Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Plenum4: Gesellschaftliche Verstrickungen: (Re)Nationalisierungsprozesse und Solidaritäten
Zeit:
Donnerstag, 17.09.2020:
10:00 - 13:00

Chair der Sitzung: Helma Lutz, Goethe Universität Frankfurt
Chair der Sitzung: Sylka Scholz, Universität Jena
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Wider die Sehnsucht nach heteronormativen Ordnungsmustern: (transnationale) feministische Solidaritäten als dynamische Prozesse

Brigitte Bargetz2, Alexandra Scheele1, Silke Schneider3

1Universität Bielefeld, Deutschland; 2Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; 3Fern-Universität in Hagen

Der Ruf nach Sicherheit, Ordnung und Stabilität – für den die Ordnung der Geschlechter entscheidend ist – kennzeichnet gegenwärtige gesellschaftliche Umbruchprozesse. So lässt sich denn auch eine Sehnsucht nach ‚alten‘ (vergeschlechtlichten, klassisierten und rassifizierten) Gewissheiten als Reaktion auf diese Um/Ordnungsprozesse beobachten. In unserem Beitrag wollen wir demgegenüber ein Verständnis feministischer Solidarität stark machen. Dafür entwickeln wir im Anschluss an Ansätze feministischer Solidarität einen Vorschlag, wie emanzipatorische Bündnisse auf der Basis von Uneindeutigkeiten, Um/Ordnungen und Differenzen innerhalb verschiedener Ordnungsvorstellungen gedacht werden können. Bereits in der Idee einer Solidarität unter Frauen* sind Konflikte und Widersprüche sowie die vielfältige Kritik gesellschaftlicher Ordnungen angelegt: Mitnichten gibt es das eine gemeinsame Interesse, den einen gemeinsamen Kampf für die eine gemeinsame gute Sache. Vielmehr sind Idee und Praxis der Solidarität umkämpft. Wir gehen von der These aus, dass es gerade die Auseinandersetzungen bei gleichzeitiger Anerkennung und Berücksichtigung von Differenzen sowie ein gemeinsames Engagement sind, die eine emanzipatorische Solidarität im Sinne „widerspenstiger Praktiken“ (Nancy Fraser) ermöglichen. In unserem Beitrag entwickeln wir Eckpunkte einer solchen feministischen Solidarität daher erstens unter der Prämisse, dass politische Positionen, Haltungen und Handlungen nicht deckungsgleich sind, sondern dass sich im Sinne eines „commitments“ zu gemeinsam erkämpften politischen Zielen Schnittmengen einer „politischen Solidarität“ bilden können, wie es bell hooks Anfang der 1980er-Jahre vorgeschlagen hat. Zweitens gehen wir davon aus, dass die Bedingungen in den Blick genommen werden müssen, unter denen Solidarität gefordert und Solidaritätsbekundungen geäußert werden, und wie diese jeweils in gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden sind.



Konflikte um Migration jenseits von „Ossifizierung“? Analyse postsozialistischer und (post)kolonialer Verflechtungen in der gesellschaftlichen Produktion von Migration

Anna Amelina

BTU Cottbus-Senftenberg, Deutschland

Welche migrationsfeindlichen Diskurse können in den neuen Bundesländern aktuell identifiziert werden? Welche Akteur*innen treiben diese Diskurse voran? Und welche kolonialen Narrative im Kontext der postsozialistischen Transformation lassen sich dabei erkennen? Um diese Fragen zu beantworten (ohne dabei die analytische „Ossifizierung“ der sozialen Realität der neuen Bundesländer zu befördern), verbindet der Vortrag intersektionalitätstheoretische, wissenssoziologische und postkoloniale Perspektiven und greift auf eigene empirische Forschung zu aktuellen Antiimmigrations-Bewegungen in Brandenburg zurück.

Inspiriert von Raewyn Connells klassischer Männlichkeitstypologie wird zunächst eine intersektionell orientierte Typologie der Antiimmigrations-Akteur*innen in Brandenburg entwickelt, die zwischen Vorreiter*innen, Kompliz*innen und randständigen Unterstützer*innen differenziert. Sodann werden aus der wissenssoziologischen Perspektive die zentralen Prozesse der postsozialistischen Verhandlungen der aktuellen Migrationsbewegungen (insb. im Kontext der Fluchtwanderung von 2015) offengelegt. Dabei wird berücksichtigt, dass die öffentlichen Problematisierungen von Migration die Funktion erfüllen, die als marginalisiert wahrgenommene Position der neuen Bundesländer zu artikulieren und eine (unmögliche) Anerkennung der von dem DDR-Regime geprägten Lebensentwürfe (im Sinne des Ringens um die Erinnerungspolitik) zu gewährleisten. Schließlich nimmt der Vortrag die gesellschaftheoretische Perspektive in den Blick und analysiert das Zusammenspiel zwischen postsozialistischen und postkolonialen Formen des Fremdmachens von „Migration“. Hier werden die Diskontinuitäten von (post-)sozialistischen Kolonialitäten (vor und nach dem Einheitsprozess sowie vor und nach EU-Erweiterungen) aufgezeigt. Dabei werden vor allem diejenigen Tradierungen der kolonialen Machtverhältnisse im (Post-)Sozialismus offengelegt, die in die aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Deutung von Migrationsbewegungen hineinwirken.



Fragmentierte Solidaritäten. Nationalismen, Rassismen und Heternormativität in der Postmigrationsgesellschaft

Elisabeth Tuider

Universität Kassel, Deutschland

Seitdem am 11. März 2020 die WHO die rapide Ausbreitung an Infektionen durch das Virus SARS-CoV-2 zu einer Pandemie erklärte, wurden als Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nationale Grenzen - auch in Europa - wieder geschlossen, Einreisestopps verhängt und nationale Rückholaktionen durchgeführt. Um die globale Verbreitung des Virus zu bannen, wurde auf nationalstaatliche Begrenzungen zurückgegriffen, und damit die schützenswerte Gemeinschaft als nationale Aufgabe reformuliert, transnationaler Solidarität eine Absage erteilt und diese vielmehr mit Bezug auf den Schutz des ‚Eigenen‘ als nationale reinterpretiert. #LeaveNoOneBehind wies auf die Ausschlüsse und die „beispiellose menschenrechtliche Katastrophe“ (vgl. https://seebruecke.org) nicht nur in den Lagern an den EU Außengrenzen, sondern auch in den deutschen Großstädten hin. Denn die Solidarität mit Geflüchteten wurde nun nach fünf Jahren Willkommenskultur in Deutschland an den Rand gedrängt.

Der Vortrag nimmt diese aktuellen Renationalisierungen zum Ausgangspunkt, um Solidarität in der Postmigrationsgesellschaft zu diskutieren. Postmigrantische Perspektiven wollen dazu beitragen, Migrationserfahrungen zu normalisieren. Migration ist darin nicht der Sonderfall, Rassismus nicht die Ausnahme und Migrant*innen sowie Geflüchtete sind nicht das ‚Andere‘ der jeweiligen Nationalgesellschaft (Foroutan u.a. 2018; Hill/Yildiz 2014). Doch zur selben Zeit, in der die Geschichte der Migration neu erzählt wird, erhärteten sich auch seit dem sog. Sommer der Migration nationalistisch-rechtspopulistische Argumentationen sowie rassistische Angriffe. Am Beispiel der ‚Willkommenskultur‘ in der Postmigrationsgesellschaft wird verdeutlicht, wie machtvolle Differenzen, u.a. Rassismen und Sexismen, in dieser verhandelt werden. Dazu werden Diskursstränge und Narrationen von Geflüchteteninitiativen rekonstruiert, die im BMBF Verbundprojekt „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland“ erhoben wurden. Die Kontrolle und Regulation des Flüchtlingsstroms 2015 und der Ausgleich der in Anbetracht der ‚Flüchtlingswelle‘ in die Krise geratenen staatlichen Infrastrukturen waren die Aufgaben von Willkommensinitiativen. In die Willkommenskultur eingelagert sind, als Bestandteil postkolonialer Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Rassismen und ein heteronormatives Othering. Solidarität zeigt sich wieder als umkämpft und fragmentiert.



Re)Nationalisierungsprozesse und Solidaritäten – einige Anmerkungen aus dem Kontext der Frauen- und Geschlechterforschung und der Biographieforschung

Joris A. Gregor2, Tina Spies1

1EH Darmstadt, Deutschland; 2Universität Jena

Kommentar



 
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