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Sitzungsübersicht
Sitzung
D11‒S28: Individuelle und schulische Determinanten sozioökonomischer Erträge im Erwachsenenalter
Zeit:
Donnerstag, 26.03.2020:
11:15 - 13:00

Ort: S28

Präsentationen

Individuelle und schulische Determinanten sozioökonomischer Erträge im Erwachsenenalter

Chair(s): Michael Becker (DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation; Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN)), Julia Tetzner (DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation; Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN))

DiskutantIn(nen): Martin Neugebauer (Freie Universität Berlin)

In der empirischen Bildungsforschung unterschiedlichster Provenienz ist eine der zentralsten Fragestellungen, wie sich Individuen über die Lebensspanne entwickeln und insbesondere ihre sozioökonomische Stellung in der Gesellschaft erreichen. Je nach Fachrichtung stehen unterschiedliche Perspektiven im Fokus: So fragen ökonomisch-humankapitaltheoretische und erziehungswissenschaftliche Ansätze insbesondere nach der Bedeutung von Bildung für den späteren sozioökonomischen Erfolg. Psychologische Ansätze differenzieren insbesondere die Bedeutung individueller kognitiver Fähigkeiten und Kompetenzen (z.B. Intelligenz) und psychosozialer skills (z.B. Motivation, Persönlichkeit). Soziologische Ansätze verfolgen nicht zuletzt die wichtige Frage, welche Rolle familiäre Faktoren für die Erlangung späterer sozioökonomischer outcomes spielen. Obwohl diese Fragestellungen von großer Bedeutung für die Bewertung des Funktionierens von Bildungssystemen sind, wissen wir gerade in Deutschland, aber auch international noch relativ wenig darüber, wie diese Faktoren über die Lebensspanne zusammenwirken. Entsprechend widmet sich das Symposium mit seinen vier Beiträgen der Frage von Bedingungsfaktoren des sozioökonomischen Erfolges im Erwachsenenalter.

In einem ersten Beitrag wird für das deutsche Bildungssystem anhand von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) untersucht, welche Bedeutung dem spezifischen Ausbildungsweg für spätere berufliche Erträge zukommt. Gerade das deutsche Schulsystem kennt eine Vielzahl von Wegen, wie Personen zu einem schulischen oder beruflichen Abschluss gelangen. Insbesondere in den jüngeren Jahren wurden die Möglichkeiten ausgeweitet, wie schulische und berufliche Abschlüsse im weiteren Verlauf nach Ende der Pflichtschulzeit erworben und gegebenenfalls nachgeholt werden können. Spezifisch fragt der Beitrag, inwiefern sich der Besuch unterschiedlicher Schulformen in der Sekundarstufe bzw. der nachträgliche Erwerb von Bildungszertifikaten auf die berufliche Entwicklung und Erträge im Erwachsenenalter differenziell auswirkt.

Der zweite Beitrag fragt für eine noch höhere bzw. spezifischere Ausbildungsstufe nach der beruflichen Entwicklung derjenigen Personen, die ein Studium ohne Abitur absolviert haben. Bei dieser Gruppe handelt es sich bislang um eine kleine, aber ebenfalls zunehmend bedeutsame Gruppe, da gerade in den jüngeren Jahren und mit einem Beschluss der KMK von 2009 die Möglichkeiten alternativer Qualifikationen für ein Hochschulstudium neben dem Abitur flexibilisiert wurden. Der Beitrag nimmt einerseits eine returns of education-Perspektive ein, indem diese sogenannten nicht-traditionellen mit den traditionellen Studierenden (mit Abitur) hinsichtlich des sozioökonomischen Erfolges verglichen werden. Andererseits fragt der Beitrag auch nach der Bedeutung intergenerationaler Kontinuitäten und inwiefern sich in diesen spezifischen Gruppen differenzielle Effekte der sozialen Herkunft identifizieren lassen. Die Analysen werden auf Grundlage der NEPS-Daten durchgeführt.

Der dritte Beitrag macht eine internationale und längsschnittliche Perspektive auf und untersucht, welche Bedeutung individuellen und sozialen Faktoren aus der Kindheit für die Entwicklung des sozioökonomischen Status zukommt. Es wird spezifisch untersucht, inwiefern Intelligenz, Schulleistung und elterlicher SES die Einkommensentwicklung über die Lebensspanne vorhersagen kann und wie diese Faktoren miteinander interagieren. Dies umfasst entsprechend die Prüfung gemeinsamer und spezifischer Haupteffekte und, zusätzlich, inwiefern sich (divergierende) Matthäus-Effekte bzw. kompensatorische Effekte dieser Prädiktoren identifizieren lassen. Die Analysen basieren hierbei auf den US-amerikanischen NLSY-79-Daten.

Der vierte Beitrag untersucht für eine deutsche längsschnittliche Studie die Rolle psychosozialer Skills und prüft hierbei die Bedeutung des jugendlichen Optimismus auf sozioökonomische Erträge im Erwachsenenalter. Es wird untersucht, inwiefern Optimismus einerseits über kognitiv-akademische und soziale Hintergrundgrundfaktoren hinaus prädiktiv für den späteren sozioökonomischen Erfolg ist. Andererseits wird aus einer resilienztheoretischen Perspektive weiterführend untersucht, inwiefern Optimismus gerade für Personen mit eher ungünstigen Ausgangsbedingungen kompensatorisch wirkt. Da in der resilienztheoretischen Forschung auch die Frage der Ressourcenspezifität prominent diskutiert wird, also inwiefern Resilienzfaktoren uniforme oder eher domänenspezifische Wirkeffekte aufweisen, werden nicht nur Indikatoren des sozioökonomischen Erfolges einbezogen, sondern auch die Generalisierbarkeit auf weitere, eher psychosoziale life-outcomes untersucht. Die Analysen basieren auf Daten der längsschnittlichen Studie Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter (BIJU).

 

Beiträge des Symposiums

 

Bildung zahlt sich aus?! Arbeitsmarkterträge direkter und alternativer Bildungswege

Claudia Schuchart, Benjamin Schimke
Bergische Universität Wuppertal

National und auch international sind nur wenige Erkenntnisse der bildungsökonomischen Forschung so häufig bestätigt worden, wie der positive Einfluss von Bildung auf den individuellen Arbeitsmarkterfolg. Insbesondere das deutsche Bildungssystem ist jedoch durch eine frühe und starke äußere Differenzierung der Bildungsgänge in der Sekundarstufe I gekennzeichnet, welche in der öffentlichen Wahrnehmung spätere Lebenschancen bereits früh festlegt. Weniger beachtet ist jedoch, dass im deutschen Schulsystem ein vielfältiges Angebot zum nachträglichen Erwerb von Schulabschlüssen existiert, z.B. an beruflichen Gymnasien (Schuchart 2013). Inwiefern sich auch der nachträgliche – und nicht nur der direkte – Erwerb des Abiturs hinsichtlich des individuellen Arbeitsmarkterfolges auszahlt, ist die zentrale Fragestellung des Einzelbeitrags.

Die Basis des theoretischen Rahmens bilden humankapitaltheoretische Ansätze (Becker 1993; Mincer 1974). Humankapital wird über Beschulung und Arbeitserfahrung gewonnen. Mehr Beschulung führt zum Ausbau allgemeiner Fähigkeiten und Kompetenzen, die für spätere berufliche Tätigkeiten relevant sind. Mehr Bildungsjahre bedeuten daher höhere Produktivität, die besser entlohnt wird. Wenn gleichnamige Abschlüsse, die aber auf unterschiedlichen Wegen erworben wurden, zu gleichen Qualifikationen führen, dann ergibt sich Hypothese 1: Die Arbeitsmarkterträge eines Abschlusses sind unabhängig vom Bildungsweg.

Der Signal- und Filtertheorie nach Spence (1973) und Arrow (1973) folgend, könnten verschiedene Wege zu einem Bildungsabschluss jedoch mit unterschiedlicher Signalwirkung verbunden sein, die sich auch in günstigeren Ertragsentwicklungen niederschlägt (Tuma 1985). Da in der öffentlichen Wahrnehmung insbesondere mit Gymnasien der Zugang zu privilegierten (Ausbildungs-)Berufen assoziiert ist (z.B. Stubbe et al. 2017), führt dies zur gegenläufigen Hypothese 2: Der Arbeitsmarktertrag eines Abschlusses variiert nach Weg zu diesem Abschluss.

Die Analysen werden auf Basis der männlichen Befragten der Erwachsenenkohorte des NEPS (Version 9.0.1) durchgeführt (Blossfeld et al. 2011), die eine allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife besitzen und nicht im öffentlichen Dienst beschäftigt sind. Für die Arbeitsmarkterträge (abhängige Variablen) verwenden wir zwei übliche Indikatoren: 1. den Brutto-Stundenlohn aller während den Panelerhebungen beobachteten Job-Teilepisoden (n=1.796, n*t=8.816). und 2. das Berufsprestige (Wegener 1988, 1985) aller beobachteten Jobepisoden (n=2.506, n*j=10.357). Die zentrale unabhängige Variable bildet der Weg zur Studienberechtigung; inwieweit diese als Abitur über Gymnasien direkt erworben (56%), oder auf alternativen Wegen als Abitur (25%) oder Fachhochschulreife nachgeholt wurde. Wir kontrollieren für eine Vielzahl von Merkmalen der Person, Episode und Arbeitsmarktsituation (z.B. demografische Merkmale, Leistung und Kompetenzen, Erfahrung, Seniorität, Berufssegmente, Betriebsgröße, Anteil von hochqualifizierten Personen auf dem Arbeitsmarkt). Die Analyse der Paneldaten erfolgt mittels hierarchischen Mehrebenenmodellen mit (Teil-)Episoden auf Level 1 und Individuen auf Level 2. Um Ineffizienzen und eine Verzerrung der Ergebnisse durch nichtzufällige Missings zu vermeiden, werden die Fälle mit fehlenden Werten bei unabhängigen Variablen multipel imputiert (vgl. Rubin 1987). Darüber hinaus werden die Ergebnisse zusätzlich einer Robustheitsprüfung auf Grundlage verschiedener Propensity Score Matching-Algorithmen (Rosenbaum und Rubin 1983; Caliendo und Kopeinig 2008) unterzogen.

Die Resultate deuten auf keine Signalwirkung unterschiedlicher Bildungswege zur Hochschulreife hin: Personen mit direkt erworbener Hochschulreife erzielen, unter sonst gleichen Bedingungen, zu Beginn ihrer Karriere einen ähnlichen Bruttostundenlohn wie Personen mit alternativ erworbener Hochschulreife. Sie weisen jedoch eine signifikant günstigere Lohnentwicklung auf. Damit rückt wiederum eine humankapitaltheoretische Erklärung in den Fokus: Ein potenziell unterschiedliches Qualifikationsniveau wird zunächst von gleichnamigen Bildungszertifikaten (mit ähnlicher Signalwirkung) überdeckt, führt jedoch langfristig zu unterschiedlichen Erträgen. Diese Differenzen lassen sich jedoch nicht für das Prestige des Berufs finden; die Wege zur Studienberechtigung sind hier nicht von Bedeutung. Somit kann keine der Hypothesen eindeutig belegt werden. Die Robustheitsanalysen stehen zurzeit noch aus.

Da die Arbeitsmarkterträge jedoch für das Nachholen der Studienberechtigung in jedem Falle weitaus höher ausfallen als für den Verzicht darauf, besitzen diese Erkenntnisse insbesondere für die Bildungsberatung von SchülerInnen eine erhebliche Relevanz.

 

Lohnt sich ein Studium ohne Abitur? Bildungserträge nichttraditioneller Hochschulabsolventen im Vergleich

Jessica Ordemann
DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Tertiäre Bildung gilt als zentraler Prädiktor für Bildungserträge (Bildungsberichterstattung 2018; Piopiunik et al. 2017). In Deutschland ist der Hochschulzugang jedoch stark sozial selektiv (Maaz und Nagy 2009; Müller und Pollak 2010; Schindler und Reimer 2010). Zur Verbesserung der Chancengleichheit im Zugang zu dieser zentralen Ressource wurde der Hochschulzugang in den vergangenen Jahren schrittweise für beruflich qualifizierte Studierende ohne Abitur geöffnet. Mit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte ohne Abitur besteht seit 2009 de facto die Möglichkeit für das Gros der Gesellschaft zu studieren. Der Vortrag soll anhand der Statusplatzierungen und der Einkommensmobilität der Frage nachgehen, ob sich früheren sozialen Bildungsungleichheiten für diese nicht-traditionellen Hochschulabsolventen, kurz Nichttraditionellen, mindern. Hierfür werden ihre Bildungserträge mit denen der traditionellen Hochschulabsolventen mit Abitur, kurz Traditionellen, verglichen und geprüft, ob und welchen Effekt die soziale Herkunft hierauf hat.

Basierend auf der These der Statusreproduktion (Breen und Goldthorpe 1997) ist das zentrale Argument, dass Nichttraditionelle und Traditionelle auf dem ersten Bildungsweg die Reproduktion des Status der Eltern anstreben. Nichttraditionelle nehmen, so die Annahme, aufgrund eines mobilitätsbestimmten Selbstselektionseffekt ein Studium auf: Durch berufliche Aufwärtsmobilität im Anschluss an den berufsqualifizierenden Abschluss lösen sich die Nichttraditionellen vom elterlichem Status und ersetzen diesen Schwellenwert für den Statuserhalt durch ihren eigenen Status. Aufwärtsmobile Nichttraditionellen streben zum Statuserhalt nach dem Studium berufliche Positionen auf dem vorherigen Statusniveau an. Dies sollte zu einem „sticky bottom“-Effekt der sozialen Herkunft über den ersten Bildungs- und Berufsweg führen und ehemalige Ungleichheiten sollten nach dem Studium bestehen bleiben. Diese Ungleichheiten sollten ebenfalls auf das Einkommen der Nichttraditionellen wirken. Dennoch weisen Überlegungen der Humankapitaltheorie (Becker 1964; Mincer 1962, 1974) darauf hin, dass Nichttraditionelle ein höheres Humankapital kontrollieren. Dies spricht entgegen der Annahmen der Theorie der Statusreproduktion für ein höheres Einkommen der Nichttraditionellen im Vergleich zu den Traditionellen.

Die aufgeworfenen Annahmen wurden anhand von Daten der Erwachsenenkohorte SC6 des Nationalen Bildungspanels, NEPS, sowie der Verknüpfung dieser Daten mit den Betriebsdaten der IAB, NEPS-ADIAB, geprüft (Blossfeld et al. 2011, Antoni et al. 2018). Die Nettostichprobe der Statusanalysen umfasst 155 Nichttraditionelle und 1.881 Traditionelle; die Stichprobe der Einkommensschätzungen 86 Nichttraditionelle und 1.154 Traditionelle. Geschätzt werden Random-Effects-Panel-Regressionen über 15 Jahre nach dem Hochschulabschluss. Neben dem sozio-ökonomischen Hintergrund wird für den Studienkontext und den Arbeitsmarkt kontrolliert.

Der elterliche Status der Traditionellen hat im Berufsverlauf nach dem Studienabschluss einen signifikanten Effekt auf den Berufsstatus. Dagegen existiert kein Einfluss des Elternhauses der Nichttraditionellen auf ihre Statusplatzierungen. Ihr letzter Berufsstatus vor dem Studium beeinflusst ihren Berufsstatus dagegen positiv. Betrachtet man alle Effekte gemeinsam, können Nichttraditionelle trotzdem die im Elternhaus produzierten Statusungleichheiten über ihren Berufsverlauf nicht ausgleichen. Sie bleiben während ihrer gesamten Berufskarriere auf einem niedrigeren beruflichen Statusniveau im Vergleich zu den Traditionellen. Dieser Nachteil zeigt sich nicht in Bezug auf ihr Einkommen – Nichttraditionelle verdienen ebenso viel wie Traditionelle. Wenngleich sich die Effekte der sozialen Herkunft ähneln, hat der letzte Berufsstatus vor dem Studium keinen Einfluss mehr auf das Einkommen. Vielmehr wirkt die gesammelte Berufserfahrung vor dem Studium auf das spätere Einkommen.

Ein Studium ohne Abitur – so das Fazit – lohnt sich nach den Ergebnissen, allerdings nicht in dem Ausmaß wie ein Studium mit Abitur. Die nähere Betrachtung der Ergebnisse deutet zudem auf die Persistenz der sozialen Herkunft über den ersten Berufs- und Bildungsweg vor dem Studium hin. Soziale Ungleichheiten verlagern sich demnach durch die Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte in den Arbeitsmarkt.

 

Wie beeinflussen Intelligenz, Noten und soziökonomischer Hintergrund im Jugendalter die Dynamiken von Gehaltsverläufen über die Lebenspanne?

Andrea Hasl1, Julia Kretschmann1, Dirk Richter1, Manuel Voelkle2, Martin Brunner1
1Universität Potsdam, 2Humboldt Universität zu Berlin, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Theoretischer Hintergrund: Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Vorhersagekraft jugendlicher Intelligenz (IQ), Noten, und sozioökonomischen Hintergrunds (SES) für das individuelle Gehalt und autoregressive Dynamiken in Gehaltsverläufen über die Lebensspanne. Die Forschung der letzten Jahre zeigt, dass sowohl IQ, Noten als auch der soziökonomische Status der Eltern signifikant und positiv mit der Höhe von Einkommen und anderen wichtigen Markern im Erwachsenenalter zusammenhängen. Jeder einzelne Prädiktor klärt hierbei – auch unter Berücksichtigung der anderen Prädiktoren – substantiell Varianz auf (Almlund et al., 2011; Deary, 2012; Heckman & Mosso, 2014; Roberts, Kuncel, Shiner, Caspi, & Goldberg, 2007; Spengler, Damian, & Roberts, 2018). Trotz dieser stabilen Ergebnisse ist die empirische Befundlage bezüglich 1) der Interaktion von individuellen Differenzen und dem sozialen Umfeld (Roberts et al., 2007) im Hinblick auf Gehälter und 2) des Einflusses jugendlicher Charakteristika (IQ, Noten, SES) für inter-individuelle Unterschiede in intra-individuellen Gehaltsverläufen über die Lebensspanne, noch relativ dünn.

Forschungsfragen: Vorliegend testen wir folgende zusammenhängende, (prä-)registrierte Forschungsfragen: Erstens, unterscheiden sich Personen in ihrem Einstiegsgehalt und in ihren (autoregressiven) Gehaltsverläufen über die Zeit? Zweitens, können wir Evidenz für so genannte ‘Cumulative Advantage’ Prozesse (CA; DiPrete & Eirich, 2006; Shanahan, Hill, Roberts, Eccles, & Friedman, 2014 ) in der Gehaltsentwicklung finden, d.h. erfahren Personen, die mit einem höheren Gehalt in den Arbeitsmarkt einsteigen, auch höhere Gehaltszugewinne über die Lebensspanne? Drittens testen wir drei Hypothesen, um das Zusammenspiel individueller Unterschiede in jugendlichen Charakteristika - IQ, Noten und SES –, und wie diese zu Unterschieden in Einstiegsgehältern und Gehaltsverläufen beitragen, zu beschreiben: (a) Die ‘Independent effects’ Hypothese (d.h., individuelle Unterschiede in IQ und Noten sagen Gehälter und Gehaltsverläufe unabhängig von elterlichem SES voraus), (b) die ‚Matthew effect‘ Hypothese (d.h. die Vorhersagekraft individueller Unterschiede in IQ und Noten ist umso höher, je höher der elterliche SES ist), und (c) die ‚Resource substitution‘ Hypothese (d.h., die Vorhersagekraft individueller Differenzen in IQ und Noten ist umso höher, je niedriger der elterliche SES ist).

Methoden: Die Datengrundlage zur Beantwortung der vorliegenden Forschungsfragen stellt die ‚National Longitudinal Survey of Youth 1979‘ (NLSY-79) dar. Es handelt sich dabei um eine repräsentative US- amerikanische Kohorte 14 bis 21-Jähriger, welche in den frühen 1960er Jahren geboren und ab 1979 mit ein-bzw. zweijährigem Abstand bis 2016 interviewt wurden. Die finale Stichprobe umfasst N = 3,720 Personen, die in der im ersten Erhebungsjahr 1979 14 bis 19 Jahre alt waren und nach 1978 in den Arbeitsmarkt eingestiegen sind. Um Gehaltsverläufe und zugehörige Hypothesen zu modellieren, wenden wir ein dynamisches 2 – Level Strukturgleichungsmodell (two-level dynamic structural equation model (DSEM)) für längsschnittliche Paneldaten an. Alle Parameter werden mit bayesianischen Methoden geschätzt und stellen gepoolte Ergebnisse über zehn imputierte Datensätze dar. Für gemeinsame Haushaltszugehörigkeit der teilnehmenden Personen wird kontrolliert.

Resultate: Erste Ergebnisse unterstützen tendenziell die ‚independent effect‘ Hypothese, d.h. die Prädiktoren IQ, Noten und elterlicher SES sagen jeder für sich positiv und signifikant die Höhe des Einstiegsgehalts vorher. Bildungsjahre zum Zeitpunkt des Einstiegs in den Arbeitsmarkt dürften hierbei als Mediator dienen und beeinflussen Gehälter ebenso positiv. Ergebnisse bezüglich Gehaltszuwächsen und Variabilität in Einkommensverläufen zwischen und innerhalb Personen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch ausständig. Wir finden gemischte Evidenz bezüglich ‘Cumulative Advantage’ Prozessen, welche es in zukünftigen Analysen genauer zu betrachten gilt.

 

Der Einfluss von Optimismus im Jugendalter auf sozioökonomische und psychosoziale Outcomes im Erwachsenenalter

Julia Tetzner, Michael Becker
DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation; Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN)

Optimismus wird als Persönlichkeitseigenschaft beschrieben, die mit einer Vielzahl positiver Effekte für das Erleben und Verhalten von Personen verknüpft ist: Optimisten berichten nicht nur ein höheres Wohlbefinden, positivere soziale Beziehungen und bessere Gesundheit, sondern erzielen auch bessere berufliche Erträge (Carver, Scheier, & Segerstrom, 2010). Optimismus entfaltet vor allem dann seine positiven Wirkungen, wenn Personen mit problematischen Situationen konfrontiert sind, wie beispielsweise sozialen und ökonomischen Problemen. Optimismus wirkt dementsprechend als ein Schutzfaktor, der hilft, Widrigkeiten zu überwinden. Obwohl diese positiven Effekte vielfach empirisch belegt sind, untersuchten bislang nur wenige Studien, ob solche Zusammenhänge auch über längere Zeitspannen zu finden sind und sich in zentralen life- und Bildungsoutcomes manifestieren. Obwohl bekannt ist, dass Schulleistungen und Optimismus über das Jugendalter wechselseitig verknüpft sind, ist zudem unklar, ob sich die positive Wirkung von Optimismus für Bildungsoutcomes auch dann noch finden lässt, wenn Schulleistungen und weitere entwicklungsförderliche Faktoren mitbetrachtet werden.

An diese offenen Forschungsfragen anknüpfend untersuchte diese Studie, (1) ob Optimismus im frühen Jugendalter zentrale life-outcomes (sozioökonomischer Status, Abeitszufriedenheit, Lebenszufriedenheit) auch 16 Jahre später im Erwachsenenalter vorhersagen kann. Es wurden weitere Faktoren im Jugendalter mitbetrachtet (Schulleistungen, Geschlecht, sozioökonomischer Status der Eltern, Selbstwert, positive Peerbeziehungen), von denen bereits bekannt ist, dass sie einerseits mit Optimismus verknüpft sind und andererseits zentrale life-outcomes vorhersagen können und es wurde (2) untersucht, ob die potentiellen Langzeiteffekte von Optimismus auch noch nach Kontrolle dieser Faktoren beobachtet werden können. Es wurde vor allem untersucht, (3) ob Optimismus besonders hilft, die Nachteile von Jugendlichen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status der Herkunftsfamilie auszugleichen (i.e. Moderationseffekt; Ressourcen-Substitution-Hypothese).

Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurden Daten der BIJU-Studie (Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter; Schnabel, Alfeld, Eccles, Köller & Baumert), einer deutschen large-scale Längsschnittstudie (N = 1596; 63,6 Prozent weiblich), zu zwei Messzeitpunkten genutzt. Die Daten des 1. Messzeitpunktes wurden im Alter von 12 Jahren in der 7. Klasse erhoben und der 2. Messzeitpunkt wurde 18 Jahre später im Alter von ca. 30 Jahren erhoben. Die Daten wurden mittels latenter Strukturgleichungsmodelle ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigten, dass (1) Optimismus im Jugendalter zentrale life-outcomes im Erwachsenenalter vorhersagen kann. Der Optimismus im Alter von 12 Jahren zeigte einen positiven Zusammenhang zum erreichten beruflichen Status, aber keine Zusammenhänge zur Arbeits- und Lebenszufriedenheit. (2) Dieser Zusammenhang blieb bei Kontrolle für das Geschlecht und den beruflichen Status der Eltern bestehen, verschwand aber wenn für Schulleistungen, Selbstwert und Peerbeziehungen im Alter von 12 Jahren kontrolliert wurde. (3) Die Analyseergebnisse zeigten, dass Optimismus im Jugendalter vor allem Personen aus Elternhäusern mit niedrigem sozioökonomischem Status helfen kann, positive Outcomes im Erwachsenenalter zu erzielen. Diese protektiven Effekte zeigten sich für das Erreichen eines höheren sozioökonomischen Status und höherer Arbeitszufriedenheit und blieben auch nach Kontrolle des Einflusses weiterer Faktoren bestehen.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse einerseits, dass Optimismus eine bedeutsame Persönlichkeitseigenschaft ist, die das Erleben und Verhalten von Personen in verschiedenen Lebensbereichen auch über lange Zeitspannen beeinflussen kann. Die Ergebnisse unterstreichen, dass optimistischem Denken eine besondere Bedeutung als Resilienzfaktor für Personen mit geringeren sozialen und ökonomischen Ressourcen zukommt und zeigen dabei eine besonders förderliche Wirkung für sozioökonomische Outcomes.