Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
SekBuE1: Sektion Bildung- und Erziehung: Kindheit unter Spannung. Konflikte und Ungleichheiten in den Bildungsprogrammen früher Kindheit
Zeit:
Donnerstag, 17.09.2020:
13:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Lars Alberth, Leuphana Universität Lüneburg
Chair der Sitzung: Alexandra König, Universität Duisburg-Essen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

in Kooperation mit der Sektion Soziologie der Kindheit


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Präsentationen

Bildungspläne, soziale Entwicklung und soziale Ungleichheit in früher Kindheit

Sylvia Nienhaus

Universität Osnabrück, Deutschland

Trotz quantitativem Ausbau und Bemühungen um Qualitätsverbesserung in institutioneller frühkindlicher Bildung und Betreuung in Deutschland (Bildungsbericht 2018) bedingen mit sozio- kulturellen Unterschieden einhergehende Herausforderungen (Kruger und Peter 2019) „Prozesse sozialer Ungleichheit“ (Siebholz et al. 2013). Hier kann die gesetzliche Rahmung früher Bildung in Form von Orientierungsplänen (JMK/KMK 2004) als Chance gesehen werden, soziale Ungleichheit zu kompensieren (CEDER 2018). Dabei ist kindliche Sozialentwicklung als Lernbereich (Ebbert 2016) interessant, wenn es darum geht, ungünstigem Sozialverhalten vorzubeugen (Sylva et al. 2011). Am Beispiel des niedersächsischen Orientierungsplans (NKM 2005) untersuche ich mit Fokus auf den Bildungsbereich „Personale und soziale Entwicklung, Werteerziehung/religiöse Bildung“ (JMK/KMK 2004: 4) welche Orientierungen es zum Bildungsfokus in früher Kindheit gibt, auf welchen Annahmen sie beruhen und inwiefern der alltägliche Umgang mit kindlicher Sozialförderung soziale Ungleichheit beeinflussen kann. Orientiert am Modell der qualitativen Mehrebenenanalyse (Helsper et al. 2013) plane ich Interviews mit TrägervertreterInnen (regionale Ebene; ausgewählt nach Funktion und örtlicher Zuständigkeit), Interviews und/oder ad hoc-Gespräche mit Eltern und ErzieherInnen in sozio-kulturell kontrastiven Kindertageseinrichtungen (Milieuebene) sowie Beobachtungen formalisierter Entwicklungsgespräche zwischen den interviewten ErzieherInnen und Eltern zu ausgewählten Zeitpunkten vor dem Grundschulübergang der ebenfalls nach sozio-kulturell kontrastiven Gesichtspunkten ausgewählten 4-6jährigen Kinder (Interaktionsebene). Die auf diese Weise gesammelten Daten plane ich inhaltsanalytisch sowie orientiert an empirisch begründeter Typenbildung (Kluge 1999) auszuwerten und über die einzelnen Ebenen zueinander zu relationieren. In meinem Vortrag möchte ich erste Ergebnisse aus den Interviews mit TrägervertreterInnen (regionale Ebene) entlang unterschiedlicher Perspektiven auf das Feld frühkindlicher Bildung und Betreuung sowie Positionierungen zum Förderziel kindlicher Sozialentwicklung entlang von Spannungsfeldern bzw. Differenzkategorien (z.B. Sozialraum, Milieu, Migrationshintergrund) vergleichend bzw. kontrastierend vorstellen und im Hinblick auf eine Relationierung mit Folgeergebnissen auf anderen Sozialebenen diskutieren.



Ungleiche Kitaplatzvergabe?: Wer „vergibt“ mit welcher Begründung an wen?

Nina Hogrebe1, Johanna Mierendorff2, Gesine Nebe2, Stefan Schulder1

1HAW Hamburg, Deutschland; 2MLU Halle, Deutschland

Vor dem Hintergrund der Einführung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr sind Kommunen daran interessiert, vorhandene Kinderbetreuungsplätze möglichst genau zu erfassen und die Vergabe freier Plätze durch Einrichtungsträger zu organisieren. Deutschlandweit haben Kommunen zu diesem Zweck digitale Verwaltungs-Software-Lösungen eingeführt und Kitaplatz-Verwaltungs-Portale im Internet eingerichtet. Das Versprechen solcher Lösungen liegt darin, die dezentral organisierte Vergabe von Kinderbetreuungsplätzen transparenter und effizienter zu gestalten und eine bessere Passung zwischen Kita und Kind bzw. Familie herzustellen.

Während ein solches zentral organisiertes (Anmelde-)Verfahren die generelle Gleichbehandlung aller Familien bei der Kitaplatzvergabe suggeriert, erfolgt die eigentliche Vergabe der Kitplätze gemäß Trägerautonomie dezentral und ausschließlich durch die Träger bzw. Leitung der Einrichtungen, die dafür jeweils eigene Vorgehensweisen entwickelt haben, in denen nur teilweise klar definierte Auswahlkriterien eine Rolle spielen. Diese Handlungspraktiken und Organisationsstrukturen von Trägern und Leitungen von Kindertageseinrichtungen, die die Auswahl derjenigen Familien bzw. Kinder betreffen, die für freie Plätze in Frage kommen und denen im Ergebnis ein Vertrag angeboten wird. stehen im Fokus unseres vom BMBF geförderten Forschungsprojektes „Segregation und Trägerschaft (SET). Eine quantitativ-qualitative Studie zur Untersuchung von sozialer und ethnischer Entmischung in Kitas“. – Unter Rückgriff auf erste Teilergebnisse des Forschungsvorhabens soll in dem Beitrag „Kitaplatzvergabe“ als komplexes Gefüge aus Rechtsanspruch, digitalen Steuerungslösungen und Optimierungsbestrebungen auf administrativer Ebene sowie sozialem Handeln relevanter Akteure auf Träger- und Einrichtungsebene genauer in den Blick kommen. Ziel ist es, dieses komplexe Gefüge detailliert zu beschreiben und der kritischen Analyse sowie Diskussion zugänglich zu machen. Im Zentrum stehen dabei insbesondere ungleichheitsrelevante Aspekte im komplexen Prozess der Kitaplatzvergabe, die bislang weitgehend unbeachtet geblieben sind. Ausblickend diskutieren wir, welche Rolle dabei unterschiedliche Ordnungsvorstellungen der jeweiligen Träger spielen können.



Bildung und Erziehung in früher Kindheit als spannungsvolles ‚public private partnership‘

Sabine Bollig, Sabrina Göbel

Universität Trier, Deutschland

Die zunehmende gesellschaftliche Investierung in frühe Kindheit konfrontiert Familien und Kitas gleichermaßen mit gestiegenen Erwartungen an ihre Erziehungs- und Bildungsfunktion (Mierendorff 2018), welche im programmatischen Standard der „Erziehungs- und Bildungspartnerschaften“ zudem als eine gemeinsam zu realisierende Aufgabe konzipiert wird. Fachpolitisch wird diese Zusammenarbeit dabei sowohl als Instrument zur Stärkung von Elternrechten vor dem Hintergrund der sich ausdehnenden außerhäuslichen Betreuung junger Kinder verstanden, wie auch als Mittel, um die Kompetenzen der sog. ‚bildungsfernen‘ Familien zu stärken und Bildungsungleichheiten frühzeitig zu kompensieren (Betz et al. 2019). Angesichts der multiplen Funktionen von Kitas sind mit dieser Partnerschafts-Programmatik daher vielfältige und mitunter konflikthaltige Adressierungs- und Normierungsprozessen verknüpft, die in der alltäglichen Zusammenarbeit zwischen Eltern, Kindern und Fachkräften aufgerufen und bearbeitet werden (müssen). Kitas sind daher nicht nur als Orte der Durchsetzung normativer Muster guter Elternschaft zu verstehen, sondern auch als Aushandlungsarenen der komplexen Neuordnung von Privatem und Öffentlichem in Bezug auf frühe Kindheit. Mit Blick auf diese Aushandlungsprozesse rückt der Vortrag konkrete Praxen des Zu- und Abweisens von Aufgaben/Verantwortlichkeiten zwischen Fachkräften, Eltern (und Kindern) in den Blick, die die keineswegs ‚klaren‘ Verhältnisse zwischen den Akteuren aufzeigen. Gefragt wird dabei nach den differentiellen Möglichkeitsräumen der Durchsetzung von Interessen und Erwartungen und den normierenden und ungleichheitsreproduzierenden Effekten dieses permanenten Ringens um die „shared care“ (Singer 1998) für Kinder.

Die Analysen entstammen dem ethnographischen Forschungsprojekt PARTNER, das in kindheits- und ungleichheitstheoretischer Perspektive Praktiken der Zusammenarbeit von Kindertageseinrichtungen und Familien untersucht (Trier/Mainz, BMBF, 2019-2021, FKZ 01NV1812B).



Kindheit als Goldenes Zeitalter. Zur Emotionalisierung, Optimierung, Präventierung früher Kindheit und der gegenwärtigen Zukunft der Gesellschaft

Christoph T. Burmeister

HU Berlin, Deutschland

In einer jeden modernen Pädagogik, ob Staats-, Reform- oder Antipädagogik, träumt eine Gesellschaft sich ihr »Goldenes Zeitalter« (Foucault), weshalb ihr wesentliches Objekt »das Kind mit seiner Zukunft« (Wünsche) ist – und weshalb »Kindheit« ein besonders fruchtbarer Gegenstand zur Analyse von Gesellschaft ist, imaginiert, prozessiert und institutionalisiert sie doch an, um und durch das Dispositiv Kindheit zentralerweise ihre Zukunft und strukturiert entsprechend ihre Gegenwart. Ausgehend von dieser gesellschaftstheoretischen Perspektive auf Kindheit und einer historisch-relationalen Soziologie folgend, geht es in meinem Beitrag um den strukturellen Zusammenhang von pädagogischen/erzieherischen Praktiken der Emotionalisierung, Optimierung und Präventierung. Diese sind seit dem 18. Jahrhundert Bestandteile erzieherischer Bestrebungen, in der Spätmoderne kommt es aber – so die These des Beitrags – sowohl zu einer Zunahme und Ausbreitung entsprechender Praktiken als auch zu ihrer intensivierten Verschränkung. Aufgezeigt und diskutiert wird der behauptete Zusammenhang am Beispiel der »sozio-emotionalen Kompetenzen«, in denen sowohl der Aufstieg des Kompetenz-Konzepts als auch die gestiegene Relevanz von Emotionen kulminieren. »Emotional kompetent« zu sein gilt gegenwärtig sowohl als Garant gesellschaftlichen Erfolges als auch, bei mangelhafter Entwicklung, als vielfacher Risikofaktor diverser Pathologien und Devianzen – Potentiale der Optimierung und Risiken, denen präventiv zu begegnen ist, entspringen hier also derselben Quelle: den Emotionen des Kindes. Da diese konzipiert werden als sowohl neurobiologisch veranlagt als auch als erlern- und trainierbar, ist ein Jede*r für das gesellschaftlich erfolgreiche Können dieser Kompetenz selbstverantwortlich. Überdies kann gezeigt werden, dass »sozio-emotionale Kompetenz« und folglich das Doppel aus Optimierung und Präventierung zum einen von Moralisierungen der Fremd- und Selbstführungen (der Eltern wie der Kinder) und zum anderen von Pathologisierungen vormals als unauffällig geltender Verhaltensweisen flankiert wird. Abgeschlossen wird der Vortrag mit essayistischen Überlegungen darüber, von welcher gegenwärtigen Zukunft diese Praktiken künden.



Divergierende Familienleitbilder – Eltern- und Familienbildung zwischen migrantischen Lebensrealitäten und gesellschaftlichen Normvorstellungen

Klara Rauch, Dr. Eveline Reisenauer

Deutsches Jugendinstitut e.V., Deutschland

Elterliche Erziehungskompetenz spielt eine Schlüsselrolle bei der Sozialisation von Kindern, da die Kernfamilie als primärer Bildungsort gilt. Eine familiäre Migrationsgeschichte stellt jedoch für viele Kinder in Deutschland nach wie vor einen Risikofaktor für Bildungsbenachteiligung dar. Zur Begründung werden hier unter anderem divergierende Erziehungs- und Familienleitbilder von Migrantenfamilien und deutschen Bildungsinstitutionen angeführt. Jedoch besteht eine Erkenntnis-lücke bezüglich der Frage, welche konkreten Besonderheiten Erziehung im Migrationskontext aufweist. Auch eine differenzierte Betrachtung der Erziehungsleitbilder der sehr heterogenen Gruppe der Migranteneltern ist bisher nicht ausreichend erfolgt. Hier setzt das Forschungsprojekt „Diversität und Wandel der Erziehung in Migrantenfamilie aus der Perspektive der Eltern und Fachpraxis“ (DIWAN) an, das den Zusammenhang zwischen Migration und Erziehung anhand zentraler Dimensionen familialer Sozialisation untersucht.

Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, welche Ansätze die Eltern- und Familienbildung bei der Vermittlung zwischen unterschiedlichen elterlichen Erziehungsvorstellungen verfolgt. In diesem Beitrag werden auf der Grundlage von ExpertInneninterviews und der Analyse von Elternmaterialien zunächst relevante Akteure und Diskurse der migrationsspezifischen Eltern- und Familienarbeit beschrieben, sowie deren Wandel seit den 1980er Jahren. Daran anschließend sollen verschiedene Spannungsfelder nachgezeichnet werden, die im Kontext der migrantischen Eltern- und Familien-bildung auftreten. Eine Herausforderung besteht zum Beispiel darin, die zielgruppenspezifischen Besonderheiten wahrzunehmen und damit einhergehende Bedürfnisse zu erfüllen, um eine möglichst hohe Reichweite zu gewährleisten, ohne dabei jedoch stereotypisierend zu agieren. Deshalb bedarf es einer fortlaufenden Reflexion der zugrundeliegenden Annahmen und der damit einhergehenden Familienleitbilder. Insgesamt zeigt dieser Beitrag auf, welche Besonderheiten, Herausforderungen und Chancen die migrationssensible Eltern- und Familienbildung birgt.



 
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