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Sitzungsübersicht
Sitzung
F9‒H06: Person-Environment-Fit im Lehramt – berufsrelevante Voraussetzungen von Lehramtsstudierenden im Vergleich
Zeit:
Freitag, 27.03.2020:
9:00 - 10:45

Ort: H06

Präsentationen

Person-Environment-Fit im Lehramt – berufsrelevante Voraussetzungen von Lehramtsstudierenden im Vergleich

Chair(s): Birgit Ziegler (Technische Universität Darmstadt, Deutschland), Stephan Abele (Technische Universität Dresden), Svenja Ohlemann (Technische Universität Berlin)

DiskutantIn(nen): Sylvia Rahn (Universität Wuppertal)

Lehrer*innen sind maßgebliche Gestalter*innen von Bildungsprozessen. Kaum ein anderer Beruf präsentiert sich so früh und mit so hoher Intensität im Lebenslauf von Individuen, beeinflusst deren Partizipationsmöglichkeiten im Bildungssystem sowie berufswahlrelevante Selbstselektionsprozesse im Zugang zum Lehramt. Schon Grundschulkinder, besonders Mädchen, äußern häufig den Wunsch, einmal Lehrerin oder Lehrer werden zu wollen (Baumgart 2012). Daher ist das Lehramt auch aus berufswahltheoretischer Perspektive interessant. Zahlreiche berufswahltheoretische Ansätze folgen dem Person-Environment-Fit Modell, wonach Menschen sich vorzugsweise beruflichen Umwelten zuwenden, die sie als zu ihrer Person passend wahrnehmen. Prominent ist der Ansatz von J. L. Holland (1997), der tätigkeitsbezogene Interessen als zentralen Wirkfaktor im Berufswahlprozess unterstellt. Entwicklungstheoretisch wird dagegen sozialen Passungserwägungen hinsichtlich Geschlecht und Prestige eine frühere und höhere Wirksamkeit im Berufswahlprozess zugeschrieben, als Interessen und Wertorientierungen (L. S. Gottfredson 1981, 2005). Dies bekräftigend zeigt sich beispielhaft für Pflegeberufe, dass eine mangelnde soziale Passung die Neigung einen Beruf zu ergreifen, trotz vorhandener Interessenkongruenz mindert. Zudem erweisen sich mangelnde Urteilsicherheit, ungünstige Einschätzungen der Zugänglichkeit zum Berufsfeld sowie eine mangelnde Passung der Rahmenbedingungen als die Berufswahlneigung mindernde Faktoren (Matthes 2019). Die Interaktionsintensität von Jugendlichen mit Lehrenden hängt mit Ausnahme der Grundschule von der besuchten Schulart ab und Unterschiede in der sozialen Hierarchie der Bildungsgänge spiegeln sich im Berufsprestige der Lehrämter wider (Ziegler 2018). Studienberechtigte sind überwiegend gymnasial sozialisiert, weshalb Studierenden im LaG eine hohe Urteilssicherheit und soziale Passung unterstellt werden kann, was mitunter dazu beiträgt, dass die Studierendennachfrage im gymnasialen Lehramt von ungünstigen Einstellungsprognosen relativ unbeeinträchtigt bleibt (Ziegler 2009; Rothland 2014). Dem Lehramt an berufsbildenden Schulen begegnen Jugendliche, wenn überhaupt, recht spät im Lebenslauf. Auch das soziale Prestige liegt unterhalb des gymnasialen Lehramts. Aus berufswahltheoretischer Perspektive sind daher die anhaltenden Versorgungsprobleme beruflicher Schulen mit Lehrkräften erklärbar. Nun hat sich der Lehrerberuf von einem eher männlichen zu einem eher weiblichen Beruf gewandelt (Kemnitz 2014). Davon ausgenommen sind lediglich die MINT-Fächer, besonders Physik, Informatik und Technik. Diese Fächer sind nach wie vor stärker männlich besetzt, weisen aber gleichzeitig nachhaltige Versorgungsprobleme auf. Nachdem Kinder in der Phase der Herausbildung ihrer Geschlechtsidentität stärker zu Berufen tendierend, die von Erwachsenen des gleichen Geschlechts repräsentiert werden (Ratschinski 2013), könnte der frühe Ausschluss des Lehramts aus dem beruflichen Aspirationsfeld von Jugendlichen mit MINT-Interessen ursächlich dafür sein. Bei älteren Studierenden, die über andere berufliche Vorbildungen oder als Studiengangwechsler*innen in das Lehramtsstudium einmünden, könnten dagegen Gelegenheitsstrukturen höher wiegen als Passungserwägungen (Gottfredson & Becker 1981). Beispielsweise können die antizipierten Rahmenbedingungen im Lehramt die Berufswahlneigung erhöhen oder die hohe Nachfrage im berufsbildenden Lehramt kann die Zugänglichkeitseinschätzungen positiv beeinflussen. Mit Blick auf die zuletzt genannte Gruppe ist daher von Interesse, ob z. B. die Einmündung in das Lehramt an berufsbildenden Schulen ein Ergebnis des Person-Environment-Fit oder vielmehr ein Produkt von Gelegenheitsstrukturen ist und sich demzufolge Studierende im beruflichen Lehramt hinsichtlich ihrer berufsbezogenen Interessen, Motive und Überzeugungen von anderen Studierendengruppen, insbesondere Studierenden allgemeinbildender Lehrämter abheben. Angesichts des Lehrkräftemangels und der zunehmenden Deckung des Bedarfs über Quer- und Seiteneinstiege ist die Wirksamkeit der Person-Umweltpassung aber auch für die Lehrkräftegewinnung an allgemeinbildenden Schulen bedeutsam.

Ausgehend von der übergreifenden Frage, ob abhängig von bildungsbiografischen Zugängen zum jeweils angestrebten Lehramt sich Tätigkeitsinteressen, Fachinteresse, Motiven, Überzeugungen und Vorwissen von Lehramtsstudierenden binnenstrukturell sowie von anderen Studierendengruppen unterscheiden, werden im Symposium vergleichende Analysen präsentiert. Der erste Beitrag analysiert Interessenstrukturen von Studierenden des berufsbildenden Lehramts und der Ingenieurwissenschaften. Der zweite Beitrag vergleicht Studienanfänger*innen im gymnasialen Lehramt und im berufsbildenden Lehramt. Beitrag 3 präsentiert Analysen zu Studierenden des Sekundarschullehramts und des berufsbildenden Lehramts. Im vierten Beitrag werden Mathematikstudierende mit Lehramts-studierenden im Fach Mathematik unterschiedlicher Schularten verglichen.

Es ergibt sich ein hochdifferenziertes Bild. Insgesamt wird das Modell einer Person-Umwelt-Passung im Lehramt eher bekräftigt.

 

Beiträge des Symposiums

 

Berufliche Interessenprofile – ein Grund und eine Lösungsoption für das Rekrutierungsproblem im gewerblich-technischen Lehramtsstudium?

Andreas Leon1, Marcel Köhler1, Nelly Schmechtig1, Gabriel Nagy2, Stephan Abele1
1Technische Universität Dresden, 2Universität Kiel

Theoretischer Hintergrund

Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen in gewerblich-technischen Fachrichtungen stellt seit langem bundesweit ein anhaltendes, empirisch aber nur unzureichend erforschtes Problem dar. Gemäß der Person-Umwelt-Theorie Hollands (1997) entscheiden sich Personen u. a. dann für das Studium des gewerblich-technischen Lehramts, wenn sie ein überdurchschnittlich hohes soziales (S) und praktisch-technisches (R) Interesse haben. Unter Annahme der starken Calculus-Hypothese (Holland, 1997) entspricht dies einem inkonsistenten Interessenprofil. Solche Profile treten in der Population selten auf (Gurtmann & Balakrishnan, 1998), was den erwähnten Lehrermangel zumindest partiell erklären könnte. Dementsprechend deuten erste Analysen darauf hin, dass ein inkonsistentes Interessenprofil für Lehramtsstudierende gewerblich-technischer Fachrichtungen typisch ist (Köhler, Schmechtig & Abele, 2019). Offen ist, inwiefern diese Inkonsistenz aus der erwähnten R-S-Konstellation resultiert. Zudem legen erste Erkenntnisse nahe, dass Lehramtsstudierende im gewerblich-technischen Bereich ein spezifisches Interessenprofil aufweisen, das in gewissem Umfang auch bei Studierenden von Ingenieurwissenschaften vorkommt (Leon et al. 2018).

Fragestellung

Im Beitrag werden die Konsistenz und Profile beruflicher Interessen von ingenieurwissenschaftlichen Studierenden sowie Studierenden des berufsbildenden Lehramts und folgende Hypothesen untersucht: Die Interessenprofile von Studierenden des gewerblich-technischen Lehramts sind inkonsistenter als die Interessenprofile von Studierenden anderer Fächer ohne bzw. mit vergleichsweise geringem Rekrutierungsproblem (H1). Die Inkonsistenz ist bei den Studierenden des gewerblich-technischen Lehramts v.a. auf die erwähnte R-S-Kombination zurückzuführen (H2). Exploratorisch wird ferner untersucht, wie viele Ingenieurstudierende ein für Studierende des gewerblich-technischen Lehramts typisches Interessenprofil aufweisen.

Methode

Für die Analysen wird ein Datensatz herangezogen, der sich aus Studierenden der Ingenieurwissenschaften der Universität Stuttgart (N=252) (Gräber, 2018) sowie Lehramtsstudierenden gewerblich-technischer und weiterer beruflicher Fachrichtungen der TU Dresden (N=339) zusammensetzt und bislang nur partiell ausgewertet wurde. Die Dresdner Daten stammen aus Erstsemesterbefragungen, die vom Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung (ZLSB) der TU Dresden durchgeführt wurden (2015-2018). Hier wurde als Instrument eine Kurzform des allgemeinen Interessenstrukturtest (AIST-R) nach Lörz, Quast & Woisch (2011) verwendet. Die Stuttgarter Daten wurden in Studienveranstaltungen der Studienjahre 2017/2018 erhoben. Als Instrument wurde der AIST-R nach Bergmann & Eder (2005) verwendet. Das Matching der Interessendaten wird im Vortrag erläutert. Die Interessenskalen erreichten mindestens eine zufriedenstellende Reliabilität (R: α=.72; I: α=.73; A: α=.80; S: α=.84; E: α=.74; C: α=.71). Die Bestimmung der Interessenskonsistenz der Studierenden erfolgte in Anlehnung an Nagy, Trautwein & Maaz (2012) sowie Gurtmann & Balakrishnan (1998) unter Annahme einer starken Calculushypothese (Holland, 1997) mithilfe eines regressionsanalytischen Ansatzes, wobei die entsprechenden Sinus- und Cosinuswerte als Prädiktoren und die individuellen Interessenprofile als Kriterien fungierten; das resultierende R² wurde als Konsistenzmaß interpretiert.

Ergebnisse

Die bisherigen Analysen zeigten, dass die Interessenprofile der angehenden Lehrkräfte mit gewerblich-technischen Fachrichtungen inkonsistenter (F(1, 248)=11.28, p<.01, d=.36) sind als die Interessenprofile der Ingenieurstudierenden (H1). Ziel der weiteren Analysen ist es, Interessenskonstellationen zu finden, welche insbesondere für die Inkonsistenz der Interessenprofile der Lehramtsstudierenden gewerblich-technischer Fachrichtungen verantwortlich sind (H2). Hierzu werden Regressionsresiduen mithilfe einer Latent-Class-Analyse (LCA) untersucht (Nagy, Köller, & Leucht, 2016). Es wird davon ausgegangen, dass sich Studierende des gewerblich-technischen Lehramts wegen ihres ausgeprägten sozialen und praktisch-technischen Interesses bevorzugt in einer Klasse befinden. Um die exploratorische Frage zu klären, wird mithilfe einer LCA untersucht, ob für Studierende des gewerblich-technischen Lehramts charakteristische Klassen von Interessenprofilen identifizierbar sind und wie viele Ingenieurstudierende diese Klassen enthalten. Abschließend wird diskutiert, ob es angesichts der Befunde angemessen ist, die Inkonsistenz beruflicher Interessenprofile weiterhin als einen zentralen Grund für das Rekrutierungsproblem im gewerblich-technischen Lehramt zu betrachten und ob affine ingenieurwissenschaftliche Studiengänge als Rekrutierungsressource für Gewerbelehrinnen und Gewerbelehrer betrachtet werden können. In diesem Fall wären Maßnahmen angebracht, die entsprechenden Studierenden gezielt anzusprechen und für das gewerblich-technische Lehramtsstudium zu gewinnen. Schließlich wird der Nutzen von Folgestudien ausgelotet, in denen untersucht wird, ob jene Studierende der Ingenieurwissenschaften, die lehramtsspezifische Interessenprofile aufweisen, auch eher dazu neigen, das ingenieurwissenschaftliche Studium abzubrechen.

 

Berufswahlmotive angehender Lehrkräfte: Vergleich der beruflichen und allgemeinbildenden Fachrichtungen

Anne Stellmacher, Svenja Ohlemann
Technische Universität Berlin

Theoretischer Hintergrund

Die Gewinnung und Ausbildung von Lehrkräften an Universitäten ist aufgrund des deutschlandweiten Lehrkräftemangels in allen Schultypen nach wie vor bildungs- und arbeitsmarktpolitisch hoch relevant. Im beruflichen Lehramt kommt erschwerend dazu, dass sich bereits zu wenige junge Menschen für das Studium entscheiden, was anhand von zu geringen Studierendenzahlen deutlich wird. Davon besonders betroffen sind die gewerblich-technischen Fachrichtungen (Monitor Lehrerbildung, 2017). Als mögliche Ursachen für die geringen Zahlen werden eine mangelnde Attraktivität sowie ein geringer Bekanntheitsgrad des beruflichen Lehramts im Vergleich zum allgemeinbildenden Lehramt genannt (Frommberger & Lange, 2018). In der Behebung des aktuellen Mangels spielt das Wissen über die Motive, warum sich Studierende für das berufliche Lehramtsstudium entschieden haben, eine bedeutsame Rolle (Driesel-Lange, Morgenstern & Keune, 2017). Denn diese Erkenntnisse können von den Hochschulen genutzt werden, um erfolgreiche, an die Zielgruppe angepasste Rekrutierungsstrategien zu entwickeln und den Nachwuchs zielgerichtet anzusprechen und zu beraten. Die bisherige Forschung zu Berufswahlmotiven konzentrierte sich vor allem auf allgemeinbildende Lehramtstypen (u.a. Retelsdorf & Möller, 2012; Rothland, 2014), für das berufliche Lehramt bedarf es weiterer Forschung (Frommberger & Lange, 2018). Vergleichsstudien mit dem allgemeinbildenden Lehramt können diese Erkenntnisse noch schärfen.

Fragestellung

Die vorliegende vom Bundeministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie untersucht die Berufswahlmotive angehender Berufsschullehrkräfte und vergleicht sie mit den Motiven ihrer Kommiliton*innen der allgemeinbildenden Fächer.

Methode

Vorgestellt werden Ergebnisse aus einer Studie im Mixed-Method-Design: In einer quantitativen Studie wurden 30 Lehramtsstudierende aus den beruflichen Fachrichtungen sowie 50 Studierende des allgemeinbildenden Fachs der Sekundarstufe I „Arbeitslehre“, die sich zum Befragungszeitpunkt im Bachelor befanden, befragt. Die Berufswahlmotive wurden mit der Skala FEMOLA (Pohlmann & Möller, 2010) erhoben, welche nach dem Erwartung-x-Wert-Modell (Eccles et al., 1983) aus den folgenden sechs Subskalen besteht: pädagogisches Interesse, fachliches Interesse, Nützlichkeit, Fähigkeitsüberzeugung, geringe Schwierigkeit des Lehramtsstudiums sowie soziale Einflüsse. Die Auswertung erfolgte mittels einer multivariaten Kovarianzanalyse (MANCOVA), um die Effekte der beiden Lehramtsstudienrichtungen auf die sechs Motivationsausprägungen zeitgleich unter Berücksichtigung der Kovariaten Geschlecht, Alter, Fachsemester sowie Anzahl an pädagogischen Vorerfahrungen testen zu können. Da der FEMOLA-Fragebogen für das allgemeinbildende Lehramt entwickelt wurde, bleibt unklar, ob die darin enthaltenen Facetten alle Berufswahlmotive im beruflichen Lehramt abdecken. Deshalb wurden im Rahmen einer qualitativen Untersuchung fünf Master-Lehramtsstudierende der beruflichen Fachrichtungen zu ihren Gründen und Motiven für die Wahl des Studiums befragt. Die biografischen Interviews wurden nach der Grounded Theory (Strauss & Corbin, 1996) ausgewertet.

Ergebnisse

Die quantitativen Ergebnisse zeigen für die angehenden Berufsschullehrkräfte die höchste Ausprägung im fachlichen Interesse, während bei den Studierenden der Arbeitslehre das pädagogische Interesse das wichtigste Motiv war. Die Studierenden des beruflichen und allgemeinbildenden Lehramts unterscheiden sich signifikant in der Einschätzung des pädagogischen Interesses, der Nützlichkeit (im Sinne von Work-Life-Balance und finanzieller Sicherheit) sowie der sozialen Einflüsse (von Eltern oder Freund*innen) als Motivatoren. Auf den übrigen drei Motivskalen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede. Die qualitativen Ergebnisse zeigen, dass FEMOLA die Berufswahlmotive von beruflichen Lehramtsstudierenden zum Teil abdeckt. Die Studierenden berichten bspw. von einem starken didaktischen Interesse und das fachliche Interesse ist vor allem durch vorhergehende berufliche Erfahrungen, wie einer Berufsausbildung oder einem Studium, geprägt. Die Wahrnehmung einer geringeren Schwierigkeit des Lehramtsstudiums wird nicht genannt. Die Ergebnisse sowie Konsequenzen für die Lehrkräfteakquise der beruflichen Bildung werden diskutiert und methodische Stärken und Schwächen der vorliegenden Untersuchungen kritisch reflektiert.

 

Berufswahlmotive und Vorwissen von Studienanfängerinnen und Studienanfängern im (Lehramts)Fach Mathematik. Ein Vergleich diverser Studiengänge

Florina Ștefănică, Reinhold Nickolaus
Universität Stuttgart

Theoretischer Hintergrund

Lehrkräfte haben einen großen Einfluss auf zukünftige Generationen: Sie vermitteln Wissen bei den Schülerinnen und Schülern, formen Charaktere, dienen als Verhaltensmodelle. Doch wer nimmt ein Lehramtsstudium auf? Welches Wissen und welche Eigenschaften bringen die angehenden Lehrkräfte in den unterschiedlichen Lehramtsstudiengängen zu Studienbeginn mit (vgl. z. B. Rothland 2014a, Rothland 2014b)? Unterscheiden sich die Lehramtsstudierenden von den Nicht-Lehramtsstudierenden, mit denen sie an vielen Hochschulstandorten gemeinsame Lehrveranstaltungen besuchen? Bisherige Untersuchungen zu Studienbeginn (vgl. Klusmann et al. 2009; Neugebauer 2013; Drahmann et al. 2016; Klusmann 2011; Blömeke et al. 2008; Pohlmann / Möller 2010) belegen: (1) keine Unterschiede hinsichtlich Abiturnoten, kognitiven Grundfähigkeiten, mathematischem Vorwissen oder der Englischleistung zwischen Nicht-Lehramtsstudierenden und Studienanfängern des gymnasialen Lehramts, jedoch Vorteile für die letztgenannte Gruppe im Vergleich zu Studienanfängern nichtgymnasialer Lehramtsstudiengänge; (2) Vorteile im pädagogischen Vorwissen für nichtgymnasiale Lehramtsstudierende im Vergleich zu gymnasialen Lehramtsstudierenden; (3) unterschiedliche Relevanz der Berufswahlmotive je nach gewähltem Lehramtsstudiengang. Im Rahmen der oben genannten Studien wurden keine fachspezifischen Ausdifferenzierungen der Lehramts- oder Nicht-Lehramtsgruppen durchgeführt. Spinath und Kollegen (2005) nahmen eine Ausdifferenzierung der Nicht-Lehramtsgruppe in Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik vor und stellten fest, dass sich Lehramtsstudierende nicht grundsätzlich in negativer Weise von Studierenden in Diplomstudiengängen hinsichtlich der kognitiven Fähigkeiten oder der Lesekompetenz unterscheiden. Bei einer fachspezifischen Ausdifferenzierung der Lehramtsstudierenden fanden Kaub und Kollegen (2012) heraus, dass Studierende mit den Fächern Sport bzw. Naturwissenschaften höhere kognitive Fähigkeiten als Studierende anderer Lehramtsfächer aufweisen.

Fragestellung

Im Folgenden wird eine erste fachspezifische Untersuchung vorgestellt. Am Beispiel des Fachs Mathematik fokussiert der vorliegende Beitrag (1) Unterschiede zwischen Lehramts- und Nicht-Lehramtsstudierenden und (2) Unterschiede zwischen Lehramtsstudierenden verschiedener Studiengänge zu Studienbeginn.

Methode

Hierfür werden Daten von Studierenden der Universität Stuttgart (145 Nicht-Lehramt Mathematik, 129 gymnasiales Lehramt) und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (145 Sekundarstufen1-Lehramt, 30 Sonderpädagogik) untersucht. Die Unterschiedsanalysen beziehen sich auf (1) das mathematische und pädagogische Vorwissen sowie die kognitiven Grundfähigkeiten und (2) weichere Faktoren wie z. B. Berufswahlmotive, Geschlecht, Erfahrungen vor Studienbeginn. Zur Erfassung des mathematischen Vorwissens wurde eine Kurzversion des Tests aus TIMSS (Baumert et al. 1999) eingesetzt. Das pädagogische Vorwissen wurde mithilfe einer Kurzversion des Tests aus den Studien KiL / KeiLa (Hohenstein et al. 2017) erhoben. Der CFT3 (Weiß 1999, Cattell 1961) diente zur Ermittlung der kognitiven Grundfähigkeit. Schließlich wurde der FEMOLA-Fragebogen (Pohlmann / Möller 2010) zur Erfassung der Berufswahlmotive für das Lehramt verwendet.

Ergebnisse

Erste Analysen zeigen, dass zu Studienbeginn Nicht-Lehramtsstudierende über ein ausgeprägteres mathematisches Vorwissen, bessere kognitive Grundfähigkeiten und bessere Abiturnoten als Lehramtsstudierende verfügen. Zusätzlich finden sich hinsichtlich dieser Indikatoren Unterschiede zwischen den verschiedenen Lehramtsstudiengängen: Am besten schneiden die Sekundarstufen2-Lehramtsstudierenden ab, gefolgt von den Sonderpädagogen und den Sekundarstufen1-Lehramtsstudierenden. Hingegen konnten im pädagogischen Vorwissen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Studiengängen gefunden werden. Ca. 40% der Nicht-Lehramtsstudierenden haben während ihrer Schulzeit einen Vertiefungskurs in Mathematik besucht, während es in den Lehramtsstudiengängen ca. 15% sind. Dabei zeigt dieser Vertiefungskurs einen erwartungskonformen Zusammenhang mit dem mathematischen Vorwissen auf. Für alle Studiengänge mit Ausnahme des Lehramts für Sonderpädagogik gilt: Studienanfänger, die bereits Nachhilfe gegeben haben, verfügen über ein ausgeprägteres pädagogisches Vorwissen als jene Studienanfänger, die noch keine Nachhilfe gegeben haben. Schließlich unterscheiden sich die Studienanfänger der unterschiedlichen Lehramtszugänge hinsichtlich der Berufswahlmotive; Zusammenhänge zwischen den Berufswahlmotiven und dem Vorwissen können dabei nicht festgestellt werden. Die Ergebnisse machen deutlich, dass für die Gewinnung kompetenter Studierenden eine Steigerung der Attraktivität der Lehramtsausbildung notwendig ist. Zusätzlich soll die gefundene Heterogenität zwischen den Eingangsvoraussetzungen in den unterschiedlichen Studiengängen auf Herausforderungen bei der Vorbereitung gemeinsamer Lehrveranstaltungen aufmerksam machen.

 

Bildungswege, Studien- und Berufswahlmotive, Überzeugungen und Interessen – Ein Vergleich von Studienanfänger*innen im Lehramt an Gymnasien (LaG) und im Lehramt an beruflichen Schulen (LaB)

Sevil Mutlu, Josephine Berger, Birgit Ziegler
Technische Universität Darmstadt

Theoretischer Hintergrund

Professionelle Lehrerkompetenz basiert auf einer analytisch-kognitiven sowie einer motivational-affektiven Facette (Baumert & Kunter, 2011). Letztere umfasst Überzeugungen und Werthaltungen, motivationale Orientierungen, darunter auch Studien- und Berufswahlmotive sowie selbstregulative Fähigkeiten. Beide Facetten gelten auch als Basis für eine erfolgreiche Professionalisierung bzw. eine erfolgreiche Bewältigung des Lehrberufs (Klieme & Leutner, 2006; Cramer 2016). Trotz einer Varianz der methodischen Zugänge zeigen die motivationalen-affektiven Voraussetzungen von Lehramtsstudierenden der allgemeinbildenden Schulämter ein erstaunlich einheitliches Muster. Schulartspezifisch finden sich allenfalls höhere Ausprägungen der pädagogischen Orientierungen im Lehramt an Grund- und Sekundarschulen gegenüber einer stärkeren fachlichen Orientierung im Lehramt an Gymnasien (Rothland 2014, Cramer 2016). Wenig Erkenntnisse liegen darüber vor, welche motivationalen Orientierungen und Überzeugungen im Vergleich dazu Lehramtsstudierende an berufsbildenden Schulen aufweisen (Ziegler 2019, Driesel-Lange et al. 2017). Auf der Ebene der dienstrechtlichen Rahmenbedingungen sind das Lehramt an Gymnasien und das Lehramt an berufsbildenden Schulen seit etwa Mitte der 1960er Jahre gleichgestellt. Dementsprechend stellen Gymnasiallehrkräfte auch ein Viertel des Lehrpersonals an berufsbildenden Schulen, während nicht einmal die Hälfte des Lehrpersonals über einen regulären Studienabschluss in einem beruflichen Lehramt verfügt (Destatis 2018). Mitunter ist dies ein Resultat der nachhaltigen Rekrutierungsproblematik an berufsbildenden Schulen, wovon besonders die Hochtechnologiefachrichtungen, Elektro-, Fahrzeug- Metalltechnik und Informationstechnik betroffen sind. Dagegen ist die Nachfrage nach Studienplätzen im Lehramt an Gymnasien vergleichsweise robust (Rothland 2014), lediglich in den MINT-Fächern, besonders in Physik, besteht ebenfalls ein Nachfragemangel. Hinsichtlich erfolgsversprechender Strategien der Lehrkräftegewinnung in den Mangelbereichen sind daher Studien- und Berufswahlmotive, Interessen und berufsbezogenen Überzeugungen bei Studierenden im Lehramt an beruflichen Schulen und an Gymnasien in den MINT-Fächern von Interesse. Bezogen auf die Gruppe der Studierenden im Lehramt an beruflichen Schulen, die häufig erst später und über berufliche Erfahrungen oder andere Studiengänge in das berufliche Lehramt einmünden (Ziegler & Berger 2019) ist zudem zu prüfen, ob sie als sogenannte „Spätentscheider“ (Bergmann & Eder 1994) im Vergleich zu Studierenden im Lehramt an Gymnasien mit eher ungünstigen Motivlagen und Überzeugungen in das Studium einmünden oder ob die Passungserwägungen (Person-Umwelt-Modell) – ähnlich wie in den Lehrämtern an allgemeinbildenden Schulen – eher zu einer Homogenisierung im Bereich der motivational-affektiven Facette beitragen.

Fragestellung

Unterscheiden sich Studienanfänger*innen im LaG und LaB aufgrund der unterschiedlichen bildungsbiografischen Zugangswege in ihren motivational-affektiven Voraussetzungen? Gibt es innerhalb der Fächergruppen (MINT oder NICHT-MINT) Ähnlichkeiten und Unterschiede in den affektiv-motivationalen Voraussetzungen?

Methode

Im Zeitraum vom Wintersemester 16/17 bis zum Wintersemester 19/20 wurden insgesamt vier Kohorten Lehramtsstudierender (LaB und LaG) im ersten Semester an der TU Darmstadt erhoben und hinsichtlich ihrer Studienzugangswege und der motivationalen Voraussetzung untersucht. Insgesamt konnten 468 Studierende befragt werden, davon studieren 132 im LaB und 336 im LaG. Neben der Art der Hochschulzugangsberechtigung, der Tätigkeiten vor Studienbeginn, wurden auch die Fächerkombinationen, Motivation zu einem Hochschulstudium (sensu Richter 1995), Berufswahlmotivation mit FEMOLA-Skalen (Pohlmann et. al. 2010), Reflexionsbereitschaft (sensu Niggli 2004) sowie Selbstwirksamkeitserwartung (Schwarzer & Schmitz 1999) erhoben.

Ergebnisse

Die bisherige Datenlage zeigt, dass sich die Studierendengruppen in Bezug auf ihr Alter, die Art der Zugangsberechtigung und der Tätigkeit vor dem Studium signifikant unterscheiden, sich aber lediglich geringe Unterschiede hinsichtlich der Berufswahlmotivation, Selbstwirksamkeitserwartungen und Reflexionsbereitschaft belegen lassen. Lediglich die Motivation für ein Hochschulstudium ist bei LaB-Studierenden signifikant geringer ausgeprägt (t(341) = 2.617, p = .009). In einem Teil der Stichproben zeigen sich in den über das erste Studienjahr längsschnittlich erhobenen Daten, dass sich die Erwartungen an Inhaltsbereich und Leistungsanforderungen des ersten Fachs, den zeitlichen Aufwand und die Studienbedingungen der LaB-Studierenden signifikant weniger erfüllen als die der LaG-Studierenden. Es zeigt sich gleichzeitig, dass die allgemeinen Studienzufriedenheit und die Zufriedenheit mit dem ersten Fach im hohen Maß (R² = 0,98) davon abhängt, inwieweit die sich die Erwartungen an die Studieninhalte und Leistungsanforderungen im ersten Fach erfüllen.