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Sitzungsübersicht
Sitzung
F9‒S22: Hate Speech als Schulproblem - Pädagogische Zugänge zu einer aktuellen Herausforderung
Zeit:
Freitag, 27.03.2020:
9:00 - 10:45

Ort: S22

Präsentationen

Hate Speech als Schulproblem – Pädagogische Zugänge zu einer aktuellen Herausforderung

Chair(s): Sebastian Wachs (Universität Potsdam, Deutschland), Wilfried Schubarth (Universität Potsdam)

DiskutantIn(nen): Fred Berger (Universität Innsbruck)

Hass und Hetze gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen, z.B. wegen ihrer Herkunft, Religionszugehörigkeit oder sexuellen Orientierung, gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Demokratien (KMK, 2018). Obwohl Hass und Hetze ein Teil der Menschheitsgeschichte darstellen, ist die wissenschaftliche Erforschung dessen als Gegenstand unterschiedlicher, aber miteinander verbundener Forschungsbereiche, wie z. B. der Erforschung von Vorurteilen (u.a. Allport, 1954; Beelmann & Jonas, 2009), Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (u.a. Heitmeyer, 2003) und Diskriminierung (u.a. Gomolla, 2015; Heinemann & Mecheril, 2017), relativ neu. Ein aktuell medial breit diskutiertes Phänomen, was sich in der Intersektion zwischen Diskriminierung und Gewalt verorten lässt, ist Hate Speech. Hate Speech kann als kommunikative Ausdrucksform in der Öffentlichkeit mit Botschaftscharakter definiert werden, die absichtlich Ausgrenzung und Abwertung bestimmter Bevölkerungsgruppen fördert oder verbreitet und durch die diese in ihrer Würde verletzt werden (Wachs, Schubarth & Bilz, in press).

In Bezug auf Hate Speech liegt bisher kaum pädagogische Forschung vor. Diese ist aber besonders gefragt, denn der Schule kommt bei dem Thema Hate Speech eine gewichtige Doppelrolle zu: Durch die Heterogenität der Schülerschaft stellt sie einen Ort für das Erleben sozialer Konflikte wie u.a. Hate Speech dar. Zugleich ist sie dafür prädestiniert, Hate Speech durch die Vermittlung von Demokratie-, Sozial- und Medienkompetenzen entgegenzuwirken. Für Lehrkräfte ergibt sich die Relevanz von Hate Speech aus dem Erziehungsauftrag der Schule und ist sowohl bildungstheoretisch als auch durch Schulgesetze begründet. Der Lehrerberuf als Profession zeichnet sich u.a. durch die Bearbeitung zentraler gesellschaftlicher Probleme wie Hate Speech und die Tradierung und Reproduktion gesellschaftlicher Wissensbestände, Werte und Normen aus (Fend, 2008). Inwiefern Lehrkräfte aller Fächer einen Zusammenhang zwischen ihrem allgemeinbildenden Auftrag und den Erscheinungen von Hate Speech sehen und ob bzw. inwiefern sie sich als (mit-)verantwortlich für die Zielsetzung einer antidiskriminierenden und demokratischen Bildung verstehen, ist derzeit kaum untersucht.

Im Rahmen von drei Vorträgen verfolgt das vorliegende Symposium das Ziel, einen ersten Einblick in aktuelle pädagogische Hate Speech-Forschung mit Bezug zur Lebenswelt Schule zu geben. In dem ersten Beitrag präsentieren Cindy Ballaschk und Kolleg*innen (Universität Potsdam) eine qualitative Vorstudie des DFG-Projekts „Hate Speech – ein Schulproblem?“. In dieser Studie werden Schüler*innen und Lehrkräfte erstmals im Rahmen von Fokusgruppeninterviews zu Formen und Modi von Hate Speech sowie zum Umgang mit Hate Speech an der Schule befragt. In dem zweiten Beitrag stellen Kansok-Dusche und Kolleg*innen (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) die Ergebnisse eines systematischen Literaturüberblicks (inter-)nationaler Studien zu u.a. den Fragen vor, wie Hate Speech in der Forschungsliteratur definiert wird und wie stark Hate Speech unter Schüler*Innen verbreitet ist. Beide Studien werden im Rahmen des DFG-Projekts genutzt, um quantitative Messinstrumente zu entwickeln. In dem dritten Beitrag gibt Alexander Wettstein (Pädagogische Hochschule Bern) einen Einblick in eine videobasierte Beobachtungsstudie zu Hate Speech in sonderpädagogischen Kontexten. Dabei greift der Autor die Fragen auf, gegen wen sich Hate Speech richtet, welche Inhalte und Darstellungsformen auftreten und wie Hate Speech in Abhängigkeit vom sozialen Status der Sprechenden sozial verstärkt wird. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hate Speech als identitätsstiftendes in-group Kriterium dient und mit sozialer Anerkennung assoziiert wird.

Die drei Beiträge verbindet die thematische Fokussierung auf Hate Speech in der Schule. Sie zeigen zudem existierende Forschungslücken auf. Darüber hinaus wollen die Beiträge dazu anregen, darüber nachzudenken, wie Schulen zukünftig durch Präventionsprogramme, Fortbildungen von Lehrkräften und Weiterentwicklung der Lehrer*innenausbildung besser unterstützt werden können, mit Hate Speech umzugehen. Im Anschluss an die Vorträge wird Fred Berger (Universität Innsbruck) die Beiträge kommentieren und eine Gesamtdiskussion leiten.

 

Beiträge des Symposiums

 

Eine qualitative Studie zu Formen und Arten von Hate Speech sowie zum Umgang damit aus der Sicht von Schüler*innen und Lehrkräften

Cindy Ballaschk, Sebastian Wachs, Wilfried Schubarth
Universität Potsdam

Hintergrund: Dieser Beitrag gibt einen ersten Einblick in die qualitative Vorstudie des DFG-Forschungsprojekts „Hate Speech – ein Schulproblem?“. Bisher liegen keine Studien vor, die explizit Hate Speech im Schulkontext untersuchen. Folglich ist unklar, welche Formen von Hate Speech unter Schüler*innen auftreten, in welcher Art Hate Speech ausgedrückt und wie Schüler*innen und Lehrkräfte auf Hate Speech reagieren. Allerdings liefern angrenzende Forschungsbereiche, wie z.B. Gewalt- oder Diskriminierungsforschung, erste Hinweise. So ist bekannt, dass sich bei Schüler*innen rechtsextreme, ausländerfeindliche, antisemitische und schwulenfeindliche Einstellungen feststellen lassen (Baier, Pfeiffer, Simonson & Rabold, 2009). Wenn Schüler*innen Diskriminierungen erfahren, zeigen sie unterschiedliche Reaktionen, wie z.B. Suche nach sozialer Unterstützung bei Freund*innen und Eltern, Ablenkung, Konfrontation, Vermeidung und Verzweiflung (Garnett, Masyn, Austin, Williams & Viswanath, 2015). Lehrkräfte nehmen häufig den Umgang mit gruppenbezogenen Anfeindungen unter Schüler*innen als eine große Herausforderung wahr und versuchen deshalb, Themen mit politischem Konfliktpotential im Unterricht zu vermeiden (AJCB, 2017; Wagner, von Dick, Petzel & Auernheimer, 2001). Während national kaum Studien vorliegen, finden sich in der internationalen Forschung mehr Hinweise, wie Lehrkräfte reagieren, wenn sie mit Diskriminierung und Vorurteilen zwischen Schüler*innen konfrontiert werden. Laut einer Studie gibt nur ein Drittel an, in solchen Situationen zu reagieren (Dragowski, McCabe & Rubinson, 2016). Wenn die Lehrkräfte intervenieren, umfassen Handlungen z.B. Thematisierung des Vorfalls in Gesprächen, Einbezug der Eltern, Kolleg*innen und Schulsozialarbeiter*innen und externen Akteur*innen (Wagner et al., 2001).

Fragestellungen: Um die bestehenden Forschungslücken in Bezug auf Hate Speech zu schließen, zielt die vorliegende Studie darauf ab, folgende Fragen zu beantworten: Welche verschiedenen Formen von Hate Speech gibt es unter Schüler*innen? Welche marginalisierten Gruppen werden durch Hate Speech am häufigsten adressiert? Welche verschiedenen Arten von Hate Speech werden Schüler*innen berichtet? Wird Hate Speech eher implizit oder explizit bis hin zu Gewalt(-androhungen) ausgeübt? Welche Reaktionsweisen im Umgang mit Hate Speech gibt es von Seiten der Schüler*innen und seitens der Lehrkräfte? Wie hängen Online und Offline Hate Speech zusammen und worin bestehen mögliche Unterschiede?

Methode: Um das komplexe Phänomen Hate Speech zu beleuchten, werden Schüler*innen und Lehrkräfte in Schulen in Berlin und Brandenburg in leitfadengestützten Fokusgruppeninterviews befragt. Da Teilnehmende in Gruppeninterviews in Interaktion miteinander gehen, kommen sie einer natürlichen alltäglichen Gesprächssituation sehr nahe (Vogl, 2014). Für die Fokusgruppeninterviews mit den Schüler*innen wurden die Klassenstufen sieben bis neun ausgewählt, weil vorliegenden Befunde eine erhöhte Verbreitung von Hate Speech insbesondere in der mittleren Adoleszenz vermuten lassen (Wachs et al., in press). Die Interviews finden in Realgruppen mit je sieben Teilnehmenden statt, um für das sensible Thema Hate Speech, insbesondere in den Schüler*inneninterviews eine möglichst vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre zu erreichen (Vogl, 2015). In beiden Bundesländern (Berlin und Brandenburg) ist die Schulstruktur zweigliedrig organisiert. Um der Heterogenität des Untersuchungsfeldes in Bezug auf soziodemographische Merkmale gerecht zu werden, werden die Schultypen und Schulstandorte mittels eines kontrastierenden Samplingverfahrens ausgewählt. In Berlin werden drei Gymnasien in einem strukturstarken Stadtteil sowie drei Integrierte Sekundarschule in einem strukturschwachen Stadtteil ausgewählt. In Brandenburg werden drei Gymnasien in einer größeren Stadt sowie drei Oberschuleen in einer eher ländlichen Gegend in das Sample einbezogen. Ziel ist eine maximale strukturelle Variation.

Die Strukturierung und Analyse der Kommunikation unter den Schüler*innen, Lehrkräften und Schulsozialarbeiter*innen erfolgt inhaltsanalytisch Mayring, 2010). Um das Material im Hinblick auf die Forschungsfragen systematisch zu beschreiben, werden Kategorien anhand der Leitfragen der Interviews deduktiv festgelegt und aus dem Material heraus um weitere zentrale Themen induktiv ergänzt (Gläser & Laudel, 2013). Ziel ist es, subjektive Erfahrungen von Schüler*innen, Schulsozialarbeiter*innen und Lehrkräften zu Hate Speech aus ihrem Schulalltag zu rekonstruieren.

Ergebnisse: Da die Erhebungen erst Anfang Oktober beginnen, kann zum jetzigen Zeitpunkt keine Auskunft über Ergebnisse gegeben werden.

 

Hate-Speech als Schulproblem – Ein Literaturüberblick

Julia Kansok-Dusche, Julia Bastian, Ludwig Bilz
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Eine aktuell medial und zivilgesellschaftlich breit diskutierte Form von Gewalt ist Hate Speech (Baldauf, Banaszczuk, Koreng, Schramm & Stefanowitsch, 2015). Anknüpfend an den bisherigen Kenntnisstand (Baldauf et al., 2015; Butler, 1998; Meibauer, 2013; Ministerkomitee des Europarats, 1997; Sponholz, 2018; Unger, 2013; Näsi, Räsänen, Howdon, Holkeri & Oksanen, 2015) definieren wir Hate Speech als kommunikative Ausdrucksform in der Öffentlichkeit mit Botschaftscharakter (z.B. Schrift, Sprache, Videos), die absichtlich Ausgrenzung, Verachtung und Abwertung bestimmter Bevölkerungsgruppen fördert, rechtfertigt oder verbreitet und durch die diese in diskriminierender Weise in ihrer Würde verletzt, herabgesetzt oder gedemütigt werden. Der Schule obliegt in Bezug auf Hate Speech eine Doppelrolle: aufgrund der Heterogenität der Schülerschaft und der potentiellen Krisendynamik insbesondere der Jugendzeit stellt sie einen Ort für das Erleben sozialer Konflikte wie u.a. Hate Speech dar. Zugleich ist sie dafür prädestiniert, Hate Speech durch die Vermittlung von Demokratie-, Sozial- und Medienkompetenzen entgegenzuwirken. Die schulbezogene Forschung hat Hate Speech hierzulande bisher allerdings kaum im Blick. Dass hier aber Handlungsbedarf besteht, ist evident. Denn in einer Studie des Landesinstituts für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) (N = 2.044; Alter: 14-60 Jahre) berichten 54% und 1 Jahr später bereits 59% der befragten 14- bis 24-Jährigen, häufig bis sehr häufig online Hate Speech beobachtet zu haben (LfM, 2016). In einer international vergleichenden Studie (N = 3.565; Alter: 15-30 Jahre) berichteten 30% der deutschen, 47% der finnischen, 38% der britischen und 53% der amerikanischen Studienteilnehmer*innen, online diskriminierende Inhalte gesehen zu haben (Hawdon, Oksanen & Räsänen, 2017). Welche Rolle Schulen in Deutschland als Austragungs- und Präventionsort von Hate Speech spielen, ist aktuell unklar. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Überlappungen von Hate Speech mit (Cyber-) Mobbing oder von Offline-HS mit verbaler Gewalt hat hierzulande erst begonnen (z.B. Wachs, Wright & Vazsonyi, 2019). Der geplante Beitrag will im Rahmen des DFG-geförderten Projektes „Hate Speech als Schulproblem?“ (Wachs, Bilz & Schubarth, 2019) an diesen Forschungslücken ansetzen und den (inter-)nationalen Forschungsstand zu folgenden Fragen systematisch aufarbeiten: (F1) Wie wird Hate Speech in Studien, die das Phänomen im Kontext Schule untersuchen, definiert und ob bzw. wie wird es von verwandten Formen der Gewalt (z.B. Mobbing) definitorisch abgegrenzt? (F2) Wie stark ist Hate Speech unter Schüler*Innen verbreitet und wie wurde die Überschneidung mit verwandten Formen der Gewalt (z.B. Mobbing) empirisch untersucht? Eine spezifische string-gesteuerte Suchstrategie in sozialwissenschaftlichen Datenbanken (ERIC, Open Dissertations, PsycINFO, Psyndex, Political Science Complete, SocINDEX, Web of Science) erbrachte über 80 Publikationen, aus denen mehr als 25 relevante (inter)-nationale Studien als fragestellungsrelevant eingestuft wurden (Rapid-Review-Methode nach Dobbins 2017). Nur sehr wenige Publikationen haben explizit die theoretische Abgrenzung von Hate Speech und verwandten Formen der Gewalt zum Gegenstand (F1). Die Mehrheit der Studien stammt aus dem anglo-amerikanischen Raum und thematisiert Prävalenzen von Hate Speech an Schulen (F2). Zwei unabhängige Kodiererinnen werten die identifizierten Studien aktuell unabhängig voneinander aus. Die Ergebnissynthese erfolgt kollaborativ. Der geplante Beitrag wird den Forschungsstand zu den zwei Fragestellungen darstellen und erörtern, welche Bedarfe und Ansatzpunkte sich für zukünftige Forschungsarbeiten zum Thema Hate Speech an Schulen in Deutschland und darüber hinaus ergeben.

 

Eine Beobachtungsstudie zu Hate Speech in face-to-face-Interaktionen in sonderpädagogischen Kontexten

Alexander Wettstein
Pädagogische Hochschule Bern

Theoretischer Hintergrund: Hate Speech ist eine Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, bei der Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit angegriffen, herabgesetzt und gedemütigt werden (Sponholz, 2018; Wachs, Schubarth & Bilz, in press). Bisher wurde Hate Speech fast ausschließlich in medialen Kontexten untersucht. Über natürlich auftretende Hate Speech Episoden in face-to-face Interaktionen ist nahezu nichts bekannt. Diese Beobachtungsstudie untersucht die Dynamik von Hate Speech Episoden bei einer Stichprobe hoch aggressiver Jugendlicher in einem Erziehungsheim. In spezialisierten Institutionen kann es zu einer sogenannten Peer Contagion, kommen (Dishion & Dodge, 2005), in der sich das Problemverhalten durch ungünstige Sozialisationseffekte unter Peers weiter verstärkt (Wettstein, 2014).

Fragestellungen: Die Studie geht der Frage nach 1.) in welchen Kontexten Hate Speech besonders gehäuft auftritt 2.) gegen wen sich die Beiträge adressieren, 3.) welche Inhalte und Darstellungsformen auftreten und 4.) wie Hate Speech Beiträge in Abhängigkeit vom sozialen Status der Sprechenden sozial verstärkt werden.

Methode: In einer Studie zu aggressivem Verhalten in schulischen Settings (Wettstein, 2008) wurde der Unterricht an verschiedenen Regelklassen, Kleinklassen und Erziehungsheimen für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche jeweils über 20 Wochen videografiert. In einer Klasse eines Erziehungsheims war der Unterricht besonders stark gestört. Diese Klasse setzte sich aus zwei Mädchen und vier Jungen mit ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten im Alter von 12; 3 bis 14; 11 Jahren (M = 13; 7) zusammen. Die Klasse wurde von zwei Klassenlehrerinnen geführt. Durch den Ausfall der einen Klassenlehrerin mussten Lehrkräfte mit kleinen Teilzeitanstellungen und Vertretungen die ausgefallene Klassenlehrerin kurzfristig ersetzen. Dies führte zu einem starken Anstieg aggressiven Verhaltens. Für die vorliegende Studie unterzogen wir insgesamt sechzehn Unterrichtsstunden dieser Schulklasse einer Re-Analyse.

Das Geschehen im Schulzimmer wurde sowohl in Anwesenheit als auch während der Abwesenheit der Lehrkräfte mit Videokameras und einem Tonsystem aufgezeichnet. Mit dem Beobachtungssystem zur Analyse aggressiven Verhaltens BASYS (Wettstein, 2008) wurden zunächst sechs verschiedene Formen aggressiven Verhaltens erfasst. Aggressives Verhalten wird durch zwei zentrale Bestimmungsmerkmale definiert: 1.) Schädigung und 2.) Absicht, wobei die Schädigung des Opfers sowohl physisch als auch psychisch erfolgen kann. In der Re-Analyse wurde das Augenmerk auf Hate Speech gerichtet. Hate Speech ist ein Spezialfall aggressiven Verhaltens, wobei neben den bereits genannten Kriterien zusätzlich 3.) die Herabsetzung auf Grundlage einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit hinzukommt. Alle Hate Speech Beiträge wurden transkribiert und induktiv ein Beobachtungssystem zur Erfassung von Hate Speech entwickelt. Das finale Kategoriensystem umfasst vier Unterrichtskontexte, vier Adressatenkategorien, neun thematische Inhaltskategorien, drei Präsentationsformen sowie drei Formen sozialer Verstärkung. Zusätzlich wurde aufgrund systematischer Beobachtung und Lehrereinschätzungen mit dem Soziogrammverfahren des BASYS (Wettstein, 2008) der soziale Status der einzelnen Jugendlichen bestimmt. Die Daten wurden deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse: Hate Speech tritt in der untersuchten Stichprobe vor allem während der Abwesenheit der Klassenlehrkräfte und während des Unterrichts in Anwesenheit von Vertretungslehrkräften auf. Die Beiträge richten sich am häufigsten gegen kulturelle Minoritäten, gegen Mitarbeitende in ihrer Rolle als Vertreter der Institution, Frauen sowie Homosexuelle. Die Hate Speech Beiträge thematisierten am häufigsten die Inhalte Krieg und Terror, gefolgt von Tötung, Folterung, Waffen und sexualisierte Gewalt. Körperliche Angriffe, Leichenschändung und körperliche Ausscheidungen wurden seltener thematisiert. Die Hate Speech initiierenden Jugendlichen wurden in 81% der Fälle durch anerkennendes Beipflichten, Lachen oder Schulterklopfen bestärkt. In 11% der Fälle wurde das Thema weitergeführt oder das Thema variiert (5.9%). Statushöhere Heranwachsende werden in ihren Hate Speech Beiträgen häufiger verstärkt.

Schlussfolgerungen: Es kann vermutet werden, dass Hate Speech, insbesondere die Schilderungen imaginierter extremer Formen der Gewalt, bei den frühadoleszenten aggressiven Heimjugendlichen als identitätsstiftendes in-group Kriterium dient. Hate Speech ist in dieser Subgruppe mit sozialer Anerkennung assoziiert. Es ist entscheidend, in solchen Settings Situationen mit geringer Aufsicht der Jugendlichen zu vermeiden (Dishion, Dodge & Lansford, 2008) und mit Präsenz auf Hate Speech zu reagieren.