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Sitzungsübersicht
Sitzung
F9‒S21: Wettbewerbsstrukturen, horizontale Differenzierungsprozesse und ihr Beitrag zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Bildungswesen
Zeit:
Freitag, 27.03.2020:
9:00 - 10:45

Ort: S21

Präsentationen

Wettbewerbsstrukturen, horizontale Differenzierungsprozesse und ihr Beitrag zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Bildungswesen

Chair(s): Nicky Zunker (HU Berlin & DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und BIldungsinformation), Sonja Nonte (Georg-August-Universität Göttingen)

DiskutantIn(nen): Herbert Altrichter (Johannes Kepler Universität Linz)

Die vergangene Dekade lässt einen deutlichen Trend zur Abkehr von der traditionellen Vielgliedrigkeit im deutschen Schulwesen erkennen. Aktuell unterhalten nur noch fünf Bundesländer ein drei- oder mehrgliedriges Sekundarschulsystem, während die übrigen auf zweigliedrige bzw. ein zwei-Wege-Modell umgestellt haben (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2018). Eines der in der sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung bisher wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen weiterführenden Schulen – die Schulform – verliert damit zunehmend an Bedeutung, zu Gunsten feinerer, horizontaler Differenzierungslinien zwischen (Einzel-)Schulen. Vor allem in großstädtischen Räumen mit einer hohen Schuldichte ist davon auszugehen, dass sich im Zuge dessen marktähnliche Strukturen in Form von „Quasi-Märkten“ verstärkt ausbilden, auf denen Schulen im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler und Familien im Wettbewerb um Schulplätze aufeinandertreffen. Durch diese intensivierte Wettbewerbsorientierung ist von einer Ausweitung des Einflusses der Eltern im Schulwahlprozess und einer Erhöhung der Angebotsvielfalt an Einzelschulen auszugehen (Weiß, 2001; Heinrich, 2009).

Die zu beobachtenden Ausdifferenzierungen, insbesondere zwischen Schulen derselben Schulform, führen zu einer Horizontalisierung der Bildungslandschaften, in der sowohl Öffnungs- aber auch Schließungsprozesse wirksam werden (Krüger & Helsper, 2014). Schulische Profilierungsprozesse können in diesem Zusammenhang als eine Differenzierungsmaßnahme verstanden werden, die es ermöglicht, Schülerinnen und Schüler mit vergleichbaren Voraussetzungen und ähnlichen Aspirationen in einer Organisationseinheit (Schule, Klasse) zu bündeln. Forschungsbefunde zur Wirksamkeit derartiger Homogenisierungsprozesse sind jedoch inkonsistent. Dass der Lernkontext und allen voran die Zusammensetzung der Schülerschaft aber einen Einfluss auf den individuellen Lernerfolg haben, steht außer Frage. Aktuellen Forschungsbefunden zufolge steht sowohl die Leistungsentwicklung, die Leistungsmotivation aber auch das Lehrer*innenhandeln in einem engen Zusammenhang mit der sozialen sowie leistungsbezogenen Zusammensetzung der Schülerschaft (u.a. Dumont et al, 2013; Scharenberg, 2012).

Auf der anderen Seite können sich durch selektive Klasseneinteilung und Übergangsreglungen aber auch inner- und zwischenschulische Segregationsprozesse entfalten, die unter Umständen dazu führen, dass ohnehin benachteiligten Schülerinnen und Schüler der Zugang zu besonders förderlichen Lernumwelten verwehrt wird. Somit können horizontale Differenzierungsprozesse, die sich in der Praxis vor allem durch Maßnahmen der Schul- und Klassenprofilierung manifestieren, auch unter der Perspektive der Reproduktion und Transformation sozialer Ungleichheit diskutiert werden (Krüger et al., 2015). An diese Perspektive schließt das Symposium an und adressiert übergeordnet die Frage, inwieweit horizontale Differenzierungsprozesse und dadurch angeregte Wettbewerbsmechanismen im Sekundarschulwesen zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten beitragen (können).

Die vier Beiträge des Symposiums sind so ausgewählt, dass sie sich dem Phänomen auf verschiedenen Ebenen annähern, dabei unterschiedliche Akteure in den Blick nehmen und unter Verwendung vielfältiger methodischer Zugänge jeweils spezifische Aspekte der Ungleichheitsgenese durch horizontale Differenzierung ausleuchten.

Der erste Beitrag von Sebastian Leist und Kolleg*innen nimmt aus einer sozio-geografischen Makroperspektive die Quasi-Marktstrukturen im Stadtstaat Hamburg in den Blick und untersucht, inwieweit sich darin Segregationsprozesse zwischen den Schulen nachzeichnen lassen.

Im zweiten Beitrag von Nicky Zunker und Marko Neumann wird diese Perspektive weiterverfolgt und ebenso die Segregation zwischen Einzelschulen in den Blick genommen. Kontrastierend zum ersten Beitrag liegt der Fokus allerdings explizit auf der segregierenden Wirkung profilierter Schulen im Kontext des Berliner Schulsystems. Als mögliche Erklärung für potenzielle Segregationsprozesse gehen die Autoren außerdem der Frage nach, ob die Entscheidung für und der Übergang auf profilierte Schulen mit Merkmalen des familiären Hintergrundes assoziiert sind.

In Bezug auf die Wahl altsprachlicher Bildungsgänge setzen auch Jürgen Gerhards und Kollegen im dritten Beitrag am sozio-differenziellen Entscheidungsverhalten als ungleichheitsreproduzierendes Moment an, legen ihren Fokus allerdings auf Mechanismen, die diese Verhaltensunterschiede zu erklären vermögen. Als einen möglichen Erklärungsmechanismus stellen sie in ihrer Argumentation die kulturelle Distinktion heraus.

Der vierte Beitrag von Catharina I. Keßler und Sonja Nonte greift das Konzept der Distinktion erneut auf, wechselt dabei jedoch die Perspektive von den Bildungsnachfragenden auf die Bildungsanbietenden. Mit Hilfe eines Mixed Method-Designs gehen die Autorinnen der Frage nach, welche Bedeutung Schulleitungen der Schulprofilierung als mögliche Distinktionsstrategie im Kontext des Wettbewerbs zwischen Schulen beimessen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Quasi-Märkte - Kleinräumige Segregation im Hamburger Schulsystem

Sebastian Leist1, Marcus Pietsch2, Laura Perry1, Christopher Lubienski3
1Murdoch University Perth, 2Leuphana Universität Lüneburg, 3Indiana University

Infolge der Implementierung sogenannter choice-policies als Hauptkomponente der globalen Merkantilisierungsbewegung hat die soziale und akademische Segregation zwischen Schulen in vielen Ländern zugenommen (van Zanten, 2005). Die ohnehin schon vorhandenen Zusammenhänge zwischen residentieller Segregation und Schuleffekten auf Schülerleistungen (OECD, 2018) scheinen durch choice policies verstärkt zu werden. Es besteht somit über die enge Verknüpfung zwischen der lokalen Schulqualität und dem Ausmaß an Wohlstand in einer Nachbarschaft hinaus offenbar auch ein Zusammenhang mit der Zugänglichkeit von Schulen.

Der Beitrag geht, räumlich differenziert, der Frage nach, wo in einem Regime freier Schulwahl soziale Segregationsprozesse beim Wechsel einer Schülerkohorte von der Grundschule zur weiterführenden Schule nachweisbar sind. Die zugrundeliegende räumliche Gliederung erfolgt anhand von Schulmärkten, die stochastisch mit Verfahren der sozialen Netzwerkanalyse aufgedeckt worden sind (Leist & Pietsch, 2017). Weiterhin werden Einflüsse von Schulform, Schülerkomposition und schulindividuellen Charakteristiken auf Segregationsmuster untersucht.

Methodische Grundlage der Schulmärkte bilden stochastische Netzwerkverfahren zur Ermittlung von Gruppen anhand der Akteursbeziehungen untereinander (Templin, 2008). Vorteilhaft ist dabei erstens, Gruppen mittels empirischer Daten anhand eines endogenen Merkmals definieren zu können und zweitens, latent modellieren zu können, so dass Messfehler keine Rolle spielen. Zur Modellierung der stochastischen Netzwerke fand das R-Paket ‚latentnet‘ (Krivitsky & Handcock, 2008) Anwendung. Weitergehende Analysen leuchten Segregationsprozesse zwischen und innerhalb von Schulmärkten aus. Darüber hinaus kommt ein „wahrer“ raumbezogener Segregationskoeffizient auf schulindividueller Ebene zum Einsatz. Der Local Index of Dissimilarity (LID; Harris, 2011) gibt für jede weiterführende Schule an, inwiefern sie in der Lage war, ihr soziales Potential auszuschöpfen. Der soziale Status der Familien an den zuliefernden Grundschulen wird dafür, gewichtet um die Anzahl wechselnder Schüler, mit dem sozialen Status der in Jahrgang 5 der weiterführenden Schule angetroffenen Schülern verglichen. So wird für jede weiterführende Schule ermittelt, ob sie segregierend wirkt, indem die Differenz zwischen dem sozialen Status der aktuellen und der potentiellen Schülerkohorte beziffert wird.

Das Beziehungsgeflecht zwischen den Schulen basiert auf den Übergängen sämtlicher Schüler (N=14.481) von der Grundschule zur weiterführenden Schule innerhalb der Freien und Hansestadt Hamburg im Schuljahr 2013/14. Die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft wird anhand des RISE-Statusindex des Hamburger Sozialmonitorings abgebildet (Freie und Hansestadt Hamburg, 2015). Dieses ermöglicht für jeden einzelnen Schüler anhand kleinräumig bereitgestellter statistischer Kennzahlen zum Wohnort näherungsweise den sozio-ökonomischen Hintergrund zu ermitteln (Pohlan & Strote, 2017).

In Hamburg lassen sich mittels Übergängen zur weiterführenden Schule 14 Schulmärkte identifizieren, die zumeist von physischen Barrieren wie Bahnstrecken, der Elbe oder Autobahnen begrenzt sind. Nichtsdestotrotz finden zwischen Schulmärkten in unterschiedlichem Ausmaß auch Wechsel statt. Der Anteil Schüler, den einzelne Schulmärkte beibehalten schwankt daher. Daneben sind sowohl die Schülerkompositionen der Schulmärkte, als auch die Schülerkomposition der zwischen den Schulmärkten wechselnden Schüler mitunter signifikant unterschiedlich. Insbesondere die Schulmärkte an den beiden Enden der sozio-ökonomischen Skala weisen Charakteristiken auf, die auf eine Abschottung respektive Verinselung schließen lassen. Ein sozial homogener Schulmarkt im wohlhabendsten Milieu Hamburgs erscheint von außerhalb schwer zugänglich, während gleichzeitig Schüler weniger wohlhabender Haushalte auf Schulen in benachbarten Schulmärkten verdrängt werden. Am untersten Ende der sozio-ökonomischen Skala dagegen verlassen Schüler ausvergleichsweise wohlhabenden Haushalten den Schulmarkt, während Schüler aus homogen stark benachteiligten Haushalten zurückbleiben.

Folglich sind deutliche Hinweise vorhanden, dass choice policies soziale Segregation in Hamburg begünstigen. Dabei sind die Folgen je nach sozialer Lage der Nachbarschaften unterschiedlich. Während sich in wohlhabendsten Nachbarschaften Verdrängungsprozesse nachweisen lassen, kann man in den benachteiligsten Quartieren von einer Fluchtbewegung weniger benachteiligter Familien sprechen.

 

Stratifizierung durch Profilierung? Das Zusammenspiel von inhaltlichen Profilen und Merkmalen der Schülerkomposition an nicht-gymnasialen weiterführenden Schulen in Berlin

Nicky Zunker1, Marko Neumann2
1HU Berlin & DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, 2DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Theoretischer Hintergrund

Mit der im Schuljahr 2010/11 umgesetzten Schulstrukturreform sieht sich die Berliner Schullandschaft mit einem tiefgreifenden Umbruch konfrontiert. Kern der Reform war die Neuordnung des Sekundarschulwesens, im Zuge derer alle nicht-gymnasialen Schulformen zu einer neuen Schulform – der Integrierten Sekundarschule (ISS) – zusammengefasst wurden. Das vormals prädominierende Differenzierungsmerkmal zwischen Schulen in Gestalt der Schulform verlor damit an Bedeutsamkeit. An dessen Stelle rückt eine stärkere horizontale Differenzierung durch individuelle Profilbildung und Schwerpunktsetzungen, zu der die Schulen seit der Schulstrukturreform in zunehmendem Maße angeregt werden (vgl. Neumann et al., 2013). Aus einer steuerungstheoretischen Perspektive ist anzunehmen, dass derlei Differenzierungsprozesse die Ausbildung von Wettbewerbsstrukturen im Bildungswesen befördern, gleichsam aber auch (soziale) Segregationsprozesse zwischen den Schulen begünstigen könnten (vgl. Bellmann & Weiß, 2009; Heinrich et al, 2011). Dies kann sowohl auf institutionelle als auch Selbstselektionsmechanismen zurückgeführt werden. Von einer Selbstselektion ist dann auszugehen, wenn bei der Schulwahl schichtspezifisch unterschiedliche Schulprofile präferiert werden. Dieser Prozess wird dadurch verstärkt, dass einige Schulen sich bewusst Profile geben, die explizit die Präferenzen spezifischer sozialer Schichten oder Milieus bedienen (vgl. Helsper et al., 2018; Flitner, 2007). Institutionelle Selektion tritt in erster Linie dann ein, wenn im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler besonders erfolgreiche Schulen mehr Anmeldungen generieren, als sie über Plätze verfügen und damit in die Lage versetzt werden, Schülerinnen und Schüler auswählen zu können. Je nachdem welche Auswahlkriterien angesetzt werden, kann dadurch ein selektiver Zugang zu profilierten Schulen entstehen, der unter Umständen einige Bevölkerungsgruppen in überproportionalem Ausmaß von diesen Angeboten ausschließt (Altrichter et al., 2016; Bellmann, 2008).

Fragestellung

In der deutschsprachigen Forschungslandschaft gibt es nur begrenzt Untersuchungen, die Auswirkungen horizontaler Differenzierungsmaßnahmen auf die Schülerkomposition beleuchten. An dieses Forschungsdesiderat möchte der vorliegende Beitrag anschließen und am Beispiel des Berliner Sekundarschulwesens prüfen, inwieweit Schulen entlang ihrer Schulprofile segregiert sind und ob sich Hinweise auf institutionelle und Selbstselektionsprozesse finden lassen. Folgende drei ineinandergreifende Forschungsfragen werden dazu adressiert:

(F1) Wie unterscheidet sich die Schülerkomposition zwischen weiterführenden Schulen mit unterschiedlichen Profilen?

(F2a) Wie unterscheiden sich Familien entlang ihrer soziokulturellen Herkunft in der Präferenz für unterschiedlich profilierte weiterführende Schulen?

(F2b) Wie unterscheiden sich Familien entlang ihrer soziokulturellen Herkunft hinsichtlich ihrer realisierten Übergänge an unterschiedlich profilierte Schulen?

Methode

Fragestellung 1 wurde mit Hilfe schulstatistischer Daten bearbeitet. Hierzu wurden einfache Mittelwertvergleiche verschiedener Kompositionsmerkmale zwischen ISS (N = 120) entlang fünf kategorisierter Schulprofile durchgeführt: kein Profil, berufliches, akademisches (= musisch-künstlerisches, MINT- oder sprachliches), sportbetontes oder gemischt/sonstiges Profil. Die Profilinformationen wurden dem Online-Schulverzeichnis der Berliner Senatsverwaltung entnommen. Eine zufallskritische Absicherung der Kompositionsunterschiede erfolgte mittels einfaktorieller Varianzanalysen.

Zur Beantwortung von Fragestellung 2a und 2b wurde auf repräsentative Stichprobendaten der BERLIN-Studie (Maaz et al., 2013) zurückgegriffen. Für die Substichprobe der Schülerinnen und Schüler, die nach der 6. Klassenstufe in eine ISS übergingen (N = 1930) wurden multinomiale logistische Regression der präferierten (F2a) und der realisierten (F2b) Schulprofile auf Merkmale des soziokulturellen Hintergrundes der Schülerinnen und Schüler geschätzt, wobei zusätzlich für schulische Leistungen kontrolliert wurde. Zur besseren Interpretier- und Vergleichbarkeit wurden multinomiale Average Marginal Effects berechnet.

Ergebnisse

Hinsichtlich Unterschieden in der Schülerkomposition nach Schulprofil (F1) zeichnete sich ab, dass vor allem ISS mit beruflichem Profil im Vergleich zu den anderen Profilkategorien eine ungünstigere Schülerkomposition aufweisen. Zwar deuteten sich auch zwischen den anderen Gruppen Unterschiede an, die sich aber nur teilweise zufallskritisch absichern ließen. Die multivariaten Analysen auf Stichprobenebene zeigten, dass soziokulturelle Hintergrundmerkmale tendenziell etwas besser zur Vorhersage des realisierten (F2b) als des präferierten Schulprofils (F2a) geeignet sind, Einflüsse des soziokulturellen Hintergrundes aber generell sehr klein und oftmals nicht statistisch signifikant ausfallen und zudem stark mit Leistungsmerkmalen konfundiert sind.

 

Tote Sprachen als lohnende Investition? Zur intergenerationalen Transmission von Privilegien durch die Wahl alter Sprachen

Jürgen Gerhards1, Ulrich Kohler2, Tim Sawert1
1Freie Universität Berlin, 2Universität Postdam

In Zeiten der Globalisierung werden Fremdsprachenkenntnisse immer wichtiger. Transnationales Sprachkapital erhöht die Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, ermöglicht es Menschen, in anderen Ländern zu studieren, und erleichtert die Bildung neuer transnationaler Netzwerke (Gerhards & Hans, 2013). Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass ein Drittel aller Schüler des Deutschen Gymnasiums sich dafür entscheiden, keine moderne Sprache zu lernen und stattdessen Latein zu wählen (Statistisches Bundesamt, 2019). Dies ist umso überraschender, als die Schüler nicht nur keine zusätzliche moderne Fremdsprache lernen, sondern sich das Erlernen von Latein ab der fünften Klasse zudem zu Lasten der Entwicklung der Englischkenntnisse geht (Baumert et al., 2010).

Dementsprechend scheint das Erlernen der lateinischen Sprache eine unrentable Investition zu sein, da es mit Opportunitätskosten verbunden ist, ohne einen Kommunikationswert zu haben. Warum entscheiden Eltern dann, dass ihre Kinder Latein in der Schule lernen sollen?

Ausgehend von einer Analyse der Daten des Sozio-ökonomischen Panels zeigt Sawert (2018), dass die Entscheidung für ein stark klassisches Profil sozial selektiv ist: Während nur rund 2% der Kinder aus nicht-akademischen Haushalten ab der fünften Klasse Latein lernen, trifft dies auf 16% der Kinder aus akademischen Haushalten zu.

Bezugnehmend auf die Arbeit von Pierre Bourdieu und die Theorie der rationalen Wahl argumentieren wir, dass in Zeiten der Bildungsexpansion die Wahl von Latein in der Schule eine Strategie der sozialen Schließung für privilegierte Familien darstellt. Wir nehmen an, dass vier Mechanismen unterschieden werden können, die den Bildungshintergrund mit der Entscheidung über das Erlernen der lateinischen Sprache in der Schule verknüpfen: kulturelle Distinktion (1), selektive Lernumgebungen (2), Erwartungen an positive Transfereffekte (3) und Unterschiede in der strukturellen Opportunität (4). Um diese Mechanismen zu unterscheiden, haben wir Befragungen an Grundschulen und Gymnasien in Deutschland durchgeführt (siehe Gerhards et al. 2019). Anhand dieser Daten analysieren wir, inwieweit die Auswirkung des Bildungshintergrunds auf die Wahl von Latein auf die verschiedenen Mechanismen zurückgeführt werden kann. Dazu leiten wir testbare Implikationen aus theoretischen Modellen mithilfe von „Directed Acyclic Graphs“ (DAGs) ab. Für den Vergleich der Regressionskoeffizienten logistischer Regressionsmodelle und zur Zerlegung der verschiedenen Effekte verwenden wir die von Karlson und Kollegen (2012) vorgeschlagene KHB-Korrektur.

Die Ergebnisse zeigen, dass akademische Familien sich mit größerer Wahrscheinlichkeit für Latein entscheiden und dass der wichtigste Mechanismus zur Erklärung dieses Zusammenhangs die Bevorzugung eines sozial selektiven Lernumfelds ist. Es gibt jedoch auch Unterschiede in der Relevanz anderer Motive je nach Bildungshintergrund der Eltern.

 

Schulprofilierung als Distinktionsstrategie an Sekundarschulen

Catharina I. Keßler, Sonja Nonte
Georg-August-Universität Göttingen

Theoretischer Hintergrund

Im Zuge neuer Steuerungsmechanismen im Bildungssystem erhalten öffentliche Schulen seit den 1990er Jahren zunehmend mehr Gestaltungsspielräume. Die gewonnene Schulautonomie zeigt sich insbesondere im Bereich der Schulprofilbildung. So nimmt die Anzahl an Schulen mit spezifischen Profilen stetig zu. So werden vielerorts extracurriculare Angebote in den jeweiligen Schwerpunktbe-reichen etabliert oder Profilklassen eingerichtet.

Mit der Implementierung von Profilklassen und extracurricularen Angeboten können die Schulen auf einerseits in besonderem Maße auf die Bedarfe des regionalen Umfelds reagieren. Andererseits wählen Schüler*innen die zu ihren Interessen und ihrem Habitus passenden Schulen aus, so dass etwa Clausen (2006) von einer Überanpassung der Schülerschaft an ihre Schule spricht. Ausgehend vom „Theorem der Passung“ und habitustheoretischen Weiterentwicklungen rekonstruieren Helsper et al. (2014) Passungen zwischen primärem und sekundärem Schülerhabitus und gehen insgesamt von Passungsarbeit seitens der Schüler*innen sowie der Schule aus. Vor dem Hintergrund bildungs-systemischer Wandlungsprozesse mit einer Gleichzeitigkeit sozialer Öffnungs- und Schließungsten-denzen kann in diesem Zusammenhang besonders im Gymnasialen eine gesteigerte schulische Dis-tinktionsarbeit beobachtet werden. Insbesondere wenn Schulen für ihren Profilbereich mehr Anmel-dungen als freie Plätze zur Verfügung stehen, können neben privaten auch staatliche Schulen Aus-wahlverfahren implementieren. Über vermeintlich stärker formalisierbare Kriterien hinaus, können dabei auch implizitere Aspekte wie etwa eine milieuspezifische Passung wirkmächtig werden. Dieser Mechanismus kann als Selektionsprozess betrachtet werden, durch den spezifische gesellschaftliche Gruppierungen oder soziale Milieus keinen Zugang zu bestimmten Schulen erhalten (Heinrich, Alt-richter & Soukup-Altrichter, 2011; Maaz, Nagy, Jonkmann & Baumert, 2009). Eine positiv selektierte Schülerschaft wiederum führt dazu, dass solche Schulen bessere Ausgangsbedingungen beispielswei-se für die Einstellung von qualifiziertem Lehrpersonal haben, als andere Schulen in der Region. Mit der Einrichtung von Profilklassen kommt zudem ein weiterer Differenzierungsaspekt zum Tragen. Auch auf Jahrgangsebene kann es zu einer Homogenisierung der Schülerschaft kommen, wenn Pro-filklassen nur eine bestimmte Schülerschaft ansprechen. Die verbleibenden Parallelklassen werden dann gegebenenfalls zu sogenannten Restklassen (Specht, 2011).

Fragestellung

Nationale und internationale Forschungsbefunde zu Stratifizierungs- bzw. Segregationstendenzen im Bildungssystem deuten darauf hin, dass Zusatzangebote sowohl positiv (Beispiel Magnet Schools in den USA) als auch mit Blick auf Elitebildung und Ungleichheit kritisch diskutiert werden können (Wang, Schweig, Herman, 2017; Weiß, 1989). Bis heute liegen im deutschsprachigen Raum kaum Studien vor, die Schulprofilbildung in ihrer Umsetzung als Klassenprofilierung in einen Zusammen-hang mit Segregationsmechanismen im Bildungssystem bringen. Daher stellt sich uns die Frage, wel-che Bedeutung der Klassenprofilierung im Hinblick auf den Wettbewerb zwischen Schulen in der jeweiligen Region beigemessen wird.

Methoden

Um diesem Zusammenhang nachzugehen, haben wir im Kontext der Studie „ProfilBildung an Nieder-sächsischen Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen“ (ProBiNi) neben den Schüler*innen (n ≤ 730), Eltern und Lehrkräften auch die Schulleitungen (n = 11) der teilnehmenden Schulen befragt. Zusätzlich wurden qualitative leitfadengestützte Interviews mit bislang vier Schulleitungen durchge-führt. Auf der Basis quantitativer deskriptiver Analysen sowie der qualitativ-rekonstruktiven Doku-mentarischen Methode werden implizite wie auch explizite Wissensbestände der Schulleitungen hinsichtlich Schulprofilierungsmaßnahmen mit dem Aspekt des schulischen Wettbewerbs in Verbin-dung gebracht. Die Relationierung der Befunde wird anhand eines Mixed Method-Designs im Sinne eines embedded designs (Creswell & Plano Clark, 2006) vorgenommen und unterschiedliche Fokusse mit den Vorteilen der jeweiligen Methodenparadigmen bearbeitet.

Ergebnisse

Die deskriptiven Ergebnisse der quantitativen Befragung der Schulleitungen deuten darauf hin, dass vielfältige Gründe für die Implementierung eines Klassenprofils angeführt werden, die jedoch zum Teil im Interview weniger präsent beziehungsweise unterschiedlich in den Orientierungsrahmen der Schulleitungen aufgehoben sind. Tatsächlich lassen sich in den Interviews unterschiedliche hand-lungsleitende Orientierungen auf Schulprofilierung rekonstruieren: Die qualitativen Fallstudien ver-weisen darauf, dass diese Rahmungen mit den konkreten schulischen Erfahrungsräumen korrespon-dieren und die schulische Profilierung sich als Teil der einzelschulischen Distinktionsarbeit deuten lässt. Aspekte, wie der Abbau sozialer Ungleichheit, sind darin nicht gleichermaßen aufgehoben. Die quantitativen und qualitativen Befunde werden in Beziehung gesetzt und zeichnen ein differenzier-tes Bild zu Distinktionsstrategien im Sekundarschulbereich.