitalisierung“ und um „Digitalisierung für Bildung“.

Beide Dimensionen der Digitalisierung bergen sowohl Risiken als auch Chancen – Risiken in dem Sinne, dass insbesondere Menschen mit ungünstigen Bildungsvoraussetzungen mit einer beschleunigten Entwicklung nicht Schritt halten können, Chancen insofern, als ihnen Digitalisierungs- und Medienkompetenzen mit Hilfe von geeigneten Konzepten vermittelt und Potenziale der Digitalisierung für individuelle Förderung genutzt werden können.

Die Entwicklung und Implementierung von derartigen Konzepten stellt eine Herausforderung für Bildungsorganisation dar. Es reicht nicht aus, methodisch-didaktische Konzepte zu erarbeiten; vielmehr müssen diese Konzepte in die Bildungsorganisation eingebunden und von den dort tätigen pädagogischen Kräften umgesetzt werden. Digitalisierung erfordert somit eine Organisationsentwicklung in Bildungsorganisationen. Eine Bildungsforschung, die mit dem Anspruch gesellschaftlicher Relevanz verbunden ist, muss sich somit nicht nur mit methodisch-didaktischen, sondern auch mit organisationalen Themen auseinandersetzen und sich die Frage stellen, auf welchen Wegen wissenschaftliche Arbeit Impulse für die Weiterentwicklung des Bildungssystems und seiner Organisationen geben kann.

Angesichts des sowohl in der politischen Steuerung des Bildungssystems als auch in den einzelnen Organisationen wahrgenommenen Innovationsbedarfs wird von Forschungsprojekten erwartet, dass ein Transfer ihrer Ergebnisse in die Bildungspraxis angestrebt und gefördert wird. Die Erfolge eines so verstandenen, oft nachträglich oder für die Endphase von Projekten additiv konzipierten Transfers bleiben jedoch oft hinter den Erwartungen zurück. Dies ist zum einen dadurch zu erklären, dass dem Begriff des Transfers oft ein eindimensionales Verständnis der Wissensübertragung in eine Richtung zugrunde liegt; zum anderen handelt es sich bei Bildungsorganisationen um lose gekoppelte Systeme mit einer hohen Autonomie der einzelnen pädagogischen Kräfte, wodurch der Umsetzbarkeit von auf hierarchischem Wege eingespeisten Impulsen Grenzen gesetzt sind. Gleichzeitig müssen bei einem Ergebnistransfer in die Bildungspraxis neben den pädagogischen Akteuren mögliche weitere Akteure (z. B. Kammern, Unternehmen, Jugendhilfe) aus der direkten Umwelt der Bildungsorganisationen als Adressat/inn/en berücksichtigt werden. Denn sowohl bei der Entwicklung als auch beim Transfer von Gestaltungskonzepten spielen die unterschiedlichen Erwartungshaltungen sowie die differenten Handlungslogiken der Akteure, die geprägt sein können durch die Orientierung an verschiedenen administrativen, pädagogischen, wissenschaftlichen und/oder professionsbezogenen Maßstäben sowie unterschiedliche Teilsystembezüge und Kommunikationsarten, eine zentrale Rolle.

Vor diesem Hintergrund soll es in dem geplanten Beitrag um die Frage gehen, wie das Forschungsparadigma des Design-Based Research (DBR) für die Entwicklung und den Transfer von forschungsbasierten Gestaltungskonzepten genutzt werden kann, die den Umgang von Bildungsorganisationen mit Digitalisierung thematisieren. DBR basiert auf einem reflexiven Prozess, in dem Konzepte in Ko-Konstruktion zwischen Wissenschaft und Praxis entwickelt werden, verbunden mit der Gewinnung von theoretisch und methodisch fundierten generalisierbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Wissenschaft-Praxis-Verhältnis ist gekennzeichnet durch Ko-Konstruktion und iterativ-zyklische Arbeit – basierend auf einer theoriegeleiteten, methodisch fundierten Forschung und dem Ziel, anhand der einzelnen Anwendungsfälle generalisierbare und transferierbare Erkenntnisse abzuleiten.

Für die Umsetzung eines solchen Designs wird in dem Beitrag das Verfahren der aktiven Moderation dargestellt, das im Kontext der Verwaltungsberatung in Abgrenzung zu allein durch die Wissenschaft erstellten Gutachten einerseits und der inhaltlich neutralen Moderation von Organisationsentwicklung andererseits entwickelt wurde. Es umfasst eine Verbindung von forschungsbasierten Impulsen mit partizipativ angelegten Prozessen der Konzeptentwicklung und ermöglicht über die Dokumentation und theoriegeleitete Evaluation von Ergebnissen weiterführende Erkenntnisse für die Forschung und für den Transfer. Der Transfer wird in einem solchen Design nicht nachgelagert betrachtet, sondern ist Teil des Forschungsdesigns und wird über dialogorientierte Formate integriert.

Ziel ist es, das Verfahren der aktiven Moderation vorzustellen, in den Kontext der Entwicklung des Design-Based Research (DBR) einzuordnen und anhand von Beispielen zur Diskussion zu stellen.