Conference Agenda
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Daily Overview |
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F2: Die neue (In-)Transparenz
Organised by Klaus Erlach (Fraunhofer IPA Stuttgart), Nicola Mößner (Leibniz University Hannover)
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Ausgangspunkt ist die digitalisierte Wissenschaftskommunikation. Klassische Verlage wie z.B. Elsevier haben eine strategische Neuausrichtung ihres Profils hin zu Informationsanalysten vorgenommen. Dies wirkt sich beträchtlich, doch zumeist unbemerkt auf die fachwissenschaftliche Community aus. Klassische Arbeitsprozesse (z.B. die Recherche oder Publikation von Forschungsergebnissen) spielen sich zunehmend im digitalen Raum ab. WissenschaftlerInnen nutzen dabei immer häufiger sogenannte „Single-Sign-On“ (SSO) Schnittstellen zu den verschiedenen Datenbanken und digitalen Diensten. Diese Zugangsweise im Online-Bereich sowie die Tatsache, dass die Informationsanalysten – oder Datenkartelle, wie Sarah Lamdan (2023) sie nennt – ihre NutzerInnen immer enger an ihre Produkte zu binden suchen, führt in der Folge einerseits zu einer wachsenden Abhängigkeit von der angebotenen IT-Infrastruktur bei gleichzeitiger Reduktion von Prozess- und Produktalternativen. Andererseits wird hierdurch das (unbemerkte) Sammeln, Auswerten und Vermarkten einer Vielzahl von NutzerInnen-Daten ermöglicht. Dieses Datentracking im Wissenschaftssektor ist noch nahezu unbekannt, folgt aber denselben problematischen Prinzipien des Profilings, wie es aus anderen Bereichen bekannt ist. Auf diese Entwicklung haben Björn Brembs et al. mit ihrer Initiative „Stop Tracking Science“ aufmerksam gemacht. Im Rahmen des fachpolitischen Forums wird diese neue Form von Transparenz des akademischen Sektors nach außen bei gleichzeitig zunehmender Intransparenz der Aktivitäten der Informationsanalysten nach innen (inklusive der Generierung neuer Kosten(-arten)) kritisch thematisiert werden. Programm: 14:00-14:20 Klaus Erlach „Die Asymmetrie des Panoptikums: Kurz-Einführung in das technische Prinzip der Transparenz“ 14:20-14:50 Lisa-Marie Stein „Kosten(in)transparenz im Informationsmarkt: alte und neue Kosten im Publikationsprozess sowie deren Offenlegung für NutzerInnen“ (Vortrag & Diskussion) 14:50-15:20 Berrnhard Mittermaier „In)Transparenz der Informationsanalysten: die DEAL-Verträge und der Umgang mit Nutzungsdaten“ (Vortrag & Diskussion) 15:20-15:50 Nicola Mößner „Spurensuche im Fliegenglas: Datentracking und der Verlust der Autonomie“ (Vortrag & Diskussion) 15:50-16:00 Fazit | ||
| Presentations | ||
Die Asymmetrie des Panoptikums. Kurz-Einführung in das technische Prinzip der Transparenz Universität Stuttgart, Germany Ein zentrales Gestaltungsprinzip für funktional gute technische Systeme ist die Transparenz, die über ihren entsprechend gelungenen hierarchischen Aufbau erreicht werden kann. Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass diese Transparenz in soziotechnischen Systemen hervorragend zur Disziplinierung ihrer menschlichen Elemente genutzt werden kann – architektonisches Modell und metaphorisches Sinnbild ist hierfür das Panoptikum des Aufklärers Jeremy Bentham. Die Disziplinierung entsteht hierbei durch die Möglichkeit des Gesehenwerdens, wobei die Hierarchie des Systems für die Transparenz nur in einer Richtung genutzt wird. Da zuverlässige Produktionsabläufe das Einhalten von Standards erforderlich machen, ist die (top down) Sichtbarkeit in der Fabrikarbeit – später auch die (horizontale) Selbst-Sichtbarkeit der Werker sowie die (bottom up) Sichtbarkeit der Produktionskennzahlen – von zentraler Bedeutung. Für die kreativen Tätigkeiten im Wissenschaftssystem hat ihre mögliche Sichtbarkeit kaum disziplinierende Wirkung, wohl aber eine faktisch intransparente Review-Bewertung. Die Digitalisierung soziotechnischer Systeme hat aus der Möglichkeit des Gesehenwerdens eine durchgängige Gewissheit gemacht nach dem Motto: ‚Disziplinierung war gut, Kontrolle ist besser‘ (nach Gilles Deleuse). Manuel DeLanda hat dies als ‚Panspectron‘ bezeichnet, das alles sieht und manches dank Datenspeicherung auch erst im Nachhinein sichtbar macht. Diese Form von kontrollierender Transparenz funktioniert nun auch im heterogenen Wissenschaftssystem, gerade weil sie umfassend und nicht bloß optional ist. Der Weg aus diesem Fliegenglas kann nun eigentlich nur in der reziproken Transparenz liegen. Kosten(in)transparenz im Informationsmarkt: alte und neue Kosten im Publikationsprozess sowie deren Offenlegung für NutzerInnen Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Germany Mit dem Projekt „openCost: automatisierte, standardisierte Lieferung und offene Bereitstellung von Publikationskosten und Verlagsvereinbarungen“ sollen Kostentransparenz und -kontrolle im wissenschaftlichen Publikationswesen erzielt werden. Bibliotheken, Publikationsbeauftragten und Wissenschaftler:innen kommt hierbei eine gestaltende Rolle zu: Sie können aktiv dazu beitragen, der Kommerzialisierung des wissenschaftlichen Publizierens entgegenzuwirken. Die zentrale Rechnungsbearbeitung durch die Bibliothek ist ein Teil der strategischen (Neu-)Gestaltungen im Publikationsmanagement. openCost liefert ein praktisches Werkzeug zum Umgang mit dem Informationsbudget einer Einrichtung: Durch die Erfassung in einem standardisierten Metadatenschema und die technische Bereitstellung via OAI-Schnittstelle können Kostendaten frei zugänglich gemacht und automatisiert ausgetauscht werden. Bei der Beschreibung der Kosten, die als Metadateninformation der Publikation hinterlegt werden, müssen diverse Szenarien berücksichtigt werden, um dem Ziel der Abbildung der existierenden Geschäfts- und Finanzierungsmodelle gerecht zu werden. Es entsteht das Alphabet der Publikationskosten, die Ausgaben für unterschiedliche publizierte Objekte werden durch definierte Kostentypen klassifiziert. Die Abbildung der Kosten berücksichtigt dabei die Diversität der Wissenschaftsdisziplinen und ihrer medialen Repräsentationen. Trotz heterogener Publikationsobjekte, Workflows und Finanzstrukturen, besteht ein hohes Maß der Konvergenz, Objekte und Muster können in einem gemeinsamen openCost-Standard beschrieben werden. Die strukturelle Ausgestaltung des Metadatenschemas und seine technische Integration erlauben inhaltliche Erweiterungen im dynamischen Umfeld der Open Access-Transformation, FAIRe Prinzipien, aktuelle Daten sowie Informationsreichtum und die Reduzierung manueller Produktions- und Rechercheprozesse. (In)Transparenz der Informationsanalysten: die DEAL-Verträge und der Umgang mit Nutzungsdaten Forschungszentrum Jülich, Germany Mit jedem Aufruf eines elektronischen Buchkapitels oder Zeitschriftenartikels hinterlassen wir eine individuelle, nachverfolgbare Datenspur im Netz. Das ist einerseits technisch unumgänglich, denn z.B. muss ein Verlag bei kostenpflichtigen Artikeln anhand der IP-Adresse prüfen, ob man einer Organisation angehört, die für die Leseberechtigung gezahlt hat. Die erhobenen Daten gehen aber oft weit über das technisch notwendige hinaus und werden z.B. zur Erstellung von Personenprofilen genutzt (Wissenschaftstracking). Die Untersuchung von über einem Dutzend Wissenschaftsverlage und ihrer Nutzungsbedingungen ergab: Fast alle Verlage - darunter auch die DEAL-Verlage Elsevier, Springer Natur und Wiley - können sehr individuelle Profile über Nutzer:innen anlegen. Einige geben das offen zu. Andere versuchen, ihre „Datenkrake“ in verpflichtenden aber unnötigen Cookies zu verstecken, oder sie können Daten unsichtbar über Skripte der Verlagsseite sammeln. Der Vortrag präsentiert die Bandbreite der Datensammelaktivitäten, zeigt die Versuche, diese im Rahmen von Vertragsverhandlungen einzuhegen und gibt schließlich Anregungen für ein datensparsames Nutzungsverhalten. Spurensuche im Fliegenglas: Datentracking und der Verlust der Autonomie Hannover, Germany Wen interessiert schon, dass ich Kant lese… Datentracking – so eine weit verbreitete Auffassung – scheint das Problem von anderen zu sein. Insbesondere in den Geisteswissenschaften der westlichen Welt glauben viele, dass die hier betriebene Forschung und damit verknüpfte Recherche- sowie Publikationsprozesse von nur geringem Interesse für professionelle Datensammler und deren kommerzielle Partner seien. Bewusste Intransparenz auf Seiten der Informationsanalysten hält das Bild vermeintlicher Harmlosigkeit aufrecht. Tatsächlich werden einzelne Nutzende durch das umfassende Profiling aber, wie Renke Siems (2023) schreibt, „zum Objekt von Entscheidungen anderer“. Doch sind die zu Grunde gelegten Datenpakete überhaupt korrekt? Wer könnte sie wie korrigieren? Dies liegt weit jenseits des Einflussbereichs des datafizierten Subjekts. Datentracking stellt aber nicht nur für einzelne WissenschaftlerInnen einen ungewollten Eingriff in die eigene Arbeits- und Forschungspraxis dar, sondern führt übergreifend im akademischen Sektor zu einer folgenschweren Form von Transparenz: Datenprofile werden dazu genutzt, um Vorhersagen bezüglich Forschungstrends zu generieren. Wie steht es demnach um die Autonomie des Wissenschaftsbetriebes, wenn strategische Entscheidungen auf derlei Datenbasis getroffen werden? Wie steht es um die Forderung, Fragen von gesellschaftlicher, politischer, zukunftsweisender Relevanz zu bearbeiten und kritisch zu reflektieren, wenn das Themenfeld als Fliegenglas der Informationsanalysten vorstrukturiert wird? | ||

