Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
SekWuT2: Sektion Wissenschafts- und Technikforschung: Soziologische Perspektiven auf partizipative Wissenschafts- und Technikgestaltung
Zeit:
Donnerstag, 24.09.2020:
10:00 - 13:00

Chair der Sitzung: Petra Lucht, Technische Universität Berlin
Chair der Sitzung: Martina Erlemann, FU Berlin
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Die Politik der Öffentlichkeitsbeteiligung an Wissenschaft und Technik: Welche Verfassung für die Wissensgesellschaft?

Jan-Peter Voß

Technische Universität Berlin, Deutschland

Gegenwärtig entstehende Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung an Wissenschaft und Technik sind das Herzstück einer historischen Transformation der Wissenschaft. Hier wird der viel debattierte „Neue Gesellschaftsvertrag für die Wissenschaft“ praktisch verhandelt und experimentell umgesetzt – allerdings in ganz unterschiedlicher Weise. Verschiedene konkrete Varianten der Öffentlichkeitsbeteiligung beinhalten ganz unterschiedliche Konzepte und Entwürfe für eine zukünftige Verfassung der Wissensgesellschaft. Ich stelle einige Schritte zur Entwicklung einer Analytik vor, mit der unterschiedliche Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung differenziert werden und in Relation zueinander untersucht werden können. Das erfolgt anhand von drei Leitfragen: 1.) Warum werden Wissenschaft und Technik überhaupt zu einer Angelegenheit der Öffentlichkeit? 2.) Wie beteiligt sich die Öffentlichkeit, oder verschiedene Öffentlichkeiten, an Wissenschaft und Technikentwicklung?, 3.) Wer spricht für die Öffentlichkeit und in welcher Weise – und welche politischen Ordnungen werden damit implizit realisiert? Die aus diesen Fragen entwickelte Analytik präsentiere ich abschließend als Ansatz, mit dem die gegenwärtige Transformation der Wissenschaft empirisch reflektierend begleitet werden kann, indem praktizierte Beteiligungsformen systematisch in ihrer Diversität beobachtet und in Bezug auf die Politik- und Demokratiemodelle analysiert werden können, die sie implizit voraussetzen und die sie mithelfen zu verwirklichen.

[Der Beitrag basiert auf einem Kapitel in Simon, D., Kuhlmann, S., Stamm, I., Canzler, W. (eds.) (2019): Handbook of Science and Public Policy. Cheltenham: Edward Elgar, https://www.e-elgar.com/shop/handbook-on-science-and-public-policy]



Partizipative Technikgestaltung als Agenda Setting. Das Beispiel Bioökonomie

Lena Theiler1,2

1Universität Hamburg; 2ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung

Dieser Beitrag untersucht empirisch das Spannungsverhältnis, das dem „participatory turn“ (Jasanoff 2003) der Gestaltung von Wissenschaft und Technik inne liegt. Partizipation bietet die Chance auf eine verbesserte Wissensgrundlage, die Stärkung auf demokratische Selbstbestimmung und legitime Entscheidungen (Fiorino 1990). Gleichzeitig ist beispielsweise im Zusammenhang mit der deutschen Energiewende der Vorwurf zu hören, Partizipationsprozesse seien Instrumente zur Akzeptanzbeschaffung.

Ein interessantes Fallbeispiel hierfür stellen die Aktivitäten des BMBF zum Thema Bioökonomie dar. Bioökonomie kann als Beispiel für eine Innovation im Bereich der Biotechnologie gefasst werden und die Aktivitäten des BMBF damit als partizipative Technikgestaltung.

In der Darstellung des BMBF ist Bioökonomie eine Möglichkeit, eine Transformation hin zu einer fossilfreien Gesellschaft zu realisieren und dank (bio)technischer Innovationen gleichzeitig Wirtschaftswachstum zu erhalten. Hervorgehoben wird der zentrale Stellenwert eines gesellschaftlichen Dialogs über Ausgestaltung einer Bioökonomie. Partizipation wird dabei als möglichst breite Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure gefasst. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, finanziert das BMBF seit einigen Jahren verschiedene Projekte, welche Inhalte über Bioökonomie an die Öffentlichkeit kommunizieren und Möglichkeiten zur Partizipation bieten.

Der Beitrag untersucht das Verständnis von Gesellschaft, gesellschaftlichem Wandel und Partizipation, das diesen Aktivitäten zugrunde liegt. Empirisches Material sind die Forschungs- und Politikstrategie für Bioökonomie des BMBF und BMEL sowie eine Fördermaßnahme für Projekte, die Kommunikations- und Partizipationsaktivitäten zum Thema Bioökonomie umsetzen.

Die Auswertung zeigt, dass das BMBF unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte über grüne Gentechnik und in der Logik eines bestimmten Innovationsregimes (Joly & Rip 2012) ein frühzeitiges, proaktives Agenda Setting (McCombs & Shaw 1972) für den Begriff Bioökonomie anstrebt, um die Deutungshoheit über ein bestimmtes Framing (Entman 1993) des Begriffs zu halten und die gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern. Partizipation ist dabei ein zentrales Element, um das eigene Vorgehen zu legitimieren und demokratisch abzusichern.



‚Forschen mit der Gesellschaft‘ - Partizipative Technikgestaltung im Bereich der Pflegeausbildung

Sahra Dornick, Petra Lucht

Technische Universität Berlin, Deutschland

Die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegeausbildungen wurden gemäß Pflegeberufereformgesetz zum 1.1.2020 zu einer generalistischen Pflegeausbildung zusammengefasst. Für alle Pflegeberufe sollen einheitliche Standards geschaffen werden. Zudem ist vorgesehen diesen Transformationsprozess auch mittels Digitalisierung der schulischen Pflegeausbildung zu unterstützen. Aktuell gehen mit der COVID-19-Krise in unvorhergesehener Weise sowohl Chancen als auch äußerer Druck einher, die Integration digitaler Lehrangebote in die Pflegeausbildung zu beschleunigen. Mit Balsamo (2014: 19) sind Technologien weniger als Objekte als vielmehr als „assemblages of people, materialities, practices, and possibilities“ zu verstehen. Der kritische Posthumanismus, die feministische Wissenschafts- und Naturwissenschaftskritik und postkoloniale STS stellen das universelle Selbstverständnis westlicher Wissenschaft und Technik(-gestaltung) grundlegend in Frage (vgl. Haraway 1995; Harding 2008). Diese Forschungsrichtungen zielen auf Reflexionen historischer und gegenwärtiger Macht- und Gewaltverhältnisse in Prozessen der Wissens- und Technikproduktion und auf Analysen der Bedingungen der Ko-Produktion von Wissenschaft und Politik (vgl. Ernst/Horwath 2014; Verran 2013). In Anschluss an diese Ansätze der Wissenschafts- und Technikforschung diskutieren wir anhand des laufenden BMBF-Projekts „Digitale Akademie Pflege 4.0: Digitale Kompetenzen für die generalistische Pflege(aus)bildung (DAPF 4.0)“, wie marginalisierte Stimmen in Prozesse gesellschaftlich-technischer Transformation unter hohem zeitlichem Druck einbezogen werden können: Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für ‚technikferne‘ Lehrende und Auszubildende angesichts zunehmender Digitalisierung? Welche partizipativen Formate werden benötigt, um digitale Kompetenzen der Auszubildenden und Lehrenden in Pflegeberufen zu schulen und Digital Literacy und Digital Citizenship weiterzuentwickeln (vgl. Seufert 2017: 81)? Und schließlich: Auf welche Logiken wird in der Organisation und für die Gestaltung von inter- und transdisziplinären Forschungs- und Übersetzungsprozessen zwischen Forscher*innen und Co-Forscher*innen zurückgegriffen? Schließlich: Welche Möglichkeiten „un/an/geeigneten“ (Haraway 1995: 52) Widerstands einer kritischen Subversion hegemonialer „technological imagination“ (Balsamo 2014: 19) eröffnen sich?



In der Zwickmühle partizipativer Technikentwicklung. Soziologische Beiträge zum Design von Technik.

Julia Kurz, Cornelius Schubert

Universität Siegen, Deutschland

Partizipative Formen der Technikentwicklung setzen in der Regel auf bottom‐up Verfahren, in der Nutzer*innen frühzeitig eingebunden werden. Diese Beteiligung kann jedoch auch dazu führen, dass nur kleinschrittige Neuerungen umgesetzt und keine größeren Entwicklungsschritte vorgenommen werden. Wird sozialwissenschaftliche Expertise in diesen Prozess involviert, ist auch sie mit diesem Dilemma konfrontiert. In unserem Beitrag gehen wir auf die Schwierigkeiten ein, soziologische Expertise in partizipative Technikentwicklung einzubringen. Wir berichten aus einem interdisziplinären Projekt, in dem Soziologie, Computergrafik und Neurochirurgie zusammen neue Visualisierungsmodi für kooperativ‐diagnostische Daten entwickeln. Für die Soziologie stellt sich hier das Problem Forschungsergebnisse zu produzieren, die sowohl für die akademischen Fachcommunity

interessant sind als auch für die technische Entwicklung und nicht zuletzt relevant für die

Arbeitspraktiken der untersuchten Ärzt*innen und Pflegekräfte. In unserer Präsentation werden wir die hieraus entstehenden Spannungen anhand zweier Perspektiven reflektieren: Wie beeinflusst soziologische Forschung das technische Design? Und wie beeinflusst das technische Design die soziologische Forschung?

In Bezug auf die erste Frage werden wir die Spannung zwischen der Kontingenz und Unordnung sozialer Realitäten, die die soziologische Forschung zu Tage bringt, und der Reduktion und Abstraktion sozialer Realitäten im technischen Design fokussieren: Designentscheidungen werden von interdisziplinären Akteuren mit verschiedenen Relevanzstrukturen und differierenden Deutungsmustern von Praxis in einem Aushandlungsprozess hart umkämpft.

Um die zweite Frage zu beantworten, werden wir reflektieren, wie die Partizipation in einem

technischen Designprozess unsere eigene soziologische Praxis „kanalisiert“ oder „fokussiert“: Durch die Orientierung auf den zu entwickelnden Prototypen werden manche Aspekte der sozialen Realitäten im Krankenhaus relevanter als andere. Zudem wechselt unsere Rolle vom registrierenden teilnehmenden Beobachten im Krankenhaus zum intervenierenden (und dies beobachtenden) Teilnehmen am Designprozess.



‚Integrierte Sozialwissenschaft‘ in soziologischer Perspektive

Simone Rödder

Universität Hamburg, Deutschland

Die Zusammenarbeit von Natur- und Sozialwissenschaftlern, darunter Soziologinnen und Soziologen, ist in Feldern wie den Neuro-, Nano- und Klimawissenschaften eine zunehmend gängige Praxis. Mein Vortrag widmet sich der Reflexion des Phänomens der in eine naturwissenschaftliche Fachkultur integrierten Sozialwissenschaft auf der Grundlage eines Literaturüberblicks und meiner eigenen siebenjährigen Erfahrung, die Soziologie in interdisziplinären Lehr- und Forschungsprojekten zu vertreten und gleichzeitig als Wissenschaftssoziologin zu Inter- und Transdisziplinarität zu forschen.

Ein ‚integrierter Sozialwissenschaftler‘ ist typischerweise eine Nachwuchswissenschaftlerin, die für die Laufzeit eines Projektes in einen länger bestehenden naturwissenschaftlichen Kontext kommt. Diese Form der Interdisziplinarität lässt sich von ethnographischer Forschung in der Tradition der wissenschaftssoziologischen Laborstudien abgrenzen einerseits, von interdisziplinärer Zusammenarbeit in anderen problembezogenen Kontexten andererseits. Von den Ethnographien der Laborstudien unterscheidet sie sich dadurch, dass sich an den sozialwissenschaftlichen Hintergrund der integrierten Sozialwissenschaftlerin recht konkrete Erwartungen knüpfen. Die Erwartungen der Initiatoren gegenüber haus- oder projekteigener sozialwissenschaftlicher Expertise umfassen neben eigenen Wissensbeiträgen typischerweise das Erleichtern inter- oder transdisziplinärer Kommunikation, das Explorieren sozialer, politischer und ethischer Dimensionen der Forschung, Lobbyarbeit für technische Innovationen sowie Wissenschaftskommunikation und Akzeptanzbeschaffung. Von anderen Formen wissenschaftspolitisch gewünschter und oft schon programmatisch als exzellent gelabelter Interdisziplinarität unterscheidet sich die ‚integrierte Sozialwissenschaft‘ durch die klare Hierarchie der beteiligten Fachkulturen. Diese Hierarchie scheint sowohl Anpassungen an die Forschungs- und Evaluationspraxis der Naturwissenschaften als auch Autonomiebestrebungen für Epistemologie und Methodologie interpretativer Sozialwissenschaft unweigerlich nach sich zu ziehen. Im Zentrum des Vortrags steht die Frage, mittels welcher Strategien welche Akteure in einem bestimmten Evaluationsregime Legitimität anstreben und wie projektförmige oder dauerhafte fachkulturübergreifende Zusammenarbeit diese Strategien prägt.



 
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